Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elektromobilitaet-das-eigene-auto-elektrifizieren-1905-140942.html    Veröffentlicht: 27.05.2019 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/140942

Elektromobilität

Das eigene Auto elektrifizieren

Ambitionierte Bastler bauen Autos mit Verbrennungsmotor zu Elektrofahrzeugen um. Mit den richtigen Bauteilen, fachlicher Anleitung und etwas handwerklichem Geschick gelingen sowohl Umbau als auch TÜV-Abnahme.

Nach der Winterpause mit dem Old- oder Youngtimer spontan losfahren, das funktioniert meist nicht. Filter müssen gereinigt, Öl muss gewechselt werden. Der gefüllte Tank hat Rost angesetzt und Dichtungen müssen ausgetauscht werden. Der Motor sollte erst mal warmlaufen, und bei all dem Aufwand fahren die stolzen Besitzer dann nur kurze Strecken mit ihren Lieblingsstücken.

Heiko Fleck zieht in seiner Garage im bayerischen Pfarrkirchen den Stecker aus dem Fiat 500. Der Kleinwagen ist Baujahr 1970 - und fährt elektrisch. Fleck ist begeisterter Handwerker, sein Steckenpferd sind Elektromotor und Akku. "Den Fiat nutze ich fast täglich, wenn ich allein unterwegs bin", sagt Fleck. Wenn die komplette Familie mit dabei ist, nutzt er einen roten Kleinbus - natürlich auch mit E-Antrieb.

Inzwischen bieten etliche Autohersteller und Fachbetriebe Umrüstungen für Verbrenner an. Fleck war einmal Teilhaber eines solchen Betriebes, doch heute konzentriert er sich auf den Versand von Bauteilen und Anleitungen im Videoformat.

Anfahren im dritten Gang

Über 100 Kunden haben damit bereits Fahrzeuge umgebaut. Fleck selbst hat rund 20 Autos umgerüstet und weiß, worauf es ankommt. Für den neuen Antrieb eignen sich vor allem Fahrzeugmodelle mit manueller Gangschaltung. Ein Automatikgetriebe anzuschließen, ist komplexer, funktioniert aber vor allem bei älteren Baujahren ebenfalls. Je neuer die Fahrzeuge, desto mehr Steuergeräte sind für Sicherheits- und Assistenzfunktionen verbaut. Dinge wie beispielsweise die Antriebsschlupfregelung (ASR) oder das elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) verkomplizieren den Umbau.

Nur beim Anfahren muss man sich ein wenig umgewöhnen. "Mit dem Bus fahre ich im dritten Gang an, weil der Elektromotor gleich das volle Drehmoment liefert", sagt Fleck. Den Motor hat er über einen Adapter an das vorhandene Getriebe angeschlossen. Somit nutzt er weiterhin die gewohnte Gangschaltung. "Wobei ich die in der Stadt nie benötige, höchstens mal bei Autobahnfahrten", sagt der 49-Jährige. Dort bringt es der Bus bis auf 150 km/h.

Für den Ausbau des alten Motors und den Einbau von Akku, Kontroller, Batteriemanagementsystem und Elektromotor sollte man etwas handwerkliches Geschick mitbringen. "Mit einem Trennschleifer und einem Schweißgerät umgehen zu können, hilft enorm", sagt Fleck, der Maschinenbau studiert hat.

Natürlich sollte der ambitionierte Bastler auch etwas von Elektrotechnik verstehen.

Der TÜV prüft das Auto

Während Autohersteller in ihren Elektroautos auf 400-Volt-Systeme setzen, arbeitet Fleck mit Spannungen zwischen 48 und 96 Volt. Alle Kabel, die mehr als 60 Volt transportieren, müssen orange sein. Die Sets aus seinem Online-Shop sind EMV-geprüft - die Abkürzung steht für elektromagnetische Verträglichkeit.

Das Magnetfeld kann nach dem Umbau nicht nur hörbare Auswirkungen auf das Handy und Radio haben, sondern auch auf den Organismus der Insassen. Darum dürfen Grenzwerte für elektromagnetische Feldstärken nicht überschritten werden. Mit den EMV-geprüften Bauteilen vermeidet der Fahrzeughalter eine erneute Feldprüfung.

Die Reichweite nach dem Umbau liegt in der Regel bei rund 100 Kilometern. Bei mehr würde das Gewicht der Batterien zu groß, und das umgebaute Fahrzeug darf sein zulässiges Gesamtgewicht nicht überschreiten. Auch auf ausreichend Bodenfreiheit sollte man beim Umbau achten. Das Akkupaket darf bei Fahrten über Bodenwellen oder Temposchwellen nicht aufsetzen.

Das Auto bekommt ein Display für das Akkumanagement

Bei der Zellchemie setzt Fleck aus Sicherheitsgründen auf Lithium-Eisenphosphat, die Batterien werden als LiFePO4 oder LFP bezeichnet. Selbst bei gewaltsam zugefügten Kurzschlüssen reagiert die Zelle nicht mit Bränden oder entwickelt hohe Temperaturen. Das mitgelieferte Batteriemanagementsystem (BMS) überwacht später Temperatur und Ladezustand. Beides wird im Fahrzeug auf einem Display angezeigt.

Wichtig ist, dass die Akkumodule in einer wasserdicht abgeschlossenen Kiste aus Aluminium untergebracht sind, deren Wände mindestens drei Millimeter dick sind. Diese Kiste muss über eine Lüftung zur Wärmeableitung verfügen. Zusätzlich ist ein Potenzialausgleich vorgesehen, also eine Erdung an der Karosserie. Auf diesen Schutzleiter wird später der TÜV-Prüfer sein Augenmerk richten.

Die Prüfer achten laut Fleck vor allem auf saubere Verarbeitung. "Da sollte kein Bauteil mit Klebeband oder Spanngurten befestigt sein", sagt er. Das E-Auto darf die im Fahrzeugschein zugelassene Höchstgeschwindigkeit nicht überschreiten, Gleiches gilt für die Nenndrehzahl des Motors. Der TÜV schaut auch, ob der Bremskraftverstärker und die Lüftung im Innenraum funktionieren. Da geht es nicht um Komfort, sondern um eine beschlagfreie Frontscheibe. Auch den Nachweis der EMV-Prüfung möchte der Prüfer sehen.

Oldtimer-Bauteile sind gefragt

Stoßen Flecks Kunden beim Umbau auf Schwierigkeiten, betrifft es in der Regel Einstellungen im Kontroller oder im Batteriemanagementsystem. Dazu hat Fleck Videos gedreht, die er seinen Kunden zur Verfügung stellt. Für einen Umbau sollte man je nach Fahrzeug zwischen 10.000 und 30.000 Euro einplanen.

Wer einen besonders begehrten Oldtimer umrüstet, kann den Umbau - zumindest teilweise - mit Verbrennerteilen refinanzieren. Peter Schubert aus Wien erhielt rund 5.000 Euro für den gut erhaltenen Motor und die Abgasanlage seines Triumph TR 6, denn die Bauteile waren auf dem Oldtimer-Markt gefragt. Der Architekt nutzt den elektrischen Roadster für seine täglichen Fahrten durch die österreichische Hauptstadt, wie er im Umbau-Video von Ecario schildert.

Wer nach Inspiration sucht, welche Modelle sich für eine E-Umrüstung eignen, findet im EV-Album über 4.500 umgerüstete Fahrzeuge aus aller Welt. Das reicht vom Trabant 601 (1976) über einen Volkswagen Iltis (1979) bis zu Schuberts Triumph TR 6 (1972). Fleck denkt derzeit darüber nach, Solarzellen auf dem Dach seines Kleinbusses zu montieren: "Das brächte noch mal 30 bis 40 Kilometer Reichweite, wenn der Wagen den Tag über draußen steht."  (dku)


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