Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elektrische-nutzfahrzeuge-nicht-mehr-vom-muellwagen-geweckt-werden-1906-141767.html    Veröffentlicht: 26.06.2019 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/141767

Elektrische Nutzfahrzeuge

Nicht mehr vom Müllwagen geweckt werden

Keine lokalen CO2-Emissionen und weniger Lärm: Stadtbewohner hätten lieber heute als morgen leise Müllwagen, Bagger und andere elektrische Nutzfahrzeuge. Viele sind schon im Testbetrieb - und einige sogar schon im regulären Einsatz.

In der Wiener Josefstadt bleibt es heute Vormittag ruhig. Dabei werden gerade die Mülltonnen geleert. Es ist nur noch ein leises Klappern zu hören, wenn die leeren Kunststoffbehälter nach dem Entleeren auf die Straße gesetzt und an ihren Platz zurückgeschoben werden. Die Erklärung für die morgendliche Ruhe steht an den Seiten des orangefarbenen Fahrzeugs: E-Power. Es ist Österreichs erstes elektrisches Müllfahrzeug.

Die Stadt Wien hat es in Zusammenarbeit mit den Unternehmen Framo, MUT und MAN entwickelt. Die zwei Batterien fassen 230 Kilowattstunden (kWh) Energie. Sie versorgen den Antrieb des 9,1 Meter langen Fahrzeugs, aber auch die Tonnenentleerung sowie die Müllverdichtung. Der Strom genügt für 100 Kilometer Reichweite und 18 Kubikmeter Sammelvolumen. Die Uni Wien begleitet den einjährigen Praxistest des elektrischen Müllautos. Es wird bei unterschiedlichen Witterungsbedingungen innerhalb des Wiener Gürtels für die Restmüllsammlung sowie die Altpapierabholung eingesetzt.

In Basel ist man bereits weiter und will 20 alte Müllfahrzeuge durch die gleiche Zahl elektrischer Fahrzeuge ersetzen. Anschaffung, Unterhalt und Betrieb fallen bei den elektrischen Versionen um 36 Prozent teurer aus. Doch der geringere Schadstoffausstoß und weniger Lärm wögen die Mehrkosten deutlich auf, schreibt der Regierungsrat in seinem Antrag für die Geldmittel. Theoretisch kann die Müllentsorgung mit den leisen Fahrzeugen auch am Abend oder in der Nacht erfolgen. Das würde die morgendliche Verkehrssituation in Städten entzerren und die Schichtplanung bei den Reinigungsbetrieben vereinfachen.

Städtischen Betrieben, die nicht ihre komplette Flotte umstellen wollen, bietet das dänische Unternehmen Banke ein Umrüst-Kit. Dabei wird ein Lithium-Ionen-Akku zwischen Fahrerhaus und Aufbau montiert. Die Berliner Stadtreinigung testet eines der sogenannten E-PTO Systeme. Es treibt die Hydraulik zum Entleeren und Komprimieren der Abfälle mit Strom an. Der Dieselmotor bleibt währenddessen im Leerlauf. Neben Lärm spart der Banke-Akku bis zu 25 Prozent Treibstoff auf den Touren ein. Noch leiser und vollelektrisch wird der Müll in der Innenstadt von Utrecht eingesammelt.

Mehr Lebensqualität für die Bewohner

Die niederländische Stadt ist eine römische Gründung und war im Mittelalter Bischofssitz. Ein Wasserlauf kennzeichnet noch heute den Verlauf der ehemaligen Stadtmauer. Die engen Gassen der Altstadt werden von weiteren Wasserläufen durchzogen. Die Straßen rund um den 112 Meter hohen Domturm sind ab dem späten Vormittag für Autos gesperrt. Dann flanieren Besucher von Geschäft zu Geschäft oder sitzen in einem der insgesamt 550 Cafés und Restaurants.

Den anfallenden Müll entsorgt die Stadtreinigung per Elektroboot über die Kanäle. Gleiches gilt für einen Teil des Lieferverkehrs. Bierfässer kommen ebenfalls auf dem Wasserweg zu den Kneipen in der Altstadt. Bis 2025 soll der historische Innenstadtbereich zur Nullemissionszone werden, plant Lot van Hooijdonk, Stadträtin für Mobilität und Verkehr. Die viertgrößte Stadt der Niederlande hat einen ehrgeizigen Plan: Sie will größer werden. Mehr Lebensqualität bedeutet mehr Einwohner, so die Logik. "Schon jetzt ist Utrecht die am schnellsten wachsende Stadt des Landes", sagt van Hooijdonk stolz.

Jederzeit kehren

Die eine Kehrmaschine in Darmstadt wird an der Einwohnerzahl kaum etwas ändern. Doch Stadtkämmerer André Schellenberg freut sich über einen bis zu 75 Prozent reduzierten Lärmwert gegenüber herkömmlichen Kehrfahrzeugen. Der Eigenbetrieb für kommunale Aufgaben und Dienstleistungen testet die Maschine derzeit im Praxiseinsatz.

In Heidelberg kehrt bereits der E-Swingo 200+ eines Schweizer Herstellers die Straßen. Der Akku mit 75 kWh treibt das Fahrzeug (bis zu 50 km/h), die Tellerbesen sowie die Wassersprühdüsen für bis zu zehn Betriebsstunden an. Auch hier ermöglicht geringerer Lärm einen Einsatz in den frühen Morgen- oder späten Abendstunden.

In einer Zero-Emission-Zone wie in Utrecht, aber auch in deutschen Innenstädten mit Dieselfahrverbot wird es zukünftig für Bauunternehmen schwieriger.

Leisere Baustellen

Viele der eingesetzten Bagger und Radlader gehören in die Euro-Norm-Klassen 1 bis 4 - Einfahrt verboten. "Bei kleineren Maschinen haben die Maschinenbauer schon E-Lösungen in den Markt eingeführt", sagt Dr. Darius Soßdorf, Referent für Technik und Normung des Fachverbands Baumaschinen im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Volvo Construction Equipment kündigte zur Branchenmesse Bauma zu Jahresbeginn an, ab Mitte 2020 den Dieselmotor in kleineren Radladern und Baggern durch Elektroantriebe zu ersetzen.

Die Kramer-Werke aus Baden-Württemberg bieten bereits einen allradgelenkten elektrischen Radlader an. Den setzt beispielsweise das Krankenhaus in Sterzing (Norditalien) für Wartungsarbeiten als auch zur Schneeräumung ein. Den geringeren Lärmpegel wissen Patienten und Ärzte gleichermaßen zu schätzen. Ein Elektromotor treibt die Räder an, ein zweiter regelt die Arbeitshydraulik. Eine Batterieladung reicht für fünf Stunden Arbeitseinsatz. Der Radlader kann dank fehlender Emissionen auch in geschlossenen Hallen eingesetzt werden.

Noch sind die höheren Preise bei elektrischen Nutzfahrzeugen aufgrund der geringeren Stückzahlen genau wie bei Pkws eine Hürde beim Umstieg. "Das vollelektrische Müllsammelfahrzeug ist die Zukunft, jetzt müssen wir mit dem Preis noch in Verträglichkeitsnähe kommen", sagte die Wiener Umweltstadträtin Ulli Sima bei der Präsentation des ersten elektrischen Müllwagens. Der kostet rund 400.000 Euro, in etwa das Doppelte eines herkömmlichen Müllfahrzeugs.



 (dku)


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