Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/myskills-eignungstest-fuer-sysadmins-auf-deutsch-arabisch-und-farsi-1905-141308.html    Veröffentlicht: 21.05.2019 09:46    Kurz-URL: https://glm.io/141308

Myskills

Eignungstest für Sysadmins auf Deutsch, Arabisch und Farsi

Die Bertelsmann-Stiftung hat einen Test für Ausbildungsberufe entwickelt, der Geflüchtete und andere Arbeitslose schnell für den Arbeitsmarkt evaluieren soll. Der IT-Beruf Fachinformatiker stellte die Entwickler vor besondere Herausforderungen.

Was können Geflüchtete tun, um auf dem deutschen Arbeitsmarkt besser anerkannt zu werden? Eine Möglichkeit bietet der computergestützte Test Myskills, der von der Bertelsmann-Stiftung für Institutionen wie der Bundesagentur für Arbeit entwickelt wird. Der Flüchtlingszuwachs nach Deutschland sei dabei ein wichtiger Anstoß gewesen, Myskills schnell zu entwickeln, erläutert Bertelsmann-Mitarbeiter Roman Wink im Gespräch mit Golem.de. Doch dabei ist es nicht geblieben. "Wir sind als Projekt für Flüchtlinge gestartet. Mittlerweile ist es ein Tool für jeden, der arbeitslos ist", sagt Wink.

Wink ist unter anderem für die Implementierung und Umsetzung der Tests in mittlerweile 30 Ausbildungsberufen zuständig - etwa KFZ-Mechatroniker, Maler, Koch, Verkäufer und Tischler. "Ganz viele Menschen sind gekommen, von denen Arbeitsverwaltungen nicht wussten, was diese können und wie sich das zu einem deutschen Ausbildungsberuf verhält", sagt Wink. Etwa 600.000 Geflüchtete seien im erwerbsfähigen Alter gewesen. "Da war es wichtig, möglichst schnell herauszufinden, was diese Menschen können.".

Ein Neuzugang im Test ist der stark nachgefragte IT-Beruf des Fachinformatikers für Systemintegration. Das Verfahren teilt Kompetenzen dieses Berufsbildes in fünf verschiedene Kernkompetenzen ein: "Einfache IT-Systeme zusammenbauen, installieren und warten", "IT-Netzwerke installieren, integrieren, konfigurieren", "IT-Sicherheit anwenden, Serverdienste installieren und warten", "Mit Datenbanken und Datenbankmanagementsystemen arbeiten" und "Programmcode interpretieren, anwenden und prüfen".

Die Entwickler standen für diesen Test vor der Herausforderung zu entscheiden, welche Art von Software und Hardware in den Fragen behandelt wird. "Das war gar nicht so einfach, da die IT-Branche in diesem Fall sehr speziell ist", sagt Wink. "Auf Hardwareseite ist das relativ klar. Auf Softwareseite weniger: Serverdienste, VPN und VoIP zum Beispiel." Hier hat sich die Bertelsmann-Stiftung für die nach ihrer Ansicht am häufigsten verwendeten Standardsysteme entschieden - Windows-Betriebssysteme, Unix-Server, Mysql, OpenSSL sind einige Begriffe, die genannt werden. Beim Prüfen von Programmierkenntnissen setzt der Test auf Pseudocode, wie ihn etwa auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) in ihren Prüfungen benutzt.

All diese Felder dürften Menschen bekannt sein, die selbst eine IT-Ausbildung bei der IHK absolviert haben. In dreijähriger Ausbildung werden Netzwerkstrukturen, Hardware, Client-Server-Systeme, aber auch Datenbanken und Softwareverständnis gelehrt. Myskills orientiere sich an diesen Anforderungen, solle aber kein Ersatz dafür sein, betont Wink. Das wird auch klar, wenn es an die Gewichtung der einzelnen Themengebiete geht. Myskills bewertet die fünf Themengebiete alle gleich, während in einem IHK-Beruf meist ein Thema priorisiert wird. Beim Fachinformatiker für Systemintegration wäre etwa das Einrichten einer Client-Server-Infrastruktur wichtiger als das Programmieren von Software.

"Die Zielsetzung ist es, auch informell Gelerntes sichtbar zu machen", sagt Wink und nennt ein Beispiel: "Ich habe etwa einen Kollegen, der in der Freizeit gerne kocht. Er hat im Test recht gut abgeschnitten, würde aber nicht auf den Gedanken kommen, sich selbst mit einem ausgebildeten Koch zu messen. Ich selbst habe keinen Abschluss in der Informatik, traue mir aber zu, dass ich durch mein IT-Eigeninteresse im Test recht gut abschneide - hoffe ich zumindest."

Der Myskills-Test soll in einer vertretbaren Zeit absolviert werden können. Wink gibt einen Richtwert an: "In drei bis vier Stunden sollen Fähigkeiten, gemessen am deutschen Ausbildungsstandard, eingeschätzt werden." Oberflächlich ist der Test dabei aber nicht, wie Golem.de vorliegende Musteraufgaben zeigen.

Multiple Choice, Bilder und arabische Sprache

Die Praxisnähe versucht Myskills nämlich durch den möglichst großzügigen Einsatz von Bildern und Videos zu simulieren. Teilnehmer schauen sich diese an und kriegen dem Kontext entsprechende Fragen gestellt. Pro Testdurchlauf sind es etwa 120 bis 130 Aufgaben aus einer Sammlung von etwa 300 bis 400 vorgefertigten Szenarien pro Beruf. "Eine Wand mit Tapete hat Flecken und offene Nähte. Sie wollen diese beseitigen. Welche Werkzeuge brauchen Sie?", heißt es in einer Beispielfrage für das Malerhandwerk. Darunter ist ein Werkzeugkasten zu sehen, aus dem Teilnehmer zwischen verschiedenen Pinseln, Rollen, Spachteln und Messern wählen können.

Auf den Fachinformatiker-Beruf ließe sich das laut Wink so übertragen, dass ein Video gezeigt und die Aufgabe gestellt wird, einen PC-Arbeitsplatz einzurichten. Die Filme stoppen an bestimmten Stellen, etwa während Gerätschaften auf den Tisch gelegt werden. Auf diese Standbilder beziehen sich die Fragen. "Wir erzählen im Grunde kleine Geschichten. Und die Fragen orientieren sich an diesen Geschichten", sagt Wink.

Teilnehmer wählen die richtige Vorgehensweise im gegebenen Szenario aus einer Anzahl an Antwortmöglichkeiten aus. Es gibt auch Varianten, bei denen Arbeitsschritte in die richtige Reihenfolge gebracht werden müssen. Ohne klassische Multiple-Choice-Aufgaben kommt aber auch Myskills nicht aus - etwa, wenn in der Tischlerprüfung für das Sägen eines Holzscheites eines aus vier Kreissägeblättern gewählt werden muss.

Herkunft: egal

Es werden Tests in vielen verschiedenen Sprachen zur Verfügung gestellt. Neben Deutsch, Englisch und Russisch sind das beispielsweise auch Arabisch, Türkisch und Farsi. "Wir hatten in letzter Zeit in der EU viel Binnenmigration, weitere Sprachen sollen daher in Zukunft noch kommen", sagt Wink weiter.

Er macht dabei klar, dass sich der Myskills-Test nicht für akademische Berufe eignet. "Wir reden hier von Personen, die erst Gärtner waren, dann Koch - Menschen, die teils abgebrochene Lebensbiografien oder Ausbildungen vorweisen. Unser Standpunkt ist zu sagen, das, was man kann, anerkannt zu bekommen. Das, was man nicht kann, soll man lernen."

Die Regeln für das Testumfeld sind sehr streng und Geheimhaltung wird ernst genommen. "Die Prüfungen finden in geschlossenen Räumen direkt bei der Bundesagentur für Arbeit statt. Die Leute müssen auch Handys abgeben, dürfen keine Videos und Fotos machen. Es wird viel auf Testsicherheit geachtet", sagt Wink. "Das ist wie eine kleine Abiturprüfung." Die Abschottung soll nicht nur Schummeln verhindern, sondern auch vermeiden, dass Fragen zu schnell an die Öffentlichkeit geraten. "Aber natürlich merken sich die Teilnehmer Sachen."

Zum Ende der langen Prüfung erhalten Anwender ein Testergebnis, das die Kompetenz der fünf abgefragten Kernbereiche auf einer Skala von eins bis fünf Punkten bewertet. Dabei sei es schon sehr gut, wenn Teilnehmer drei von fünf Punkten, sogenannte Bubbles, erreichen, was für die Entwickler bereits als erweitertes Wissen gilt. "Wir haben das Ganze auch mit Azubis ausprobiert, die am Ende ihrer Ausbildung standen. Auch dort haben wir gesehen, dass einzelne Handlungsfelder teils nicht voll beherrscht werden", sagt Wink. Das Ergebnis habe laut einigen Prüfern zudem sehr gut zu entsprechenden IHK-Ergebnissen gepasst, heißt es.

Das Projekt hat für solche Ergebnisse Kooperationen mit Unternehmen erfordert - unter anderem IT-Dienstleister.

Die Frage nach Aktualität

Der Test ist in Zusammenarbeit mit Fachleuten aus der Branche selbst entstanden. "Das waren beispielsweise Mitarbeiter von WBS-Training, die Weiterbildungen im IT-Bereich durchführen", sagt Wink. "Und dann haben wir Unternehmen selbst in Workshops herangeholt, in denen wir immer Zwischenergebnisse besprochen haben. Das waren im IT-Sektor Unternehmen wie Kross Media oder Arvato IT-Systems." An einem Test feilt die Bertelsmann-Stiftung knapp sechs Monate.

Für IT-Themen ist es wichtig, dass abgefragte Handlungsfelder aktuell gehalten werden. "Die Tests sind zum Glück jetzt gerade noch aktuell", sagt Wink. "Wir haben das zusammen mit der Agentur für Arbeit entwickelt. Unser Anspruch ist es aber, auch irgendwann die Verantwortung abzugeben." Es wird also an der Bundesagentur für Arbeit liegen, Themen immer aktuell zu halten. Dafür wurde ein Konzept erstellt, welche Szenarien in regelmäßigen Abständen überprüft und bei Bedarf überholt werden sollen. Wink ergänzt: "Da ist der Fachinformatiker natürlich ganz vorne mit dabei."

Werbung ist wichtig

Wichtig ist für das Projekt, dass dessen Ergebnisse auch von Unternehmen anerkannt werden. "Da sind wir gerade voll und ganz dran", sagt Wink. "Wir wollen derzeit Piloten mit bundesweit aktiven Unternehmen aus Logistik, Gastronomie und anderen Bereichen durchführen, bei dem wir Mitarbeiter mit unserem Test für Bewerbungen vorschlagen. Auf diese Art erhofft sich die Bertelsmann-Stiftung einen überspringenden Erfolg. Es soll aber auch eine kleinere Marketingkampagne geben. "Die ganzen Agenturen regional sind ebenfalls angehalten, das über den Arbeitgeberservice bekannt zu machen", ergänzt Wink.

Momentan steht dieses Vorhaben noch am Anfang. Einen Bedarf an solchen Evaluierungssystemen gibt es aber - und mit 327 Ausbildungsberufen in Deutschland genügend Expansionspotenzial.  (on)


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