Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-aufbau-gaaanz-anders-als-in-anno-1800-1905-141546.html    Veröffentlicht: 28.05.2019 14:20    Kurz-URL: https://glm.io/141546

Indiegames

Aufbau gaaanz anders als in Anno 1800

Die Weltwunder in Anno 1800 sind errichtet, alle Produktionsketten freigeschaltet? Hier kommt neues, vor allem aber ganz anderes Material für Aufbauspieler: Golem.de stellt minimalistische, größenwahnsinnige und spätkapitalistische Genrevertreter vor - alle stammen von unabhängigen Entwicklern.

Dass Aufbaustrategie und Wirtschaftssimulationen zu den Lieblingsgenres der hiesigen Spielerschaft zählen, ist eine Tatsache, die auch der Erfolg des aktuellen Anno-Ablegers unter Beweis stellt. Anno 1800 ist der sich am schnellsten verkaufende Teil der Reihe, wenige Wochen nach der Veröffentlichung konnte Entwickler Ubisoft Blue Byte mehr als 200.000 verkaufte Einheiten feiern.

Bei all der Begeisterung fürs virtuelle Industriezeitalter kommt dennoch irgendwann der Punkt der Übersättigung. Dann ist es gut, dass es jede Menge Abwechslung im Genre gibt. Von minimalistisch wie bei Islands bis größenwahnsinnig wie das noch nicht verfügbare Citybound, von verspielt bis knochentrocken: Die folgenden Aufbaustrategiespiele, Wirtschaftssimulationen und Städtebaukästen taugen sowohl als kurze Abwechslung wie auch als vollwertige Ersatzbeschäftigung.

Islanders: Minimalistisch, clever und entspannt

Wenn alles zu viel wird, ist Islanders das perfekte Spiel für Aufbaustrategen, denn hier herrschen Minimalismus und beinahe Zen-mäßige Entspannung. Das Berliner Dreimann-Studio Grizzly Games hat mit seinem Spiel, das während des Studiums entwickelt wurde, ein bemerkenswertes Unikat mit hinreißender Aufmachung geschaffen. Statt sich um Ressourcen, Wirtschaft oder gar Konflikte kümmern zu müssen, ist man bei der möglichst dichten Besiedlung prozedural generierter bunter Inseln hauptsächlich damit beschäftigt, das jeweils optimale Plätzchen zu finden. Runde für Runde baut man hier mit einem aus zwei jeweils zufällig ausgewählten Bauklötzchensets an seiner Stadt, die nicht nur hübsch ist, sondern auch möglichst viele Punkte abwirft. Wie viele das sind, hängt von der Umgebung ebenso ab wie von der bereits gebauten Nachbarschaft: Villen sind in der Nähe des Stadtzentrums oder bei Parks mehr wert, Industrie profitiert von nahen Ressourcen, verringert aber den Punktwert anderer angrenzender Gebäude und so weiter.

Wenn eine gewisse Punktzahl erreicht ist, darf man zur nächsten Insel wechseln oder aber endlos weiter am Highscore schrauben bis die jeweils pro Runde vorgegebene Punkteforderung nicht mehr erfüllt werden kann. Ein herrlich entspanntes, bildhübsches Kontrastprogramm zum allzu hektischen Wuseln.

Erhältlich für Windows-PC; rund 5 Euro

Foundation und Rise of Industry



Egal, wie kreativ man seine Stadt in anderen Aufbauspielen auch anlegt: Irgendwann hat man ein mehr oder weniger uniformes Rastersystem, in dem Häuser, Felder und sonstige Einrichtungen in Reih und Glied stehen. Das mag zwar den Ordnungssinn befriedigen, mit dem organischen Wachstum echter Städte hat es allerdings wenig gemein. Foundation bemüht sich, seine mittelalterlichen Siedlungen nicht wie Reißbrettkreationen aussehen zu lassen, auch wenn sie bis ins kleinste Detail gut geplant sein sollten.

Mit einem originellen Planungstool lassen sich die Zonen für Hütten und Häuser, Landwirtschaft und Handwerk frei und abseits jedes rechten Winkels gestalten. Und auch Straßen entstehen so wie bei echten Städten: Wo viele Menschen gehen, bildet sich zuerst ein Trampelpfad und später ein Weg.

Foundation schafft es so, seinen Städtebaukasten mit dem Extraschuss Kreativität zu würzen, denn die so frei gemalten Stadtpläne und individuell gestaltbare Denkmäler und Spezialbauten verleihen dem Gewusel schnell Eigencharakter. Foundation ist noch im Early Access, auf eine etwas optimierte Steuerung und vor allem mehr Late-Game-Content darf man sich noch freuen. Schon jetzt macht das Hochpäppeln der wunderhübschen mittelalterlichen Siedlungen zu beeindruckenden Städtchen aber viel Spaß.

Erhältlich für Windows-PC; rund 30 Euro (Early Access)

Rise of Industry: Der Kapitalismus lebt!

Im Grenzgebiet zwischen Aufbaustrategie und Wirtschaftssimulation lebt das altehrwürdige Tycoon-Genre. Dort mausert sich das beeindruckend komplexe Rise of Industry zur Verlockung für Genrefans, denn trotz Wuselfaktor und niedlicher Optik schlägt in ihm das Herz einer waschechten Logistiksimulation. Wie in den Klassikern Transport Tycoon und OpenTTD reicht es hier nämlich nicht aus, Städte und Industrien clever zu planen und zu bauen. Stattdessen gilt es, die Warenströme und die gesamte Wirtschaft im Auge zu behalten.

Dank ausführlicher, wenn auch etwas trockener Tutorials ist der Start ins kapitalistische Puppenhaus zwar zumindest einfacher als so manches Wirtschaftsproseminar. Absolute Einsteiger ins Genre sollten allerdings lieber beim Spielstart in den Settings für gnädigere Startbedingungen wie höheres Startkapital oder vereinfachte Wirtschaft sorgen - dann klappt's auch mit der Tycoon-Karriere. Kampagne und Sandbox-Modus sorgen dafür, dass man sich für Stunden, Tage und Wochen in dieses schöne Spiel versenken kann. Bonus: Es gibt eine kostenlose Demo.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS und Linux; rund 30 Euro

Citybound: Potenzial mit Millionen Spielfiguren



Eins vorweg: Citybound kann man noch nicht richtig spielen! Doch was ein ambitionierter Einzelentwickler hier Spektakuläres vorhat, verdient schon jetzt Aufmerksamkeit und vielleicht sogar Unterstützung auf Patreon. Der deutsche Programmierer Anselm Eickhoff (Selbstbezeichnung: "ein Hacker, der komplexe interessante Systeme liebt") will ein Open-Source-Aufbaustrategiespiel mit bislang unerreichter Komplexität verwirklichen, in dem sich Millionen autonomer Spielfiguren unabhängig voneinander bewegen und so interessante emergente Systeme ermöglichen, wie sie auch in der Realität existieren.

Jeder einzelne Haushalt in den virtuellen Städten von Citybound soll individuell simuliert werden, bis hin zu persönlichen Bedürfnissen, Zeitplänen und Haushaltsvorräten. Wie dieser Level an Detail nicht auch stärkste Prozessoren in kürzester Zeit zum Rauchen bringen soll, ist jenes komplexe Problem, das Eickhoff ausführlich in Videos, DevLogs und auf einem eigenen Subreddit auf IT-Profi-Niveau bespricht und diskutiert .

Mutige können sich einen Prototyp von Citybound schon jetzt kostenlos herunterladen. Im klassischen Sinn spielen kann man in dem allerdings nicht viel. Trotzdem: Wenn dieses ambitionierte Projekt Erfolg hat, darf man sich auf bislang nicht dagewesene Komplexität und Simulationstiefe freuen.

<#youtube id="rJpTulYwAZc"> Windows-PC, MacOS und Linux; kostenloser Prototyp



Odd Realm: Der pixelige Bruder von Dwarf Fortress

Dwarf Fortress, das bis zum Größenwahn ambitionierte Lebensprojekt des Brüderpaares Zach und Tarn Adams, ist das vermutlich wahnwitzigste, detaillierteste und faszinierendste Aufbaustrategiespiel der Welt. Bald soll eine Steam-Version für mehr Zugänglichkeit sorgen, bis dahin kann man sich auch im sympathischen Epigonen Odd Realm die Zeit vertreiben. Im gewöhnungsbedürftigen, aber rasch nebensächlichen Pixellook lenkt man hier wie im großen Vorbild die Geschicke einer wachsenden Siedlung von Fantasy-Figuren.

Das Spiel eines Einzelentwicklers reduziert die angsteinflößende Komplexität seines großen Vorbilds, steckt aber immer noch mühelos den Großteil der (grafisch bedeutend aufwendigeren) Genrekonkurrenz in die Tasche. Wer sich einmal in den Feinheiten dieser kleinen Welt verliert, kommt schwer vom Reiz dieser Geschichtengeneratoren wieder los. Vor kurzem kam bei dem Early-Access-Titel eine zweite spielbare Rasse dazu. Wer über den wirklich pixeligen Look hinwegsehen kann, wird mit einem sympathischen und langzeitmotivierenden Geheimtipp belohnt.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS und Linux; rund 8 Euro  (rs)


Verwandte Artikel:
Anno 1800 im Test: Super aufgebaut   
(15.04.2019, https://glm.io/140676 )
Mutant Year Zero im Test: Xcom plus postnukleare Ente   
(14.12.2018, https://glm.io/138255 )
Ubisoft Blue Byte: Anno 1800 knackt Verkaufsrekord   
(30.04.2019, https://glm.io/140961 )
Outer Wilds: Trotz Finanzierung durch Community nicht auf Steam   
(14.05.2019, https://glm.io/141233 )
Red Candle Games: Entwickler zieht Horrorspiel Devotion nach Protesten zurück   
(26.02.2019, https://glm.io/139648 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/