Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/arbeit-warum-anderswo-mehr-frauen-it-berufe-ergreifen-2001-141784.html    Veröffentlicht: 20.01.2020 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/141784

Arbeit

Warum anderswo mehr Frauen IT-Berufe ergreifen

In Deutschland ist die Zahl der Frauen in IT-Studiengängen und -Berufen viel niedriger als die der Männer. Doch in anderen Ländern sieht es ganz anders aus, etwa im arabischen Raum. Warum?

Wenn wir über Frauen in der IT schreiben, tauchen in unserem Forum einige Argumente immer wieder auf. Wir haben uns die häufigsten vorgenommen und hinterfragt: Stimmen sie?

Diesmal: Im internationalen Vergleich arbeiten in Deutschland besonders wenige Frauen in der IT.

TL;DR: Das ist richtig. Zum Beispiel in arabischen Ländern ist der Anteil von Frauen in IT-Berufen viel höher. Mehrere Faktoren tragen vermutlich dazu bei. Dazu gehören ein nach Geschlechtern getrenntes Bildungssystem, die gute Bezahlung und interdisziplinäre Studiengänge.

Seit Jahrzehnten bewegt sich in Deutschland die Zahl der Frauen, die ein Informatikstudium beginnen, nur geringfügig nach oben. Laut dem Statistischen Bundesamt gab es im letzten Wintersemester im Fach Informatik 115.005 Studierende, davon waren 21.106 weiblich, also rund 18 Prozent. Doch interessanterweise ist die geringe Anzahl technikaffiner Studentinnen ein Phänomen, das sich nur in westlichen Industriestaaten finden lässt.

In vielen Ländern, in denen der Islam als Staatsreligion verankert ist, und in Entwicklungsländern mit hoher Armutsrate gibt es mehr diplomierte Informatikerinnen als Informatiker. Schon im Jahr 2014 war etwa eine deutliche Mehrheit von 59 Prozent aller eingeschriebenen Studierenden an staatlichen Universitäten in Saudi-Arabien im Fach Computer Science weiblich. In einigen arabischen Staaten stellen Frauen in allen naturwissenschaftlichen Fächern die Mehrzahl der Universitätsabsolventen.

Im Oman, in Palästina, in Tunesien und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben mehr Frauen als Männer einen Diplomtitel in den Studiengängen Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Ingenieurswissenschaften. Diese Zahlen zeigen, dass geographische und kulturelle Faktoren ausschlaggebend dafür sein könnten, dass mehr Frauen Technik studieren.



Im Emirat Kuwait waren schon in den 1990er Jahren mehr als die Hälfte aller Studierenden weiblich, 1993 stellten Frauen bereits eine Mehrheit von zwei Dritteln im Studiengang Computer Science. Woher stammt das verstärkte Interesse arabischer Frauen an technischem Denken, während in Deutschland viel weniger Mädchen den Weg zur "Einführung in die Informatik"-Vorlesung finden?

"Viele arabische Staaten haben den Zugang von Frauen zu Universitätsbildung als oberste Priorität gesetzt", schreibt die saudi-arabische Wissenschaftlerin und Pharmazeutin Samira Islam in einem Aufsatz. "Das heißt aufgrund traditioneller Mann-Frau-Rollenverteilung von Beruf und Hausarbeit noch lange nicht, dass Frauen auf dem IT-Arbeitsmarkt in diesen Staaten gleichermaßen vertreten sind." Von den 57 Prozent Uni-Absolventinnen fänden sich nur 16 Prozent auf dem Arbeitsmarkt wieder. Jedoch habe sich der staatliche Fokus auf die Bereitstellung exzellenter Frauenbildung in den vergangenen Jahren signifikant verstärkt.

Islam fungiert als Treiber und Hemmnis von Bildung

Arabische Frauen sind also im Informatikbereich durchschnittlich wesentlich besser ausgebildet als westliche Frauen. Saudi-Arabien besitzt ein nach Geschlechtern getrenntes Bildungssystem. Deswegen lassen sich Fördermaßnahmen für ein spezifisches Geschlecht gezielter umsetzen: Die saudi-arabische Regierung habe Alphabetisierungskurse für ältere Frauen eingerichtet, die in den 1950er Jahren keine Grundschule besucht haben, weil es diese für Mädchen damals noch nicht gab, schreibt die Bildungsexpertin Amani Hamdan von der Imam-Abdultahman-Bin-Faisal-Universität in Dammam.

Fayiq Alghamdi, Informatikpädagoge und Forscher an der schwedischen Universität Uppsala, führt den Grund für den erhöhten Frauenanteil in MINT-Studiengängen auf die islamische Kultur zurück. Der Koran als verfassungsmäßiges Fundament für Saudi-Arabien verlange, dass der Fortschritt der Wissenschaft gleichermaßen von Frauen wie Männern betrieben werden solle, sagt Alghamdi. Der tiefe Glaube an diesen islamischen Lehrsatz fördere den wissenschaftliche Entdeckungsdrang, so seine Theorie.

Paradoxerweise fungiert der Islam somit als Treiber und Hemmnis von Bildung: Einerseits ist der Koran für den Staat Rechtfertigung für Verbote weiblicher Selbstbestimmung und Bildung. Gleichzeitig verlangt er jedoch die gleiche Bildung für Männer und Frauen. "Nur diejenigen, die Verstand haben, lassen sich mahnen", heißt es in Sure 13. Die Sure 59, "Denkt nach, die ihr Einsicht habt!" wird von arabischen Gelehrten als Aufruf zur rationalen Wissenschaft verstanden.

Ist das islamische Bildungsverständnis mit der nach Geschlechtern separierten Ausbildung also ein Push-Faktor für technikbegeisterte Frauen? "Studien zeigen, dass Koedukation, also das gemeinsame Unterrichten von Mädchen und Jungen in naturwissenschaftlichen Fächern, dazu führt, dass sich weniger Mädchen Problemlösungskompetenzen zutrauen", sagt die österreichische Informatiklehrerin Karin Gratiana Wurm, Verfasserin der Medienbildungsbroschüre Gendersensitiver Informatikunterricht. "Verblüffend ist die Erkenntnis, dass von den Absolventinnen von Mädchenschulen ein zehnmal höherer Anteil Natur- und Technikwissenschaften studiert als von koedukativ geführten Schulen", sagte Wurm Golem.de.

Mädchen reagierten im Vergleich zu Jungen viel stärker auf die Lernumgebung, auf das Klima und die Geschlechterrelationen - und hielten in monoedukativen Gruppen länger ihre Überzeugung aufrecht, für Naturwissenschaften begabt zu sein. Diesbezügliche Studien zur Monoedukation rund um Leonore Herwatz-Emden haben den Bildungsdiskurs in den 1980er Jahren geprägt.

Aufgrund der Struktur der monoedukativen Bildung in Saudi-Arabien trauen sich offenbar mehr Frauen eine Universitätskarriere in analytisch-logischen Fächern zu als in Deutschland. In Saudi-Arabien gibt es eine große Anzahl von reinen Frauenuniversitäten, dabei entstehen sogenannte Elite-Inseln: Die größte Frauenuniversität der Welt, die Prinzessin-Nourah-Universität, steht in Riad - eine Exzellenzuniversität nur für Frauen. Männer dürfen sie nicht betreten.

Doch in anderen arabischen Staaten wie Tunesien werden Geschlechter nicht getrennt unterrichtet. Warum gibt es hier ebenfalls einen sehr hohen Anteil von Frauen in Informatikstudiengängen? "Ein Grund könnte in der guten Bezahlung von Absolventen in MINT-Fächern liegen", schrieb das britisch-amerikanische Forscherteam Gijsbert Stout und David Geary in der Zeitschrift Psychological Science im Februar 2018. "Eine Tech-Karriere erscheint vielen als Investition in eine sichere Zukunft."

Technikstudiengänge in ärmeren Ländern besonders gefragt

Gerade in Entwicklungsländern ohne staatliche soziale Sicherungssysteme, in denen Frauenförderung im Bildungsbereich ein Fremdwort ist, gibt es eine überproportional hohe Anzahl von Absolventinnen technischer Studiengänge. Das Gehalt stellt bei der Wahl des Studienfachs offenbar einen größeren Anziehungsfaktor dar als für deutsche Studierende.

Für Stouts und Gearys Theorie spricht, dass sich in europäischen Staaten mit wenigen Elementen staatlicher Daseinsvorsorge ebenfalls mehr Frauen für eine Karriere in der Informationstechnologie entscheiden. In Bulgarien, der Türkei oder Malta liegt der Anteil von Informatikstudentinnen ebenfalls zwischen 30 und 40 Prozent und ist damit doppelt so hoch wie in Deutschland.

Doch nicht nur arabische Staaten und Osteuropa können mit einem ziemlich geschlechterausgewogenen IT-Sektor aufwarten. In Indien arbeiten mehr als 35 Prozent aller Frauen in der IT-Branche. Auf dem Subkontinent werde Programmieren gesellschaftlich als frauenfreundliche Disziplin angesehen, da es mentale statt schwerer körperlicher Arbeit voraussetze, erklärt die US-Professorin Roli Varma, die eine große Feldstudie über die Motivation indischer Informatikstudentinnen durchgeführt hat. Das Beherrschen von Programmiersprachen gelte in Indien für viele Frauen als Emanzipation, da sie sich nicht mehr auf das Einkommen des Mannes verlassen müssten.

Den entscheidenden Impuls für ein Informatikstudium hätten den Frauen ihre Väter und Brüder gegeben, die sie in den IT-Sektor "mit hineingezogen" hätten, zitiert Varma ihre Studienteilnehmerinnen. Die familiäre Bestärkung in der Beherrschung logisch-analytischer Kompetenzen unter dem Motto "Wir trauen dir das zu" sei ein wesentlicher Grund für Frauen, Informatik zu studieren.

Fazit

Der Männerüberschuss im Studiengang Informatik an deutschen Universitäten ist also ein Phänomen westlicher Industriestaaten. So schreiben das auch Stoet und Geary in ihrem Aufsatz - und belegen das mit einer Grafik, die nicht nur zeigt, dass westliche Industrieländer besonders wenig MINT-Absolventinnen haben, sondern auch, dass sie hinter vielen Ländern zurückbleiben, die beim Thema Gleichberechtigung insgesamt schlechter abschneiden.



Kann man also sagen, dass Frauen nur programmieren, wenn sie müssen - etwa wegen des finanziellen Drucks, wie er in Entwicklungsländern herrscht? Studienautor Gijsbert Stoet sagte Golem.de dazu: "Die Aussage zu einer biologischen Neigung von Frauen gegen Informatik würde ich nicht generalisieren. Es ist einfach so wie überall: Wenn der finanzielle Anreiz zusätzlich da ist, studieren Frauen und Männer lieber dieses Fach."

Übrigens: Wer nun glaubt, dass man Frauen in der Informatik an deutschen Universitäten mit der Lupe suchen muss, der irrt. Allerdings entscheiden sie sich hierzulande mehrheitlich für die anwendungsorientierten Bereiche der Informatik: Das Fach Medizininformatik hat einen Frauenanteil von 43 Prozent, der Studiengang Bioinformatik zählt 38 Prozent Studentinnen.

Die sogenannte Bindestrich-Informatik ist offenbar eher dazu geeignet, das Interesse von Frauen gezielter anzusprechen. "Anscheinend wollen Frauen in Deutschland nicht nur Technik um der Technik willen studieren", erläutert Isabel Roessler vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) Golem.de den aktuellen Status des weiblichen IT-Nachwuchses.

Je interdisziplinärer ein Informatikstudiengang gestaltet sei und je mehr auf weitere Interessen eingegangen werde, desto höher sei die Frauenquote, schlussfolgern die Autoren der CHE-Studie Fruit. Die weiblichen Interessen fokussierten sich eher auf die Verbindung von "lebendigen" Wissenschaften mit der Methodik der Informatik.

Auch in Schulversuchen in einigen Bundesländern wie Hessen, NRW und Niedersachsen wurde das festgestellt. Mädchen seien stärker an gesellschaftlichen Anwendungen der Informationstechnik und ihren Auswirkungen interessiert als Jungen, schreibt die Wissenschaftlerin Renate Schulz-Zander in ihrem Aufsatz Veränderte Sichtweisen auf den Informatikunterricht.

Es gibt also möglicherweise doch Unterschiede, die in den Geschlechtern selbst angelegt sind. Die Fähigkeit, logisch zu denken und mathematische Probleme zu lösen, ist aber kein männliches Privileg. Die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen eindeutig, dass die äußeren Umstände viel entscheidender sind, wenn es um die Frage geht, wie viele junge Frauen sich für einen technischen Studiengang oder Beruf entscheiden.

 (lux)


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