Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/black-mirror-staffel-5-der-gesellschaft-den-stinkefinger-zeigen-1906-141764.html    Veröffentlicht: 07.06.2019 14:23    Kurz-URL: https://glm.io/141764

Black Mirror Staffel 5

Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten

Black Mirror zeigt in der neuen Staffel noch alltagsnäher als bisher, wie heutige Technologien das Leben in der Zukunft katastrophal auf den Kopf stellen könnten. Dabei greift die Serie auch aktuelle Diskussionen auf und zeigt mitunter, was bereits im heutigen Alltag schiefläuft - ein Meisterwerk! Achtung, Spoiler!

Achtung! Wir schreiben in dieser Rezension so wenig wie möglich über die allgemeine Handlung der fünften Staffel von Black Mirror, aber ganz ohne Spoiler geht es nicht. Wer gar nichts wissen möchte, bevor er die neuen Folgen selbst schaut, sollte ab hier nicht mehr weiterlesen.

Es gibt nicht viele Serien, die es schaffen, die Zuschauer wirklich nachdenklich zurückzulassen und vielleicht sogar Diskussionen anzustoßen. Die britische Science-Fiction-Serie Black Mirror gehört zweifelsfrei dazu, wie die fünfte Staffel eindrucksvoll beweist. Das bisherige Grundrezept wird beibehalten: Es geht um die negativen Auswirkungen, die Technologie auf die Gesellschaft haben kann. Die Episoden stehen weiterhin für sich und sind in sich abgeschlossen, die Grundstimmung ist eher düster. Anders als bei den vorigen Staffeln wirken die drei neuen Folgen aber viel näher an unserem heutigen Alltag als die vier Staffeln zuvor.

Die Geschichten in den vorigen Staffeln beruhen meist zwar auf einer aktuell bereits verwendeten Technologie, entwickeln diese aber bis an die Grenzen des Realismus weiter. Dadurch entsteht eine gewisse Distanz des Zuschauers zur Handlung: Die negativen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz, Klonen und virtuellen Realitäten sind zwar denkbar, scheinen aber irgendwie noch weit in der Zukunft zu liegen. Das haben die Macher Charlie Brooker und Annabel Jones bei der neuen Staffel geändert.

Besonders die zweite Folge, Smithereens, verdeutlicht dies. Sie ist ein meisterhaftes Statement gegen den Drang, sich auf Social-Media-Apps zu präsentieren. Die Episode verzichtet anders als frühere Folgen der Serie auf Übertreibungen und stellt schlicht die aktuelle Realität dar: Menschen starren unentwegt auf ihr Smartphone, darauf bedacht, sich selbst darzustellen und immer auf dem Laufenden zu bleiben. Dabei merken sie nicht, dass sie im Weg stehen oder in ihrem Auto den Verkehr aufhalten - oder noch fatalere Vorgänge auslösen können, wie die Hauptfigur der Folge, Chris. Dieser wird gespielt von Andrew Scott, der Fans der britischen Serie Sherlock als großartiger Jim Moriarty bekannt sein dürfte, und der auch in Black Mirror sein Können zeigt.

Wohl absichtlich ist die in der Folge verwendete App namens Smithereen eine Mischung aus Facebook und Twitter. Wer sich im heutigen Stadtbild umsieht, wird immer jemanden finden, der auf sein Smartphone schaut und sich durch Facebook, Twitter oder Instagram wischt. Dass das nicht zwingend in einer Geiselnahme enden muss, um dem Chef von Smithereen die Meinung zu geigen, ist klar - wirklich unrealistisch ist der Plot angesichts der Hintergründe der Hauptfigur aber letztlich nicht, und das ist das Erschreckende daran.

Auch die Geschäftsführung von Smithereen wird brutal ehrlich dargestellt: Topher Grace als meditierender Gründer Billy Bauer ist nahezu machtlos gegenüber seiner eigenen Geschäftsführerin und der Justizabteilung des Unternehmens und gibt irgendwann zu, dass ihm sein soziales Netzwerk entglitten ist. Es fällt nicht schwer, sich Mark Zuckerberg vorzustellen, wie er sich mit demselben Problem konfrontiert sieht.

Smithereens ist in ihrer einfachen Erzählweise, aber dennoch genauen Beschreibung unserer Gesellschaft eine der besten Black-Mirror-Folgen seit Langem. Zwar greift die Serie die Probleme sozialer Netzwerke bereits in ihrer ersten Folge auf, Smithereens überzeugt aber durch eine unmittelbare Nachvollziehbarkeit anhand des Alltags vieler Menschen heutzutage - im Grund könnte jeder Smartphone-Nutzer die Hauptfigur Chris sein.

Miley Cyrus kann hervorragend fluchen

Auch in den beiden anderen Folgen der fünften Staffel geht es um Technologien, die wir bereits nutzen, und auch um Probleme, die sich bereits heute andeuten. Die erste Folge, Striking Vipers, handelt von einem VR-Konsolenspiel, das Nutzer ein superrealistisches Kampferlebnis bietet. Zwei alte Freunde spielen gemeinsam und stellen mehr durch Zufall fest, dass ein weiblicher und ein männlicher Kämpfer super Sex haben können, anstatt zu kämpfen.

Dies führt zu Problemen, da beide in festen Beziehungen stecken. Striking Vipers behandelt geschickt nicht nur Geschlechter- und Beziehungsfragen, sondern auch das Problem, dass sich jeder im Internet als eine Person ausgeben kann, die er gar nicht ist. Auch die Frage, wie sich Beziehungen im Zuge der Entwicklung von VR verändern können, wird behandelt.

Die letzte Folge der neuen Staffel, Rachel, Jack and Ashley Too, handelt von einer Popsängerin, die gegen ihren Willen seichte statt ernste Musik machen muss. Miley Cyrus überzeugt als Ashley O - es fällt nicht schwer, biografische Züge zu erkennen. Auf technischer Seite greift die Folge die übercomputerisierte Musikindustrie an, die im Ernstfall aus brutalem Geschrei einen seichten Popsong machen kann. Wer einmal Autotune ausprobiert hat, weiß, dass dieser Gedanke so unrealistisch nicht ist.

Gleichzeitig geht es in Rachel, Jack and Ashley Too um künstliche Intelligenz, Kommerz, die Probleme von Teenagern und von der Industrie geformte Rollenbilder. All dies wird miteinander verwoben und von einer am Ende dauerfluchenden Miley Cyrus kommentiert - alleine dafür lohnt es sich, die Folge im Originalton zu schauen.

Fazit

Nach den bisherigen vier Staffeln von Black Mirror, die allesamt äußerst sehenswert sind, schaffen es die Macher in der fünften Ausgabe, ihre bisherige Arbeit noch zu übertreffen. Die drei Folgen decken unterschiedliche Probleme unserer Gesellschaft ab, von Geschlechterfragen über Social-Media-Sucht bis hin zur Kommerzialisierung der Pubertät.

Die Themen werden in äußerst mittelbaren Szenarien dargestellt, die unserer Gesellschaft beängstigend den Spiegel vorhalten. Die Geschichten zeigen uns mitunter den Stinkefinger, indem sie uns auf ganz konkrete Probleme hinweisen - sei es nun die Geltungssucht in sozialen Medien oder Kommerzgeilheit. Trotz aller düsterer Ausblicke gibt es aber auch immer wieder Momente, in denen wir bei allem Ernst auch schmunzeln müssen. Und die letzte Folge hat sogar eine Art von Happy End, was bei Black Mirror eher selten vorkommt.

Das Erzähltempo ist in allen drei Folgen eher gemächlich, die Regisseure der Folgen geben der Geschichte viel Raum zur Entwicklung. Langeweile ist bei uns beim Anschauen aber nicht aufgekommen, im Gegenteil. Alle drei Folgen der fünften Staffel sind auf Netflix auf Englisch, Deutsch und weiteren Sprachen verfügbar.

 (tk)


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