Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-drogen-schwerter-roboter-ritter-1905-141132.html    Veröffentlicht: 24.05.2019 07:00    Kurz-URL: https://glm.io/141132

Indiegames-Rundschau

Drogen, Schwerter, Roboter-Ritter

Weedcraft Inc. und Imperator Rome fordern Strategie, Katana Zero die Reflexe - und Steamworld Quest bringt Taktik ins Kartenspiel.

Dass Aufbaustrategiespiele, deren Vorbild die reale Welt ist, unweigerlich politischen Ballast mitschleppen, wurde vor kurzem anlässlich von Anno 1800 thematisiert. Wenn Spiele dagegen mit voller Absicht tagesaktuelle Gesellschafts- und Drogenpolitik behandeln, zeigt sich allerdings ein anderes Phänomen: So richtig für voll genommen wird das Genre noch immer nicht.

Diesen traurigen Sachverhalt demonstrierte vor kurzem das Indie-Strategiespiel Weedcraft Inc. (Windows, Mac, 17 Euro). Darin sind Spieler als aufstrebender Drogenbaron für das Management eines auf Hanf basierenden Geschäftsimperiums zuständig - in Rollen vom kleinen Marihuana-Verticker bis zum Konzernchef eines legalen THC-Imperiums. Das komplexe, die Drogenpolitik der vergangenen Jahrzehnte clever abbildende Tycoon-Spiel ist weit entfernt von plumper Kifferromantik und fesselt durch eine komplexe Wirtschaftssimulation mit einem Schuss Humor.

Leider ist es aber zu kontrovers für die Social-Media-Plattformen Youtube und Facebook: Während Filme und Serien zum Thema Drogen kein Problem sind, stößt das interaktive Medium Games damit auf Widerstand, wie der Indie-Publisher Devolver demoralisiert zu Protokoll gab,. Grund genug, an dieser Stelle prominent festzuhalten: Weedcraft Inc. ist kein stumpf den Kiffer-Lifestyle bewerbendes Gag-Spiel, sondern eine absolut gelungene Tycoon-Management-Simulation - die im Unterschied zu vielen anderen Titeln ihr Thema in seiner gesamten (gesellschafts-) politischen Relevanz ernst nimmt und abzubilden sucht.

Weniger kontrovers, genauso gelungen: Hier sind weitere besondere Indiespiele der vergangenen Wochen:

Steamworld Quest: Hand of Gilgamesh - Karten spielen mit Roboterrittern

Das schwedische Studio Image & Form führt seine Steampunk-Roboterwelt von einem originellen Spiel zum anderen: Nach den Metroidvanias Steamworld Dig 1 und 2 und dem Rundentaktikspiel Steamworld Heist geht es in Steamworld Quest nicht nur von der Cartoon-Science-Fiction in Richtung Fantasy, sondern auch das Genre wird gewechselt: Diesmal finden sich die charakteristisch schrägen Roboterhelden in einem waschechten Rollenspiel wieder. Was gleich geblieben ist, ist der Humor: Auch hier gibt es dank schrulliger Charaktere und witziger Dialoge einiges zu lachen.

Ebenfalls unverändert ist die Qualität des gebotenen Gameplays, das sich dieses Mal in unzähligen rundenbasierten Kämpfen per cleverem strategischen Kartenspiel zeigt: Wie im Indie-Hit Slay the Spire kämpfen Spieler mit einer sorgsam zusammengestellten Auswahl an unterschiedlichen Angriffs-, Zauber- und Statuskarten mit viel Taktik und ein wenig Glück gegen ihre Feinde. Humorvoll, hübsch und überraschend komplex: ein Pflichttitel für die Switch. Andere Plattformen sollen folgen.

Erhältlich für Nintendo Switch; rund 17 Euro

Heaven's Vault: Archäologie im Weltraum

Das britische Indie-Studio Inkle hat mit der Sorcery!-Reihe und natürlich 80 Days die moderne Interactive Fiction entscheidend mitgestaltet, mit Heaven's Vault geht es ambitioniert noch einen Schritt weiter: Das in ungewöhnlicher, klarer Cartoongrafik mit 3D-Elementen gestaltete Adventure ist nicht nur in Sachen Setting und Story einzigartig, sondern überrascht auch mit quasi echter Archäologie.

Als Science-Fiction-Archäologin sind Spieler gemeinsam mit einem Roboter auf Planeten, Monden und Kolonien eines bunten Sternennebels auf der Suche nach einem verschollenen Kollegen. Die komplexe Handlung entspinnt sich dabei in unzähligen, sich weit verästelnden Gesprächen und Handlungsentscheidungen.

Zentral ist auch die Entschlüsselung einer uralten Hieroglyphenschrift, und in diesem Gameplay-Element kommen die Tugenden realer Altertumskunde zum Einsatz: Durch logisches Kombinieren und Vergleichen setzt sich Stück für Stück eine faszinierende Geschichte wie ein Puzzle zusammen. Ein ungewöhnliches Spiel und eine absolute Empfehlung für alle, die Freude an narrativen Experimenten haben.

Erhältlich für PS4 und Windows; rund 22 Euro



Imperator Rome und Katana Zero

Die Strategiespezialisten von Paradox sind legendäre Indie-Entwickler und so etwas wie der Goldstandard für anspruchsvolle Grand-Strategy-Spiele. Mit Crusader Kings 2, Europa Universalis und Stellaris haben Fans Millionen von spannenden Spielstunden verbracht - und das ist keine Übertreibung. Mit Imperator Rome erfindet das Studio das Rad nicht neu, sondern versetzt seine traditionell historisch interessierte Spielerschaft in eine interessante Epoche der Antike: Vom vierten Jahrhundert vor Christus an legt es die Geschicke einer von 400 frei wählbaren Nationen in Spielerhände.

Wer sich in die bisherigen Spiele des Studios eingearbeitet hat, findet sich in der komplexen Clausewitz-Engine schnell zurecht. Einsteiger müssen einige Stunden Lehrzeit in Kauf nehmen, werden dafür aber mit dem Zugang zu einer beispiellosen strategischen Spielwelt belohnt. Aktuell fällt die römische Antike im Vergleich zu den jahrelang verfeinerten Titeln der restlichen Paradox-Spiele in Sachen Abwechslung etwas ab, doch die Basis ist ebenso solide wie die Aussicht auf spannenden Nachschub via DLCs - traditionell eine Stärke von Paradox.

Erhältlich für Windows, Mac und Linux; rund 40 Euro

Katana Zero: Pixel-Action mit Story-Tiefgang

Schicke Pixelspiele mit sekundenschnellen blutigen Toden und tollem Soundtrack sind beinahe ein eigenes Indie-Subgenre und Katana Zero behauptet sich auch unter namhafter Konkurrenz: Als Cartoon-Samurai betreten Spieler - dank Rückspulfähigkeit wieder und wieder - Häuser voller tödlicher Gegner und machen mehr oder weniger kurzen Prozess mit ihnen. Zwischen den recht schwierigen Einsätzen wird in kurzen Story-Sequenzen und Dialogen eine mysteriöse Geschichte erzählt, die sich clever mit dem Gameplay verbindet.

Adrenalintreibendes, herausforderndes Action-Gameplay, schicke Präsentation und eine überraschend hintergründige Story verschmelzen in Katana Zero zu einem blutigen, fast makellosen Indie-Action-Kracher. Dass der wilde Ritt nach etwas über vier Stunden auch schon wieder vorbei ist, lässt sich angesichts des Gebotenen durchaus verschmerzen. Klein, schnell, tödlich.

Erhältlich für Windows, Mac und Nintendo Switch; ab 13 Euro

Und sonst?

Noch einmal Pixel-Action, aber atmosphärisch völlig anders: Dark Devotion (Windows, 20 Euro) ist ein düsteres Action-Rollenspiel, das seine Anleihen beim großen Dark Souls nicht verleugnet. Das dementsprechend herausfordernde Spiel französischer Entwickler erfreut mit dichter Atmosphäre im gelungenen Pixel-Look und mixt ein wenig Rogue-like-Progression mit ins Rollenspiel.

Der Totally Accurate Battle Simulator (Early Access, Windows, Mac, 13 Euro), kurz TABS, steht im Gegensatz dazu für den eher heiteren Zugang zur kriegerischen Auseinandersetzung: Im physikbasierten Taktikspiel lassen Spieler absurd animierte Ragdoll-Truppen aus allen möglichen historischen Epochen in hysterisch-komischen Schlachten gegeneinander antreten. Noch im Early Access, aber schon jetzt höchst witzig.  (rs)


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