Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/sailfish-x-im-test-die-android-alternative-mit-ein-bisschen-android-1903-139983.html    Veröffentlicht: 18.03.2019 09:03    Kurz-URL: https://glm.io/139983

Sailfish X im Test

Die Android-Alternative mit ein bisschen Android

Seit kurzem ist Sailfish OS mit Android-Unterstützung für weitere Xperia-Smartphones von Sony verfügbar. Fünf Jahre nach unserem letzten Test wird es Zeit, dass wir uns das alternative Mobile-Betriebssystem wieder einmal anschauen und testen, wie es auf einem ursprünglichen Android-Gerät läuft.

Das finnische Unternehmen Jolla hat eine recht bewegte Geschichte hinter sich: Nach der Veröffentlichung seines ersten Smartphones im Jahr 2013 hatte sich der Hersteller mit der Produktion eines Tablets übernommen, eine Insolvenz konnte durch Entlassungen und Restrukturierungsmaßnahmen abgewendet werden. Seit diesen Fehlschlägen konzentriert sich Jolla auf die Lizenzierung seiner Software, des mobilen Betriebssystems Sailfish OS. Mittlerweile wurden unter anderem Verträge mit der russischen Regierung abgeschlossen, die das System für staatlich verwendete Smartphones nutzt. Darüber hinaus können aber auch Endverbraucher weiterhin Sailfish OS verwenden.

Neben regelmäßigen Updates für die wenigen Smartphones auf dem Markt, die nativ mit Sailfish OS erschienen sind, bietet Jolla mit Sailfish X mittlerweile auch die Möglichkeit an, sich das Betriebssystem auf einige Sony-Smartphones zu installieren. Wir haben die jüngst veröffentlichte Beta-Version von Sailfish OS 3.0 mit Android-Unterstützung auf ein Xperia XA2 Plus installiert und im Alltag ausprobiert. Dabei zeigt sich: Sailfish OS ist ein gut zu bedienendes Betriebssystem und durchaus eine Alternative für Android - wenn der Nutzer bereit ist, ein paar Abstriche zu machen.

Die größte Hürde, Sailfish OS auf dem Xperia XA2 Plus zu verwenden, ist der Installationsvorgang. Zwar hat Jolla diesen verglichen mit dem für das Xperia X stark vereinfacht, für unerfahrene Nutzer eignet er sich aber immer noch nicht. Dahinter steckt durchaus Kalkül, wie uns Jolla-CEO Sami Pienimäki in einem Gespräch verriet: Durch die manuelle und dadurch für Laien nicht zwingenderweise eingängige Installation sollen unerfahrene Nutzer gar nicht in Versuchung kommen, sich Sailfish OS aufzuspielen.

Das klingt zunächst einmal paradox, sollte Jolla doch das Interesse haben, dass möglichst viele Nutzer Sailfish OS verwenden und die 30 bis 50 Euro Lizenzgebühr zahlen zu wollen. Allerdings muss man sich die Situation vor Augen halten, in der Jolla seit den Restrukturierungsmaßnahmen vor ein paar Jahren steckt: Das Unternehmen ist verhältnismäßig klein und hat schlicht nicht die Ressourcen, eine Vielzahl an Service-Anfragen zu beantworten. Diese würden möglicherweise anfallen, wenn sich auch unerfahrene Nutzer das Betriebssystem installieren und anschließend Probleme bekommen würden, weshalb Jolla den Installationsprozess extra nicht noch weiter vereinfacht hat.

Nachdem wir uns durch den gut dokumentierten Installationsvorgang gearbeitet haben, startet Sailfish OS 3.0.1.14 mit dem Versionsnamen Sipoonkorpi auf unserem Xperia XA2 Plus, das standardmäßig eigentlich mit Android ausgeliefert wird. Aktuell sind für das Xperia XA2 Plus und weitere Geräte der XA2-Serie eine kostenlose Sailfish-OS-Version ohne Android-Unterstützung oder die Bezahlvariante mit Android-Unterstützung erhältlich - diese allerdings zunächst nur in der Beta-Version.

Der Vorteil der Bezahlversion liegt auf der Hand: Anstatt wie bei der kostenlosen Variante nur die Apps aus dem Jolla-Store verwenden zu können, lassen sich auch Android-Anwendungen installieren. Diese erweitern das Nutzungsspektrum von Sailfish OS erheblich, was an der mageren Auswahl nativer Sailfish-OS-Apps liegt. Außerdem bietet die Bezahlversion zusätzlich noch Exchange-Unterstützung, Vorschläge bei der Texteingabe sowie Kundensupport.

Zu den von Jolla selbst angegebenen Problemen der Betaversion gehört unter anderem der Umstand, dass nicht alle Android-Apps mobile Datenverbindungen erkennen. Außerdem funktionieren Audio- und Multimediainhalte nicht in allen Apps. In unserem Test kam es zu weiteren Problemen, dazu aber später mehr. Aufgrund dieser Einschränkungen ist die Beta-Version günstiger, als es die fertige Version später sein wird - nach dem Kauf der Beta erhalten Käufer das fertige Sailfish OS ohne zusätzliche Mehrkosten, sobald dieses verfügbar ist.

Installation problemlos, aber nicht trivial

Die Installation verlief bei uns problemlos. Wer Sailfish OS zum ersten Mal startet, wird durch ein Tutorial mit den Bedienungsgesten vertraut gemacht. Schon immer verzichtet das Betriebssystem auf eine Navigationsleiste, die Form der Bedienung hat sich im Laufe der Jahre aber etwas geändert. Grundsätzlich ist auch Sailfish OS 3.0 nach sehr kurzer Eingewöhnungszeit intuitiv nutzbar, die Gestensteuerung gehört unserer Meinung nach zu den besten am Markt.

Ein Wisch von unten in das Display hinein öffnet immer die App-Übersicht, auch, wenn wir uns in einer Anwendung befinden. Eine Anwendung wird durch einen Wisch vom oberen linken oder rechten Rand in das Display geschlossen. Wischen wir mittig von oben nach unten in den Bildschirm, öffnen wir die Schnelleinstellungsleiste, die wir nach eigenem Gutdünken konfigurieren können.

Eine geöffnete App können wir mit einem Wisch vom linken oder rechten Rand in das Display auf dem Startbildschirm ablegen. Dieser fungiert als Übersicht der aktuell laufenden Apps. Dieses System verwendet Sailfish OS seit seiner ersten Version, übernommen wurde es unter anderem von WebOS. Anstelle von App-Verknüpfungen wie bei Android oder iOS verwenden wir bei Sailfish OS einfach kleine Fenster der aktuell verwendeten Anwendungen. Native Apps bieten in diesem Zustand mitunter sogar zusätzliche Interaktionsmöglichkeiten, Android-Anwendungen hingegen nicht.

Verwenden wir Android oder iOS, bemerken wir uns in der alltäglichen Praxis öfters, dass wir nur eine Handvoll Anwendungen nutzen. Daher kommen wir auch mit dem Sailfish-OS-System gut zurecht: Unsere Hauptanwendungen liegen auf dem Startbildschirm und lassen sich von dort aus aufrufen; für alles Weitere gehen wir in die App-Übersicht. Bei vielen abgelegten Android-Apps leidet aber die Übersicht ein wenig, da diese oftmals auf den ersten Blick nur schwer voneinander zu unterscheiden sind.

Wischen wir vom Hauptbildschirm aus nach links oder rechts über das Display, rufen wir den Benachrichtigungsbildschirm auf. Dieser zeigt nützliche Informationen wie das Wetter und kommende Termine sowie Benachrichtigungen der installierten Apps an. Auch Benachrichtigungen von Android-Apps werden uns hier angezeigt.

Bei der Einrichtung von Sailfish OS können wir einen Appstore für Android-Apps direkt mitinstallieren. Alternativ können auch manuell andere Stores installiert werden, beispielsweise F-Droid. Der Play Store von Google selbst hingegen lässt sich nicht aufspielen, die Play Services von Google werden nicht unterstützt. Entsprechend funktionieren auch Apps nicht, die auf sie zugreifen - also fast alle Google-Apps.

Android-Integration hilft, ist aber nicht fehlerlos

Das ist für die Zielgruppe von Sailfish OS aber wohl wenig problematisch: Wer das Betriebssystem verwendet, ist normalerweise auf der Suche nach einer Alternative zu Android mit seiner Google-Einbindung. Die Auswahl derartiger alternativer Systeme ist in den letzten Jahren gesunken, Sailfish OS hat beispielsweise Firefox OS oder auch Ubuntu für Smartphones überlebt. Wer hingegen Sailfish OS mit der gleichen Auswahl an Apps und der gleichen Nutzererfahrung wie Android verwenden möchte, wird damit wohl nicht glücklich.

Das liegt nicht nur an der mangelnden Play-Services-Kompatibilität. Auch manch andere Apps funktionieren nicht richtig oder gar nicht. So wird uns beispielsweise nach der Installation von Netflix gesagt, dass die App unser Gerät nicht unterstütze. Signal können wir zwar installieren und einrichten, versendete Nachrichten werden allerdings nicht durchgestellt.

Zudem passiert es uns ab und an, dass die Android-Unterstützung abstürzt. Dann können wir auch keine der funktionierenden Apps mehr starten und müssen die Engine neue starten. Zu den tadellos funktionierenden Apps gehören bei uns unter anderem Outlook, Maps.Me oder der Lightning-Browser. Diesen haben wir heruntergeladen, da uns die Wartezeit beim Systembrowser von Sailfish OS genervt hat. Chrome funktioniert wegen der Google-Anbindung nicht, und Lightning ist im direkten Vergleich schneller als der vorinstallierte Browser - und auch schneller als Firefox oder Opera.

Inwieweit die von uns beobachteten Probleme mit dem Betastatus der Software zusammenhängen, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Die Abstürze der Android-Unterstützung könnten aber damit zusammenhängen, obwohl Jolla diesen Punkt nicht explizit als bekanntes Problem erwähnt. Probleme mit mobilem Internet haben wir hingegen bei keiner der von uns getesteten Apps feststellen können. Dafür haben wir ab und zu Schwierigkeiten gehabt, Videos abzuspielen - etwa bei der mobilen Youtube-Webseite. Auch funktionierte die Musikwiedergabe bei Spotify einmal nicht. Wir haben daraufhin in den Einstellungen die Android-Engine neu gestartet, woraufhin sich die Probleme erledigt hatten.

Die Kamera-App von Sailfish OS ist sehr einfach gehalten, viel können wir nicht einstellen. Am oberen Rand können wir den Zeitauslöser, den Blitz und die ISO-Zahl wählen sowie ein Raster in das Sucherbild einblenden lassen. Am rechten Rand befindet sich die Einstellung für den Weißabgleich sowie eine Belichtungskorrektur - das war es. Die Auflösung der Kamera ist auf 13 Megapixel eingestellt; wir haben keine Möglichkeit gefunden, diese zu ändern.

Entsprechend haben wir uns nach einer alternativen Kamera-App umgesehen - dank Android-Integration ist das kein Problem. Wir haben uns für Open Camera entschieden, das wesentlich mehr Einstellungsmöglichkeiten bietet und auf dem Xperia XA2 Plus mit Sailfish OS problemlos funktioniert. Dann können wir die Auflösung auch auf 20 Megapixel einstellen, was zu einer etwas besseren Detaildarstellung führt. Von den Optionen her bietet Open Camera wesentlich mehr Möglichkeiten als die native Sailfish-OS-App - ein Umstieg lohnt sich absolut.

Fazit

Wir finden die Betaversion von Sailfish OS auf dem Xperia XA2 Plus absolut alltagstauglich: Sämtliche Grundfunktionen laufen bei uns, also Telefonie, mobiles Internet, die Möglichkeit, SMS zu verschicken und auch die Kamera. Aufgrund des Betastatus der Software gibt es aber noch einige Fehler, wie etwa Abstürze der Android-Engine. Die Hardware des Sony-Smartphones ist für sämtliche Aufgaben des Alltags gut geeignet.

Manche Android-Apps funktionieren unter Sailfish OS aber auch einfach nicht. Grundsätzlich ist das Betriebssystem kein vollwertiger Ersatz für Android. So ist beispielsweise der Funktionsumfang durch die fehlende Einbindung der Google-Services nicht komplett: Die Apps von Youtube und Maps sowie weitere Google-Apps können wir unter Sailfish OS nicht installieren. Bei Youtube ist es problemlos möglich, die mobile Webseite zu verwenden, bei Maps hingegen fänden wir eine echte App praktischer.

Für manche Google-Anwendungen ist es einfach, einen Ersatz zu finden: Anstelle von Maps können wir beispielsweise Maps.Me verwenden. Bei nicht korrekt funktionierenden Anwendungen wie Signal hingegen wird es schwieriger - dort könnte sich die Situation aber verbessern, sobald Sailfish X nicht mehr im Betastatus ist.

Vorwerfen sollte man Sailfish OS die fehlende Google-Einbindung nicht - im Gegenteil: Das Betriebssystem ist kein Android-Fork und muss dementsprechend Android eigentlich nicht nacheifern. Erfahrungsgemäß schätzen Sailfish-OS-Nutzer stattdessen sogar die Unabhängigkeit von Google.

Dank der Android-Unterstützung dürfte Sailfish OS aber für eine breitere Nutzerschicht interessanter sein. Ohne die Android-Einbindung geht es unserer Meinung nach im Alltag nicht oder nur sehr schwer: Wir haben Sailfish OS kurzzeitig ohne jegliche Android-Apps verwendet, empfinden das Betriebssystem dann aber an vielen Stellen als unvollständig. Die native App-Auswahl ist einfach zu gering und oft auch qualitativ zu schlecht. Zudem ist deren Installation mitunter sehr kompliziert: Die Signal-Alternative Whisperfish beispielsweise ist auch für diejenigen Nutzer, die sich mit der Kompilierung von Linux-Programmen auskennen, nur mit gehörigem Aufwand zu installieren.

Letztlich ist Sailfish OS eine interessante Alternative zu einem reinen Android-System, die aber einen gewissen "Frickel-Faktor" nicht loswird. Die Lizenz mit voller Android-Integration kostet aktuell 30 Euro, da es sich noch um eine Betaversion handelt. In dieser ist auch die Exchange-Unterstützung inbegriffen, der Support soll so lange laufen, wie das Gerät unterstützt wird. Wer sich jetzt die Beta-Lizenz kauft, erhält später die vollwertige Version von Sailfish X ohne Zusatzkosten. Sailfish X ist zudem auch für das Xperia X und das Gemini PDA als fertige Version sowie als Betaversion für das Xperia XA2 und das Xperia XA2 Ultra erhältlich.  (tk)


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