Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/artemis-us-mondmission-hat-antrieb-aber-keine-fuehrung-1905-141576.html    Veröffentlicht: 29.05.2019 08:46    Kurz-URL: https://glm.io/141576

Artemis

US-Mondmission hat Antrieb, aber keine Führung

Die Mondmission der Nasa heißt nun offiziell Artemis. Der Auftrag für den Bau der Antriebssektion des Lunar Gateway ist auch schon vergeben. Aber der Koordinator trat schon nach 44 Tagen im Amt zurück und das Geld kommt aus einem Programm für Studentenkredite.

Mit Artemis, dem neuen Raumfahrtprogramm der Nasa, wollen die USA bis 2024 wieder auf dem Mond landen. Dabei sein soll auch die erste Frau. Bei einer Veranstaltung in Florida hat Nasa-Chef Jim Bridenstine die ehrgeizigen Pläne offiziell vorgestellt. Außerdem wurde das Antriebs- und Stromversorgungsmodul des verkleinerten Lunar Gateway, das Teil der Pläne ist, für 375 Millionen US-Dollar in Auftrag gegeben.

Aber noch am selben Tag trat Mark Sirangelo zurück. Seit dem 9. April war der frühere Chef der Sierra Nevada Corporation, die das Minishuttle Dreamchaser baut, persönlicher Assistent von Jim Bridenstine. Er sollte die Nasa restrukturieren, die Rückkehr zum Mond koordinieren und das Moon to Mars Mission Directorate aufbauen. Aber die Umstrukturierung scheiterte am Widerstand der Vertreter im US-Senat und im Kongress, die Gründung des Direktorats wurde aufgegeben. Sirangelo war 44 Tage im Amt.

Die neuen Mondpläne der USA haben einige Irritation und Unzufriedenheit bei den europäischen Partnern ausgelöst. Denn als erster Schritt zum Mond war seit Jahren geplant, das Lunar Gateway aufzubauen, eine Raumstation, die in internationaler Kooperation in der Nähe des Mondes gebaut und betrieben werden sollte. Diese Pläne wurden nun zusammengestrichen. Aus dem Gateway wurde ein "Mini-Hab". Es soll nur noch als kurzer Zwischenhalt für Menschen zwischen Erde und Mond dienen.

Keine Internationale Raumstation im Mondorbit

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Nach 2024 soll das Lunar Gateway zwar weiter ausgebaut werden, aber Jim Bridenstine betonte mehrfach, dass es keine Internationale Raumstation im Mondorbit sein solle. Aus einem internationalen Projekt ist damit ein US-amerikanisches Projekt geworden, mit Beiträgen einiger ausländischer Partner. Diese Partner sind auch nötig. Das Servicemodul der Orion-Raumschiffe, mit denen Menschen zum Mond fliegen sollen, wird etwa von der Europäischen Raumfahrtagentur Esa gebaut.

Angesprochen auf das Ende der zweiten Amtszeit von Präsident Trump im Jahr 2024 sagte der Nasa-Chef, das sei kein Problem: "Wenn wir das richtig machen, gibt es eine starke Unterstützung von allen Parteien." Das war vor der Bekanntgabe des Rücktritts von Sirangelo.

Das Artemis-Programm trägt den Namen der Zwillingsschwester von Apollo in der griechischen Sagenwelt. Es soll eine dauerhafte Nutzung des Mondes möglich machen, zielt aber vor allem auf eine schnelle Landung im Jahr 2024 ab. Entgegen früheren Diskussionen wird die Schwerlastrakete SLS dabei wieder eine Rolle spielen. Deren erster Testflug um den Mond zusammen mit dem ersten Orion-Raumschiff wurde von EM-1 zu Artemis-1 umbenannt und soll plangemäß schon im kommenden Jahr stattfinden.

Private Unternehmen sollen die Mondlandung übernehmen

Artemis-2 soll der erste Testflug mit Besatzung im Jahr 2022 sein. Die Mission Artemis-3 ist bereits die erste Landung auf dem Mond im Jahr 2024. Alle anderen Aufgaben sollen von kommerziellen Anbietern und Raketen übernommen werden. Im Rahmen der Commercial Lunar Payload Services (CLPS), zu denen auch Blue Moon gehört, sollen Nutzlasten auf dem Mond abgesetzt werden, um die Oberfläche zu erforschen und die Landung vorzubereiten. Bridenstine sprach von einem Landerservice, bei dem sich die Nasa das Recht vorbehält, den Lander nach der Landung zu kaufen und zu übernehmen.

Auch Entwurf und Bau des Mini-Hab sollen an private Unternehmen abgegeben werden. Der erste Teil dieses Auftrags umfasst das Antriebs- und Stromversorgungsmodul, das neben 50-kW-Solarzellen auch mit einem leistungsstarken Ionentriebwerk ausgestattet werden soll. Der Vertrag ging für 375 Millionen US-Dollar an Space Systems Loral (SSL). Der Aktienkurs des Mutterkonzerns Maxar stieg kurz darauf über 20 Prozent. Das Modul soll mit einer privaten Rakete gestartet werden. Beobachter vermuten dahinter die New Glenn von Blue Origin.

Erfahrener Satellitenbauer baut Antriebssektion

Bei der Bewerbung verlangten Northrop-Grumman, Boeing, Sierra Nevada Corporation und Lockheed-Martin jeweils 200 bis 400 Millionen US-Dollar mehr. SSL ist im Gegensatz zu den Konkurrenten ein spezialisierter Satellitenbauer. Die Firma baute bereits 1960 den ersten aktiven Relaissatelliten der Welt. Diese Erfahrung ist ein großer Vorteil, denn das Modul entspricht in Funktion und Anforderungen weitgehend einem geostationären Satelliten, ohne die Antennen und die Transceiver zur Breitbandkommunikation.

Der Landeservice soll aus drei Teilen bestehen und von kommerziellen Anbietern kommen. Das umfasst ein Transferfahrzeug für den Flug zwischen Gateway und Mond, denn das Gateway soll in relativ großer Entfernung vom Mond stationiert werden. Hinzu kommen die Lande- und Aufstiegseinheit. Vertragspartner wurden dafür noch nicht ausgewählt. Es ist fraglich, ob Jeff Bezos Mondlander Blue Moon bis 2024 fertiggestellt, getestet und für den Transport von Menschen qualifiziert ist.

Mondfahrt statt Studentenkredite

Bei all dem betonte Jim Bridenstine den Führungsanspruch der USA - zur Unzufriedenheit der europäischen Partner. Auch die langfristige Finanzierung der Mondpläne ist unklar. Bridenstine sagte zwar, dass kein Geld wissenschaftlicher Missionen für die Mondlandung gekürzt werden solle, aber das vorgeschlagene Nasa-Budget sieht Kürzungen bei der Wissenschaft vor.

Ebenso sagte der Nasa-Chef, dass die 1,6 Milliarden US-Dollar für das Mondprogramm im Jahr 2020 "keinen Teil der Nasa kannibalisiert." Im Prinzip stimmt das. Allerdings wurden die Mittel für die Pell Grants, ein US-Programm für Studentenkredite, gleichzeitig um 1,6 Milliarden US-Dollar zusammengestrichen. Erst bis 2028, nach dem Ende von Trumps Amtszeit, soll nach dem vorliegenden Plan ein nachhaltiges Programm zustandekommen, mit Beteiligung ausländischer Partner, langfristigen Missionen, Operationen wiederverwendbarer Mondlander und dem Ausbau des Lunar Gateway als Treibstoffdepot und Raumstation im tiefen Weltall.

Dann sollen auch Techniken zum besseren Umgang mit dem Mondstaub entwickelt werden und zum Ausheben von Baugruben zur Konstruktion von Gebäuden, genauso wie zur dauerhaften Stromversorgung. Die ersten Landungen sollen in der Nähe des Südpols erfolgen, wo mehrere Hundert Millionen Tonnen Wassereis entdeckt wurden. Das entspricht lediglich einem Hundertstel der Wassermenge im Bodensee.

 (fwp)


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