Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/recycling-die-plastikfischer-1905-140894.html    Veröffentlicht: 17.05.2019 10:13    Kurz-URL: https://glm.io/140894

Recycling

Die Plastikfischer

Millionen Tonnen Kunststoff landen jedes Jahr im Meer. Müllschlucker, die das Material einsammeln, sind bislang wenig erfolgreich. Eine schwimmende Recycling-Fabrik, die die wichtigsten Häfen anläuft, könnte helfen, das Problem zu lösen.

Plastik. Plastik. Plastik. Im Gebüsch. Im Straßengraben. Im Fluss. Die Menschheit, schätzen Experten, produziert jedes Jahr mehr als 300 Millionen Tonnen Kunststoffe. Vieles davon ist schnell Abfall. Was sollen die Menschen damit tun?

"Ohne funktionierende Abfallentsorgungssysteme wissen sie nicht, wie und wo sie ihren Müll loswerden sollen", sagt Martin Wittmaier, Geschäftsführer des Instituts für Energie und Kreislaufwirtschaft an der Hochschule Bremen. Also landet der Abfall vielerorts einfach im Straßengraben. Regnet es, wird er über die Flüsse ins Meer gespült.

Fachleute sagen, dass so jedes Jahr rund zehn Millionen Tonnen Müll in die Ozeane gelangen. Meeresbiologen wissen um die Gefahr: Vögel, Wale, Schildkröten und andere Ozeanbewohner sterben qualvoll, weil sie sich in Kunststoffteilen verheddern, sich damit strangulieren oder sie verschlucken. Selbst in den Fischen und Meeresfrüchten, die wir essen, findet sich Mikroplastik.

Gegen den Müll in den Ozeanen gibt es mittlerweile einige ehrgeizige Projekte. Sie wollen mit gigantischen Rechen, Schwimmbojen oder Netzen das Meer vom Plastik befreien.

The Ocean Cleanup ist das wohl prominenteste Projekt. Der Niederländer Boyan Slat ließ vergangenen September vor Kalifornien einen 600 Meter langen Plastikschlauch zu Wasser. An diesem Schlauch hängt ein drei Meter langer Vorhang. Der Meeresmüllfänger treibt mit der Strömung im Meer und sammelt den Müll an der Oberfläche ein - das zumindest war der Plan. Eigentlich sollte er ein Jahr lang im Pazifik sein, wegen eines Defekts musste er jedoch schon nach drei Monaten zurück in den Hafen. Zudem konnte er das eingesammelte Plastik nicht festhalten. Nun wird das System modifiziert.

Während Slat repariert, plant die deutsche Architektin Marcela Hansch mit ihrem Team einen eigenen Meeresstaubsauger: Pacific Garbage Screening soll 400 mal 400 Meter groß werden und bis zu 35 Meter tief unter dem Wasserspiegel nach Plastik fischen. Dort beruhigen Kanäle die Strömung, so dass das leichte Plastik nach oben steigen und abgeschöpft werden kann. Vom Bau ist der Gigant noch weit entfernt.

Zunächst wollten die Aachener ihr System auf dem offenen Meer installieren, mittlerweile liegen aber Flussmündungen im Fokus.

Rohstoff Kunststoff

Der Grund dafür: "Flüsse sind die größte Quelle für den Mülleintrag ins Meer", sagt Hansch. "Wenn wir also langfristig die Meere säubern wollen, müssen wir verhindern, dass das Plastik erst hineingelangen kann." Die Aachener haben sich zum Ziel gesetzt, in drei bis fünf Jahren ein erstes Testmodell entwickelt zu haben. In dieser Zeit gilt es, die Bauweise an die veränderten Voraussetzungen in Flussmündungen anzupassen.

Ein weiteres Beispiel ist der schwimmende Mülleimer Seabin aus Australien. Er wird in Häfen installiert und saugt an der Oberfläche schwimmenden Abfall ein. Rund 700 Systeme seien bislang installiert, 5.000 seien bestellt. Jede Mülltonne könne pro Tag etwa 1,5 Kilogramm einsammeln.

Der Chemiker und Verfahrenstechniker Michael Braungart hält von all den Ansätzen nicht allzu viel. "Das Dumme ist: Wenn man die falschen Dinge perfekt macht, hat man sie perfekt falsch gemacht." Man müsse den Fokus von Anfang an auf anderes legen, sagt Braungart. "Ich kann an Land und vor allem am Strand viel einfacher und kostengünstiger viel mehr Müll einsammeln als auf See."

Das sieht der Bremer Forscher Wittmaier ähnlich. Schließlich seien die allermeisten Plastikpartikel im Meer viel zu klein, um sie herauszufischen. Stichwort: Mikroplastik. Zudem, sagt er, schwämmen die wenigsten an der Oberfläche, sie trieben in der Wassersäule verteilt. Der Aufwand, den man betreiben müsse, um nennenswerte Mengen aus dem Meer zu sieben, stünde in keinem Verhältnis zum Erfolg.

Viel wichtiger sei es, den Eintrag an Kunststoffabfall in die Meere zu reduzieren. Wittmaier und Schiffbauexperten vom Hamburger Maritim-Unternehmen Technolog haben deshalb eine eigene Lösung ersonnen: Eine schwimmende Recyclingfabrik, die entlang der Küsten kreuzt und die Menschen animiert, das Plastik an Land zu sammeln - weil sie Geld dafür bekommen. Der Name des Projekts ist Programm: "KuWert" - Kunststoff und Wertschöpfung.

Recyceltes Plastik ist ein gefragter Rohstoff, für den es gutes Geld gibt. "600 bis 1.000 Euro je Tonne", sagt Wittmaier. Aber nur, wenn er sauber und gut aufbereitet ist. "Plastik, das seit Jahren im Salzwasser schwimmt, stark verschmutzt ist und vom Sonnenlicht malträtiert wurde, ist unbrauchbar und nur noch thermisch verwertbar", sagt Wittmaier.

Doch warum baut man solch eine Fabrik nicht an Land?

Eine schwimmende Fabrik

In vielen wenig entwickelten Ländern sei das auf Grund der instabilen politischen Lage kaum möglich, sagen die Experten. Zudem seien die Wertstoffströme zu gering. Das geplante Schiff decke einen viel größeren Bereich ab. Es könnte regelmäßig die 18 wichtigsten Häfen entlang der afrikanischen Westküste ansteuern - eine Region so groß wie Europa.

So ein Fabrikschiff muss groß sein und ruhig in der See liegen, damit keiner der Arbeiter seekrank wird. "Ein gewöhnlicher Rumpf kam daher nicht in Frage", erklärt Technolog-Projektleiter Christoph Rasewsky. Das Recyclingschiff ist deshalb als Halbtaucher ausgelegt. Die 80 mal 125 Meter große Plattform schwimmt ähnlich wie ein Katamaran auf zwei gigantischen Rümpfen und bietet den Wellen im halb abgetauchtem Zustand nur wenig Angriffsfläche.

Wenn sie erst einmal gebaut ist, unterscheidet sich die schwimmende Fabrik kaum von einer an Land: Lagerflächen, Förderbänder, Ballenpressen, Zerkleinerer, Sortier- und Waschanlagen, Kräne sowie ein Extruder zur Verarbeitung von Recycling-Kunststoffen. Am Ende purzelt sogenanntes Regranulat aus der Anlage. Das kann dann später zu neuen Kunststoffprodukten verarbeitet werden.

64.000 Tonnen soll das Schiff im Jahr verwerten können. Das ist zwar nur ein Bruchteil der Gesamtmenge, die alljährlich ins Meer gelangt, doch Afrikas Westküste soll ja auch nur der Anfang sein. Recyclingschiffe könnten genauso vor Asien, in der Südsee oder vor Indien aufkreuzen.

Das Geschäftsmodell ist letztlich überall das gleiche: Rohmaterial wird für rund zehn Millionen Euro angekauft, das Regranulat bringt auf dem Markt etwa 40 Millionen. Es ist das Kapital des Schiffs. Das Geschäftsmodell funktioniere allein über die Wertschöpfung aus dem Verkauf der hochwertigen Recyclate, sagt Wittmaier.

Doch bislang ist auch das Recyclingschiff nur eine kühne Idee, die von der Realisierung noch weit entfernt ist. Recyclingexperte Michael Braungart ist auch hier skeptisch. Die ideale Lösung sieht in seinen Augen ganz anders aus: "Produkte so designen, dass sie sich einfach recyceln lassen."  (dha)


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