Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/days-gone-im-test-postapokalyptische-rocker-romantik-1904-140883.html    Veröffentlicht: 25.04.2019 14:01    Kurz-URL: https://glm.io/140883

Days Gone im Test

Postapokalyptische Rocker-Romantik

Ein Mann und sein Motorrad stehen im Mittelpunkt, dazu kommt das weitgehend von Untoten und Banditen beherrschte Oregon: Das gelungene, aber nicht großartige Days Gone schickt uns auf der Playstation 4 in eine zerstörte Welt.

Verdammt, der Benzintank ist leer! Gerade haben wir uns noch gefreut, dass wir mit dem Motorrad so elegant an ein paar Untoten vorbei zirkeln konnten, da sitzen wir mitten im Nirgendwo auf dem Trockenen - und hören ganz in der Nähe das Schnauben eines Zombies. Solche Überraschungen sind durchaus typisch für Days Gone: Das nur für die Playstation 4 erhältliche Actionspiel schickt uns als Biker in eine endzeitliche Welt, die von Infizierten beherrscht wird.

Wir sind als Deacon St. John - Freunde nennen uns Deac - im Bundesstaat Oregon unterwegs und rumpeln ähnlich wie in Far Cry über frei zugängliche Hügellandschaften, durch herbstlich anmutende Wälder und ab und zu auch mal durch staubige Flussbetten. Warum wir dort so viele Untote treffen und was überhaupt mit der Welt passiert ist, erfahren wir erst im Verlauf der Handlung.

Nach und nach finden wir auch heraus, was die Wissenschaftler der Gemeinorganisation Nero mit der Katastrophe zu tun haben. Ein weiterer Teil der Story dreht sich um unsere verstorbene Frau Sarah. Die Geschichte wird innerhalb der rund 25 bis 30 Stunden langen Hauptkampagne aufwendig und gekonnt mit vielen Zwischensequenzen direkt in der Engine erzählt, sie ist eine der großen Stärken des Spiels.

Neben der Haupthandlung können wir in der Welt von Days Gone auch jede Menge Nebenmissionen absolvieren. Überhaupt sind wir normalerweise als Kopfgeldjäger zusammen mit unserem Kumpel Boozer unterwegs, um Aufträge für eine der in Lagern verbarrikadierten menschlichen Fraktionen zu absolvieren. Die Haupt- und Nebenquests sind teilweise sehr lang, aber in überschaubare Häppchen unterteilt, so dass wir im Journal fast jederzeit die Mission wechseln können.

Meist geht es darum, mit dem Motorrad etwas abzuholen, etwas wegzubringen oder Untote zu erledigen. Grundsätzlich können wir uns im virtuellen Oregon frei in der Landschaft bewegen. Im Normalfall folgen wir aber einfach der gelben Markierung auf der kleinen Mini-Map am Bildschirmrand - oder in einer der zahlreichen Verfolgungsjagden einem Gegner.

Wenn wir zu Fuß unterwegs sind, müssen wir uns mehr oder weniger intensive Kämpfe mit Zombies und Banditen liefern. Die meisten Untoten werden für uns erst zur Gefahr, wenn sie in großen Horden angreifen - das ist erst etwas später im Spiel der Fall und dann gleich ein Großereignis. Die normalen Zombies am Wegesrand können wir entweder ignorieren oder sie mit etwas Glück von hinten angreifen. Dann müssen wir nur im richtigen Moment das grüne Dreieck drücken, den Rest erledigt Deacon mit dem unzerstörbaren Messer in teils sehr blutigen Animationssequenzen.

Neben vielen Scharmützeln gibt es in Days Gone aber auch groß angelegte und spannend inszenierte Gefechte, meist als Teil von Hauptmissionen. Beispielsweise müssen wir in einem Dörfchen schwer bewaffnete Kultisten ausschalten. Uns hat das Spaß gemacht, weil es halbwegs viele Möglichkeiten gibt: Wir können schleichen und so einen Feind nach dem anderen ausschalten, ihn mit dem Scharfschützengewehr aus großer Distanz attackieren - oder die Aufmerksamkeit auf uns lenken, an einem Öltank vorbeilaufen und ihn dann mit gezielten Schüssen im richtigen Moment mitsamt den Gegnern in die Luft jagen!

Die KI macht keinen sehr fortgeschrittenen Eindruck, sie stört im Normalfall aber auch nicht. Feinde verfolgen uns einigermaßen konzentriert, nur selten sind uns wirre Aktionen in den offenen Umgebungen aufgefallen - trotzdem ist es manchmal vorgekommen, dass sich einer der vielen Spezialgegner so in einer Ecke festgeklemmt hat, dass wir ihn in aller Ruhe ausschalten konnten.

Verfügbarkeit und Fazit

Es gibt noch eine weitere Herausforderung in Days Gone: Wir haben eigentlich immer zu wenig Munition und sonstige Ausrüstung. Vor allem auf einen Mangel an Kugeln müssen wir uns in jedem der drei Schwierigkeitsgrade einstellen - das Klacken eines leeren Magazins haben wir leider auch in großen Kämpfen immer wieder gehört. Eine Alternative ist der Nahkampf, in dem wir die Gegner mit dem Baseballschläger oder zur Not mit einem Tischbein angreifen.

Allerdings nutzen sich derartige Gegenstände sehr schnell ab und müssen ersetzt werden. Im Talentbaum können wir zwar früh die Fähigkeiten aktivieren, sie zu reparieren. Dazu benötigen wir aber Schrott, das wir mit viel Glück einem der überall herumstehenden Autowracks entnehmen - allerdings ist Schrott stellenweise ebenso rar wie die Munition.

Neben den Ressourcen für Waffen gibt es noch sehr viel mehr zu sammeln: Wir müssen uns um Lumpen und weiteres Zubehör für Verbände und Medizin kümmern, und können später spezielle Tränke brauen, etwa um unsere Konzentration bei der Verwendung des Scharfschützengewehrs zu erhöhen.

Technische Grundlage für Days Gone ist die laut den Entwicklern stark erweitere Unreal Engine 4. Es gibt sehenswerte Tag- und Nachtwechsel sowie dynamische Wettereffekte (mit viel Regen). Die Welt wirkt liebevoll aufgebaut, die Figuren und die Zwischensequenzen sind sehr sauber animiert. Ganz so schön wie aktuelle Vorzeigetitel sieht das Ganze aber nicht aus, Texturen und Lichteffekte wirken stellenweise etwas künstlich.

Days Gone erscheint am 26. April 2019 nur für Playstation 4 (die Entwickler Bend Studio gehören Sony). Die PS4 Pro unterstützt 4K-Bildschirme per Checkerboard-Rendering, sonst gibt es keinen Unterschied zur Standardkonsole. Beide Geräte bieten eine stabile Bildrate von 30 fps und leider teils recht lange Ladezeiten - sonst sind uns allerdings keine nennenswerten technischen Probleme aufgefallen. Einen Multiplayermodus gibt es ebensowenig wie Mikrotransaktionen.

Im Juni 2019 soll als kostenloser Download ein weiterer Schwierigkeitsgrad namens Überlebensmodus erscheinen. Darin werden Komfortfunktionen wie Schnellreisen, die Überlebenssicht sowie sämtliche Bildschirmanzeigen inklusive der Mini-Karte gestrichen. Days Gone bietet eine gute deutsche Sprachausgabe, vor allem die Stimme von Deacon finden wir prima ausgewählt. Wer mag, kann auch die englische Tonspur auswählen. Ärgerlich: Untertitel und sonstige Bildschirmschriften sind sehr klein, oft konnten wir Details auf normale Entfernung kaum entziffern. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 18 Jahre erhalten.

Fazit

Bei Days Gone ist es der alltägliche Heldenkram, der uns immer wieder länger als geplant spielen lässt. Mal wollen wir noch einen Stufenaufstieg schaffen, dann einen Missionsabschnitt beenden oder das letzte Nest der Untoten zerstören. Die Abenteuer von Deacon St. John spielen sich erstaunlich kleinteilig für ein Abenteuer in einer offenen Welt. Das ist gar nicht so negativ gemeint, wie es möglicherweise klingt - man muss sich eben nur darauf einstellen, dass es trotz Apokalypse selten episch zugeht.

Teilweise nervt es aber auch, ständig nach Schrott und anderen Rohstoffen suchen zu müssen. Wir haben in Days Gone inzwischen vermutlich mehr Autokofferräume durchsucht als im echten Leben. Auch die Kämpfe gegen Standardzombies und das regelmäßige Reparieren unserer Ausrüstung sind auf Dauer eher anstrengend denn angenehm. Zum Glück gibt es aber auch spannende Kämpfe, in denen schnelle Reflexe und taktisches Geschick beim Anschleichen an Feinde gefragt sind.

Days Gone erreicht nicht die Klasse von Uncharted, The Last of Us oder von anderen Exklusivspielen von Sony. Dennoch haben uns die relativ entspannte Atmosphäre, die interessante Handlung sowie Verfolgungsjagden und Feuergefechte so gut gefallen, dass wir gerne noch die ein oder andere Motorradtour unternehmen.  (ps)


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