Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/google-stadia-tritt-gegen-gaming-pcs-playstation-und-xbox-an-1903-140117.html    Veröffentlicht: 19.03.2019 20:16    Kurz-URL: https://glm.io/140117

Google

Stadia tritt gegen Gaming-PCs, Playstation und Xbox an

Google streamt nicht nur so ein bisschen - stattdessen tritt der Konzern mit Stadia in direkte Konkurrenz zur etablierten Spielebranche. Entwickler können für ihre Games mehr Teraflops verwenden als auf der PS4 Pro und der Xbox One X zusammen.

Vom ersten Augenblick an hat Google auf seiner Keynote im Rahmen der Games Developers Conference (GDC 2019) in San Francisco klargemacht: Anders als Sony mit Playstation Now oder Nvidia mit Geforce Now ist Spielestreaming kein kleines Projekt, um Erfahrungen zu sammeln. Sundar Pichai, CEO von Google, hat die Veranstaltung höchstpersönlich eröffnet. Er hat sich zwar nicht als Gamer geoutet - auch wenn er ganz gerne mal Fifa 19 spielt. Aber dafür hat er einen neuen Dienst namens Stadia angekündigt, der im Laufe von 2019 in den USA, in Kanada und Großbritannien sowie in weiten Teilen von Europa - darunter ziemlich sicher auch in Deutschland - an den Start gehen soll.

Die Games werden auf speziellen Servern von Google berechnet und dann per Internet zum Smartphone, Desktop-Rechner, Tablet oder Laptop des Anwenders als Bewegtbild gestreamt. Diese Hardware muss nicht besonders leistungsstark sein. Bei der Präsentation im Moscone Center in San Francisco scherzte ein Google-Mitarbeiter, dass man für die Demo extra den billigsten verfügbaren Rechner gekauft habe, auf dem das eigentlich anspruchsvolle Assassin's Creed Odyssey trotzdem in voller Grafikpracht lief.

Beeindruckend, wenn auch nicht neu und unter anderem auch auf Shadow Play möglich: Der Nutzer konnte nahtlos vom Smartphone auf einen Fernseher mit Chrome zum Chromebook wechseln und jedes Mal an genau der gleichen Stelle weiterspielen.

Google versteht Stadia offenbar als neue Plattform, die in Konkurrenz zu Sony, Microsoft und Nintendo antritt. Die Games werden nicht einfach - wie bei den meisten Spielestreaming-Anbietern bisher - unverändert in der Cloud ausgeführt. Stattdessen müssen sie offenbar auf die Systeme von Google angepasst werden. Nach Konzernangaben haben bislang rund 100 Drittentwickler ein entsprechendes Devkit erhalten. Ein Vertreter des Entwicklerstudios id Software hat bei der Präsentation gesagt, dass er eine spezielle Stadia-Version von (dem noch auf keiner Plattform fertig produzierten) Doom Eternal innerhalb weniger Wochen portiert hat.

Die Spiele laufen auf Servern, deren Architektur Google gemeinsam mit AMD entwickelt hat. Jede GPU soll über eine Leistungsstärke von 10,7 Teraflops verfügen, auf die ein Spiel vollständig zugreifen kann. Zum Vergleich: Die Playstation 4 Pro kommt auf 4,2 Teraflops, die Xbox One X auf rund 6,0 Teraflops - Stadia schafft also mehr als beide Konsolen zusammen. Laut Google verfügt jede GPU über 56 Compute Units.

Als CPU kommt ein Hyperthreading-x86-Prozessor mit einem Takt von 2,7 GHz und AVX2 SIMD zum Einsatz. Was den Speicher angeht, stehen den Games laut Google 16 GByte an kombiniertem VRAM und System-RAM zur Verfügung, die auf einen Datendurchsatz von bis zu 484 GB/s kommen sollen.

Stadia läuft unter Linux und verwendet die Grafik-Schnittstelle Vulkan. Laufzeitumgebungen wie die Unreal Engine, Unity und Cryengine haben ihre Unterstützung zugesagt. Vermutlich fast genauso wichtig wie die Leistungsstärke der Server dürfte aber der Weg von den Rechenzentren zum Endkunden sein, der beim Spielestreaming ein entscheidender Faktor ist. Google hat hier sehr auf seine weltweit stark ausgebaute Infrastruktur verwiesen, die über 7.500 Zugangspunkte in aller Welt bietet.

Controller mit Direktverbindung zu den Servern

Ein Detail, das bei der Präsentation fast unterging, könnte ebenfalls wichtig sein für die Plattform von Google: Es wird - als eigenes Stück Hardware von Stadia - ein spezielles Gamepad geben, das über WLAN direkt mit den Servern von Google verbunden sein soll. Möglicherweise wird so bei den Eingaben etwas Zeit gespart und damit Latenz vermieden, weil die Eingaben eben nicht erst über die lokale Hardware des Nutzers zwischengeleitet werden. Laut Google soll Stadia aber auch mit allen anderen bislang verfügbaren Eingabegeräten funktionieren.

Mit diesem Grundgerüst an Hardware und Onlineanbindung soll Grafik zum Start von Stadia mit einer Auflösung von bis zu 4K und mit HDR bei einer Bildrate von 60 fps möglich sein, dazu kommt Surround-Sound. Später sollen dann auch 8K-Auflösung und 120 fps zur Verfügung stehen - wann genau, hat Google noch nicht gesagt.

Wie ernst es Google mit Stadia ist, zeigen ein paar personelle Verpflichtungen: So ist der ehemalige Sony- und Microsoft-Manager Phil Harrison eng in das Projekt involviert. Und die früher für Ubisoft und Electronic Arts in Leitungspositionen, auch in der Community bekannte Jade Raymond leitet sogar ein neues Entwicklungsstudio, das Stadia Games and Entertainment heißt.

Bei der Präsentation in San Francisco hat Google ein paar Spezialfunktionen vorgestellt, die bislang auf der Playstation oder der Xbox nicht möglich sind. So sollen Spieler direkt im Spiel mit dem Share-Knopf auf dem Google-Controller nach Hilfsvideos auf Youtube suchen können, wenn sie etwa an einer Stelle in einem Spiel nicht weiterkommen.

Und wer beim Zuschauen eines Games von seinem Lieblingsstreamer denkt, "das kann ich besser", könnte sich mit einem Link direkt in die laufende Partie einklinken und sein Können beweisen - so der Streamer dies zulässt. Mit der Share-Taste lassen sich außerdem Videos direkt auf Youtube teilen. Außerdem gibt es eine Taste für den Google Assistant, der per Mikrofon auch auf Sprachbefehle reagiert.

Multiplayer ohne Cheats und Hacker

Überhaupt, Multiplayer: Laut Google soll Stadia auch hier Vorteile bieten. Weil Server und Client im selben Rechenzentrum stehen, sollen wesentlich schnellere Verbindungen möglich sein, so dass Battle Royale nicht mit nur 100, sondern mit Tausenden von Spielern funktioniert - und das sogar ohne Cheats und Hacks. Entwickler sollen nach Belieben Crossplay zwischen unterschiedlichen Plattformen zulassen können.

Stadia soll Eltern weitgehende Kontrolle darüber erlauben, welche Inhalte ihre Kinder wie lange spielen. Viele weitere Details zu der neuen Plattform sind noch offen. Im Sommer 2019 - also vermutlich auf der Spielemesse E3 im Juni - will Google neue Informationen bekanntgeben. Die mit Abstand wichtigste ist derzeit die nach dem Geschäftsmodell. Bislang ist völlig unklar, ob Stadia mit einem Abo funktioniert oder ob die Spiele, wie bisher meistens, gekauft werden müssen.  (ps)


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