Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/neue-kaiseraera-in-japan-das-jahr-1-problem-1904-140875.html    Veröffentlicht: 29.04.2019 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/140875

Neue Kaiserära in Japan

Das Jahr-1-Problem

Wenn in Japan mit dem 1. Mai der Kaiser wechselt, ändert sich auch die Zeitrechnung: Die Kalender springen zurück auf das Jahr 1. Das beschäftigt nicht nur die Gesellschaft, sondern auch IT-Abteilungen. Es gibt Angst vor Bugs und Datenverlust.

Voller Freude müsste ganz Japan auf den nahenden Übergang blicken. Immerhin wird die Inthronisierung von Kaiser Naruhito am Mittwoch von einer Aneinanderreihung von Feiertagen begleitet. Angestellten beschert dies eineinhalb Wochen Freizeit, so dass auch diejenigen etwas davon haben, die sich für ihre Monarchie kaum interessieren. Hochzeitsplaner freuen sich über zahlreiche Buchungen, die Inlandstourismusbranche brummt vor Hotelanfragen. Doch nicht alle können es sich dieser Tage gutgehen lassen.

Vielerorts in Japan ist die Stimmung eine ganz andere. IT-Experten hauen in die Tasten, schwitzen, testen, verwerfen, testen erneut, schwitzen noch mehr. Während das Land nämlich an der Oberfläche den Übergang der ältesten ununterbrochenen Monarchie der Welt auf ihren nächsten Würdenträger feiert, wird im Hintergrund daran gearbeitet, dass genau dies nicht gleichzeitig zu einem Kollaps führt. Unter japanischen Programmierern geht die Angst vor einer Art neuem Y2K-Bug um, also jenem Computerproblem, das um die Jahrtausendwende wegen der anstehenden Datumsumstellungen auf diversen Rechnern einen Zusammenbruch befürchten ließ. Etwas Ähnliches ist nun in Japan Anlass zur Sorge.

Neue Ära trägt den Titel "Verordneter Frieden"

Die Gefahr kommt durch das Festhalten an Tradition. Seit rund 1.400 Jahren wird in Japan jede Kaiserregentschaft mit einer neuen Herrschaftsdevise begleitet. Der Begriff dabei ist nicht nur namensgebend für den Kaiser selbst, sondern für die gesamte Zeitrechnung im Land. So ist die Ära des noch bis zum 30. April 2019 amtierenden Akihito mit Heisei betitelt (Deutsch: Frieden überall, 1989-2019), an dessen Vater Hirohito erinnert man sich als Showa-Kaiser (Erleuchteter Frieden, 1926-1989). Wenn Naruhito am 1. Mai 2019 den Thron besteigt, wird das Jahr 1 der Reiwa-Ära eingeläutet.

Der Name Reiwa, der sich einerseits mit Guter Frieden, vor allem aber auch mit Verordneter Frieden übersetzen lässt, wird von Kritikern auch als nationalistisch angesehen. Schließlich will der seit 2012 regierende Premierminister Shinzo Abe, der durch ein von seiner Regierung berufenes Expertengremium die Namensfindung maßgeblich beeinflusst hat, Japans pazifistische Verfassung umschreiben. So soll dem Land seit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg erstmals das Recht zurückgegeben werden, Krieg zu führen. Gegner Abes erkennen im ersten Teil des Äranamens Reiwa dessen manchmal harschen Politikstil und eben auch seine politischen Visionen wieder.

Nicht alle Betriebe sind vorbereitet

Doch IT-Verantwortliche im Land plagen andere Fragen. Da nämlich auch in offiziellen Dokumenten aller möglichen Institutionen - von Behörden über Medien bis zu Unternehmen - nicht der gregorianische Kalender verwendet wird, sondern die Zeitrechnung der Kaiserären, müssen Informationssysteme auf den neuen Äranamen umgerüstet und aufs Jahr 1 zurückgestellt werden. Das ist deshalb ein besonderes Problem, weil Naruhitos Inthronisierung den ersten Ärawechsel seit 1989 markiert - also den ersten, seit Computer die Gesellschaft durchdrungen haben.

Damit sich der Übergang nicht allzu rau auswirkt, hat die Regierung gegen den Widerstand konservativerer Traditionalisten beschlossen, den neuen Äranamen schon einen Monat im Voraus zu verkünden und nicht, wie früher, erst am Tag der Inthronisierung. Dennoch sind längst nicht alle Systeme gut vorbereitet. Laut einer Erhebung von Japans Wirtschaftsministerium hatte von gut 2.700 befragten Unternehmen im Februar ein Fünftel noch keine Systemerneuerungen in Angriff genommen. Ein Offizieller des Ministeriums, das vermehrt Informationsveranstaltungen zum Thema abgehalten hat, warnte diese Woche noch einmal: "Einigen Betrieben ist die Angelegenheit womöglich nicht ausreichend klar und sie wissen nicht, welche Probleme ihnen bevorstehen."

Umstellung kostet die Städte Millionen

Es kann teuer werden: Dateien etwa, die ab Mai dieses Jahres noch mit dem 31. Jahr der Ära Heisei datiert werden, obwohl schon das 1. Jahr von Reiwa begonnen hat, könnten verloren gehen. Bei der Umstellung selbst entstehen schon Probleme. Die Stadt Nagoya allein hat ihre Kosten für die Umrüstungen auf umgerechnet rund vier Millionen Euro geschätzt. In der Stadt Koga wurden durch die Umstellungsbemühungen versehentlich knapp 1.700 Wasserrechnungen gelöscht. Landesweit wurden zuletzt vor allem ältere Menschen von Betrügern per E-Mail kontaktiert mit der Aufforderung, ihre Daten herauszurücken, um alles auf die neue Zeitrechnung umzustellen.

Allerdings ist die Umstellung bei Einstellung auf eine Neudatierung eigentlich kein Hexenwerk. Vor allem größeren Unternehmen bereitet die Sache weniger Probleme. Der Lebensversicherer Meiji Yasuda Life etwa, der für die Policen seiner rund sieben Millionen Kunden den Äranamen für jede Datumsangabe benutzen muss, berichtete vor kurzem, dass er schon seit längerem einen Platzhalter für die neue Ära in seine Systeme eingebaut habe. Mit der Verkündung Anfang April, dass in Japan nun die Reiwa-Zeit anbricht, musste ein zuvor hypothetisch eingegebener Begriff nur durch diesen neuen ausgetauscht werden.

Viele der kleineren Betriebe und Gebietskörperschaften stehen dagegen unter Druck. Das Wirtschaftsministerium erklärt dies maßgeblich damit, dass viele Informationssysteme ohnehin völlig veraltet seien. Mehrere seien ungefähr so alt wie die nun endende Heisei-Ära - gut 30 Jahre. Im in vielerlei Hinsicht hochmodernen Japan überrascht so eine Diagnose beim näheren Hinsehen dennoch kaum: Es wird gern an Altem festgehalten. Überall im Land stehen Telefonzellen, Betriebe kommunizieren nicht selten auch per Fax und bis heute steht einer der weltweit größten CD-Läden im Zentrum von Tokio.

"Der Wechsel auf dem Thron kommt auch mit Herausforderungen", hat der öffentliche Rundfunk NHK diese Lage beschönigend kommentiert. Das Wirtschaftsministerium sieht im aktuellen Problem, das mit der Inthronisierung von Naruhito für diverse Betriebe entsteht, deshalb auch Potenzial für Generalüberholungen. Für solche Betriebe, die sich bis zum 1. Mai 2019 nicht auf die neue Zählung umstellen konnten, hat die Regierung zudem einen Tipp für den Geschäftsverkehr: Alle Dokumente sollten ausgedruckt und die Datumsangabe per Hand mit eigens für die neue Ära angefertigten Stempeln korrigiert werden. Medien berichteten dieser Tage, dass den Herstellern der Stempel schon das Gummi ausgehe.  (fli)


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