Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/autonomes-fahren-nicht-ganz-allein-unterwegs-1904-140640.html    Veröffentlicht: 24.04.2019 12:09    Kurz-URL: https://glm.io/140640

Autonomes Fahren

Nicht ganz allein unterwegs

Autos autonom fahren zu lassen, ist für jeden Hersteller ein aufwendiger und teurer Prozess. Darum bilden sich auf dem Weg zu Level 5 immer neue Allianzen. Ein Besuch auf dem Autonomous Driving Campus von BMW macht deutlich, warum kaum ein Hersteller den Weg alleine fährt.

Wer beim Namen Autonomous Driving Campus ein Freigelände erwartet, auf dem Testfahrzeuge fahrerlos ihre Runden drehen, wird enttäuscht. In einem ganz gewöhnlichen Bürokomplex in Unterschleißheim nördlich von München hat BMW 23.000 Quadratmeter Bürofläche für 1.800 Mitarbeiter angemietet. Doch in der Testgarage im Erdgeschoss sieht es dann doch nach automobiler Zukunft aus.

Hier stehen einige Testfahrzeuge der 7er-Baureihe neben Racks mit Rechnern. Auch der Kofferraum der Limousinen ist vollständig mit Testhardware belegt. Neben einer auffälligen Lackierung wurden die Fahrzeuge mit jeweils zwölf Kameras und zwölf Ultraschallsensoren, fünf Radar- und fünf Lidarsensoren ausgestattet. Sie sammeln Daten für ein digitales Abbild der Umwelt in Echtzeit. "Mit den Testfahrzeugen aggregieren wir Informationen aus fünf Millionen Testkilometern", sagt Alejandro Vukotich, Leiter der BMW-Sparte Fully Automated Driving and Driver Assistance. Vukotich wechselte zum Jahresbeginn von Audi zu BMW.

240 Millionen Testkilometer

Aktuell testet BMW mit rund 80 Autos. Die Flotte soll bis Jahresende auf 140 Fahrzeuge wachsen. Da die Welt nicht nur aus bayerischen Dörfern und Bergen besteht, wird auch in Nordamerika, Israel und China gefahren. Alle Daten werden in Unterschleißheim ausgewertet - mit Ausnahme der Daten aus China. Aufgrund gesetzlicher Auflagen darf kein Kartenmaterial das Land verlassen. BMW wertet die Daten gemeinsam mit seinem Partner Baidu vor Ort aus.

Aus den übrigen Daten selektieren die Ingenieure zwei Millionen Kilometer mit relevanten Fahrszenarien. In Simulationen werden weitere 240 Millionen Testkilometer errechnet. Mit jeder neuen Generation eines Sensors oder Steuergerätes werden die zwei Millionen Kilometer erneut berechnet (Re-Processing), um die Leistungssteuerung der Hardware bewerten zu können.

Um die täglich anfallende Datenmenge von 1,5 Petabyte verarbeiten zu können, musste BMW ein neues Rechenzentrum einrichten. Das steht einige Kilometer vom Campus entfernt und ist mit 96 Glasfaserleitungen (10 GBit/s) angebunden. Die Server haben eine Kapazität von 230 Petabyte, über 100.000 Prozessorkerne verarbeiten die internationalen Fahrdaten.

Neben Vukotich ist auch BMWs IT-Chef, Klaus Straub, im Campus anwesend. Man spürt bei seinen Ausführungen den Stolz auf das, was hier innerhalb weniger Monate aufgebaut wurde und nun seit einem Jahr in Betrieb ist. Zu den Kosten machen die beiden Manager keine Angaben. Es ist jedenfalls so viel, dass die BMW Group, wie auch andere Hersteller, nach Partnern Ausschau hält.

Kooperationen für autonomes Fahren

Hier im Campus sitzen beispielsweise Ingenieure von Fiat Chrysler Automotive, kurz FCA. Gemeinsam arbeitet man am Funktionsdeck der Autonomie-Software. Die Google-Tochter Waymo setzt bei ihren Fahrtests Autos von Chrysler ein. Der US-Fahrdienstleister Lyft zeigte gemeinsam mit seinem Partner Aptiv auf der CES 2018 in Las Vegas autonome Taxis auf öffentlichen Straßen.

Mit der Uber Advanced Technologies Group droht deutschen Autoherstellern weitere Konkurrenz aus den USA. Daher arbeiten die deutschen Autohersteller beim Thema autonomes Fahren enger zusammen. BMW hat angekündigt, die Technologie mit Daimler weiterzuentwickeln. Wie das genau aussieht, kann beim Campusbesuch niemand beantworten. Die Verträge mit sämtlichen Details werden erst im Sommer 2019 unterzeichnet.

Beim Blick hinter die Kulissen im Campus geht Straub immer wieder auf die agile Arbeitsweise ein. In 14-tägigen Sprints entwickeln die Teams ihre Projekte weiter. "Nur so können wir mit den Größen aus dem Silicon Valley mithalten", sagt der IT-Chef. In den meisten IT-Abteilungen der Dax-Unternehmen wird das Schreiben der Programme von externen Dienstleistern erledigt. Das funktioniert bei agiler Arbeitsweise nicht. Laut Straub programmieren bereits rund 3.500 der 5.500 IT-Mitarbeiter bei BMW selbst.

Besonderes Augenmerk legt Straub auf den Nachwuchs. Dazu hat sich BMW mehrheitlich an dem Unternehmen Critical Techworks beteiligt. An den Standorten in Lissabon und Porto werden junge IT-Kräfte auf die Arbeit in BMW-Projekten vorbereitet. Aktuell arbeiten dort 350 Mitarbeiter, bis Ende des Jahres sollen es 900 werden. Autonomes Fahren ist in erster Linie ein IT-Thema.

Für jeden Testkilometer außerhalb des Werksgeländes benötigen die Hersteller Sondergenehmigungen. Die Stadt Hamburg hat im Innenstadtbereich kürzlich eine neun Kilometer lange Teststrecke für automatisiertes und vernetztes Fahren (TAVF) freigegeben. Für BMW ist das zu weit weg. Volkswagen hingegen nutzt die Strecke für Stadtfahrten. Dabei sitzt immer noch ein Fahrer am Steuer des Golf. Der Wolfsburger Konzern dürfte den technischen Aufwand wohl nur einmal für alle Marken betreiben - wobei Porsche sicher zuletzt autonom fahrende Autos auf den Markt bringen wird. Wer will bei einem Sportwagen schon das Steuer abgeben?

Aber auch der Volkswagen-Konzern geht den Weg nicht ganz allein.

Teurere Autos, neue Geschäftsmodelle

Nach der Vereinbarung mit Ford über die gemeinsame Entwicklung von Pick-ups und leichten Nutzfahrzeugen spricht man bei VW auch über eine Kooperation bei fahrerlosen Autos.

Kaum ein Hersteller möchte die Investitionen ganz allein aufbringen. Somit dürfte auch klar sein: Autonom fahrende Autos werden für Käufer deutlich teurer. Doch eine Schätzung, wie viel mehr das sein mag, will keiner der BMW-Experten beim Campusbesuch abgeben. Flotten- und Firmenfahrzeuge seien sicherlich die ersten mit der Technologie. Man könne sich auch ein Abrechnungsmodell nach autonom gefahrenen Kilometern vorstellen, lautet eine vage Aussage.

Dafür eröffnen die Datensammlungen der Hersteller neue Einnahmequellen. Da Kameras und Sensoren laufend die Situation auf der Straße und am Straßenrand erfassen, könnte man Hinweise auf freie Parkplätze vermarkten. Gleiches gilt für die Echtzeitdaten des Verkehrsflusses, zu Unfällen und über Baustellen, die für eine präzisere Berechnung der Ankunftszeit wesentlich sind. Straßenmeistereien könnten erfahren, wo sich gefährliche Schlaglöcher auftun oder wo im Winter geräumt werden muss. Wetterdienste könnten aktuelle Daten für einzelne Stadtteile erhalten.

Ideen für neue Dienstleistungen

Neben Fragen der IT stellen die neuen Entwicklungen in der Mobilität auch logistische Anforderungen. Heute wird ein Auto durchschnittlich 45 Minuten pro Tag genutzt. "Autonom fahrende Fahrzeuge müssen viel effizienter genutzt werden, um sich zu rentieren", sagt Christian Lang, Gründer und Chef von Chargery in Berlin. Mitarbeiter des Startups fahren mit mobilen Batterien zu leeren Elektroautos der Carsharing-Anbieter. Wenn autonome Fahrzeuge im Carsharing unterwegs sind, sollen sie möglichst wenig Zeit bei der Wartung auf Geländen am Stadtrand verbringen.

Lang wird mit seinen Mitarbeitern Dienstleistungen wie die Überprüfung des Reifendrucks, das Nachfüllen von Wischwasser, die Fahrzeugreinigung und das Aufladen fast leerer Akkus anbieten. Sein Unternehmen besitzt ein Patent für einen autonom fahrenden Batterieroboter. Der rollt unter das Auto und lädt den Akku per Induktion auf.

Tesla prescht voraus

Der US-Elektroautohersteller Tesla hat ebenfalls eine Idee, wie autonom fahrende Autos mehr genutzt werden könnten. Das Unternehmen will bereits 2020 seine gesamte Flotte der Model S, X und 3 als Robotaxi anbieten. Mit der FSD-Funktion (Full Self Driving) fährt das Auto selbstständig zum Kunden. Alle Besitzer eines Tesla sollen ihr Fahrzeug über das Tesla Network in einer App als Mietwagen anbieten können. Während die Besitzer so ihre Leasing- oder Kreditraten refinanzieren, behält Tesla 25 bis 30 Prozent des Umsatzes als Vermittlungsgebühr. In Regionen, in denen zu wenige Autos für die Sharing-Funktion freigeschaltet werden, schickt Tesla eigene Fahrzeuge auf die Straßen. Nach Ablauf eines Leasingvertrags beim Model 3 nimmt Tesla den Wagen obligatorisch zurück und nutzt ihn als Robotaxi.

Elon Musk ist nicht nur schnell, sondern geht mal wieder seinen eigenen Weg. In einer Präsentation seiner Full-Self-Driving-Technologie sagte er voraus, dass alle Autohersteller über kurz oder lang sowohl HD-Landkarten als auch Lidar-Sensoren aufgeben werden. "Lidar is lame", lautet sein griffiges Schlagwort. Der Mensch erkenne mit den Augen beim Autofahren Hindernisse und schätze Entfernungen ein, somit sei eine visuelle Erkennung mit Kameras die richtige Methode auf dem Weg zur Level-5-Autonomie. Alle Teslas werden bereits mit dem dafür nötigen Computer ausgerüstet. Im Jahr 2020 werde Tesla mehr als eine Million Fahrzeuge mit der entsprechenden Hardware auf den Straßen haben und die Software für autonomes Fahren freischalten.

Bis erste Autos mit Technologie aus dem Autonomous Driving Campus von BMW auf die Straße rollen, wird es noch etwas länger dauern. Ab 2021 soll der BMW iNext mit einem optionalen Level-3-System angeboten werden. Das Fahrzeug kann auf Autobahnen mit bis zu 130 km/h längere Strecken allein fahren und meistert auch das Stop-and-Go in einem Stau. Wie lange es bis Level 5 dauert, also einem vollständigen Verzicht auf den Fahrer, wagt keiner der Experten vorherzusagen. Viel spannender ist die Frage: Welche Allianzen werden sich bis dahin noch bilden?  (dku)


Verwandte Artikel:
Weitreichende Zusammenarbeit: BMW und Daimler wollen bei Elektroautos kooperieren   
(15.03.2019, https://glm.io/140027 )
Elektromobilität: Innogy stellt robotische Ladestation für Elektroautos vor   
(08.02.2019, https://glm.io/139274 )
Elektroauto: Audi AI:ME spricht mit Fußgängern per Lichtsignal   
(15.04.2019, https://glm.io/140668 )
Autonomes Fahren: BMW und Daimler wollen angeblich kooperieren   
(21.01.2019, https://glm.io/138868 )
Autonomes Fahren: Waymo-Fahrzeug an Unfall mit Motorrad beteiligt   
(07.11.2018, https://glm.io/137561 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/