Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/kodi-mit-raspberry-pi-pimp-up-your-hi-fi-receiver-1903-140147.html    Veröffentlicht: 21.03.2019 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/140147

Kodi mit Raspberry Pi

Pimp your Stereoanlage

Wer seine digitale Musiksammlung sinnvoll nutzen will, kommt an einem vernetzten Receiver kaum vorbei. Doch trotz vieler Funktionen und Anschlüsse der getesteten Geräte haben wir uns am Ende für eine Eigenbaulösung entschieden.

Mit vielen Receivern ist es wie mit alten Autos: Während weltweit über vernetzte, autonome und elektrische Fahrzeuge diskutiert wird, scheinen Fahrzeuge, die einfach nur zuverlässig und sicher von A nach B fahren, völlig antiquiert zu sein. Ähnlich ist es bei vielen Hifi-Verstärkern, die noch in heimischen Wohnzimmern stehen: Sie haben eigentlich noch einen guten Sound, doch es wird immer schwieriger, die digitalen Musiksammlungen auf die Geräte zu bringen. Was bleibt einem anderes übrig, als die eigene Hifi-Anlage endlich zu vernetzen?

In unserem Fall handelt es sich bei dem altgedienten Stück um die Kompaktanlage Philips FW 362, Baujahr 1999, mit Doppelkassettendeck und CD-Player. Das entspricht im Automobilbereich etwa einem VW Polo Diesel mit Euronorm 2. Stark fahrverbotsgefährdet. Schon beim Kauf war die Stereoanlage sicher nichts für Audiophile. Der CD-Player hat schon seit Jahren seinen Geist aufgegeben, das Kassettendeck versprüht hingegen schon wieder Retrocharme.

Welche Funktionen will ich haben?

Dennoch liegt es nahe, die Anlage nicht um einen reinen Netzwerkplayer zu erweitern, sondern sich lieber gleich einen vernetzten Receiver mit integrierter Endstufe anzuschaffen. Für beide Arten von Geräten gibt es inzwischen eine recht große Auswahl. Diese Fragen für die Nutzer stellen sich daher: Welche Funktionen brauche ich genau, und welche Geräte bieten diese an?

Doch diese Fragen sind bei vielen Produkten auf Anhieb gar nicht so einfach zu beantworten. So werben manche Receiver mit so vielen Funktionen und Standards, dass vor lauter Aufklebern und Logos die Verpackung nicht mehr auszureichen scheint. WLAN, Ethernet, Streaming, Bluetooth, USB, DAB, DLNA, Flareconnect, DTS Play-Fi, Musiccast, Dolby Atmos, Spotify, Heos App und so weiter. Wer sich ein solches Gerät anschafft, hat scheinbar für alle digitalen Fälle vorgesorgt. Allerdings nur auf den ersten Blick.

Mehrere K.-o.-Kriterien

Für unsere Zwecke sollte der Receiver mindestens folgende Anforderungen erfüllen: die Musiksammlung vom heimischen NAS abspielen, Dateien auf USB-Sticks und -Festplatten erkennen und die Musik auf einen Bluetooth-Kopfhörer übertragen. Darüber hinaus sollten sich alle grundlegenden Funktionen möglichst ohne zusätzliches Gerät wie eine Smartphone-App bedienen lassen. Dazu sollte beispielsweise die Navigation über die integrierten Displays und Tasten so komfortabel sein, dass sich Titel auf dem NAS einigermaßen gut finden und abspielen lassen. Ein Sahnehäubchen wäre dazu noch eine Wake-on-Lan-Funktion für das NAS.

Hinter diesen Anforderungen steht die Überlegung, dass Audio-Receiver langfristige Anschaffungen sind, die auch nach etlichen Jahren normalerweise noch zuverlässig funktionieren. Ob diese Geräte aber noch in 10, 15 oder gar 20 Jahren mit den dann aktuellen Endgeräten kommunizieren können, ist völlig unklar. Dann wären sie wieder Elektroschrott, obwohl sie eigentlich noch technisch einwandfrei laufen. Zudem haben wir festgestellt, dass zusätzliche Bluetooth-Adapter, die sich in den Kopfhörerausgang stecken lassen, umständlich in der Bedienung sind und ständiges Hin- und Herstöpseln erfordern. Auch das Pairing klappt bei einem Klinkenadapter der Marke Renkforce sehr unzuverlässig.

Der erste Eindruck trügt leider

Schon bei unserem ersten Testgerät, einem Onkyo R-N855, mussten wir feststellen, dass der erste Eindruck mit den vielen Aufklebern leider trügen kann. Immerhin hat der R-N855 den Vorteil, dass keine App für die Bedienung erforderlich ist. Dazu reichen die umfangreiche Fernbedienung und die Tasten am Gerät. Die Einrichtung der Netzwerkverbindung ist über ein Web-Setup möglich. Was dabei auffällt: WLAN oder LAN können nicht beide gleichzeitig aktiv sein. Wird das LAN-Kabel abgezogen, muss die WLAN-Verbindung wieder manuell aktiviert werden.

Es gibt wenige Bedienelemente am Gerät. Über das kleine LC-Display lässt sich einigermaßen gut in den NAS-Ordnern nach Musiktiteln scrollen. Doch die Steuerung ist stark eingeschränkt. Erst nach einem Firmware-Update ließen sich Titel überhaupt vorspulen. Doch Stoppen lässt sich ein Lied über den fummeligen Menüknopf nicht. Eine wirklich brauchbare Steuerung ist nur über die Fernbedienung oder das Smartphone möglich.

USB ist nicht gleich USB

Das alles ist an sich nicht überraschend: Die wenigen Schalter und Knöpfe sowie das Display sind offensichtlich nicht dafür ausgelegt, den Receiver zu bedienen. Stattdessen ist es möglich, sein Smartphone per Bluetooth mit dem R-N855 zu verbinden und Musik über diverse Apps wie Spotify auf das Gerät zu streamen. Das funktioniert ziemlich problemlos.

Doch beim Anschluss einer externen SSD-Festplatte über den USB-Anschluss stellen wir fest, dass das Laufwerk nicht erkannt wird. Der Grund ergibt sich aus der Bedienungsanleitung: "Das Gerät ist außerdem kompatibel mit USB-Speichergeräten der Dateisystemformate FAT16 und FAT32. Andere Formate wie exFAT, NTFS und HFS können von diesem Gerät nicht wiedergegeben werden." Da die Festplatte mit exFAT formatiert wurde, kann der Receiver sie nicht lesen.

Bluetooth nur in eine Richtung

Zwar verfügt das Gerät über einen eigenen Bluetooth-Knopf an der Frontseite. Doch damit lassen sich nur Bluetooth-Geräte verbinden, die ihre Daten an den Receiver senden. Eine Ausgabe der Daten an einen Bluetooth-Kopfhörer oder an Ohrstöpsel ist nicht möglich. Von einem Wake-on-Lan des NAS lässt sich ohnehin nur träumen. Damit fällt der Onkyo N-R855 trotz eines Preises von gut 500 Euro als praxistauglicher Netzwerk-Receiver für unsere Zwecke aus.

Eine Erfahrung, die sich bei anderen Testgeräten wiederholt. Der Denon AVR-X1400H (etwa 300 Euro) hat im Grunde dieselben Funktionen mit denselben Schwächen. Der Receiver kann nur FAT16 und FAT32 wiedergeben, eine Ausgabe über Bluetooth ist ebenfalls nicht möglich. Das Gerät hat zwar einige Tasten mehr als der Onkyo-Receiver auf der Frontseite, doch die Bedienung ist umständlich. So lassen sich Musiktitel weder starten noch stoppen. Der Receiver ist vor allem dafür gedacht, mit seinem 7.1-Kanal-Surroundsystem einen kinoähnlichen Klang im heimischen Wohnzimmer zu erzeugen. Darüber hinaus kann das Gerät über WLAN-Mehrraum-Soundsystem von Heos die Musik auf verschiedenen Lautsprechern in der Wohnung abspielen.

Yamaha als Ausnahme

Doch das reicht nicht aus, um zu einem Kauf zu überzeugen. Noch am geeignetsten für unsere Zwecke erschien eine Minikompaktanlage wie die Denon Ceol N10 (ab 420 Euro). Diese verfügt über ein etwas größeres Display, eigene Lautsprecher und einen CD-Spieler. Selbst eine Sprachsteuerung per Alexa ist möglich. Der Ceol N10 kann ebenso wie der AVR-X1400H über das Heos-System die Musik auf mehrere Räume verteilen. Auch lassen sich verschiedene Musikdienste per App auf die Anlage streamen. Doch fast die gesamte Industrie scheint sich darauf geeinigt zu haben, keine Bluetooth-Kopfhörer mit ihren Receivern zu unterstützen.

Eine Ausnahme ist Yamaha. Der Receiver RX-A670 (ab 600 Euro) verfügt über alle erdenklichen Funktionen und hat sogar einen integrierten Bluetooth-Audiosender. Der etwas ältere RX-V681 (ab etwa 500 Euro) ist dazu ebenfalls in der Lage. Beim neueren R-N803D, ebenfalls gut vernetzt und mit 700 Euro noch teurer, verzichtet Yamaha wiederum auf diese Funktion. Sämtliche Yamaha- Geräte unterstützen aber auch nur FAT16 und FAT32.

Beim Kauf eines nagelneuen Receivers kommt man sich daher vor wie bei der Anschaffung eines Elektroautos. Man gibt bisweilen viel Geld aus, ohne an die Reichweite des billigsten Benziners heranzukommen.

Eigenständige Netzwerkspieler als Alternative

Die Alternative zu einem kompletten Receiver besteht daher zunächst in einem eigenständigen Netzwerkspieler. Dieser wird an eine bestehende Anlage angeschlossen und kann beispielsweise Musik per Bluetooth-Adapter auf den Verstärker spielen. Andere Netzwerkspieler lassen sich wiederum per DLNA-Standard in das Heimnetz einbinden. Ein günstiges Beispiel dafür ist der Yamaha NP S303 - laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung (FAZ) mit unter 300 Euro "das Schnäppchen unter den Netzwerkspielern". Immerhin kann er Bluetooth auf Kopfhörer und Lautsprecher wiedergeben und ist auch ansonsten sehr gut vernetzt. Ohne Fernbedienung und App geht aber gar nichts. Das zweizeilige LCD-Display ermöglicht nur eine sehr limitierte Nutzung ohne die Musiccast-App.

In ihrem Test weist die FAZ darauf hin, dass es neben den fertigen Geräten aus dem Ladenregal noch eine weitere Möglichkeit gibt, seine Stereoanlage zu vernetzen: mit Hilfe des Bastelcomputers Raspberry Pi und einer Aufsteck-Soundkarte wie der des Schweizer Herstellers Hifiberry. Selbst beim Klang soll diese Kombination mit den deutlich teureren Testgeräten mithalten können, sogar mit dem 4.200 Euro teuren Auralic Aries G2.

Autarkes Modell mit Display

Hifiberry bietet für die Kombination eine eigene kleine Box an. Doch wir wollten ein autarkes Modell, das sich auch ohne jede App bedienen lässt. Dazu ist wiederum ein touchfähiges Display erforderlich und damit ein größeres Gehäuse. Aber da es Leute gibt, die sogar ihren VW-Käfer auf Elektroantrieb umrüsten, könnte es sein, dass die alte Philips-Anlage doch noch nicht in den Elektroschrott wandern muss.

Da der CD-Player ohnehin defekt ist und ganz oben im Gehäuse sitzt, lässt sich dort problemlos Platz für das Display schaffen. Zudem soll die digitale Musiksammlung auf dem NAS ohnehin die CDs überflüssig machen. Unter der Plastikhaube ist noch genügend Raum vorhanden, den Raspberry Pi und den Hifiberry unterzubringen. Wenn man die beiden Platinen richtig in der Ecke positioniert, lassen sich alle Ausgänge nutzen. Das dünne Plastik dürfte es nicht so schwierig machen, die Aussparungen für Display und Anschlüsse herauszusägen. Also spricht eigentlich nichts dagegen, den Umbau zu probieren.

Ein-Aus-Schalter im Eigenbau

Da der Raspberry Pi bekanntlich nicht über einen Ein- und Ausschalter verfügt, sollen die beiden Platinen um eine weitere mit der entsprechenden Funktion ergänzt werden. Als Schalter soll die Taste fungieren, die zuvor die Schublade des CD-Players bediente - die wird schließlich nicht mehr gebraucht. Für solche Ein-Aus-Schalter gibt es etliche Anleitungen im Netz, die teilweise einen kompletten Microcontroller benötigen. Wir haben hingegen eine Schaltung mit einem einfachen RC-Glied und einem Selbsthalte-Relais konzipiert, das von einem Transistor gesteuert wird. Damit lässt sich der Raspberry Pi zum Hochfahren einschalten.

Zudem lassen sich mit derselben Schubladentaste mehrere Funktionen aufrufen, die über einen GPIO-Eingang des Raspberry Pi abgefragt werden. Je nach Anzahl der Betätigungen lässt sich der Minicomputer dann herunterfahren oder neu booten. Die Steuerung übernimmt ein kleines Python-Skript. Wir nutzen dabei die Tatsache, dass der USB-Ausgang des Raspberry Pi im Gegensatz zu den 5V-GPIO-Pins nach dem Herunterfahren spannungslos geschaltet wird. Dann entlädt sich der Kondensator des RC-Glieds, und das Selbsthalte-Relais unterbricht wieder die Stromversorgung.

Schaltplan erleichtert Anschluss der Soundkarte

Zunächst war geplant, den Ausgang des Hifiberry auf den AUX-Eingang der Anlage zu legen. Mit Hilfe eines Schlafaugenschalters sollten die beiden Eingänge umgeschaltet werden. Doch zufälligerweise stießen wir im Netz auf einen Schaltplan für die baugleiche Kompaktanlage Grundig 18 C (PDF). Auf diese Weise ließ sich einfach herausfinden, welche Pins des CD-Players mit dem sogenannten Sound Fader Control Circuit (Sofac) verbunden sind. Daher haben wir den Hifiberry-Ausgang direkt über den entsprechenden Pfostenstecker auf der Platine angeschlossen. Um ein Brummen zu vermeiden, haben wir ein abgeschirmtes Netzwerkkabel dafür verwendet.

Um die Cinch-Ausgänge nicht anschließen zu müssen, sind beim Hifiberry auf der Platine bereits Bohrungen für einen Pfostenstecker vorgesehen. Dabei ist zu beachten, dass die Garantie erlischt, wenn an dem Aufsatz herumgelötet wird. Das Löten lässt sich jedoch ohnehin kaum vermeiden, wenn man noch GPIO-Pins nutzen will. Diese sind wegen des Aufsteckaufsatzes nur über die Hifiberry-Platine zugänglich. Dabei ist zu bedenken, dass bestimmte Pins bereits durch den Hifiberry reserviert sind. Die Stromversorgung haben wir ebenfalls über den Hifiberry angeschlossen.

Libreelec mit Kodi als Mediaplayer

Neben dem Aufbau der Hardware stellt sich die Frage, welche Software auf dem Receiver zum Einsatz kommen soll. Zum Streamen von Musik bietet sich beispielsweise Volumio an. In unserem Fall gibt es allerdings das Problem, dass neben der Kompaktanlage mit Euronorm 2 noch ein Samsung-Fernseher mit Euronorm 5 steht. Dieser ist zwar schon smart und vernetzt, schwächelt aber bereits seit einiger Zeit bei der Wiedergabe bestimmter Inhalte. Schon 2017 wurde die Youtube-App von Samsung entfernt. Ebenfalls verfügt er über keine brauchbaren Browser, um Videoangebote im Internet zu nutzen.

Daher fiel die Wahl auf ein Dual-Boot-System für das freie Mediencenter Kodi und eine Linux-Distribution. Als Kombinationen stehen beispielsweise Berryboot und Openelec oder Noobs und der Openelec-Fork Libreelec zur Verfügung. Allerdings stellte sich heraus, dass Openelec derzeit kein Addon für die Aktivierung der GPIO-Pins unterstützt und seit dem Fork vor drei Jahren generell nicht mehr genügend aktualisiert wird. Berryboot und Libreelec harmonieren zudem nicht immer miteinander. Die Entwickler empfehlen daher, diese Kombination zu vermeiden.

Programm-Addons für WOL und Bluetooth

Wichtig für den Einsatz des Systems sind mehrere Programm-Addons. Für das Aufwecken des NAS gibt es Advanced Wake on Lan, für bestimmte Funktionen des Minicomputers die Raspberry Pi Tools. Praktisch ist zudem das Addon Audio Profiles. Damit lässt sich beim Start eines Musiktitels oder Videos auswählen, über welchen Ausgang die Ausgabe erfolgen soll. In unserem Fall stehen der Hifiberrry, der Bluetooth-Adapter und der HDMI-Ausgang zur Verfügung. Nachdem diese drei Addons eingerichtet sind, steht der Nutzung der Anlage fast nichts mehr im Wege.

Aber nur fast: Zunächst muss das Python-Skript noch in das Autostart-Skript von Libreelec eingebunden werden. In die Config-Datei des Raspberry Pi lassen sich ebenfalls einige Einstellungen eintragen, beispielsweise das Device Tree Overlay für die entsprechende Hifiberry-Version. Da wir den Raspberry nicht über den Micro-USB-Eingang, sondern über die GPIO-Pins mit Strom versorgen, taucht ständig ein kleiner Blitz im Display auf. Dieser warnt normalerweise vor einer Unterspannung des Netzteils, was in unserem Fall jedoch nicht zutrifft. Die Anzeige muss daher mit dem Befehl "avoid_warnings=1" deaktiviert werden. Im normalen Betrieb benötigen unsere Komponenten inklusive des Displays nicht mehr als 1 Ampère, so dass das von uns genutzte Netzteil mit 3 Ampère völlig ausreicht.

Den Standby-Modus überlisten

Doch die Schaltung ist leider immer noch nicht fertig, wie sich im Betrieb herausstellt. Denn die Anlage wechselt automatisch in den Standby-Modus, wenn nach dem Ende einer CD 15 Minuten lang keine Taste betätigt wird. Zwar springt die Anlage nach ein, zwei Sekunden wieder an, weil sie bemerkt, dass das nicht mehr vorhandene CD-Schubfach offen steht. Doch diese Unterbrechung stört natürlich im Betrieb. Daher verbinden wir das Kabel, mit dem die Schubfachtaste angeschlossen war, mit einem weiteren Relais. Dieses simuliert über ein Python-Skript rechtzeitig einen Tastendruck, so dass die Anlage sich nicht mehr abschaltet.

Auch für den Schlupfaugenschalter findet sich noch eine Verwendung: Denn der Grafiktreiber des Raspberry Pi ist nicht in der Lage, zwei Videoausgänge gleichzeitig zu versorgen. Um das Videosignal über HDMI an den Fernseher auszugeben, ist es daher erforderlich, die Stromversorgung des Touchdisplays vor dem Booten zu unterbrechen. Ein Wechsel der Anzeigen im laufenden Betrieb ist nicht möglich. Zu guter Letzt bauen wir noch eine kleine LED in die Frontseite ein, um bestimmte Funktionen anzeigen zu können.

Touchdisplay gewöhnungsbedürftig

Am Ende ist aus dem alten Diesel-Polo zwar kein Tesla Model S geworden, doch alle von uns gestellten Anforderungen an einen Netzwerk-Receiver werden erfüllt - sogar das Aufwecken des NAS. Das 7-Zoll-Touchdisplay ist mit einer Auflösung von 800 mal 480 Pixeln zwar nicht besonders groß, doch für die Auswahl von Musikdateien und Radiosendern völlig ausreichend. Allerdings erfordert es etwa Übung, sich durch lange Dateilisten zu scrollen und die gewünschte Zeile zu treffen. Häufig genutzte Ordner und Sender lassen sich aber als Favoriten ablegen. Das ist auch ein Vorteil gegenüber den getesteten Netzwerk-Receivern.

Für die Anzeige von Videos auf dem Fernseher ist natürlich eine App oder eine Fernbedienung erforderlich. Für unsere Zwecke reichte die kostenlose App Kore völlig aus. Diese wird über das Netzwerk mit Kodi verbunden. Bei den Fernbedienungen gibt es eine große Auswahl, wie dieser Test eines Nutzers zeigt.

Verglichen mit den getesteten Receivern hat die Eigenbau-Variante allerdings den Nachteil, dass das System nicht direkt auf Knopfdruck zur Verfügung steht. Das Booten über Noobs dauert 40 Sekunden, über ein reines Librelec immer noch 20 Sekunken. Daher ist das Dual-Boot-System für den Zweck am Ende doch nicht sinnvoll. Der Vorteil des herausnehmenbaren Displays: Man kann die Micro-SD-Karte am Raspberry tauschen, ohne das Gehäuse zu öffnen.

Hardware-Kosten von 180 Euro

Die Kosten für die Hardware belaufen sich auf etwa 190 Euro. Das Touchdisplay schlägt mit 70 Euro am stärksten zu Buche. Die Hifiberry DAC+ Pro mit zwei Ultra-Low-Jitter-Taktgeneratoren kostet direkt beim Hersteller inklusive Versand eigentlich knapp 40 Euro. Doch bei der Einfuhr aus der Schweiz fallen noch zusätzliche Kosten von fast 14 Euro für die Einfuhrumsatzsteuer und eine Auslagenpauschale an. Der Raspberry Pi 3 kostet derzeit etwas mehr als 30 Euro, das Netzteil etwa 10 Euro. Hinzu kommen einige Kleinteile für die Schaltung.

Zugegeben: Die Bastelei ist nicht an ein bis zwei Abenden zu erledigen. Um den Aufwand zu reduzieren, ließe sich allerdings auf den Ein-Aus-Schalter verzichten. Dann würde der Raspberry immer starten, wenn Netzspannung an der Anlage anliegt. Ausschalten ließe sich der Bastelcomputer dann nur über Kodi. Allerdings werden die beiden Platinen und das Display dann nicht von der Stromversorgung getrennt. Das Relais für die Standby-Überlistung ist ebenfalls verzichtbar, wenn der Ausgang der Soundkarte beispielsweise mit dem Tuner oder dem AUX-Eingang verbunden wird. Bei der Ausgabe über Bluetooth und HDMI tritt der Effekt ohnehin nicht auf.

Bleibt zu hoffen, dass der Diesel-Polo mit der Hardwarenachrüstung noch einige weitere Jahre seinen Dienst tut und nicht stillgelegt werden muss. Zur Not ist unter der Haube noch viel Platz - da passen noch einige Platinen rein.  (fg)


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