Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/arbeit-hilfe-fuer-frustrierte-itler-1908-141646.html    Veröffentlicht: 09.08.2019 11:59    Kurz-URL: https://glm.io/141646

Arbeit

Hilfe für frustrierte ITler

Viele ITler sind frustriert, weil ihre Führungskraft nichts vom Fach versteht und sie mit Ideen gegen Wände laufen. Doch nicht immer ist an der Situation nur die Führungskraft schuld. Denn oft verkaufen die ITler ihre Ideen einfach nicht gut genug.

Man habe das schon immer so gemacht. Das bekommt Nic in seiner Marketingfirma oft von seinem Chef zu hören. Er ist der neue und einzige "IT Guy" in einer Firma, in der viele IT-Systeme nur halbherzig umgesetzt sind. Eine "fantastische Möglichkeit" sei das in seiner noch jungen Karriere, wird ihm bei der Bewerbung versprochen. Doch schnell stellt sich heraus, dass er als ITler in dieser Firma auf verlorenem Posten steht. Nic schlägt Lösungen für die IT-Probleme vor, doch er rennt regelmäßig gegen eine Wand. Und sein Chef, der Head of Digital? Hat wenig Ahnung von IT, winkt immer wieder ab und spricht lieber über seine Freizeit als über die Technik in der Firma.

Viele Arbeitnehmer dürften sich schon mal über inkompetente Führungskräfte geärgert haben. Wenn sie ahnen, was in der Firma falsch läuft, und trotzdem auf taube Ohren stoßen. Wenn sie ihre Ideen präsentieren, aber die Führung deren Vorteile nicht versteht. Für Nic wird die Situation frustrierend. Irgendwann beginnt er sogar, sich über seine Kollegen zu ärgern. Obwohl sie nur Hilfe für einfache Probleme mit der Technik suchen, für die sie nichts können. In dieser Zeit vor drei Jahren, erzählt der 29-jährige heute, habe er sich zum "schmerzlichen Klischee" eines ITlers entwickelt: unglücklich und unterfordert. Was tut ein IT-Profi in so einer Situation am besten?

Von völligem Unwissen ausgehen

Für ITler ist es laut Ursula Vranken eine wichtige Aufgabe, anderen zu erklären, wie Technik funktioniert. Vranken ist Gründerin und Geschäftsführerin von IPA-Consulting, einem Beratungsunternehmen für Personalentwicklung und Arbeit. "ITler haben häufig ein Wissen, das andere natürlich nicht haben. Deswegen müssen sie eigentlich zu einem Lehrer für IT werden", erklärt sie.

Vranken hat zwei Tipps, wie ein ITler mit einer Idee an seine Führungskraft herantreten sollte. Erstens: Gehe immer von der größtmöglichen Unwissenheit deines Gesprächspartners aus. Und erkläre ihm, um was es sich handelt und welchen Nutzen es bringt. Zweitens: Es ist nicht schlimm, dass der andere etwas nicht weiß. "In so einer komplexen Welt ist das heute normal, dass Entscheidungsträger nicht mehr jedes fachliche Detail wissen und wissen können", sagt die Beraterin.

Kommunikationstrainerin Viola Moritz empfiehlt zum Beispiel, sich ein hypothetisches Gespräch mit einer Schulklasse vorzustellen. "Da kann ich nicht mit irgendwelchen Fachbegriffen kommen. Wenn man seine Idee erstmal auf eine andere Ebene heruntergebrochen hat, merkt man auf einmal, wie man seine Sprache und Argumente verändern muss, damit der andere überhaupt versteht, um was es mir geht." Natürlich sollten Führungskräfte nicht wie eine Schulklasse behandelt werden, sagt Moritz. Aber das Gedankenspiel zeige, wie sehr die eigene Sprache auf die entsprechende Zielgruppe angepasst werden muss - sei es eben eine Schulklasse oder eine Führungskraft.

Chefs müssen nicht alles verstehen

"Gerade bei Führungskräften haben wir oft den Anspruch, dass sie verstehen müssen, um was es geht", sagt Moritz. Es komme jedoch vor allem auf Managementfähigkeiten an. "Es ist auch wichtig zu verstehen, dass die Führungskraft am Ende die Entscheidung trifft. Deswegen ist sie Führungskraft." Wenn eine Idee auf Ablehnung stoße, müsse sich der Mitarbeiter fragen, ob er gut genug argumentiert habe. Gleichzeitig müsse die Führung auch nachvollziehbar erklären, warum sie sich gegen die Idee des Mitarbeiters entschieden habe.

Genau das hat Nics Chef nicht gemacht. Nic musste sich regelmäßig mit externen Serviceprovidern herumschlagen, deren Aufgaben er langsam übernehmen wollte. Er habe Pläne geschrieben, wie sich die Firma von den Serviceprovidern lösen könne. Wie viel Geld die Firma sparen könne, wenn er sich um die Backups kümmern würde, nicht der Provider. Doch bei seinem Chef scheitert Nic immer wieder mit seinen Ideen.

Über die Technik hinausdenken

Dabei hat er viel richtig gemacht. Steve Kirchhoff ist Geschäftsführer bei der Next Digital Group, einer Beratungsfirma für Digitalisierung und Vermarktung. Er empfiehlt ITlern in ähnlichen Situationen, der Führungsetage zu beschreiben, inwiefern die eigene Idee einen Nutzen für das Unternehmen oder Kunden habe. Das heißt: Wie werden wir durch eine neue Software wirtschaftlicher? Wie können wir unsere Prozesse verbessern? "Viele Themen scheitern bereits an der strukturierten und sachlichen Entscheidungsvorbereitung. Die Mitarbeiter sollten ihre Idee pitchen", sagt Kirchhoff.

Diesem Tipp schließt sich Beraterin Vranken an. "Es geht auch darum, das große Ganze aufzuzeigen, nicht nur die technische Seite. Ein Geschäftsführer denkt anders." Vranken bezeichnet solche Hürden als "Übersetzungsschwierigkeiten". Wenn ITler und BWLer aufeinanderträfen, müssten beide Seiten oft erst mal eine gemeinsame Sprache finden.

Geschäftsführer lassen sich häufig mit kaufmännischen Argumenten überzeugen. Hier zählen Zahlen, Daten und Fakten. Andere Kolleginnen und Kollegen haben vielleicht einen wissenschaftlichen Hintergrund und lassen sich mit ganz anderen Argumenten beeindrucken. Grundsätzlich, sagt Kommunikationstrainerin Moritz, sollte sich derjenige mit der neuen Idee eine einfache Frage stellen, wie andere von dieser Idee überzeugt werden könnten: Welche Interessen hat derjenige auf der anderen Seite, und kann ich mich darauf vorbereiten?

Nic hat das versucht, doch geholfen hat es nicht. Nach knapp einem Jahr verließ er die Marketingfirma. "Wenn deine Firma dich immer wieder enttäuscht, solltest du dich fragen, was die Firma machen würde, wenn du sie immer wieder enttäuschen würdest", sagt er. Trotz seiner Erfahrungen meint Nic, dass nicht jeder Chef viel über IT wissen müsse. Klar, die Zusammenarbeit mit seinem Vorgesetzten sei frustrierend gewesen. IT-Kenntnisse seien durchaus hilfreich, "aber die Fähigkeit, zu leiten und informierte Entscheidungen zu treffen, sind wichtigere Qualitäten".

Das meint auch Ursula Vranken, jedoch müssten sich Führungskräfte schon bewusst sein, dass die Welt sich verändert habe. "Eigentlich alle Unternehmen werden in Zukunft IT-Unternehmen", sagt die Beraterin, "weil sie zum Beispiel digitale Geschäftsstrategien haben oder digitale Produkte verkaufen."

Wenn im Job schwierige Dinge besprochen werden müssen, wissen viele nicht weiter. Manche gehen dem Gespräch ganz aus dem Weg, andere explodieren, wieder andere reagieren ganz anders. Du arbeitest in einem IT-Job und hast Erfahrungen mit diesem Problem? Und vielleicht sogar Lösungen? Erzähle uns gerne mehr darüber für einen Artikel zu dem Thema in unserem Ressort Arbeit. Wir freuen uns über Deine Nachricht an redaktion@golem.de.

 (rme)


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