Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/tropico-6-im-test-wir-basteln-eine-bananenrepublik-1904-140383.html    Veröffentlicht: 02.04.2019 09:06    Kurz-URL: https://glm.io/140383

Tropico 6 im Test

Wir basteln eine Bananenrepublik

Das Militär droht mit Streik, die Nachbarländer mit Krieg und wir haben keinen Rum mehr: Vor solchen Problemen stehen wir als (nicht allzu böser) Diktator in Tropico 6, das für anspruchsvolle Aufbauspieler mehr als einen Blick wert ist.

Wir tun uns selbst leid. Da herrschen wir über ein karibisches Inselparadies, haben aber nichts als Ärger. Mit den USA müssen wir über Handelsbeziehungen verhandeln, irgendwie mit kommunistisch-revolutionären Widerstandskämpfern fertig werden, die Bevölkerung mit Lebensmitteln vorsorgen - und morgens die am besten zur Paradeuniform passende Sonnenbrille auswählen. Das sind nur einige der Herausforderungen, denen wir uns im Aufbauspiel Tropico 6 stellen müssen.

Das vom hessischen Entwicklerstudio Limbic Entertainment (unter anderem Might & Magic X: Legacy) produzierte Spiel schickt uns wie die Vorgänger in ein an Kuba erinnerndes Inselparadies, wo wir als männlicher oder weiblicher Herrscher mit dem Spitznamen El Presidente das Sagen haben. Eigentlich sind wir ein Diktator, haben also unbeschränkte Macht - aber sehr weit her ist es damit in der Praxis nicht: Vom ersten Moment an sind wir damit beschäftigt, die Interessen alle möglichen Gruppen kennenzulernen, abzuwägen und sie entweder zu erfüllen oder so zu ignorieren, dass uns das nicht schadet.

Zwar droht kein richtiger Putsch, aber wenn wir die Hauptaufgaben in den 15 Kampagnenmissionen nicht erfüllen, müssen wir wegen eines Übermaßes an demokratischen Elementen trotz toller Reden um unsere Wiederwahl bangen oder kommen schlicht nicht weiter. Also machen wir uns an die Arbeit und bauen wie in Anno und anderen Aufbauspielen zuerst einmal eine funktionierende Infrastruktur auf: Mit einem Mausklick ordnen wir etwa den Bau einer Rumfabrik und einer Zuckerrohrplantage in der Landschaft an und verbinden die beiden Gelände mit einer Straße.

Wenn wir genug arbeitswillige Untertanen haben, stampfen die wenig später mit einer hübschen 3D-Animation die Gebäude aus dem Boden und beginnen mit der Produktion des Fusels. Einen Teil davon verbrauchen wir und unsere Untertanen selbst, den Rest exportieren wir über unsere Hafenanlagen in die Nachbarländer, um an Devisen zu gelangen.

Beim Aufbau der Industrie- und Agrargebiete und der Wohnanlagen stoßen wir meist recht schnell an natürliche Grenzen, sprich ans Meeresufer. Hier kommt dann eine der wichtigeren Neuheiten von Tropico 6 ins Spiel: Unser Reich kann sich erstmals über mehrere Inseln hinweg erstrecken. Die Eilande werden über Schifffahrtswege, vor allem aber über Brücken und Tunnel miteinander verbunden - sonst funktioniert vor allem der Warenaustausch nicht. Sehr kompliziert ist es zum Glück nicht, die nötigen Gebäude und Anlagen zu erreichten.

Neben diesem Wirtschaftsteil müssen wir uns aber auch um die Politik kümmern, um unser Land von der Kolonialzeit durch Weltkriege und den Kalten Krieg bis in die Moderne zu führen, so dass wir irgendwann im karibischen Sonnenlicht gleißende Wolkenkratzer besitzen. Politik besteht in Tropico 6 primär aus Texttafeln, auf denen uns etwa die eine Supermacht mit einer Seeblockade droht, wenn wir nicht umgehend ganz offiziell Handelsbeziehungen aufnehmen.

Revolutionäre Gruppen fordern Schulen und Bibliotheken für die Ärmsten, die Industrie will niedrigere Steuern und das Militär endlich die schicken neuen Raketen. Wir müssen uns entscheiden, welcher Art von Forderung wir nachgeben, und steuern unser Land so in die eine oder andere Richtung, etwa in Richtung Kapitalismus oder Kommunismus. Was es im Spiel übrigens nicht gibt, sind soziale Medien - wir müssen oder dürfen uns also keine wie auch immer gearteten Botschaften an Follower in aller Welt ausdenken.

Das Erfüllen der Ziele ist in jedem der drei Schwierigkeitsgrade nicht ganz einfach: Wer dem Volk etwa versprochen hat, die Lebenszufriedenheit zu steigern, kann nicht einfach ein bisschen mehr Essen und dazu Rum produzieren. Manchmal hilft da wirklich nur die Holzhammermethode und wir müssen in jedem Bezirk ein Opernhaus und einen Nachtclub eröffnen, damit die Menschen ausreichende Glückseligkeitswerte erreichen.

Verfügbarkeit und Fazit

Wenn wir Wirtschaft und Politik sowie weitere Elemente wie die Forschung einigermaßen im Griff haben, was zumindest zum Teil beim Befolgen der Tipps eines Beraters namens Penultimo etwas einfacher abläuft, können wir als Belohnung von unseren Geheimagenten sogar Weltwunder aus anderen Ländern stehlen lassen, um durch die Pyramiden oder den Kreml besonders große und ausgabefreudige Touristenströme anzulocken. Bis es soweit ist, wird es aber auch nicht langweilig - unter anderem dank des enorm umfangreichen Baumenüs, das über 140 Gebäude in verschiedenen Variationen enthält.

Für ein Aufbauspiel relativ ungewöhnlich: Tropico 6 basiert auf der Unreal Engine 4. Wir können die Welt weitgehend frei zoomen und drehen, um sie von allen Seiten zu bestaunen, und das macht durchaus Spaß. Die Mischung aus Stadt, Stränden und Palmen im Sonnenlicht gibt einiges her. Allerdings ist es in dem Programm relativ schwierig, bewusst schöne Siedlungen etwa mit einer gewissen Symmetrie aufzubauen, weil der Platz meist sehr begrenzt ist. Außerdem ist speziell das Anlegen von geraden oder wenigstens nicht völlig verdrehten Straßen ziemlich umständlich - Schönheit hat allerdings auch nur optische, aber keine spielerischen Vorteile. Bei uns lief das Programm stabil, leichte Ruckler gab es erst bei sehr großen Metropolen mit vielen Bewohnern und Fahrzeugen.

Tropico 6 ist für Windows-PC und Linux erschienen und kostet rund 50 Euro. Laut Publisher Kalypso Media soll "in Kürze" auch eine Umsetzung für MacOS folgen. Für eine Veröffentlichung im Sommer 2019 sind außerdem Versionen für Playstation 4 und Xbox One angekündigt - konkrete Termine gibt es nicht.

Das Programm bietet eine gute Sprachausgabe mit meist leicht karibischem Zungenschlag, im Hintergrund ist ein an Salsa und andere lateinamerikanische Musik erinnernder Soundtrack zu hören. Mikrotransaktionen gibt es nicht, im Multiplayermodus können bis zu 4 Teilnehmer antreten. Wir haben das nicht ausprobiert, aber sind darauf aufmerksam gemacht worden, dass sich viele Spieler darüber ärgern, dass eine Speichermöglichkeit speziell für den Multiplayermodus erst mit einem der nächsten Updates nachgereicht wird. Die Kampagne ist auch im Offlinemodus von Steam spielbar. Von der USK hat Tropico 6 eine Freigabe ab 12 Jahren erhalten.

Fazit

Uns muss El Presidente nicht mit konterrevolutionären Maßnahmen drohen, damit wir noch eine Mission in Tropico 6 starten. Das Aufbauspiel macht mit seiner Mischung aus anspruchsvoll simulierter Wirtschaft, politischen Elementen und Humor sehr viel Spaß. Vor allem gefallen uns die interessanten Aufgaben, die gekonnt ein Gefühl für die sich wiedersprechenden Interessen von Wirtschaft, Nachbarländern, dem Militär und unserem Schweizer Nummernkonto vermitteln.

Das alles funktioniert deshalb so gut, weil Tropico 6 im Kern ein gelungenes Aufbauspiel ist. Die Kreisläufe sind gut aufeinander abgestimmt und ebenso abwechslungsreich wie nachvollziehbar, die Suche nach Optimierungspotenzial ist schön herausfordernd. Das zeigt sich vor allem im Sandboxmodus, wenn die Politik keine so große Rolle spielt und wir einfach unseren ganz persönlichen karibischen Traumstaat schaffen - der dank der ordentlichen Grafik auch noch hübsch aussieht.

Problematisch finden wir die hohen Einstiegshürden für Serienneulinge, die lange für den sinnvollen Umgang mit der schieren Masse der Gebäudearten sowie den diktatorischen und diplomatischen Elementen brauchen. Wirklich gestört hat uns auf Dauer aber nur das Anlegen von Straßen und anderer Infrastruktur, das viel zu oft zu chaotischen und hässlichen Ecken in unserer Stadt führt. Davon abgesehen ist Tropico 6 ein klasse Programm geworden!  (ps)


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