Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/commodore-16-meine-erste-computerliebe-1904-140534.html    Veröffentlicht: 30.04.2019 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/140534

Commodore 16

Meine erste Computerliebe

Wenn von der goldenen Ära der Heimcomputer die Rede ist, denken die meisten vor allem an den C64. Doch vor dem berühmten Brotkasten eroberte schon der günstigere C16 mein Herz - mit Datasetten, Basic und Winter Olympiade.

1987 war für mich ein besonderes Jahr. Nicht nur, weil ich endlich zehn Jahre alt wurde. Sondern weil ich die wunderbare Welt der digitalen Spiele entdeckte und meinen ersten eigenen Computer bekam. Ich besuchte gerade die fünfte Klasse und kannte Videospiele erst seit kurzem. Auf dem Atari 2600 eines Freundes aus der Nachbarschaft spielten wir gelegentlich Space Invaders, Pac-Man, Frogger und Realsports Soccer.

Vom C64 hatte ich auch schon gehört: Das war diese superteure Kiste, die wie ein Brotkasten aussah und Spiele mit unglaublich guter Grafik darstellen sollte. Gerüchteweise besaß ein Mitschüler aus der 5b schon einen. Ich war neidisch. Doch dann erzählte mir mein Schulfreund Ernst in der Pause von seinem Commodore 16, kurz C16.

Das US-Unternehmen Commodore hatte den 8-Bit-Heimcomputer als günstige Alternative zum 1982 veröffentlichten C64 sowie als geistigen Nachfolger des VC-20 entwickelt und ab 1984 für unter 100 Dollar angeboten. Der C16 gehörte ebenso wie C116 und Plus/4 zur 264-Serie, die sich für Commodore - nicht zuletzt aufgrund der Inkompatibilität zum C64 - als großer Flop erweisen sollte.

"Das ist ein echter Computer, mit Tastatur, Datasette und allem Drum und Dran", sagte Ernst. "Auf dem kann man nicht nur coole Games zocken, sondern auch in Basic programmieren." Es war ganz offensichtlich, dass Ernst deutlich mehr Ahnung von Technik hatte als ich. Ich wusste weder was eine Datasette ist noch was sich hinter dem ominösen Begriff "Basic" verbarg, aber das alles klang furchtbar aufregend. Also verabredeten wir uns, damit Ernst mir seinen C16 zeigen konnte.

Der C16 ist "Ready ."

Mit seinem Brotkasten-Look ähnelte der C16 dem C64, allerdings war das Gehäuse schwarz und das Tastenfeld dunkelgrau. Interessante Randnotiz: Der C16 war Mitte der 80er der erste Computer, den Aldi in sein Sortiment aufnahm. Laut Retro Gamer hatte der damalige FC-Bayern-Manager UIi Hoeneß den Deal für Commodore, seinerzeit Trikotsponsor der Münchener, eingefädelt und seine Kontakte zum Discounter spielen lassen. Für 149 D-Mark gab es ein All-Inclusive-Paket nebst Basic-Lernkurs. Dank Aldi war dem C16 zumindest in Deutschland kurzfristig eine gewisse Popularität beschieden. Auch im Osten war der C16 aufgrund seines niedrigen Preises sehr beliebt, allen voran in Ungarn und Polen. Vermutlich stammte Ernsts Gerät aus der Aldi-Aktion; das weiß ich heute aber nicht mehr so genau.

Ernst gab mir als Erstes einen zweiminütigen Crashkurs in Sachen C16-Know-how. "Du kannst auf dem C16 in Basic programmieren, das ist aber total langweilig. Ich habe so ein Buch, wo drinsteht, wie das geht", sagte Ernst. "Hier kommen jedenfalls die Spiele rein", erklärte er und deutete auf die Commodore-1531-Datasette. Dann schaltete er den C16 an.

Der blaue Startscreen mit der Meldung "Commodore Basic V3.5 12277 Bytes Free" und der Befehlszeile "Ready ." begrüßte uns. "Gib einfach 'Load' ein, die Kassette lädt das Spiel dann automatisch. Ach ja, und spul die Kassetten vorher immer zurück." Selbiges tat Ernst dann auch, tippte anschließend den "Load"-Befehl ein und die Meldung "Press Play on Tape" erschien. "Jetzt auf der Datasette einfach auf 'Play' drücken, dann geht es los."

Zocken - viel besser als auf dem Atari 2600!

Der erste C16-Titel, den Ernst mir präsentierte, war das Abenteuerspiel Ghost Town. Darin galt es, den sagenumwobenen Schatz von Ghost Town zu finden, diversen Gefahren zu trotzen und den bösen Zauberer Belegro zu töten. Im Vergleich zu den mir bekannten Atari-2600-Spielen wirkte Ghost Town ungleich komplexer, denn die 19 Räume des Spiels steckten voller Rätsel und Gefahren. Man musste sich den richtigen Weg durch die Geisterstadt bahnen, dabei Gegenstände wie Schlüssel oder eine Schaufel einsammeln und an anderer Stelle benutzen, von der Decke herunterhängenden Riesenspinnen ausweichen oder magische Barrieren deaktivieren. Man konnte jederzeit sterben - etwa, wenn man versehentlich eine Dornenhecke anfasste.

Wir kamen an diesem Tag zwar nicht sonderlich weit, aber meine Faszination für das Spiel war gigantisch; vor allem die Gruselatmosphäre und das morbide Setting nebst einem Friedhof mit Särgen zogen mich in ihren Bann. (Tipp: Hier gibt es ein Remake von Ghost Town in Javascript).

Ghost Town stammte von dem Deutschen Udo Gertz, der später als einer der fleißigsten und kompetentesten C16-Entwickler in die Spielehistorie eingegangen ist. Er programmierte für den Publisher Kingsoft - neben Mastertronic einer der zuverlässigsten C16-Spielelieferanten - noch weitere Highlights wie die Action-Plattformer Tom Thumb und Bongo sowie Sommer Olympiade, das gelungene C16-Pendant zu Summer Games. Dabei erzielte Gertz trotz der Limitationen der C16-Hardware (u. a. nur 16 KByte Hauptspeicher im Vergleich zu den 64 KByte des C64; keine Hardware-Sprites) teils erstaunliche Resultate. Auch Winter Olympiade hatte er programmiert, das Ernst ebenfalls besaß.

Nachdem Ernst mir noch dieses Spiel gezeigt hatte, das sich am C64-Hit Winter Games von Epyx Games orientierte und fünf gut spielbare Disziplinen wie unter anderem Biathlon, Bobfahren und Skispringen bot, war es um mich geschehen: Ich hatte mich in den C16 verliebt und wollte auch unbedingt so einen Computer haben. Ich war unglaublich neidisch auf Ernst. Dieser Glückspilz!

Für 50 Mark wird der C16 mein

Meine erste Begegnung mit dem C16 hatte Spuren hinterlassen; der Atari 2600 meines Kumpels war plötzlich weitaus weniger spannend als vorher. Und dann geschah das Unglaubliche: Ernst bot mir eines Tages in der Pause seinen C16 zum Verkauf an - für lächerliche 50 D-Mark! Komplett mit Datasette, Joystick, Basic-Programmierkurs auf Kassette und in Buchform sowie allen Spielen, die er besaß. Ab diesem Moment hatte ich nur noch eine Mission: Ich musste meine Eltern von der unbedingten Notwendigkeit überzeugen, mir den C16 zu kaufen.

Zu meinem Glück waren sie treue "Spiegel"-Leser. Das Nachrichtenmagazin hatte den Heimcomputern schon 1984 eine Ausgabe nebst Titelbild gewidmet und im Heft den Siegeszug der Computer an Schulen skizziert. Daran erinnerten sie sich offenbar, als ich ihnen den Vorschlag machte, mir den C16 zu finanzieren und sie mir schließlich zustimmten. "Den kaufen wir dir als Lerncomputer!" konstatierte meine Mutter hoffnungsvoll, während ich mir meinen Teil dachte.

Der große Tag kam: Ich fuhr mit meinem Vater zu Ernst, drückte ihm einen 50-Mark-Schein in die Hand - und war stolzer Besitzer eines C16, den ich am kleinen Röhrenfarbfernseher im Gästezimmer anschließen durfte. Außer Ghost Town und Winter Olympiade waren im Ernst-Paket noch das Rennspiel Speed King, das Shoot'em-Up Galaxy sowie das Schachspiel Grand Master enthalten.

Die kommenden Monate waren von glückseligen Spielsessions mit meinen Freunden geprägt. Wir spielten vor allem Winter Olympiade rauf und runter, das mit seinem Mehrspielermodus - jeder Teilnehmer kam der Reihe nach dran - jede Menge Spaß lieferte. Dem Geheimnis von Ghost Town kam ich ebenso auf die Spur; ich spielte das Abenteuerspiel gleich mehrfach durch. Galaxy und Speed King sind mir vor allem als prima Titel für zwischendurch in Erinnerung geblieben. Das Schachspiel habe ich leider nie ausprobiert, da ich die Regeln des Brettspiels erst ein paar Jahre später lernen sollte.

Ich fing sogar an, mit der in den 1970er bis 1990er Jahren beliebten Programmiersprache Basic (kurz für Beginner's All-purpose Symbolic Instruction Code) herumzuexperimentieren.

Experimente mit Basic

Der C16 eignete sich sehr gut für den Einstieg ins Programmieren unter Basic: Anders als beim C64 und beim VC-20, die beide noch mit Basic V2.0 arbeiteten, war auf den Computern der 264-Serie das fortschrittlichere Basic 3.5 als Betriebssystem. Nicht umsonst lag jedem verkauften C16 das Buch Lerne BASIC mit dem Commodore 116/16/Plus 4 bei.

Allerdings ignorierte ich geflissentlich Kassetten-Lernkurs und Basic-Buch, stattdessen tippte ich seitenweise Listings aus einer C16-Sonderausgabe des Magazins 64'er ab - und fluchte, wenn ich mal wieder versehentlich eine Zeile à la IFA=3THENCOLOR1 ,3, 3 übersprungen hatte. Immerhin schaffte ich es tatsächlich, eine funktionierende C16-Version des Würfelspiels Yaatzee abzutippen.

Der Höhepunkt meiner kurzen Coder-Laufbahn: ein Basketball-Textadventure (!), in dem man als Spieler vor schwerwiegende Entscheidungen wie "Pass spielen oder auf Korb werfen?" gestellt wurde. Wie ich damals auf diese bizarre Spielidee gekommen bin? Keine Ahnung! Fertig wurde das Spiel nie - ich merkte schnell, dass Programmieren einfach nicht mein Ding ist. Dafür begann ich, inspiriert von den Spielemagazinen der damaligen Zeit, handschriftlich verfasste Testberichte zu meinen C16-Spielen zu verfassen. Man kann durchaus sagen, dass mir der C16 den Weg zu meinem späteren Beruf als Journalist ebnete.

Der C64 ist einfach noch cooler

So schön Winter Olympiade, Ghost Town und Co. aber auch waren, irgendwann wurde mir der C16 ein wenig langweilig. Denn Spielenachschub war für mich nur über den Kauf neuer Kassetten im örtlichen Kaufhaus möglich. Anders als beim C64, wo das Tauschen von randvoll mit Spielen bepackten Disketten gang und gäbe war, gab es für C16 keine vitale Schwarzkopierszene.

Angesichts meines knapp bemessenen Taschengeldes reichte es nur zu wenigen Spieleneuanschaffungen - darunter immerhin ein Fußballmanager namens Soccer Boss, den ich passenderweise immer vor dem Fußballtraining spielte. Ich verstand aufgrund der englischen Bildschirmtexte nur die Hälfte der Taktikoptionen; es machte dennoch Riesenspaß, einen Verein aus der vierten britischen Liga zu coachen. Blöderweise hatte Ernst bei seinem Crashkurs vergessen, mir das Sichern meines Spielstandes auf Kassette zu erklären, also musste ich die Saison jedes Mal von vorne beginnen. Trotzdem, der C16 befeuerte damals eine weitere Leidenschaft von mir: Heute bin ich nicht nur begeisterter Fußball-Nerd, sondern auch Trainer einer Jugendmannschaft.

Zu dieser Zeit besaßen allerdings schon immer mehr Freunde einen C64 und tauschten munter Disketten auf dem Schulhof, während ich neidisch nebendran stand. Ich war mit meinem C16 nebst Datasette ein Exot. So konnte letztlich auch Soccer Boss nicht verhindern, dass ich abtrünnig wurde. Der große Bruder war einfach deutlich leistungsfähiger und auch viel cooler als mein C16. Klar, dass Technikfreak Ernst bereits einen hatte. Nachdem er mir bei einem Besuch großartige C64-Spiele wie Pirates!, Microprose Soccer und Maniac Mansion gezeigt hatte, war klar: Den muss ich auch haben! Und so kam es einige Zeit später dann auch.  (bpfl)


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