Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/galaxy-fold-pleite-verhaltenes-kichern-in-shenzhen-1904-140843.html    Veröffentlicht: 24.04.2019 14:45    Kurz-URL: https://glm.io/140843

Galaxy-Fold-Pleite

Leises Kichern in Shenzhen

Huawei dürfte über den verpatzten Marktstart von Samsungs Galaxy Fold nicht unglücklich sein: Im Rennen um das erste gute Falt-Smartphone liegen die Trümpfe nun in China. Allerdings sollte Huawei das Mate X zum Veröffentlichungstermin wirklich fertig haben - im Moment ist es das offenbar noch nicht.

Einen aufsehenerregenden weltweiten Marktstart kurz vorher absagen zu müssen, dürfte zu den unangenehmsten Dingen gehören, die einem Unternehmen passieren können. Samsung hat nur wenige Tage vor dem Start seines faltbaren Smartphones Galaxy Fold die Reißleine gezogen und dessen Einführung ohne neuen Termin verschoben. Grund sind zahlreiche negative Testberichte, die auf Konstruktionsfehler beim Galaxy Fold hinweisen.

Die Deutsche Telekom als Partner des abgesagten Launch-Events in Deutschland lobt den südkoreanischen Hersteller für dieses "konsequente und kundenfreundliche Vorgehen zur Sicherstellung einer hundertprozentigen Produktqualität ausdrücklich". Derartige Motive wollen wir Samsung nicht absprechen; hinter der kurzfristigen Absage dürfte aber auch die berechtigte Sorge stecken, dass in den Wochen nach dem Marktstart zahlreiche weitere negative Testberichte zum Galaxy Fold zum einen das Smartphone zu einem Flop machen und zum anderen dem Renommee Samsungs schaden könnten.

In Shenzhen wird Huawei die Entwicklung bei seinem aktuell wohl größten Konkurrenten im Smartphone-Markt mit Interesse verfolgt haben. Ein verpatzter Marktstart des direkten Konkurrenzproduktes zum eigenen faltbaren Smartphone Mate X - da liegt die Vermutung nahe, dass der eine oder andere Huawei-Manager leise gekichert haben könnte.

Zweifellos schadet die Galaxy-Fold-Pleite vor allem Samsung. Eine negative Auswirkung auf den Markt der faltbaren Smartphones erwarten wir nicht: Dafür ist dieser Produktbereich noch zu jung und vor allem zu leer. Es gibt kein nennenswertes faltbares Smartphone, das weltweit erhältlich ist - Royole verkauft sein Flexpai nur in China und den USA, zudem handelt es sich um kein besonders gutes Gerät.

Einen negativen Übertragungseffekt auf das Mate X erwarten wir daher nicht. Huawei ist in der aktuellen Situation im Vorteil: Der Hersteller hatte - anders als Samsung - bei der Präsentation des Mate X zunächst kein konkretes Veröffentlichungsdatum bekanntgegeben; mittlerweile ist von frühestens Juli 2019 die Rede. Während die IT-Welt aktuell auf Samsung eindrischt, kann Huawei also halbwegs in Ruhe sein eigenes Gerät fertigstellen und zu gegebenem Zeitpunkt auf den Markt bringen.

Auch Huawei erwartet noch Arbeit

Zu früh freuen sollte sich Huawei aber nicht: Die für Samsung peinliche aktuelle Situation kann der chinesische Hersteller momentan nämlich nicht direkt ausnutzen. Das Mate X dürfte wie das Galaxy Fold ebensowenig marktreif sein. Auf dem Mobile World Congress (MWC) 2019 sprach Huawei davon, erst noch eine Oberflächenbeschichtung für das biegbare OLED-Displays aus kratzempfindlichem Kunststoff entwickeln zu müssen.

Mit seinem außenliegenden Display erscheint uns das Mate X verglichen mit dem Galaxy Fold als das praktischere, aber auch empfindlichere Gerät. Würde das Display nach wenigen Tagen Kratzer bekommen, dürfte das für die meisten Interessenten ein Grund sein, das über 2.000 Euro teure Smartphone wieder zurückzugeben - oder sich langfristig von der neuen Produktkategorie abzuwenden. Das dürfte auch potenzielle Käufer abschrecken.

Huawei hat aber den Vorteil, nicht unter einem vergleichbaren Druck wie Samsung zu stehen. Das chinesische Unternehmen ist auf dem Smartphone-Markt der Verfolger, nicht der Verfolgte. Samsung stand nach so vielen Jahren der Entwicklung unter dem Druck, wenigstens vor Huawei sein faltbares Smartphone zu präsentieren und idealerweise auch auf den Markt zu bringen. Würde der Verfolger Huawei jetzt auch noch vor Samsung sein eigenes Modell verkaufen - für Samsung wäre dies imagetechnisch eine Katastrophe.

Auszuschließen ist eine derartige Situation nach den aktuellen Vorfällen aber nicht mehr. Eine Analyse von iFixit zeigt, dass das Galaxy Fold möglicherweise ein größeres Konstruktionsproblem hat: Durch kleine Öffnungen an den Seiten können offenbar Schmutzpartikel in den Gelenkmechanismus eindringen und das Display zerstören. Wie Samsung dieses Problem ohne ein umfangreiches Neudesign lösen will, ist fraglich - wie lange das dauert ebenso.

Wir wissen allerdings nicht, ob Huawei nicht vielleicht auch ein vergleichbares Problem mit seinem Mate X hat. Der Hersteller muss etwaige Konstruktionshürden aber derzeit - anders als Samsung - nicht vor der Weltöffentlichkeit ausbessern. Zudem könnte Huawei sein Gerät wohl auch noch problemlos erst im Herbst veröffentlichen. Die Nachfrage nach faltbaren Smartphones dürfte angesichts der Preise momentan eher noch verhalten sein, die Skepsis gegenüber der neuen Technologie hingegen groß.

Bei Samsung dürfte man momentan hoffen, dass sich das Galaxy Fold nicht zu einem neuen Galaxy Note 7 entwickelt. Der Vorteil im Markt der faltbaren Smartphones liegt jetzt bei Huawei. Ob der chinesische Hersteller das ausnutzen kann, wird sich zeigen.  (tk)


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