Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/bioware-diskussionen-ueber-entstehungsgeschichte-von-anthem-1904-140469.html    Veröffentlicht: 04.04.2019 17:27    Kurz-URL: https://glm.io/140469

Bioware

Diskussionen über Entstehungsgeschichte von Anthem

Hat Bioware bei der Produktion von Anthem kläglich versagt - oder wurde da nur ein kreativer Prozess halt mal mit einem nicht so richtig tollen Ergebnis beendet? Darüber streiten sich ein US-Journalist, das Entwicklerstudio selbst und die Community.

Eine auf Kotaku veröffentlichte Reportage des Journalisten Jason Schreier über die Entwicklung von Anthem zieht eine Debatte nach sich - über die Spielebranche, aber letztlich auch über Spielejournalismus. Schreier hat mit ehemaligen und aktuellen Mitarbeitern von Bioware gesprochen und viele eher anekdotische, aber auch allgemeingültige Informationen über die Produktion des Actionspiels aufgeschrieben.

Unter anderem berichtet Schreier von Problemen mit der Positionierung des Spiels, etwa bei der Abgrenzung gegenüber dem Hauptkonkurrenten Destiny, sowie von Schwierigkeiten mit der Frostbite-Engine - was wohl mit zu den langen Ladezeiten teils mitten in Missionen geführt hat, wie sie auch Golem.de im Test von Anthem kritisiert hatte.

Ein weiteres Problem sei gewesen, dass Publisher Electronic Arts das Spiel unbedingt vor dem Ende eines Geschäftsquartals veröffentlichen wollte, obwohl der Zeitpunkt zu früh gewesen sei. Außerdem schreibt Schreier vom großen Druck auf Mitarbeiter, von schlechter interner Kommunikation und vielen Überstunden, was zu psychologischen Belastungen und teils langen krankheitsbedingten Ausfällen geführt habe.

Bioware hat sehr schnell auf den Artikel reagiert - so schnell, dass die Firma den gesamten Text unmöglich gelesen haben kann, was ihr Vorwürfe aus der Community eingebracht hat. In dem per Blog veröffentlichten Statement bestätigt die Firma einige der Probleme: "Wir hören die Kritik, die von Mitarbeitern in dem Beitrag geäußert wurde, und wir nehmen sie ebenso wie die Rückmeldungen, die wir in unseren internen Mitarbeiterumfragen erhalten, zur Kenntnis."

Bioware stellt allerdings die Frage, ob Artikel wie der von Schreier "die Branche und das Entwicklerhandwerk verbessern". Der Journalist wiederum schreibt auf Twitter, dass Berichte wie seiner dabei helfen könnten, die Arbeitsbedingungen in der Spielebrache zu verbessern. Er habe viele Zuschriften von Entwicklern aus anderen Studios bekommen, in denen die gleichen Zustände wie bei Bioware herrschten.

Bioware-Chef Casey Hudson schreibt in einem internen Brief an die Belegschaft, der Schreier und Kotaku zugespielt wurde, unter anderem, dass er vor allem nicht damit einverstanden sei, dass in dem Report führende Entwickler namentlich genannt wurden - für die Betroffenen könne das "traumatisch" sein. Gleichzeitig kündigt Hudson an, die Arbeitsbedingungen gemeinsam mit der Belegschaft verbessern zu wollen; das Studio arbeitet derzeit an der Optimierung von Anthem sowie an Dragon Age 4.

Seit Jahrzehnten gab es immer wieder Spiele, die in einem zu frühen Stadium veröffentlicht wurden - obwohl die Entwickler viele Überstunden geleistet haben. Auch Probleme mit der Positionierung und der Ausgestaltung von Gameplay und Handlung sind eher der Normalfall als die Ausnahme. Im Interview mit Golem.de hat etwa Cory Barlog, der Chefentwickler von God of War, von internen Streits über die Ausrichtung des Projekts berichtet, was durchaus an den Artikel über Anthem erinnert.

God of War hat trotz (oder wegen) der offenbar teils hitzig geführten Diskussionen viele "Spiel des Jahres"-Auszeichnungen bekommen. Warum der kreative Prozess in dem einen Fall zu einem überzeugenden Endprodukt führt und im anderen nicht, ist schwierig zu sagen - andernfalls gäbe es weniger misslungene Bücher, Filme und Games.

In Foren wie Reddit hat der Artikel Diskussionen ausgelöst. Die meisten Spieler dort schließen sich dem Ärger über das Management bei Bioware an. Viele schreiben aber auch, dass Bioware nicht das einzige Spielestudio mit Problemen sei: "Natürlich ist das nicht zu verteidigen, aber jeder, der den ganzen Tag auf dem Arsch sitzt und Däumchen dreht, weil jemand den neuesten Build vergeigt hat, weiß, dass so was weitaus häufiger vorkommt, als man denkt", schreibt einer der Kommentatoren über seinen Alltag.  (ps)


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