Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/vernetztes-fahren-lobbyschlacht-um-wlan-und-5g-in-europa-1904-140726.html    Veröffentlicht: 17.04.2019 08:30    Kurz-URL: https://glm.io/140726

Vernetztes Fahren

Lobbyschlacht um WLAN und 5G in Europa

Die EU-Kommission will das vernetzte Fahren mit Hilfe des WLAN-Standards ITS-G5 vorantreiben. Doch Telekommunikationsprovider, Ausrüster und einige Autohersteller wollen dies verhindern und 5G durchsetzen. Am Mittwoch könnte im Europaparlament eine Vorentscheidung fallen.

Mit welcher Technik sollen Autos künftig miteinander kommunizieren? Aus dieser scheinbar unpolitischen Frage ist in den vergangenen Tagen ein Politikum geworden. Denn es ist einer Gruppe aus Mobilfunkkonzernen, Telekommunikationsausrüstern und Autoherstellern gelungen, im Europaparlament Stimmung gegen die Mitte März dieses Jahres vorgestellten Pläne der EU-Kommission zu machen. Während die Kommission ausdrücklich auf einen "hybriden Kommunikationsmix" aus verschiedenen Mobilfunkstandards setzt, sehen die Konzerne darin eine Bevorzugung des WLAN-Standards 802.11p, der auch pWLAN oder ITS-G5 genannt wird und im 5,9-GHz-Frequenzband funkt.

Mit ihrem sogenannten delegierten Rechtsakt (PDF) will die Kommission die Einführung kooperativer intelligenter Verkehrssysteme (C-ITS) auf Europas Straßen beschleunigen. "Die neue Technologie wird es Fahrzeugen ermöglichen, miteinander, mit der Straßeninfrastruktur und mit anderen Verkehrsteilnehmern zu 'sprechen', zum Beispiel über Gefahrensituationen, Straßenarbeiten und die Steuerung der Ampelphasen", hieß es in der Pressemitteilung. Dadurch solle der Verkehr "sicherer, sauberer und effizienter" werden.

Warnbrief an Verkehrsminister Scheuer

Mit Blick auf die verwendeten Kommunikationstechniken will die Kommission sicherstellen, "dass jeder mit jedem sprechen kann (Interoperabilität) und dass jeder in der Lage bleibt, mit jedem sprechen zu können (Kompatibilität). Um den Nutzen zu maximieren, müssen die unterschiedlichen Vorteile der verschiedenen, sich ergänzenden Technologien eingesetzt werden". Für kurze, zeitkritische Dienste soll ITS-G5 genutzt werden. Dieser Standard sei eigens für diesen Zweck entwickelt worden und "ist jetzt ausgereift, getestet und bereits im Einsatz", heißt es weiter.

Doch diese Formulierung gefällt Unternehmen wie BMW und der Deutschen Telekom gar nicht. In einem Schreiben an Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) fordern sie die Bundesregierung auf, sich "für echte Technologieneutralität in dem delegierten Rechtsakt einzusetzen". In dem Brief, der Golem.de vorliegt, heißt es weiter: "Sollte Deutschland kein Veto gegen den Rechtsakt im Rat einlegen, wäre das de facto eine Entscheidung gegen die 5G-Technologie." Hinter der Forderung stünden zudem die Autokonzerne Daimler, Ford und PSA, die Chiphersteller Intel, Qualcomm und Samsung sowie die Telekommunikationsprovider.

Ausbau von 5G sei in Gefahr

Die Behauptung der Konzerne wirkt überraschend, denn in dem Vorschlag der Kommission heißt es ausdrücklich: Für größere Entfernungen und "weniger zeitkritische Dienste" sollen bestehende oder künftige Mobilfunknetzwerke genutzt werden. Dazu zählt die Regelung die Standards 3G und 4G, "die bereits in weiten Teilen der EU eine gute Abdeckung bieten". Eine Überprüfungsklausel soll die Integration neuer Standards erleichtern, wie etwa LTE-V2X und 5G. Bei LTE-V2X können Fahrzeuge auch direkt miteinander per Mobilfunk kommunizieren, ohne die Basisstationen zu nutzen.

Doch die genannten Firmen befürchten, dass durch die Regelung die Einführung der von ihnen präferierten 5G-Technik unnötig erschwert wird. Denn der Rechtsakt sehe vor, "dass jeder neu eingeführte Standard mit bestehenden Technologien kompatibel sein muss". Daher müsste bei der Einführung von neuen Technologien immer auch WLAN eingebaut werden. "Kein Hersteller wird diese Doppelinvestition dem Kunden zumuten", heißt es weiter. Der Ausbau von 5G sei in Gefahr.

Volkswagen und NXP setzen auf WLAN

Das sehen verschiedene andere Anbieter jedoch anders. In einem Schreiben an die Mitglieder des Europaparlaments fordern Unternehmen wie Volkswagen, Renault, MAN, NXP und Kapsch die Abgeordneten auf, dem Rechtsakt zuzustimmen. "Die Behauptung, dass der aktuelle Kommissionsvorschlag nicht technologieneutral sei, ist einfach falsch", heißt es in dem Brief, der Golem.de vorliegt. Der Rechtsakt blockiere nicht den 5G-Ausbau, sondern ergänze die 5G-Strategie Europas. Darüber hinaus sei 5G noch nicht einsatzfähig.

Dem widersprechen wiederum BMW und Telekom. Anders als behauptet sei das sogenannte Cellular V2X (C-V2X), also die Vernetzung über Mobilfunktechnik, "heute schon markteinsatzbereit". C-V2X könne die bestehende LTE-Basisinfrastruktur nutzen, die WLAN-Technik hingegen nicht. "Sie benötigt eine parallele Infrastruktur, die erhebliche Investitionskosten verursacht", schreiben die Firmen.

Erste Tests von Huawei in Berlin

In der Tat gibt es bereits erste kommerzielle Produkte für LTE-V2X vom chinesischen Hersteller Huawei. Diese Produkte werden seit Oktober 2018 vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (Fokus) in Berlin getestet. Allerdings sind diese Produkte noch nicht im selben Umfang getestet worden wie die ITS-G5-Geräte.



Eine NXP-Sprecherin sagte auf Nachfrage von Golem.de, dass bereits erste Produkte mit ITS-G5 in Serienfahrzeuge verbaut worden seien, beispielsweise bei Volkswagen und General Motors. Ihr Unternehmen habe bereits eine Million Testtage investiert. Das Testen der C-V2X-Technik stecke hingegen erst in den Anfängen. Der Automobilzulieferer Delphi hatte Golem.de bereits auf der CES 2017 das weltweit erste serienmäßige System für eine Auto-zu-Auto-Kommunikation vorgeführt.

Mobilfunkgebühren bei 5G

Doch die WLAN-Technik hat noch weitere Vorteile: Anders als beim Mobilfunk fallen dabei keine Verbindungskosten an. Es habe schon seinen Grund, warum die Telekommunikationsfirmen stattdessen das kostenpflichtige 5G propagieren würden, hatte ein Delphi-Entwickler bei der Präsentation auf der CES erläutert.

Darüber hinaus dürften die Telekommunikationsprovider und Autohersteller auch Interesse an den generierten Fahrzeugdaten haben. Anders als bei der WLAN-Technik können beispielsweise die Standortdaten beim Mobilfunk problemlos weitergeleitet und für Telematik-Dienste genutzt werden. Auch aus diesem Grund ist die lokale WLAN-Kommunikation nicht so lukrativ. Der angebliche Vorteil der 5G-Technik, die geringe Latenz der Datenübertragung, ist eher ein Mythos.

EU-Ausschuss lehnt Vorschlag ab

Dennoch haben die 5G-Lobbyisten im Europaparlament schon einen wichtigen Erfolg erzielt. Der zuständige Transport- und Tourismusausschuss stimmte am 8. April 2019 bereits mit knapper Mehrheit gegen den Vorschlag der Kommission. Das Plenum des Europaparlaments soll nun am Mittwoch über den Beschluss des Ausschusses abstimmen. In dem entsprechenden Entschließungsantrag wird festgestellt, "dass die Kommission durch die Anforderung einer Rückwärtskompatibilität mit ITS-G5 die Entwicklung innovativer C-ITS-Verkehrslösungen in ganz Europa einschränkt".

Außerdem würde dem Antrag zufolge "eine wirklich technologieneutrale Herangehensweise alle bestehenden Verwendungen, die auf Mobilfunknetze zurückgreifen, berücksichtigen und auf Ebene der Dienste eine gegenseitige Interoperabilität ermöglichen". Auf diese Weise könnten "zusätzlich zu ITS-G5 sämtliche neuen Technologien eingeführt werden". Sollte das Plenum dem Ausschuss folgen, müsste die Kommission ihren Entwurf zurücknehmen und einen neuen Vorschlag machen, "mit dem den Empfehlungen des Parlaments Rechnung getragen wird", wie es in der Geschäftsordnung des Parlaments heißt. Dann könnte sich Verkehrsminister Scheuer sogar sein Veto sparen.

Nachtrag vom 17. April 2019, 17:33 Uhr

Das Plenum des Europaparlaments lehnte am Mittwoch den Vorschlag des Transportausschusses ab. Mit einer Mehrheit von 304 Nein-Stimmen bei 270 Ja-Stimmen und 30 Enthaltungen wiesen die Abgeordneten den Antrag zurück.  (fg)


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