Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/jobportraet-wenn-die-software-fuer-den-anwalt-kurzen-prozess-macht-1904-140368.html    Veröffentlicht: 10.04.2019 12:10    Kurz-URL: https://glm.io/140368

Jobporträt

Wenn die Software für den Anwalt kurzen Prozess macht

IT-Anwalt Christian Solmecke arbeitet an einer eigenen Jura-Software, die sogar automatisch auf Urheberrechtsabmahnungen antworten kann. Dass er sich damit seiner eigenen Arbeit beraubt, glaubt er nicht. Denn die KI des Programms braucht noch Betreuung.

Christian Solmecke wird viel vorgeworfen. Zum Beispiel, dass er zu viel Marketing betreibt. Der IT-Anwalt hat über 2.300 Youtube-Videos gedreht und gibt darin seine Einschätzung zu Hakenkreuzen in Wolfenstein oder zur Autocomplete-Funktion bei Amazon - kurz zu jedem Tech-Thema, das in den Medien eine Rolle spielt. Er hat in seiner Kanzlei nahe des Kölner Hauptbahnhofs ein eigenes Youtube-Studio eingerichtet und plant mit seinem Presseteam sieben Beiträge pro Woche, wie ein kleiner Fernsehsender. Mittlerweile hat er sogar eine "YouTube-Kacke" bekommen; das Genre von Videocollagen, in denen normalerweise Clips von Moderatoren aus dem Frühstücksfernsehen oder Dome von RTL2 zu Dada verhackstückt werden. Dass der Anwalt nun dabei ist, zeigt, dass er selbst zur Medienfigur avanciert ist.

Der Grund: Solmecke ist als Experte begehrt, denn es gibt immer noch nicht allzu viele Juristen für Computerthemen. Deutschlandweit sind es laut Bundesrechtsanwaltskammer nur 0,6 Prozent der Rechtsanwälte, also etwa 980 von insgesamt 165.000. Schon nach der Schule wollte Solmecke mit Computern arbeiten, wurde über einen Umweg als Nachrichtensprecher bei WDR 2 Jurist und spezialisierte sich im Master auf IT- und Medienrecht. Bekannt wurde er dann durch die Verteidigung von Mandanten während der großen Abmahnwelle 2006.

Damals fanden 130 Hausdurchsuchungen in Deutschland statt und Solmecke vertrat eine der Familien, deren jugendliche Kinder Musik getauscht hatten. Das Gericht war der Meinung, dass die Eltern neben ihrem surfenden Kind sitzen müssen und haften. Nach einem Gang zum BGH erstritt Solmecke, dass sie das ohne Verdacht nicht mehr tun müssen. Nach diesem Referenzurteil und einigen prägnanten Blogartikeln tauchte Solmecke quer durch die deutschen Medien als Zitatgeber auf. Insgesamt hat er bis heute 70.000 wegen Filesharing abgemahnte Mandanten vertreten. Und weil die Forderungen der Gegenseite eigentlich immer die gleichen sind, kam er auf die Idee, eine Software für ihn antworten zu lassen.

Automatische Antworten für Abmahnanwälte

Solmecke ist fasziniert von Programmen, die einem Arbeit abnehmen können. Die standardmäßige Anwaltssoftware RA Micro aus den 1980er Jahren beherrschte nämlich keine richtige Automatisierung. In Filesharing-Prozessen nutzt er daher Document-Assembling und eine Software namens Smart Documents. "So haben wir es geschafft, weitgehend automatisch zu antworten. Wir haben sogar messbar mehr Fälle damit gewonnen, weil wirklich alles bedacht wird", sagt er. Die Anwälte bauen sich ihre Schriftsätze damit aus einer Checkliste zusammen. Die Herausforderung ist, alle Fragen und Antworten zu implementieren.

Aktuell arbeitet Solmecke mit fünf Programmierern sogar an einer eigenen Anwaltssoftware, Legalviso. Das neue cloudbasierte ERP-System leitet eintreffende E-Mails der Gegenseite an die Rechtsschutzversicherung und den Mandanten weiter. Es kann Rechnungen schreiben, nichtlukrative Akten aussortieren, Schriftsätze fürs Gericht erstellen, unbezahlte Fälle markieren und Mahnungen verschicken. Kommendes Jahr soll das Programm bereits selbstständig juristische Entscheidungen treffen können, wenn es nach Solmecke geht. "Simple Tätigkeiten wie bei einer Kündigung im Arbeitsrecht automatisch eine Kündigungsschutzklage zu schreiben, wird der nächste Schritt sein", sagt Solmecke.

Der IT-Anwalt sieht sich als Vermittler zwischen der IT-Welt und den Behörden und Gerichten, die meistens noch wenig von der Materie verstehen - denn die Gesetzeslage liefert auf viele digitale Fragen noch keine guten Antworten. "Unsere Politiker sind angesichts der Digitalisierung so nervös geworden, dass sie für jeden Sachverhalt eigene Normen wie den Artikel 17 für Youtube herausbringen", sagt Solmecke. Daher veröffentlicht er online Gegenvorschläge für die Politik: Damit man künftig keine Uploadfilter auf jeder Plattform befürchten muss, die nutzergenerierte Inhalte zulässt, würde er das Konstrukt der Pauschalabgabe auf den Online-Bereich übertragen. Doch die EU-Politiker gehören offenbar nicht zu seinen 410.000 Abonnenten auf Youtube.

Seinen Hang zu Politik und Technik hat Christian Solmecke im Elternhaus in Westfalen mitbekommen. Sein Vater, ein SPD-Bürgermeister, war Ingenieur; seinen ersten Apple 2C bekam er als Elfjähriger geschenkt. "Worüber ich übrigens überhaupt nicht happy war", erinnert er sich. "Alle meine Freunde hatten einen C64. Dadurch hatte ich auch keine raubkopierten Spiele." Er musste sich selbst welche programmieren, brachte sich das mit Büchern bei und schrieb kleine Programme wie Snake, Vokabel-Trainer oder einen Mathe-Hausaufgaben-Rechner. "Das war meine erste Begegnung mit Automatisierung", erzählt er.

Kann Software gerechter urteilen als ein Mensch?

Die Automatisierung, die Solmecke mit seiner Software vorantreibt, geht aber weiter. Was ist, wenn ein solches Programm tatsächlich bald alleine juristische Entscheidungen treffen kann? Datenbasierte Urteile kennen keine Gnade, mildernde Umstände oder Zusammenhänge. Sie stehen sogar unter Verdacht zu diskriminieren, indem sie Entscheidungen zum Nachteil bestimmter Gruppen treffen. Gerade bei juristischen KIs würden die Entscheidungen damit nicht wie erhofft gerechter ausfallen.

Christian Solmecke versucht dem vorzubeugen: "Wenn wir sehen, dass gewisse Ergebnisse nicht wünschenswert sind - etwa weil sie diskriminierend sind -, versuchen wir die Algorithmen zu optimieren. Wichtig ist, dass man die KI nicht unbetreut loslaufen lässt." So sei beispielsweise gerade ein Chatbot in der Entwicklung, der auf der IBM-Watson-Technologie basiert. "Die Antworten sind teilweise schon sehr gut, teilweise liegt die KI so daneben, dass wir uns dazu entschlossen haben, alle Antworten immer kurz von einem Anwalt gegenlesen zu lassen."

Bis eine KI Entscheidungen vor Gericht treffen kann, wird es trotzdem noch eine Weile dauern. "Wenn überhaupt", sagt Solmecke. "Wir haben zu viele uneindeutige Rechtsbegriffe. Zum Beispiel, wenn jemand fahrlässig oder grob fahrlässig handelt. Das ist noch extrem schwierig in Software zu schreiben."

Macht Jura-Software Anwälte überflüssig?

Solmeckes Software ist bei weitem nicht die einzige auf dem Markt. Für den Firmenkauf sind bereits Programme anderer Anbieter im Einsatz, die zahllose Arbeitsstunden einsparen: Due Diligence bewertet etwa automatisch, ob sich eine Investition rentiert. Bisher musste sich eine Gruppe Anwälte monatelang durch Verträge lesen und auf Probleme wie lang laufende Mietverträge achten. Die KI liest daran eine Minute und sortiert diese Verträge automatisch aus.

Die Programme sind nicht nur schneller, sondern auch treffsicherer als Menschen. Fehler passieren hauptsächlich, wenn sie Formulierungen nicht richtig deuten und im Vertrag etwa steht, "Laufzeit wie im vorgenannten Papier", statt "Laufzeit von 25 Jahren". "Zu 95 Prozent machen es die KIs in einigen Bereichen jetzt schon richtig", sagt Solmecke. "In den anderen Fällen würde ein Haftungsschaden eintreten." Menschen schneiden da nicht unbedingt besser ab. Sie überlesen oder vergessen Dinge, werden unkonzentriert.

Bereitet Solmecke seine eigene Abschaffung vor, wenn die Software per Knopfdruck auf die Abmahnanwälte antwortet, schneller Daten verarbeitet und zu logischeren Schlüssen kommt, Mandanten beim Firmenkauf berät und sogar bald eigene juristische Einschätzungen formuliert? "Solange mir die KI gehört nicht", sagt Solmecke trocken. "Und diesen Schritt bin ich direkt gegangen, als die Debatte aufkam." Der IT-Anwalt übernimmt also weiterhin Beratungen und menschliche Einschätzungen. Die KI übernimmt die zeitfressende, langweilige Bürokratie. Eine Kombination aus beidem scheint der ideale neue Anwalt zu sein.  (maj)


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