Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/openbook-ausprobiert-wie-facebook-nur-anders-1904-140377.html    Veröffentlicht: 03.04.2019 13:36    Kurz-URL: https://glm.io/140377

Openbook ausprobiert

Wie Facebook, nur anders

Seit gut drei Wochen ist das werbe- und trackingfreie soziale Netzwerk Openbook für die Kickstarter-Unterstützer online. Golem.de ist dabei - und freut sich über den angenehmen Umgangston und interessante neue Kontakte.

Der gesamte Code ist offen, es gibt keine Hintertüren, keine Werbung, kein Tracking. Nutzer sollen stets die Kontrolle über ihre Daten haben: Das kürzlich gestartete Openbook soll sich vor allem von Facebook abheben.

Bei diesem riesigen und marktbeherrschenden Netzwerk zahlen Nutzer für ihre kostenlose Mitgliedschaft damit, dass sie ihre Daten zur Verfügung stellen, was nicht allen so klar bewusst ist. Facebook steht außerdem für Datenskandale und politische Beeinflussung in vielen Teilen der Welt. Damit Openbook anders sein kann, darf es nach Aussage seiner Macher eines nicht werden: ein echter Facebook-Konkurrent.

Wir sind von Anfang an dabei und haben das Netzwerk ausprobiert - und mit dem Gründer Joel Hernández über das Projekt und die Punkte, die er besser machen will gesprochen. Kernpunkt seiner Strategie: Langsames Wachstum, damit die Gemeinschaft nicht aus dem Ruder läuft.

Der Weg zur ersten Alphaversion von Openbook war durchaus holprig: Nachdem Hernández beim ersten Crowdfunding-Versuch ein zu hohes Finanzierungsziel angegeben hatte und kurz vor dem Ende der Kampagne die Reißleine ziehen musste, verlief der zweite Durchgang erfolgreich. Hernández hatte ein niedrigeres Finanzierungsziel anvisiert, unter anderem dadurch, dass er selbst mehr Geld in das Projekt investiert und einige Funktionen gestrichen hatte. Außerdem fokussieren er und sein Team sich auf die Programmierung einer Smartphone-App für Android und iOS und nicht auf einen Web-Client. Die meisten Nutzer verwendeten mittlerweile ohnehin soziale Netzwerke auf ihrem Smartphone, so das Openbook-Team - eine Annahme, die uns realistisch erscheint.

Seit gut drei Wochen ist Openbook online, zunächst nur für die Kickstarter-Unterstützer. Das Prinzip des Netzwerks weicht deutlich von Facebooks ab und ähnelt in einigen Belangen eher dem eingestellten Google+. Der wichtigste Punkt sind sogenannte Communitys, denen die Nutzer beitreten können und in denen sie auf Gleichgesinnte treffen. Beiträge können direkt in den Communitys eingestellt werden, sie erscheinen dann in der Timeline aller Nutzer, die ebenfalls in der Gruppe sind.

Man kann anderen Nutzern folgen. Außerdem können sich Nutzer untereinander verbinden; die auf diese Weise geknüpften Bekanntschaften lassen sich in Kreisen organisieren. Neben den Beiträgen in den Communitys können Openbook-Nutzer auch Postings direkt mit diesen Kreisen teilen. Diese erscheinen dann nicht in einer Community, sind also nicht öffentlich für alle Nutzer einsehbar.

Idealerweise posten Nutzer ihre Beiträge aber hauptsächlich in den Communitys: Wer beispielsweise auf einer Reise ist, kann seine Erfahrungen und Eindrücke direkt in einer Reise-Community teilen. So sehen diejenigen Nutzer die Beiträge, die sich wirklich für das Thema interessieren. Die persönliche Timeline eines Nutzers zeigt alle Beiträge der Communitys an, denen der Nutzer folgt, sowie die Postings der verbundenen anderen Nutzer, die ihre Postings direkt geteilt haben. Dabei verwendet Openbook keinen Algorithmus, sondern ordnet die Beiträge einfach chronologisch an.

Die verschiedenen Ebenen von Openbook wirken etwas verwirrend, was auch immer wieder in einigen Communitys angesprochen wird. So werden beispielsweise auf der eigenen Profilseite nur eigene Beiträge angezeigt, die der Nutzer mit seinen Kreisen geteilt hat - nicht aber die in den Communitys. Hernández ist mit seinem Team dabei, viele der Kritikpunkte aufzugreifen und sie zusammen mit Fehlerkorrekturen in den Quellcode von Openbook einzuarbeiten.

Openbook-Gründer Hernández ist überall

Besonders Hernández scheint mit seinem Nutzernamen @joel überall auf Openbook zu sein: Wann immer ein Nutzer einen Vorschlag, eine Idee oder eine Fehlermeldung hat, dauert es meist nicht lange, bis er sich unter dem Beitrag meldet. "Letzte Nacht habe ich fünf Stunden geschlafen, das war nicht schlecht", antwortet er in unserem Gespräch lachend. Neben ihm gibt es zwei weitere Programmierer, insgesamt besteht das hauptamtliche Openbook-Team aus nur acht Personen - inklusive Phil Zimmermann, dem Erfinder von PGP.

Hernández hat in Amsterdam studiert und mehrere kleine Unternehmen gehabt, in denen er hauptsächlich Webseiten programmiert hat. Später fing er beim niederländischen Telekommunikationsunternehmen KPN an, wo er in der Sicherheitsabteilung als Programmierer arbeitete. Ein soziales Netzwerk zu programmieren wollte Hernández schon länger: "Sobald ich gelernt hatte zu programmieren, kam mir der Gedanke zu einem sozialen Netzwerk, um andere Leute kennenzulernen."

Zuerst versuchte er vor drei Jahren, seine Freunde von der Notwendigkeit eines neuen Netzwerks als Gegenstück zu werbefinanzierten Seiten wie Facebook zu überzeugen - ohne Erfolg. "Sie überzeugten mich davon, dass sich niemand für Datenschutz interessieren würde", erzählt uns Hernández. "'Versuch etwas anderes', meinten meine Freunde."

Der Skandal um Cambridge Analytica und die weitergegebenen Nutzerdaten von Facebook im Jahr 2018 gab Hernández aber die Zuversicht, es doch noch einmal zu versuchen. Seine Beweggründe sind ähnlich denen anderer Open-Source-Netzwerke wie Diaspora: Nutzer sollten von einem Dienst nicht ausspioniert werden. Entsprechend gibt es auch bei Openbook kein Tracking, und die Beiträge der Nutzer sind nicht für alle anderen Nutzer einfach einzusehen. "Wenn ein Nutzer einen Beitrag liked oder etwas kommentiert, werden die Freunde darüber nicht benachrichtigt", erklärt Hernández.

Als eines der stärksten Unterscheidungsmerkmale zu anderen sozialen Netzwerken sieht Hernandez die Communitys. "Das war doch für die meisten von uns der Grund, ins Internet zu gehen - um gleichgesinnte Leute kennenzulernen", sagt er in unserem Gespräch. Nach nicht einmal einem Monat gibt es bereits über 1.400 Communitys auf Openbook, in denen die aktuell rund 1.500 Nutzer ihre Interessen teilen. Darunter sind natürlich einige Doubletten, was auch an einer aktuell noch fehlenden Gesamtübersicht liegen dürfte; die vorhandene Suchfunktion findet Gemeinschaften nur anhand des Namens, nicht anhand der Beschreibung.

Wenige, aber engagierte Nutzer

Die Partizipation der Openbook-Nutzer ist sehr hoch, was auch daran liegt, dass es sich um die Unterstützer der Crowdfunding-Kampagne handelt - und diese natürlich ein Interesse an dem Netzwerk haben und auf dessen Start gewartet haben. Auch in der Gesprächskultur merkt man einen ganz anderen Ton als bei Facebook: Der Umgang ist generell freundlicher, auf Fragen wird konstruktiv geantwortet, Pöbeleien gab es bisher in keinem nennenswerten Maße.

Auffangstation für Google-Plus-Nutzer

Etliche der neuen Openbook-Nutzer kommen direkt von Google+, Googles sozialem Netzwerk, das gerade geschlossen wird. Ein kurzer Stimmungstest zeigt, dass sich viele der ehemaligen Google-Plusser eine Menge von Openbook erhoffen. Das liegt auch an stellenweise ähnlichen Strukturen: So können in Openbook Nutzer auch in Kreisen organisiert werden. Die Nutzerdemographie erinnert uns ebenfalls eher an Google+ als an Facebook: Die Nutzer von Openbook erscheinen uns sehr technikaffin, bei einem nicht unerheblichen Teil handelt es sich um Programmierer.

Die Entwicklung von Openbook bezeichnet Hernández als "community driven", also in starker Weise beeinflusst von den Nutzern. "90 Prozent der neuen Funktionen sind Dinge, die uns die Nutzer vorgeschlagen haben", erklärt er im Gespräch. Zudem freut sich Hernández über die Begeisterung. "Einer unserer Nutzer hat einen Desktop-Client von Openbook programmiert, ein anderer ein Watchface für Samsung-Smartwatches", erklärt er. Dabei ist natürlich der Open-Source-Charakter der Software hilfreich. Den Desktop-Client gibt es für Linux und Windows, es handelt sich um die portierte Mobile-App.

Dennoch sind künftige Streitereien natürlich nicht ausgeschlossen, das weiß auch Hernández. Mögliche Probleme will das Openbook-Team angehen, wenn sie anfallen; um nicht von ihnen überrannt zu werden, soll Openbook nur langsam wachsen. "Wir haben erkannt, dass die Zeit für exponentielles Wachstum bei sozialen Netzwerken vorbei ist. Das wollen wir auch gar nicht", erklärt Hernández. "Unsere Strategie ist, langsam und stabil zu wachsen. Also beispielsweise 10.000 neue Nutzer zu registrieren und uns dann um die anfallenden Probleme zu kümmern."

Im April 2019 sollen alle Kickstarter-Unterstützer zehn Einladungen bekommen, die sie an Freunde verteilen können. Würde jeder der knapp 1.500 Nutzer diese Möglichkeit voll ausschöpfen, wären das 15.000 neue Nutzer - wobei anzunehmen ist, dass wohl nicht das Maximum erreicht werden wird. Sobald Hernández und sein Team die durch die neuen Nutzer entstehenden Herausforderungen gemeistert haben, wollen sie die nächste Charge an neuen Nutzern einladen.

Auf diese Weise können die durch eine Vielzahl an Nutzern möglicherweise entstehenden Probleme sicherlich besser mit einem kleinen Entwicklungsteam gelöst werden als bei einer kompletten Öffnung von Openbook. "Wahrscheinlich werden wir für einige Zeit nur mit Einladungen arbeiten", sagt Hernández.

Gruppen sind moderiert

Auch das Thema Fake News, also gezielt gestreute Falschinformationen, beschäftigt Hernández. "Alle Inhalte, die in einer Community gepostet werden, sind moderiert. In diesen öffentlichen Feeds werden nie Beiträge erscheinen, die in einer Nutzer-Timeline veröffentlicht werden", erklärt er. Zudem ist das Entwicklerteam von Openbook Hernández zufolge aktuell dabei, neue Werkzeuge zu programmieren, mit denen Probleme gemeldet werden können.

Dabei wollen die Macher des sozialen Netzwerkes mit einem Schwellwert arbeiten: Haben beispielsweise 80 Prozent der Nutzer einen Beitrag gemeldet, wird er zeitweilig versteckt, bis ihn sich ein Moderator anschauen kann. Auf diese Weise könnte verhindert werden, dass sich Falschinformationen schnell verbreiten. Aktuell können Nutzer das Openbook-Team direkt anschreiben, wenn es Probleme geben sollte. Zudem gibt es immer die Möglichkeit, Fehler in einer der passenden Communitys zu melden, beispielsweise in der für die Alphanutzer.

Einladungssystem soll zunächst bleiben

Hernández hofft zudem, dass das Einladungssystem verhindern wird, dass Nutzer illegale Inhalte posten oder sich danebenbenehmen. "Dann verliert der Nutzer den Zugang zu Openbook - und wer wieder rein will, muss eine neue Einladung bekommen", sagt er. Er hofft, dass sich die Openbook-Gemeinschaft auf diese Weise selbst maßregelt. "Trotzdem wird das natürlich eine Herausforderung, aber wenn wir es langsam angehen, können wir das regeln." Parallel zu den kommenden Einladungen können Interessenten sich auf der Webseite von Openbook für die kommende Beta-Version registrieren oder sich bei Indiegogo für 10 Euro einen Alpha-Zugang kaufen.

Natürlich wird Openbook früher oder später auch Geld benötigen - trotz freiwilligen Einsatzes von Moderatoren. Im Spätsommer 2019 will Hernández daher ein Bezahlmodell einführen, genannt Openbook Gold. Für 5 Euro im Monat erhalten Abonnenten Zugriff auf extra Reaktions-Emojis, einen Farb-Theme-Builder und animierte Avatare sowie vorzeitigen Zugriff auf neue Funktionen. Alle Kickstarter-Unterstützer haben diese Vorteile bereits und müssen kein Abo abschließen. "Bei den Funktionen handelt es sich aber nur um oberflächliche Features. Das Abo wird nie Dinge wie die Verschlüsselung oder Datenlimits betreffen", erklärt Hernández.

Hernández sieht Openbook nicht als Ablösung für Facebook. "Würden wir Openbook für alle Facebook-Nutzer öffnen, hätten wir die gleichen Probleme wie Facebook", erklärt er. Inhaltlich sieht er Facebook eher als das Netzwerk für Leute, die man bereits kennt, und Openbook als das Netzwerk für Personen, die man noch kennenlernen möchte. Mit den Communitys und einer geplanten Lokalisierung derer könnte das klappen. Dann sollen sich Nutzer Beiträge in den Communitys, die von Nutzern in der Nähe stammen, weiter oben anzeigen lassen können.

Fazit

Openbook ist aufgrund der geringen Größe und des dadurch entstehenden direkten Kontakts zwischen den Nutzern ein interessantes soziales Netzwerk, das aktuell allerdings gerade deshalb noch unter dem Radar der meisten Internetnutzer laufen dürfte. Aufgrund des Einladungssystems und des Expansionskonzeptes wird sich wahrscheinlich auch in naher Zukunft nicht viel daran ändern, dass Openbook nur von wenigen Nutzern verwendet wird. Das ist von den Machern des Netzwerks durchaus gewollt, Fakt ist aber, dass es sich aktuell bei Openbook um ein marginal kleines Netzwerk handelt.

Für den Umgangston auf Openbook ist dies eher hilfreich: Selten haben wir ein soziales Netzwerk erlebt, bei dem mit nur etwa 1.500 Nutzern so schnell gute und konstruktive Diskussionen entstehen. Die Communitys helfen tatsächlich, gleichgesinnte Nutzer zu finden, die man in einer im Vergleich viel größeren Facebook-Gruppe nicht finden dürfte.

Aufgrund des angestrebten geringen Wachstums und des Einladungsmodells könnte Openbook sich als kleineres Nischennetzwerk etablieren - die aktuellen Nutzer dürften dagegen wohl eher nichts einzuwenden haben. Ein langsames Wachstum könnte auch verhindern, dass Openbook das gleiche Schicksal wie Vero wiederfährt: Das Netzwerk erlebte 2018 einen sehr starken, aber letztlich nicht nachhaltigen Hype, seit längerer Zeit hört man von Vero nichts mehr.

Openbook setzt sich durch Unterschiede im Aufbau und in den Funktionen von anderen freien Netzwerken wie etwa Diaspora ab. Unklar ist im aktuellen Stadium, inwieweit ein Abomodell funktionieren wird. Die Frage ist, wie viele Nutzer bereit sind, 5 Euro im Monat für das soziale Netzwerk zu zahlen. Die Zielgruppe dürfte bei technikaffinen Nutzern liegen, die sich der Probleme von Facebook bewusst sind. Ob das reicht, wird sich zeigen - ein lohnenswertes Projekt scheint uns Openbook aber auf jeden Fall zu sein.  (tk)


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