Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/flugzeugabsturz-boeing-737-max-geht-wegen-softwarefehler-ausser-betrieb-1903-139987.html    Veröffentlicht: 13.03.2019 14:55    Kurz-URL: https://glm.io/139987

Flugzeugabsturz

Boeing 737 MAX geht wegen Softwarefehler außer Betrieb

Wegen eines bekannten Softwarefehlers wird der Flugbetrieb für Boeings neustes Flugzeug fast weltweit eingestellt - Die letzte Ausnahme war: die USA. Der Umgang der amerikanischen Flugaufsichtsbehörde mit den Problemen des neuen Flugzeugs erscheint zweifelhaft.

Die Boeing 737 MAX sollte die Antwort auf den spritsparenden Airbus 320NEO sein. Seit Mai 2017 wurden etwa 350 Flugzeuge des Typs ausgeliefert, zwei davon sind nun innerhalb von nur fünf Monaten abgestürzt. Das erste Unglück im Oktober, Lion Air Flight 601, wurde auf die Fehlfunktion von MCAS zurückgeführt, dem "Softwaresystem zur Verbesserung der Flugeigenschaften."

Boeing wurde bereits im letzten Jahr wegen MCAS heftig kritisiert. Das neue System wurde zwar in den Handbüchern der 737 MAX erwähnt, aber seine Eigenschaften waren weder Teil der Bordhandbücher noch der Pilotenausbildung zum Umstieg auf den neuen Bautyp. Das System versagte beim Flug Lion Air 601 vermutlich aufgrund des Defekts eines Lagesensors, den die Software nicht erkannte. Ohne zu wissen, dass MCAS existiert, was genau es tut oder wie es auszuschalten ist, versuchten die Piloten vergeblich die fehlerhaften Steuerbefehle des MCAS zu übersteuern.

In Reaktion auf das erste Unglück verfasste die amerikanische Flugbehörde FAA als Zwischenlösung eine Notfalldirektive zur Flugtüchtigkeit. Bis zum 7. Dezember sollten mögliche Gegenmaßnahmen gegen fehlerhafte Steuerbefehle ins Flughandbuch (dem Airplane Flight Manual) aufgenommen werden. Ein Softwareupdate sollte erst später folgen. Ein zusätzliches Training der Piloten war zur Erhaltung der Flugtüchtigkeit auch nicht vorgesehen. Eine spätere Bekanntmachung der FAA schätzte die verursachten Kosten der gesamten Notfallmaßnahme auf 3.825 US-Dollar. Es wurden also nur die Flughandbücher ausgetauscht.

Boeing 737 MAX darf weiter in den USA fliegen

Die Untersuchung des Absturzes der Ethiopian Airlines steht noch ganz am Anfang. Aber wegen des äußerlich ähnlichen Ablaufes der zwei Unglücke - der plötzliche Absturz nach der Meldung von Steuerproblemen kurz nach Flugbeginn - spekulieren Gutachter schon jetzt über eine ähnliche Ursache. Die FAA will sich diesen Spekulationen zwar noch nicht anschließen, aber in einer neuen Bekanntmachung zur weiteren Flugtüchtigkeit der Boeing 737 Max, verlangt die FAA vom Hersteller nun ein Software-Update bis spätestens April.

Das neue MCAS-Update soll sich vor allem "weniger auf die nötige Gedächtnisleistung der Piloten verlassen." Außerdem beaufsichtigt die amerikanische Luftfahrtbehörde auch Boeings Pläne für eine Anpassung der Trainingstandards, der Flughandbücher, der Fehlerchecklisten, der Wartungshandbücher und eines Handbuchs zur Fehlerisolierung - an die neue Version von MCAS. Für die alte MCAS Version wurden seit dem ersten Absturz lediglich einige Passagen der Flughandbücher ausgetauscht. Dennoch sieht sich die amerikanische FAA nicht veranlasst, die Boeing 737 MAX aus dem Flugbetrieb zu nehmen.



Boeing-Chef telefoniert mit Trump

In den letzten Tagen wurde der Luftraum für Flugzeuge dieses Typs fast weltweit gesperrt. Die einzig größere Ausnahme davon sind die USA. Laut einem Artikel in der New York Times soll sich Boeing-Chef Dennis Muilenburg am Dienstag persönlich bei einem Telefonat mit US-Präsident Trump gegen eine vorrübergehende Stillegung der Flotte in den USA ausgesprochen haben.

Die Einführung von MCAS bei der Boeing 737 MAX ist mit der Einführung größerer, spritsparender Triebwerke verbunden, um noch mit dem Airbus 320 NEO konkurrieren zu können. Um die großen Triebwerke überhaupt an dem alten Flugzeugdesign montieren zu können, mussten sie höher und weiter vorn angebracht werden als je zuvor. Dadurch verschieben sich der Schwerpunkt, die Aerodynamik und die Schubkräfte im Vergleich zu anderen 737-Typen.

Die Nase des Flugzeugs neigt nun dazu, vom Schub der Triebwerke angehoben zu werden, insbesondere bei niedrigen Geschwindigkeiten und etwas mehr Gewicht in Richtung Heck des Flugzeugs. Wenn aber der Anstellwinkel eines Flugzeugs im Vergleich zur Flugrichtung zu stark nach oben abweicht, kann es zu einem Strömungsabriss kommen, bei dem die Flügel den Auftrieb verlieren. Das Flugzeug ist dann zwar dennoch stabil fliegbar, aber MCAS wurde entwickelt, um den Piloten die dazu nötigen Gegenmaßnahmen zum Teil abzunehmen und die Steuerung des Flugzeugs zu erleichern.

Ein defekter Sensor führte zum Absturz

Hinter der Fehlfunktion des Systems beim ersten Absturz wurde ein defekter Sensor, der den Anstellwinkel der Nase im Vergleich zur Flugrichtung misst, vermutet. Die Steuerung versuchte dauerhaft, die Nase nach unten zu drücken. Den Piloten des Lion Air Fluges gelang es im Oktober nicht, dieses System zu übersteuern, zumal ihnen auch nicht gesagt wurde, dass MCAS zu einer solchen Fehlfunktion führen kann oder wie es deaktiviert werden kann. Es genügt der Ausfall eines einzigen Sensors, um die Fehlfunktion herbeizuführen.

Selbst wenn dem Piloten diese potenzielle Fehlerursache bekannt ist, muss er innerhalb weniger Minuten möglicherweise das Flugzeug aus einer gefährlichen Fluglage befreien, das Problem unter allen anderen möglichen Ursachen finden, die passende Lösung kennen oder rechtzeitig im Flughandbuch finden - sofern sie dort überhaupt aufgeführt ist - und das Problem beheben.

Das erfordert in der Tat eine große Gedächtnisleistung von den Piloten. Obwohl die Untersuchung des neusten Unglücks in Afrika noch aussteht und auch viele andere Ursachen als MCAS denkbar sind, wurde die Boeing 737 MAX fast weltweit, mit Ausnahme ihres Herkunftslandes, außer Betrieb genommen.

Nachtrag vom 14. März 2019, 0:07 Uhr

Um 20 Uhr MEZ am 13. März 2019 veröffentlichte die FAA eine Bekanntmachung, nach der der Flugbetrieb der Boeing 737 MAX auch in den USA vorläufig eingestellt wird. Die Behörde begründete dies mit neuen Daten aus der Untersuchung des Unfalls.  (fwp)


Verwandte Artikel:
US-Grenzschutz: Gesichtserkennung für viele US-Flughäfen geplant   
(12.03.2019, https://glm.io/139939 )
Krita 4.2.0: Open-Source-Zeichenprogramm unterstützt HDR auf Windows 10   
(14.03.2019, https://glm.io/140020 )
Boeing: Rollout der neuen 777X in wenigen Tagen   
(06.03.2019, https://glm.io/139823 )
SpaceX: Dragon-Raumschiff ist auf seinem ersten Testflug   
(02.03.2019, https://glm.io/139744 )
Autonomes Fahren: Uber entgeht Klage nach tödlichem Unfall   
(06.03.2019, https://glm.io/139828 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/