Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/dark-mode-wann-schwarz-weiss-denken-weiterhilft-1906-141836.html    Veröffentlicht: 13.06.2019 09:21    Kurz-URL: https://glm.io/141836

Dark Mode

Wann Schwarz-Weiß-Denken weiterhilft

Viele Nutzer und auch Apple versprechen sich vom Dark Mode eine augenschonendere Darstellung von Bildinhalten. Doch die Funktion bringt andere Vorteile als viele denken - und sogar Nachteile, die bereits bekannte Probleme bei der Arbeit am Bildschirm noch verstärken.

Vor der massenhaften Verbreitung von anwenderfreundlichen Betriebssystemen mit Mauszeigernavigation und gezeichneten Fenstern mussten Anwender mit sehr tristen Eingabefenstern leben. Ein C64 zeigt graue Schrift auf blauem Grund, MS-DOS konnte weiße Schrift auf schwarzem Grund darstellen und der in Deutschland unter dem Namen Schneider CPC bekannte Amstrad war mit seiner grünen Schrift sicherlich auch kein Augenschmaus.

Apple hat auf der Entwicklerkonferenz WWDC die neuen Funktionen seines Betriebssystems iOS 13 vorgestellt, darunter einen systemweiten Dark Mode, der mit weißer Schrift auf schwarzem Grund eine augenschonendere Darstellung verspricht. Angeblich haben sich viele Nutzer genau diese Funktion gewünscht. Doch warum sollten Anwender nun auf die von Büchern und Zeitungen gewohnte schwarze Schrift auf weißem Grund verzichten, nachdem genau diese Art der Darstellung über Jahrzehnte forciert wurde?

Die Antwort findet sich in der Art und Weise, wie Inhalte auf modernen Geräten konsumiert werden. Anders als von einem Buch werden sie von einem Bildschirm aktiv beleuchtet. Grundsätzlich empfiehlt beispielsweise das Deutsche Grüne Kreuz, ein Verein zur Gesundheitsvorsorge, bei der Nutzung von Bildschirmen hohe Kontrastwerte und den Verzicht auf grelle Farben.

Bildinhalte mit einer reinen Schwarz-/Weiß-Darstellung kann das menschliche Auge am besten wahrnehmen, wohingegen farbiges Licht eine höhere Anstrengung erfordert. Dies sagt zunächst noch nichts über die Verteilung von hell zu dunkel oder dunkel zu hell auf dem Monitor aus. Hier hilft die Funktionsweise des Auges weiter.

Vereinfacht betrachtet, dringt das von einem Objekt reflektierte Licht durch die Binde- und Hornhaut, fällt anschließend durch die vordere Augenkammer und die Pupille auf die Augenlinse und wird von dort gebündelt an die Netzhaut weitergeleitet. Hier sorgen die Stäbchen für die Unterscheidung von hell und dunkel und die Zapfen erkennen Farben und Schärfe.

Der Dark Mode ist nichts für den Alltag

Bei Tageslicht beziehungsweise ausreichender Helligkeit sind die Zapfen am aktivsten und die Pupille ist am kleinsten. Dadurch wird das einfallende Licht stark gebündelt und Objekte sowie deren Farben scharf abgebildet. Bei Dunkelheit kehrt sich dieser Mechanismus um. Die Pupille ist stark geweitet, um einen möglichst großen Lichteinfall zu ermöglichen und die Stäbchen sorgen für die Unterscheidung von hellen und dunklen Objekten. Farben lassen sich somit kaum noch erkennen und auch das scharfe Sehen ist deutlich schwerer.

In Bezug auf Bildschirme lässt sich daher feststellen, dass dunkle Objekte auf einem hellen Hintergrund schärfer wahrgenommen werden und auch Farben besser zu erkennen sind. Hierbei wird eine Überanstrengung der Augen vermieden, wenn die Helligkeit des Monitors an das Umgebungslicht angepasst wird. Kehren wir die Darstellung von schwarzen und weißen Bildinhalten um, muss sich das Auge ebenfalls an die neuen Verhältnisse anpassen. Dieser Vorgang wird als Dunkeladaption bezeichnet und dauert bei einem gesunden Auge circa 25 Minuten.

Da sich dieses nun stark mit der Erfassung von kleinen hellen Objekten beschäftigen muss, wird die Wahrnehmung von Farben vernachlässigt und Motive erscheinen unscharf. Bei Tageslicht laufen hier also zwei Funktionen entgegen. Die Pupille zieht sich durch das helle Umgebungslicht zusammen, gleichzeitig benötigen die Stäbchen aber einen höheren Lichteinfall.

Der Dark Mode eignet sich daher eher für dunkle Umgebungen, in denen Nutzer ihren Bildschirm ohnehin mit einer niedrigen Helligkeit betreiben sollten. Da die Augen hierbei durch das fehlende Umgebungslicht bereits auf die Wahrnehmung von hell und dunkel eingestellt sind, werden Nutzer nicht von einem weißen Bildschirm geblendet. Für eine alltägliche Nutzung ist das dunkle Schema aber eher ungeeignet.

Deshalb weist Apple auch dezent darauf hin, dass der Dark Mode nur in Situationen mit wenig Licht angewendet werden sollte und implementiert eine Funktion, die den Dark Mode automatisch aktiviert, wenn das Umgebungslicht auf den Sonnenuntergang beziehungsweise Dunkelheit schließen lässt. Im allgemeinen Marketing-Hype wird diese Information gerne vernachlässigt und der Dark Mode als ganz neue Nutzungserfahrung angepriesen.

Viele Anwender versprechen sich außerdem eine Reduktion von blauem Licht bei der Darstellung von Bildinhalten durch den Dark Mode. Aber ist das sinnvoll?

Brauchen wir weniger blaues Licht?

Hierbei sollte die Frage nach der Notwendigkeit gestellt werden. Der Wellenlängenbereich des blauen Anteils im Lichtspektrum markiert den Übergang vom nichtsichtbaren UV-Licht zum sichtbaren Bereich. Dass UV-Licht für die Augen eine schädigende Wirkung haben kann, ist unumstritten, ob dies bei blauem Licht ebenfalls der Fall ist, konnte bislang aber nur in Verdachtsmomenten festgehalten werden.

Für den Biorhythmus des Menschen ist dieser Lichtanteil unerlässlich, um wach und konzentriert durch den Tag gehen zu können. Dabei ist der Einfall von blauem Licht an einem trüben Tag im Freien innerhalb einer Stunde um das 30fache höher als bei einer Stunde Arbeit an einem Bildschirm. Dementsprechend niedrig ist das Risiko, Augenschäden zu erleiden, die allein auf die Einstrahlung von blauem Licht zurückzuführen sind.

Wirklich schädlich für das Auge ist hingegen das Starren auf den Bildschirm, bei dem die meisten Anwender das Blinzeln vernachlässigen. Hierdurch trocknet das Auge aus und die Lider kratzen förmlich über die Hornhaut. Ein zu hell eingestellter Monitor verstärkt diesen Effekt noch zusätzlich. Durch regelmäßiges aktives Blinzeln und in die Ferne sehen kann der Feuchtigkeitshaushalt im Auge aber in einem normalen Bereich gehalten werden.

Eine Schädigung des Sehnervs durch blaues Licht wurde hingegen bislang nur theoretisch nachgewiesen. Bei der Umwandlung des optischen Impulses im Auge in ein elektronisches Signal wird ein Vitamin A aus den Stäbchen gelöst. Eintreffendes blaues Licht lässt hierbei eine toxische Verbindung entstehen, die den Sehnerv schädigen kann. Dass Menschen nicht bereits kurz nach dem Beginn ihres Lebens ihre Sehfähigkeit verlieren, liegt an einem Vitamin E, das die Zellen im Auge vor dem Zerfall durch blaues Licht schützt. Dementsprechend treten Schäden durch blaues Licht eher bei alters- oder krankheitsbedingtem Vitaminmangel auf. Zur Erinnerung: Der Anteil blauen Lichts im Freien ist um das 30fache höher als bei der Arbeit an einem Bildschirm. Dennoch schadet es natürlich nicht, auch hier den Blauanteil dauerhaft zu reduzieren. Der Dark Mode allein ist aber kein Heilmittel.

Die Inhalte sind entscheidend

Bei der Frage nach dem besten Farbschema spielen Bildinhalte eine wesentliche Rolle. Beschränken wir uns dabei auf Text, der aus feinen schwarzen Linien besteht, sorgt ein weißer Hintergrund für eine gleichmäßige Aufhellung der Buchstaben, wodurch diese klar zu erkennen sind. Drehen sich die Farben um, überstrahlen kleine helle Linien die schwarzen Ränder des Hintergrunds. Dadurch entsteht eine Unschärfe, die auf Dauer für den Nutzer anstrengend wird.

Da das Sehen hauptsächlich über die Unterscheidung von Objekten mit unterschiedlichem Kontrast stattfindet, muss hier also das Kontrastverhältnis zwischen Schrift und Hintergrund berücksichtigt werden. Apple empfiehlt seinen Entwicklern ein Kontrastverhältnis von 7:1, vor allem für kleinere Schriftarten. Außerdem sollten weiße Bildinhalte gedämpft werden, damit ein Überblendungseffekt vermieden wird. Am Ende erhalten Nutzer somit graue Schrift, die auf einem schwarzen Hintergrund besser zu lesen ist. Entscheidend für den Sinn des Dark Modes bleibt aber das Umgebungslicht.

Bei modernen OLED-Panels lässt sich dafür ein positiver Nebeneffekt verzeichnen. Da bei diesen keine Energie für die Anzeige von schwarzen Pixeln benötigt wird, lässt sich durch den Dark Mode ein nicht unerheblicher Teil an Energie sparen, was letztendlich der Akkulaufzeit mobiler Geräte entgegenkommt. Einige LCD-/LED-Panels benötigen allerdings mehr Energie, wenn sie schwarze Bildinhalte anzeigen.

Dabei sollte ebenfalls nicht unerwähnt bleiben, dass Forscher der hellen Darstellung auf dunklem Grund eine Vorbeugung gegen Kurzsichtigkeit bescheinigen. Einige Migränepatienten können außerdem mit einer umgekehrten Farbdarstellung länger an Bildschirmen arbeiten. Am Ende entscheidet aber das persönliche Empfinden darüber, wie oft der Dark Mode zum Einsatz kommt. Sobald das neue iOS 13 erscheint, steht es Apple-Nutzern nun wenigstens frei, zu wählen.  (miw)


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