Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/schweizer-studie-mehr-staus-durch-autonome-privatautos-1906-141821.html    Veröffentlicht: 11.06.2019 15:28    Kurz-URL: https://glm.io/141821

Schweizer Studie

Mehr Staus durch autonome Privatautos

Die Einführung selbstfahrender Autos könnte den Verkehr in den Städten stark verändern. Doch eine Schweizer Simulationsstudie sieht die Auswirkungen nicht so positiv, wie es von Anbietern wie Uber und Lyft gerne behauptet wird.

Eine Studie der ETH Zürich warnt vor der unregulierten Einführung selbstfahrender Privatautos. Den öffentlichen Verkehrsangeboten werde eine schwere Zeit bevorstehen, "wenn nicht die Einführung automatisierter Fahrzeuge durch entsprechende Regelungen und Restriktionen von administrativer Seite begleitet wird", heißt es in der gut 200-seitigen Studie (PDF). In allen Simulationsszenarien für den Großraum Zürich sei zu sehen gewesen, wie die Fahrtleistung um bis zu 250.000 Kilometer pro Tag "extrem anstieg". Studienleiter Kay Axhausen kommt laut ETH zu dem Schluss: "Die Annahme, dass der Individualverkehr aufgrund von geteilten, automatisierten Fahrzeugen verschwinden wird, ist falsch."

Die Einschätzung basiert auf der Annahme, dass Fahrten mit einem "privaten Mobilitätsroboter" attraktiver werden, weil die Fahrt beispielsweise für andere Tätigkeiten genutzt werden kann. Zudem könnten mehr Familienmitglieder, auch Schüler, ein solches Auto nutzen. Die Forscher gehen davon aus, dass die Autos auch ohne Passagiere unterwegs sein können, beispielsweise, um einen Nutzer irgendwo abzusetzen oder abzuholen.

Taxis werden deutlich billiger

Weniger negative Effekte und eine Bereicherung des ÖPNV-Angebots erwartet die Studie von der Einführung selbstfahrender Taxis. Solche Angebote planen unter anderem die Google-Schwesterfirma Waymo und die Taxidienste Uber und Lyft. Die deutschen Hersteller Daimler und Bosch wollen im US-Bundesstaat Kalifornien eine Testflotte starten. Die Schweizer Forscher kommen dabei allerdings zu anderen Ergebnissen als frühere Studien, wonach geteilte Verkehrsangebote dazu führen könnten, dass rund 90 Prozent aller Fahrzeuge in Städten verschwinden.

Generell geht die Studie davon aus, dass die bisherigen Preisunterschiede zwischen Taxis und öffentlichen Angeboten deutlich geringer werden. Der Kilometerpreis pro Passagier bei den Taxis könne von derzeit 2,73 Franken auf 0,41 Franken sinken. Die Analyse bestätige, "dass automatisierte Taxis für eine deutlich größere Kundengruppe für den Alltagsgebrauch erschwinglich werden". Die geringeren Kosten im Vergleich zu Regionalbussen stellten deren konventionellen Betrieb in Frage.

Automatisierung macht auch ÖPNV günstiger

Gleichzeitig kommt die Studie jedoch nicht zu dem Ergebnis, "dass automatisierte Taxis substanziell günstiger sind als das Privatfahrzeug". Das liege am "hohen Anteil an Overhead- und Fahrzeugmanagement-Kosten". Nach Ansicht der Forscher bleibt der ÖPNV durch Automatisierung konkurrenzfähig. Dadurch könnten die Fahrten um die Hälfte billiger angeboten werden. Insgesamt könne der Anteil des motorisierten Individualverkehrs durch selbstfahrende Taxiflotten und den ÖPNV von 40 auf 29 Prozent sinken. Doch die Möglichkeit, autonome Autos privat zu nutzen, führe zu einem Anstieg der Fahrtdistanz von 40 Prozent im Vergleich zur heutigen Situation.

Die Studie basiert auf einer Simulation mit dem Programm MATSim, das seit zehn Jahren von der TU Berlin und der ETH Zürich weiterentwickelt wird. Die Simulationsdaten basierten dabei auf der Annahme, dass die Taxiflotte 3.000 Fahrzeuge umfasst. Das sei eine optimale Größe. Zudem führten die Forscher eine repräsentative Umfrage durch, bei der "die Bevölkerung des Kantons Zürich zu ihrem Nutzungsverhalten gegenüber hypothetischen Angebotsformen automatisierter Mobilität befragt" wurde.

"Einzigartige" Studie

Axhausen bezeichnete die Studie als "weltweit einzigartig". Der Grund: "Bisherige Simulationen gingen meist von Idealbedingungen aus, wie zum Beispiel, dass jeder Verkehrsteilnehmer ein automatisiertes Taxi nutzen muss, solange die Wartezeiten unter einem bestimmten Wert bleiben." Sein Team habe hingegen eine Simulation entwickelt, bei der Angebot und Nachfrage sowie individuelle Verhaltensmuster von Nutzern berücksichtigt würden. Für eine vorgegebene Flottengröße werde dadurch ein bestimmter Preis pro Fahrt und eine bestimmte Nachfrage generiert.

Wann selbstfahrende Taxis oder Privatautos fahrerlos in den Städten unterwegs sein werden, ist derzeit offen. Nach Darstellung der Forscher stimmt "die vorhandene Literatur darin überein, dass innerhalb des nächsten Jahrzehnts vollständig automatisierte Autos erscheinen werden und dass in den nächsten 50 Jahren eine große Anzahl von Fahrzeugen auf der Straße vollständig automatisiert fahren wird". Unzutreffend ist hingegen die Behauptung, wonach Tesla bereits das hochautomatisierte Fahren auf Autobahnen nach Stufe 3 freigegeben habe. Bislang ist der "Autopilot" nur eine teilautomatisierte Funktion nach Stufe 2, bei der der Fahrer jederzeit die Kontrolle über das Fahrzeug behalten muss.

Sollte es tatsächlich ein Verbot autonomer Privatautos geben, würde das die Verkaufsstrategie von Tesla-Chef Elon Musk durchkreuzen. Dieser hatte kürzlich gesagt, dass autonome Autos für jeden erschwinglich seien, "solange man bereit ist, sein Auto Fahrdienste übernehmen zu lassen". Schon mit wenigen Fahrten in der Woche könne man damit ein Auto finanzieren. Musk hatte im April 2019 angekündigt, dass Teslas mit neuem Bordrechner schon vom kommenden Jahr an autonom fahren und als Taxis eingesetzt werden können.

 (fg)


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