Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/chat-over-imap-gut-gemeint-ist-leider-nicht-gut-gemacht-1905-141009.html    Veröffentlicht: 06.05.2019 09:05    Kurz-URL: https://glm.io/141009

Chat over IMAP

Gut gemeint ist leider nicht gut gemacht

Ein freies Chat- und Messenger-System, das Nutzer aus den Silos großer Unternehmen wie Facebook befreien soll und trotzdem direkt einsetzbar ist, ist ein fantastisches Versprechen. In der Realität kann das leider nur scheitern.

Mit Apps wie Signal, Telegram und Whatsapp und gibt es eine große Anzahl an Messengern, die nicht kompatibel zueinander sind und Nutzer so in Silos zwängen, wie es das Unternehmen Open Xchange beschreibt. Darüber hinaus sind Nutzer in den meisten Fällen abhängig von einem einzelnen Unternehmen. Die E-Mail-Spezialisten von Open Xchange haben sich dazu eine vielversprechende Alternative überlegt. Diese ist aber leider mit zu vielen Problemen konfrontiert, als dass sie sich tatsächlich durchsetzen könnte.

Die Idee ist einfach und nachvollziehbar: Statt ein neues zentralisiertes System zu erstellen, für das Nutzer einen weiteren Account oder Zugang benötigen, soll das am weitesten verbreitete föderierte Netzwerk weltweit wiederverwendet werden - die E-Mail.

E-Mail im neuen Gewand

Das System könnte also die geschätzten rund 4 Milliarden Menschen mit einem E-Mail-Zugang direkt miteinander verbinden. Die Nutzer benötigen dazu lediglich einen Client, also eine App, aber keinen weiteren Account. Das System könnte ebenso leicht in bereits bestehende und genutzte E-Mail-Clients integriert werden. Außerdem müssen die Anwender keinem neuen Anbieter und dessen Infrastruktur vertrauen, sondern können einfach die bestehenden Angebote oder bereits selbst genutzte Dienste wiederverwenden.

Das Unternehmen Open Xchange ist darüber hinaus nicht nur für die gleichnamige Kollaborationssoftware verantwortlich, sondern hat vor rund vier Jahren auch den Hersteller des freien IMAP-Servers Dovecot übernommen. Je nach Betrachtung und Analyse soll Dovecot für bis zu 70 Prozent des weltweiten E-Mail-Aufkommens genutzt werden.

Passenderweise nennt Open Xchange die Idee Chat over IMAP (COI). Das System soll abwärtskompatibel zu normalen E-Mails sein und erweitert diese lediglich um einige funktionale Header. Diese sollen dem Client wie auch dem Server dabei helfen, die E-Mails wie in einem Messenger aufzubereiten.

Der wichtigste Punkt von COI, das E-Mail-System, ist dabei aber auch der größte Schwachpunkt des Systems. Das zeigt sich an einigen grundsätzlichen Überlegungen und auch an unseren Erfahrungen mit COI, die im Folgenden aufgezeigt werden sollen.

Letztlich gibt es gute Gründe, warum die eingangs aufgeführten Messenger-Dienste die E-Mail in weiten Teilen mittlerweile als Kommunikationsmittel abgelöst haben. Und das liegt bei weitem nicht nur an der Oberfläche für die Nutzer.

E-Mail bleibt unbequem

Zunächst sollte erwähnt werden, dass die Idee selbst nicht neu ist. Mit Delta Chat gibt es schon seit einigen Jahren eine Community, die ein ähnliches Konzept erstellt. Open Xchange erweitert dies aber mit eigener Expertise und auch den entsprechenden finanziellen Mitteln zu einem Standard. Darüber hinaus will das Unternehmen nicht nur mit Delta Chat kooperieren, sondern auch die Hersteller anderer E-Mail-Clients bei der Implementierung von COI unterstützen.

Bei einem Test mit Kollegen im Büro zeigen sich jedoch schnell die Unzulänglichkeiten des COI-Systems, die sich meistens auf die zugrundeliegende Nutzung der E-Mails zurückführen lassen. Die Einrichtung ist dabei noch vergleichsweise einfach, es müssen nur die Zugangsdaten zum IMAP- und SMTP-Server für Empfang und Versand eingegeben werden und dann kann es losgehen.

Mit einigen üblichen Konfigurationen mag das für viele Nutzer noch relativ schnell umsetzbar sein. Sobald aber Hostname, Port oder auch die Einstellungen für die Transportverschlüsselung davon abweichen, wird die Einrichtung schlicht unbequem. Im Vergleich dazu reicht für Messenger wie Signal oder Whatsapp die Telefonnummer des Geräts, auf dem die App installiert ist. Eine erweiterte Konfiguration ist hier im Vergleich zu COI überhaupt nicht vorgesehen.

Kurioserweise funktioniert bei uns die Einrichtung jedoch nur mit Delta Chat. Bei dem hauseigenen Client von Open Xchange, Ox Talk, erhalten wir eine Fehlermeldung über einen nicht erfolgreichen Typecast und wir können uns nicht mal anmelden. Zwar befindet sich Ox Talk offiziell noch in Entwicklung, aber dass nicht einmal der Login der App funktioniert, ist eigentlich schon peinlich.

Verschwundene Nachrichten

Immerhin können wir dann mit Delta Chat wie bei anderen Messengern auch Nachrichten versenden. Doch diese kommen bei dem Kollegen unserer Wahl nicht an. Das Chat-Fenster der App bleibt einfach leer. Uns ist dabei schnell klar, dass das wohl in Zusammenhang mit der Konfiguration des E-Mail-Kontos stehen dürfte und wir durchsuchen unsere IMAP-Ordner.

Für seine Funktionsweise erstellt Delta Chat einen entsprechenden Ordner auf dem genutzten IMAP-Server und sorgt über bestimmte Filter dafür, dass die Nachrichten immer am gleichen Ort ankommen sollen. Gibt es bei einem anderen E-Mail-Client derartige Filter, etwa für die Adressen der Kollegen, kommen die Nachrichten wie bei uns einfach nicht an. Manche der Nachrichten landen darüber hinaus auch direkt im Spam-Ordner.

Das Konzept mit der Ordner-Struktur ist nicht auf Delta Chat beschränkt, sondern soll auch für das standardisierte COI-System genutzt werden. Solche Fehler, bei denen mit Ordnern und Filtern für E-Mail hantiert wird, sind leider symptomatisch für die E-Mail-Technik und sind damit eben auch bei dem Chat-System zu erwarten. Darüber hinaus würde wohl eine Vielzahl von Chatnachrichten den eigenen Posteingang geradezu vollmüllen, solange Nutzer die Chat-App nicht anwerfen, die die Nachrichten dann wegsortiert.

Die verschollenen Nachrichten oder auch ein überquellendes Postfach sind keinesfalls nutzerfreundlich und leider auch nur der Anfang der Probleme, die wir mit dem System haben.

Alte Probleme von E-Mail bleiben erhalten

Zugegeben: Die von uns beschriebenen Probleme bei der Einrichtung sind irgendwann überwunden und wir können uns Nachrichten schreiben, sogar verschlüsselt. Dass COI aber übliche Messenger ersetzen könnte, halten wir dennoch schon allein deshalb für unwahrscheinlich, weil E-Mail nie als Mittel zur Echtzeitkommunikation ausgelegt gewesen ist, sondern stattdessen das Paradebeispiel für asynchrone Kommunikation ist.

Zwar wirken heute Messenger-Apps wie SMS und könnten dementsprechend auch als asynchrone Systeme gelten. Das betrachtet aber eigentlich nur die Übertragungsweise und weniger die tatsächliche Nutzung. Denn in sehr vielen Fällen werden Messenger wie Whatsapp auch als Echtzeit-Chats verwendet, teilweise sogar in größeren Gruppen, und die Dienste sind auch genau dafür ausgelegt.

E-Mail-Server hingegen haben immer mal wieder eine verzögerte Kommunikation, können unter Umständen volllaufen, Nachrichten wegen bestimmter Richtlinien ablehnen oder die Zustellung zumindest verzögern. In einer Gruppenkommunikation mit zum Beispiel 20 Personen an verschiedenen Standorten der Welt und entsprechend unterschiedlichen IMAP-Servern sind Fehler bei der versuchten Echtzeitkommunikation eigentlich vorprogrammiert.

Diese Probleme des föderierten E-Mail-Netzwerkes umgehen heutige Messenger-Systeme üblicherweise durch eine Art Zentralisierung ihrer Backend-Systeme. Für das eigentlich föderierte Chat-System XMPP werden Gruppenchats in der Regel nicht föderiert. Und selbst das noch relativ neue Matrix-System betreibt sehr viel Aufwand, um den Zustand von Gruppenchats in dem föderierten Netzwerk auf dem gleichen Stand zu halten. Dies mit E-Mail-Servern zu erreichen, ist wohl ein enormer Aufwand.

Alte Krypto nicht mehr gut genug

Woran das E-Mail-System aus heutiger Sicht ebenfalls krankt, ist das doch eher veraltete Verschlüsselungssystem PGP. COI benutzt PGP mit dem Autocrypt-Standard, der vor allem die Handhabung und den Austausch von Schlüsseln erleichtern soll. Tatsächlich erhalten wir bei unseren Tests ohne unser Zutun eine verschlüsselte Kommunikation. Wir haben jedoch auch das Problem, dass Microsofts Exchange-Server kaputte PGP/MIME-Nachrichten erzeugt.

Das ist seit Jahren bekannt, verhindert bei uns aber zunächst die verschlüsselte Verwendung von COI über den üblichen Server. Um dieses Problem zu lösen, hilft nur ein anderer SMTP-Server. Viele Nutzer sind spätestens bei solchen Fehlern mit dem neuen Chat-Systems auf Basis von E-Mail wohl hemmungslos überfordert.

Hinzu kommt, dass PGP keinerlei Technik für Perfect Forward Secrecy bietet. Ebenso ist keine Abstreitbarkeit gegeben. Diese beiden Techniken gehören aber zu den wohl wichtigsten Prinzipien des Signal-Protokolls, das zusätzlich zur namensgebenden App auch in einem Messenger wie Whatsapp und anderen zum Einsatz kommt.

Auch wenn die Idee zur Wiederverwendung von E-Mails als Messenger durchaus seinen Reiz hat, wie wir eingangs erwähnt haben, könnten wir die hier schon lange Liste an tatsächlichen und möglichen weiteren Problemen wohl ohne weiteres fortsetzen. So kann das System keine Alternative zu bestehende Lösungen werden. Dazu ist COI einfach nicht gut genug.  (sg)


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