Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/the-orville-staffel-2-weniger-family-guy-mehr-tiefe-1905-141008.html    Veröffentlicht: 03.05.2019 09:01    Kurz-URL: https://glm.io/141008

The Orville Staffel 2

Weniger Family Guy, mehr Tiefe

In der zweiten Staffel seiner Science-Fiction-Serie The Orville übertüncht Seth MacFarlane das hervorragende Storytelling nicht mehr mit Pimmelwitzchen aus der Grundschule. Dadurch zeigt die Serie viel besser, was in ihr steckt. Achtung, Spoiler!

Achtung! Wir schreiben in dieser Rezension so wenig wie möglich über die allgemeine Handlung der zweiten Staffel von The Orville, aber ganz ohne Spoiler geht es nicht. Wer gar nichts wissen möchte, bevor er die neuen Folgen selbst schaut, sollte ab hier nicht mehr weiterlesen.

Seth MacFarlane ist nicht nur der Erfinder der mitunter sehr pubertären Serien Family Guy und American Dad sowie Regisseur der Ted-Filmreihe um einen versoffenen Teddybären, sondern auch Star-Trek-Fan. Diese Leidenschaft lebt er seit 2017 in seiner Serie The Orville aus, in der eine Crew mit ihrem Raumschiff reihenweise Abenteuer erlebt.

Am 25. April 2019 lief die letzte Folge der zweiten Staffel der Serie in den USA im Fernsehen, die gesamte Staffel ist in Deutschland bei Amazon als Kauftitel erhältlich (Englisch mit deutschen Untertiteln). Wir haben sie uns angesehen und finden: Die 35 Euro für 14 Folgen lohnen sich durchaus: MacFarlane fokussiert sich in der zweiten Staffel viel mehr auf die sehr guten Inhalte und deutlich weniger auf Pimmelwitzchen. Dadurch kommt die große Stärke von The Orville viel besser zutage: hervorragendes Storytelling und eine gute Einbindung der verschiedenen Charaktere in die Geschichte.

Dass MacFarlane gute Science-Fiction-Geschichten in klassischer Star-Trek-Manier erzählen kann - also in sich abgeschlossene Folgen, die keinem staffelübergreifenden roten Faden folgen -, hat der Produzent bereits in der ersten Staffel von The Orville gezeigt. Die zweite Staffel wirkt viel gereifter, im positiven Sinn: Anstatt auf einen schnellen Lacher zu setzen, bindet MacFarlane lieber brandaktuelle Themen wie Geschlechterrollen, Gleichberechtigung, die Auswirkung wirtschaftlicher Verbindungen auf politische Entscheidungen oder auch Impfverweigerung in seine Serie ein.

The Orville bleibt dabei jedoch auch eine Serie, die Zuschauer zum Lachen bringt - etwa wenn Lieutenant Malloy Bortus Styling-Tipps gibt oder Captain Mercer in bekannter Manier auf dem Schlauch steht. Auch das "Jar of Pickles" (Gurkenglas) aus der ersten Staffel hat einen Auftritt. Die Serie erhält sich auch in der zweiten Staffel eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit ernsten Themen, der Humor ist aber wesentlich feiner als in der ersten Staffel - vielleicht einmal abgesehen von der ersten Folge, die mit ihrem Pipi-Thema noch stärker auf derben Humor setzt.

Starke Themensetzung, weniger alberner Humor

Auch in der ersten Staffel gab es bereits hervorragende Geschichten, tolle Wortspiele sowie subtile Anspielungen, die aber viel zu häufig durch oftmals viel zu lange Fäkalhumorsequenzen in den Schatten gestellt wurden. Nichts gegen Fäkalhumor, der durchaus lustig sein kann - wie bei den meisten Dingen kommt es dabei allerdings auf die Dosis an. Das Gleichgewicht aus subtilem Humor, derben Witzen und guten Geschichten hat MacFarlane in der ersten Staffel von The Orville nicht immer getroffen; so wäre die Folge "Majority Rule", in der es um den Einfluss sozialer Netzwerke auf die Gesellschaft geht, auch dann noch eindrucksvoll gewesen, wenn Lieutenant Lamarr wegen etwas anderem als der Kopulation mit einer Statue verhaftet worden wäre.

In der neuen Staffel lenken derartige Einzelheiten nicht von den guten Geschichten ab, gleichzeitig wird die Serie aber auch nicht zu ernst. Durch das bessere Gleichgewicht bietet sich viel mehr Raum für die lohnenswerten Storys, die MacFarlane zu erzählen hat - etwa, wenn sich Lieutenant Malloy in einer derartigen Drolligkeit in eine Simulation einer seit 400 Jahren toten Erdenbewohnerin verliebt, dass man ihn regelrecht bemitleidet. Das Thema Gleichberechtigung zieht sich wie ein roter Faden durch die Staffel und wird unter anderem in wiederkehrender Weise anhand der Rasse der Moclaner aufgegriffen, die Frauen als minderwertig ansehen.

Die Moclaner entwickeln sich in Staffel 2 zum regelrechten Problem für die Planetenunion, hier spannt MacFarlane einen weiteren Bogen zu aktuellen politischen Problemen: Die Rasse ist wirtschaftlich von strategischem Interesse für die Union, hängt aber einem archaischen und frauenverachtenden Weltbild an. Es ist nicht schwer, im realen Leben Äquivalente für derartige politischen Beziehungen zu finden, die MacFarlane durch die Aussagen seiner Figur Ed Mercer in der Serie stark kritisiert. Auch in den Verhandlungen mit den Krill um einen Erdenbürger lässt MacFarlane durchscheinen, wie sehr ihn das Beugen von Prinzipien zwecks politischer Kämpfe stört.

Gegenwartskritik à la Raumschiff Enterprise

Mit dieser Themensetzung setzt MacFarlane die Tradition früherer Star-Trek-Serien fort, die insbesondere in der Frühzeit des Franchises immer wieder aktuelle gesellschaftliche Probleme kritisiert haben. Zu nennen ist beispielsweise der Kuss zwischen Captain Kirk und Lieutenant Uhura in Raumschiff Enterprise, dem ersten Kuss zwischen einem weißen Schauspieler und einer farbigen Schauspielerin im US-Fernsehen - zu einer Zeit, in der das Land von Rassenunruhen erschüttert wurde. Einen derartigen Gegenwartsbezug hat das Star-Trek-Franchise mittlerweile zugunsten eines eher actionlastigen Erzählstils aufgegeben, was nicht zwingenderweise schlecht sein muss, wie unsere Rezension der zweiten Staffel von Star Trek: Discovery zeigt.

Star Trek: Discovery hat die thematisch abgeschlossenen Einzelepisoden vergangener Star-Trek-Serien gegen einen staffelübergreifenden Plot eingetauscht. Dadurch geht der gewisse Grundcharakter, den jede vorige Star-Trek-Serie hatte, verloren, was auch einer der Gründe sein dürfte, weswegen manche alteingesessenen Fans mit der neuen Serie nicht warm werden. The Orville bedient die Vorliebe nach in sich abgeschlossenen Geschichten, die höchsten zwei Folgen umspannen. Auch das könnte die Serie für manchen Trekkie so interessant machen - neben all den anderen Parallelen zum Star-Trek-Universum wie der Planetenunion, verschiedenen Rassen und dem Look der Raumschiffe. Auch ehemaligen Star-Trek-Stars scheint MacFarlanes Projekt zu gefallen, wie zahlreiche Gastrollen in der zweiten Staffel zeigen.

Einen Vergleich mit Star Trek hat The Orville aber eigentlich gar nicht nötig. Die Serie hat mit der zweiten Staffel genug eigenständigen Charakter gewonnen und stellenweise eine thematische Tiefe erreicht, die sogar der Star-Trek-Klassiker Next Generation nicht hatte. Die Masken und Spezialeffekte sind zudem durchweg auf hohem Niveau. Nach der zweiten Staffel von The Orville bleibt zu hoffen, dass der Sender Fox das Potenzial der Serie erkennt und sie in eine dritte Staffel führt - insbesondere beim Saisonfinale zeigt Seth MacFarlane, dass ihm die Ideen noch lange nicht ausgegangen sind.  (tk)


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