Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/anno-1800-im-test-super-aufgebaut-1904-140676.html    Veröffentlicht: 15.04.2019 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/140676

Anno 1800 im Test

Super aufgebaut

Ach, ist das schön: In Anno 1800 sind wir endlich wieder in einer heimelig-historischen Welt unterwegs - zumindest anfangs. Das neue Werk von Blue Byte fesselt dank des toll umgesetzten und unverwüstlichen Spielprinzips. Auch neue Elemente wie die Klassengesellschaft funktionieren.

Von wegen gemütlich! Auch Aufbauspiele können Stress pur sein: Gerade haben wir die Produktion unseres ersten Schiffs in Auftrag gegeben. Aber weil wir dazu unter anderem Kanonen benötigen, müssen wir eine entsprechende Fabrik aus dem Boden stampfen. Dazu benötigen wir Ziegelsteine - und die haben wir gerade nicht, die Herstellung läuft schleppend. Wir haben bereits drei Ziegeleien, die arbeiten aber nur mit halber Kraft, weil unsere Insel nur einer Lehmgrube Platz bietet.

Auch sonst haben wir alles an Optimierungspotenzial in Anno 1800 ausgeschöpft, um den Engpass zu entschärfen: Wir haben den Trampelpfad durch eine richtige Straße ersetzt, so dass anstelle von Arbeitern mit einer Schubkarre nun etwas schnellere Pferdekutschen unterwegs sind. Wir haben trotz knapper Finanzen sogar ein neues Lagerhaus direkt neben der Ziegelei gebaut, um den Lieferweg zu verkürzen. Aber es hilft alles nichts: Wir müssen uns in Geduld üben, bis wir endlich die Fertigstellung unseres ersten Kanonenboots feiern können.

Eigentlich steht Anno als Serie ja eher im Ruf, eine Art Aufbausandkasten für tiefenentspannte Bastler zu sein. Zumindest die je nach Spielweise rund 20 Stunden lange Kampagne im neuesten Teil Anno 1800 haben wir anders erlebt, und das ist positiv gemeint: Wir haben ständig zu tun, bekommen alle paar Augenblicke neue Bauoptionen freigeschaltet, müssen das Gleichgewicht der Klassen - dazu später mehr - im Auge behalten, ebenso wie unsere computergesteuerten Kontrahenten.

Und wenn das Programm der Meinung ist, dass wir unterbeschäftigt sind, gibt's mal mehr und mal weniger witzige Aufträge unserer Bevölkerung: Die erkennen wir an einem Stern auf der Karte, nach dessen Anklicken wir etwa gebeten werden, in den Straßen freilaufende Wildtiere mit der Maus einzufangen, oder ein Foto einer Wirtshausprügelei anzufertigen - wie gesagt, es gibt immer viel zu tun. Die Haupthandlung dreht sich um den Streit mit einem Verwandten, sie wird lediglich durch animierte, sprechende Gesichter und einige Kamerafahrten erzählt. Sie ist okay, behält aber sehr lange den etwas drögen Charme eines Tutorials.

Anno 1800 spielt - trotz des Namens - ungefähr ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem dezent britisch eingefärbten Inselszenario. Das war eine aufregende Zeit, unter anderem mit der industriellen Revolution und mit Klassenkämpfen. Beides findet sich als Neuerung gegenüber den Vorgängern in dem Aufbauspiel von Ubisoft Blue Byte. Die Streiks sind allerdings eine nicht allzu revolutionäre Neuerung - wir können die aufmüpfigen Bürger mit weniger Arbeitsbelastung oder besserer Versorgung im Normalfall recht schnell wieder ruhigstellen. Im Zweifel entscheidet sich eben auch 1800 wie jedes Anno eher für Kuschelstimmung denn für Klassenkampf.

Die Klassen sind dennoch enorm wichtig und nach unserem Eindruck langfristig die mit Abstand größte Änderung in Anno. Anfangs haben wir nur Bauern, bekommen dann aber recht schnell Arbeiter und anschließend noch Handwerker, Ingenieure und (ausgerechnet!) Investoren als Krone der Schöpfung. Das Besondere und Herausfordernde ist, dass wir alle fünf Klassen benötigen.

Wir können also nicht einfach alle Bauern zu Arbeitern transformieren - etwa in der Hoffnung, dass diese dann einfach besser seien. Sind sie nicht, sie sind nur auf andere und komplexere Waren spezialisiert. Für die Grundversorgung etwa mit Schnaps und Kleidung benötigen wir aber weiterhin Bauern, so dass wir sorgsam auf das richtige Gleichgewicht der Klassen achten müssen.

Beispielsweise einen Arbeiter erschaffen wir, indem wir etwa ein vollbesetztes Bauernhaus hochstufen. Damit bekommen wir zwar die nächsthöhere Klasse, verlieren aber die niedrige der beiden und müssen entsprechend neue Bauernhäuser in die Landschaft stellen. Dieser ständige Wechsel zwischen Hochstufen und Neubauen ist enorm wichtig in Anno 1800.

Klassen zwischen Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel

Wir müssen also die zum Glück stets gut sichtbar am Bildschirmrand eingeblendete Arbeitslosigkeit oder einen Fachkräftemangel im Auge behalten: "Rot" bedeutet Alarm: Wichtige Güter werden nicht hergestellt und unter Umständen sinkt unser Gesamtvermögen. Bauern sind schnell herbeigezaubert, aber bis zu den möglichen weiteren Hochstufungen kann viel Zeit vergehen - wir haben beim Test tatsächlich mehrmals (halb absichtlich herbeigeführte) Pleiten erlebt, bei denen Anno ohne Vorwarnung groß "Niederlage" auf dem Bildschirm einblendet und die laufende Partie beendet.

Auch durch den oft vorherrschenden Mangel an Arbeitskräften sind wir in Anno 1800 mehr eingespannt als in den Vorgängern. Zum Glück ist das Programm vorbildlich darin, uns auf die jeweiligen Aufgaben, auf Engpässe und Probleme hinzuweisen. Zumindest in der Kampagne gibt es getrennte Listen für die jeweils nächsten Ziele und für Hinweise auf Fehlentwicklungen sowie auf sonstige Vorgänge in der Welt.

Im Großen und Ganzen sind wir mit der Benutzerführung also einverstanden, ein paar Sachen stören uns aber doch: So ist es ziemlich mühselig, die hochstufbaren Häuser in großen Städten zu suchen. Und auch die Suche nach möglicherweise überflüssigen Bauten kann ziemlich nerven. Wenn wir etwa unsere allgemeinen Ausgaben senken und die Lagerhäuser neu anordnen wollen, ist das ziemlich anstrengend - spätestens für das nächste Anno wünschen wir uns so etwas wie die Karten-Overlays, die etwa Tropico 6 bietet.

Einsteiger möchten wir noch darauf hinweisen, dass Anno 1800 einige seiner Besonderheiten nicht so richtig gut erklärt. Wir erfahren etwa nirgends, dass Lagerhäuser auch die Funktion haben, unsere am anderen Inselende produzierten Waren überall verfügbar zu machen, oder dass das Personal offenbar ohne Zeitverzögerung trotz großer Distanzen zwischen Haus und Fabrik irgendwie immer überall ist.

Letzteres ermöglicht uns übrigens auch, sehr viel mehr als in den Vorgängern auf den Aufbau von schönen Städten zu achten - das Programm bewertet das sogar in einer eigenen Übersicht. Als schön gilt dabei unter anderem eine strikte Trennung von Wohngegenden, Industriegebieten und Erholungs- und Touristenregionen.

Um eine möglichst frühzeitige Planung zu erlauben, gibt es in 1800 übrigens einen Blaupausenmodus, mit dem wir Strukturen erst mal nur anlegen können, ohne sie tatsächlich in Auftrag zu geben. Nette Idee, die wir anfangs auch genutzt, aber später als Verkomplizierung empfunden haben. Wir haben die Blaupausen deaktiviert und notfalls auch mal einen Straßenzug wieder abgerissen.

Für Zerstörung ganz anderer Art sorgt das Militär in Anno 1800. Nach langen Diskussionen mit der Community und intern hat Ubisoft Blue Byte nun Schiffskämpfe mit Attacken auf die Hafenanlagen, aber keine Landeinheiten in das Spiel eingebaut. Das System erinnert an das von Anno 2205, allerdings ist es etwas komplexer und nicht in separate Umgebungen ausgelagert, außerdem gibt es mehr Schiffstypen.

Wir haben das Ganze mehrfach ausprobiert und finden es recht gelungen - müssen aber auch sagen, dass uns die Gefechte längst nicht so gepackt haben wie der Aufbau in der Kampagne und im Endlosspiel. Die KI im Kampf, bei der Diplomatie und beim Handel ist solide, wirkt aber sehr berechenbar und wenig natürlich.

Die Kampagne von Anno 1800 ist im Grunde das Endlosspiel mit Zwischenaufgaben und etwas Story - nach dem Ende der Handlung können wir einfach weitermachen. Im Hauptmenü dürfen wir aber auch gleich das Endlosspiel auswählen, und das sogar mit einstellbaren Sonderwünschen und Siegbedingungen auf sechs Menüseiten.

Verfügbarkeit und Fazit

Wer die ultimative Herausforderung sucht, kann sich im Endlosspiel zur Vorgabe machen, dass er drei Monumente errichtet, 5.000 Investoren ausbildet, 25.000 Bürger in seinen Städten leben hat und ein Vermögen von 1.000.000 Credits auf dem Bankkonto besitzt, und das alles bei einer positiven Bilanz von 25.000 Credits - viel Spaß! Auch Faktoren wie Inselgröße, Einkommen, Anzahl von Piraten und Ähnliches lassen sich festlegen.

Nennenswerte Programmfehler sind uns beim mehrtägigen Test von Anno 1800 nicht aufgefallen, das Programm lief bei uns vollkommen stabil. Im Rahmen der offenen Beta haben einige Spieler in den letzten Tagen von Bugs im DirectX-12-Modus berichtet, unter anderem mit Geforce RTX 2070 und 2080 sowie einigen AMD Radeon. Wir haben nur im DX12-Modus gespielt und auf Rechnern mit GTX 970 und GTX 1660 (ohne Ti) keinerlei Probleme gehabt.

Das neue Werk von Blue Byte enthält einen Multiplayermodus, in dem bis zu vier menschliche Mitstreiter antreten. Ausprobieren konnten wir das nicht - beim Matchmaking hat Anno 1800 schlicht keine anderen Spieler gefunden, was so gut wie sicher am noch begrenzten Spielerkreis vor der Veröffentlichung der Finalversion lag.

Anno 1800 ist ab dem 16. April 2019 für rund 60 Euro im stationären Handel sowie bei Uplay und im Epic Games Store erhältlich. Das Programm muss bei Ubisoft aktiviert werden, als Kopierschutz kommen Denuvo sowie VM Protect zum Einsatz. Alle Einzelspielerinhalte lassen sich auch Offline spielen. Die offiziellen Systemvoraussetzungen sind nicht allzu hoch. Audioausgabe liegt nur in Deutsch vor, dazu lassen sich Untertitel und Bildschirmtexte in mehreren Sprachen aktivieren. Die USK hat eine Freigabe ab 12 Jahren erteilt.

Fazit

Gerade haben wir einen neuen Schweinestall angelegt, da geht uns auch schon der Schnaps aus, gleichzeitig überreicht uns ein Nachbar eine Kriegserklärung und außerdem bricht im Westen ein Feuer aus, weil die Gebäude der Ingenieure zu eng stehen. Nein - langweilig ist es uns in vielen Stunden mit Anno 1800 so gut wie nie geworden. Die Zeitbeschleunigung haben wir selten verwendet, im Gegenteil: Wenn mal nichts Dringendes anstand, haben wir gerne auch mal der Bevölkerung beim Wuseln zugesehen.

Anno 1800 sieht mit seiner schönen Grafik und den Massen an Details einfach wahnsinnig gut aus. Vor allem aber stimmen die inneren Details: Aufbauspieler finden derzeit kein anderes Programm, das derart perfekt die Besiedlung einer Welt nachbildet. Egal ob Stahlwerk oder Bierbrauanlage, die Wirtschaftskreisläufe sind auf den ersten Blick nachvollziehbar, aber langfristig dann doch komplex und verschachtelt.

Allerdings hätten wir uns etwas bessere Analysewerkzeuge direkt auf der Karte gewünscht, etwa eine Übersicht über hochstufbare Bauten und Versorgungslücken bei der Bevölkerung. Vor allem in größeren Siedlungen ist es teils mühselig, bei Engpässen jede Straßenzeile nach Optimierungspotenzial abzusuchen, etwa um die bestmögliche Mischung an Arbeitskräften hinzubekommen. Insgesamt gefällt uns das neu gestaltete Klassensystem sehr gut, aber es erfordert viel Aufmerksamkeit und frühzeitige Planung.

Ein paar Schwächen gibt's auch bei der Kampagne und der KI. Die Handlung ist nur mäßig interessant, reicht uns aber als Rahmen und zum Anstupsen in interessante neue Richtungen. Und die computergesteuerten Gegner agieren immerhin etwas planvoller als in der Beta, aber gefühlt halt doch sehr skriptgesteuert - schwierig zu sagen, ob da beim heutigen Stand der Technik wirklich sehr viel mehr drin wäre.

Alles in allem stören die Makel aber gar nicht so sehr. Die große Stärke des neuen Werks von Blue Byte ist die gelungene Mischung aus Siedlungsbau in Verbindung mit dem langfristigen Errichten unseres ganz persönlichen Imperiums, und das in einer wunderbar stimmigen Welt. Derzeit schafft das kein anderes Spiel so gut wie Anno 1800.  (ps)


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