Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nuc8-crimson-canyon-im-test-amd-rettet-intels-10-nm-minirechner-1903-139914.html    Veröffentlicht: 20.03.2019 12:06    Kurz-URL: https://glm.io/139914

NUC8 (Crimson Canyon) im Test

AMD rettet Intels 10-nm-Minirechner

Der NUC8 alias Crimson Canyon ist ein technisch interessanter Mini-PC: Abseits der Radeon-Grafikeinheit enttäuscht aber Intels Cannon-Lake-Chip samt verlötetem Speicher, und die vorinstallierte Festplatte macht das System nervig träge. Mit SSD wird es besser - und noch teurer.

Wer Intels neueste CPU-Technologie live erleben möchte, der muss sich einen NUC8 (Crimson Canyon) kaufen: Der Mini-PC ist abseits von Lenovos Ideapad 330-15ICN für den asiatischen Bildungssektor das einzige Gerät, in welchem ein Cannon Lake steckt - ein in 10 nm gefertigter Prozessor. So ernüchternd dessen Eigenschaften und Leistung sind, so mäßig finden wir auch den NUC8 an sich. Wer jedoch etwas mehr Geld investiert, erhält einen technisch reizvollen Mini-PC mit guter Performance.

Optisch ist der Crimson Canyon ein klassischer NUC (Next Unit of Computing): Er besteht aus silbernem sowie glänzend schwarzem Kunststoff und misst typische 117 x 112 x 52 mm. Mit in der Packung des NUC8 liegt eine Vesa-Halterung mit 100 x 100 mm. Das fast quadratische Gehäuse des NUC8 weist eine Vielzahl an Anschlüssen auf, etwa den SD-Kartenleser (ausgelegt für den UHS-I-Standard) mit halber Bautiefe, welcher Daten mit knapp 90 MByte/s liest, und die Kensington-Öse für ein passendes Schloss.

An der Front befinden sich zwei USB-3.0-A-Ports, wobei der gelbe eine 5-Volt-Schnellladefunktion für Smartphones unterstützt. Hinzu kommen ein Consumer-Infrarot-Sensor und eine 3,5-mm-Klinke für Kopfhörer sowie der blau beleuchtete Power-Button und eine rot blinkende LED für die Festplattenaktivität. An der Rückseite befinden sich der Stromanschluss für das externe 90-Watt-Netzteil, zwei weitere USB-Ports, die RJ45-Buchse für Gigabit-Ethernet und die beiden HDMI 2.0b für 4K-Displays oder -Fernseher.

Vor der eigentlichen Inbetriebnahme haben wir die Firmware des NUC8 auf die v0039 aktualisiert, welche Anfang Dezember 2018 erschienen ist - unser Muster war noch mit Folie versehen, was nahelegt, dass es monatelang herumlag. Direkt nach dem Einschalten ist der Mini-PC hörbar, was aber nicht nur am etwas zu aggressiv eingestellten Lüfter (Balance statt Silent) liegt: Wir vernehmen das unverkennbare Geräusch einer Festplatte! Um vorzugreifen sei gesagt, dass der NUC8 samt Arbeitsspeicher immerhin 450 Euro kostet - da wirkt antiquierte Technik schlicht fehl am Platz.

Das Ansprechverhalten des Rechners ist entsprechend träge. Egal ob wir den Explorer öffnen, den Edge-Browser starten oder einfach nur die Windows-Suche für Updates bemühen, all das dauert länger, als wir es seit vielen Jahren dank SSDs gewöhnt sind. Bezahlbare SSDs wie die Gskill Falcon II mit 64 GByte für 150 Euro gab es bereits 2010, und Intel hätte auch einfach ein bisschen Flash-Speicher verlöten können; bei Modellen wie dem June Canyon klappt das schließlich auch.

Intel hat Windows 10 x64 Home auf der Festplatte vorinstalliert, weshalb wir wie üblich vor dem Test das Betriebssystem samt Treiber aktualisiert haben. Alleine das Einspielen des KB4482887-Update dauerte Stunden, nämlich von 13 Uhr bis 18 Uhr - einen halben Tag. Das gleiche Update war auf dem Thinkpad X1 Carbon v3 in weniger als 20 Minuten installiert. Im Folgenden betrachten wir das Innere des NUC8 näher.

Cannon Lake trifft RX 540

Für normale Nutzer reicht es, die in den vier gummierten Füßchen des Crimson Canyon sitzenden Schrauben herauszudrehen - aber Vorsicht: Unter dem Deckel ist die 2,5-Zoll-Festplatte montiert, welche nur mit einem dünnen Flachbandkabel mit dem Mainboard verbunden ist. Wer möchte, kann die vorhandene Hard Disk Drive (HDD) gegen ein viel flotter reagierendes Solid State Drive (SSD) tauschen oder aber den M.2-Slot auf der Platine verwenden. Der nimmt 2280- oder 2242-Modelle mit Sata- oder NVMe/PCIe-Interface auf; wir haben daher eine Samsung PM981 eingesteckt.

Um an die restliche Hardware des NUC8 heranzukommen, muss die Platine demontiert werden, was aber im regulären Betrieb unnötig ist. Intel verwendet ein ac-ac-9560-Modul für Bluetooth 5 und 2x2-WiFi (1.733 MBit/s brutto), welches verlötet wurde. Gleiches gilt für den Prozessor samt dem LPDDR4-2400-Arbeitspeicher und die ebenfalls fest verbaute, zusätzliche Grafikeinheit - eine Radeon RX 540 von AMD samt eigenem GDDR5-Videospeicher. Die CPU und die GPU treten durch Wärmeleitpaste mit dem Kühler in Kontakt, dessen zwei Heatpipes leiten die Hitze an einen winzigen Block aus Aluminium-Lamellen ab, durch den ein radialer Lüfter nach hinten pustet.

Beim Prozessor handelt es sich um einen Core i3-8121U, intern als Cannon Lake U bezeichnet. Der fast quadratische Chip wird von Intel in 10 nm gefertigt, er hat zwei Kerne, Hyperthreading sowie 4 MByte L3-Cache. Mit 2,2 GHz bis 3,2 GHz bei 15 Watt thermischer Verlustleistung (TDP) taktet er niedriger als ähnliche 14-nm-Modelle wie der Core i3-8130U (Kaby Lake U) und rechnet im Durchschnitt auch etwas langsamer: 333 Punkte sowie 136 Punkte im Cinebench R15 sind angesichts von Quadcore-Ultrabooks schwach. Der Core i3-8121U beherrscht als erster 15-Watt-Chip den AVX-512-Befehlssatz. Da nur eine Pipeline verbaut ist, steigt der Durchsatz verglichen zu AVX2 aber nicht. Echte Consumer-Software für AVX-512 gibt es ohnehin keine, diese ist selbst im Server-Segment noch vergleichsweise selten.

Doch der 10-nm-Prozess hat abseits der mäßigen Taktbarkeit noch ein Problem: Die Chip-Ausbeute (Yield) ist offenbar so schlecht, dass Intel die prinzipiell vorhandene integrierte Grafikeinheit des Core i3-8121U aufgrund von Fehlern deaktivieren muss. Folgerichtig fehlt die iGPU, weshalb im Crimson Canyon eine zusätzliche Radeon RX 540 verlötet ist, die per PCIe Gen3 x4 mit der CPU kommuniziert. Diese nutzt die Polaris-Architektur mit 512 Shader-Kernen und einem 128-Bit-Interface, an welchem 2 GByte GDDR5-Videospeicher angebunden sind. Ältere oder anspruchslose Spielen laufen auf der AMD-Grafikeinheit flüssig, beispielsweise Rocket League in 1080p mit hohen Details bei über 40 fps.

Im Leerlauf benötigt unser Muster des NUC8 überraschend hohe 20 Watt, wir konnten weder im UEFI noch unter Windows 10 eine Option finden, diesen Wert zu verringern. Wird rein der Prozessor belastet, steigt die Leistungsaufnahme auf 47 Watt in Blender. Dafür, dass der Cannon Lake auf 15 Watt eingestellt ist, erscheint uns das Delta zum Idle-Betrieb ebenfalls hoch. In Spielen wie Rocket League gibt sich der Mini-PC kurioserweise mit rund 30 Watt zufrieden, anscheinend darf die Radeon RX 540 nicht sonderlich viel Energie aufnehmen.

Unter Linux läuft der Crimson Canyon erfreulich rund, was angesichts der üblichen guten Software-Unterstützung von AMD und Intel allerdings wenig verwundert.

Linux, Verfügbarkeit und Fazit

Beim Test des Hades-Canyon-NUC vor einem Jahr hatten wir reichlich Probleme, das Gerät mit Linux zu betreiben. Das lag primär an den damals noch fehlenden Anpassungen und Treibern für das GPU-Design, welches AMDs Polaris und Vega kombiniert. Für den Crimson-Canyon-NUC sind die Voraussetzungen deutlich besser: Immerhin nutzt der NUC8 mit der Radeon RX 540 einen Polaris-Chip, der seit rund zwei Jahren an OEMs verteilt wird und eine gute Linux-Treiber-Unterstützung haben sollte.

Nachdem wir unsere vorbereitete SSD mit dem aktuellen Ubuntu 18.04 LTS in das Gerät verbaut haben, startet das System wie gewünscht: Wir bekommen direkt einen 3D-beschleunigten Desktop angezeigt, und ein Blick in die Systemdetails zeigt, dass der Linux-Grafiktreiber von AMD ordnungsgemäß geladen wurde und funktioniert.

Unsere Freude über den guten Linux-Support des Minirechners ist jedoch nur von kurzer Dauer: Der Desktop friert ein und der Rest des Systems nimmt keinerlei Eingaben mehr an - ein Totalabsturz. Die tatsächliche Ursache dafür konnten wir nicht finden, vermuten aber einen Bug irgendwo in den vielen verschiedenen Teilen des Linux-Grafik-Stacks. Nach einem Neustart lief das System wieder wie gewünscht. Abseits von CPU und GPU lassen sich die Peripherie des NUC, also LAN und Wi-Fi sowie USB, und der Sound unter Linux nutzen.

Verfügbarkeit

Intel verkauft den Crimson Canyon in zwei Varianten für 430 Euro und 460 Euro: Die NUC8i3CYSM hat 4 GByte verlöteten Arbeitsspeicher und die kaum teurere NUC8i3CYSN ist mit 8 GByte bestückt. Beide Modelle nutzen einen Dualcore-Prozessor mit deaktivierter iGPU, daher verlötet Intel eine Radeon RX 540. In den zwei NUC8 steckt jeweils eine 1-TByte-Festplatte mit Windows 10 Home. Ein Steckplatz für eine SSD im M.2-Format ist vorhanden. Bluetooth 5 und schnelles WLAN sind als Chip installiert.

Fazit

Wer nur die Eckdaten des NUC8 kennt, könnte diesen für einen guten Mini-PC halten: Das Gehäuse ist kompakt verfügt über zahlreiche Anschlüsse - so gibt es neben USB und Gigabit-Ethernet noch gleich zwei HDMI-Ports und einen SD-Kartenleser. Auch die Ausstattung mit Core-i3-Dualcore-Prozessor, 8 GByte Arbeitsspeicher und Radeon-Grafikeinheit klingt erst einmal anständig.

Im Betrieb allerdings nervt die vorinstallierte Festplatte durch ihr durchweg hörbares Betriebsgeräusch, vor allem aber ist das Ansprechverhalten des Mini-PCs sehr träge. Intel hätte besser daran getan, die HDD wegzulassen und das System für 50 Euro weniger als Barebone anzubieten, statt Nutzern mit solch antiker Technik den Spaß am Crimson Canyon zu nehmen. Wir empfehlen, eine günstige NVMe- oder Sata-SSD im M.2-Kärtchenformat zu kaufen und nachzurüsten. Brauchbare 128-GByte-Modelle gibt es für unter 50 Euro.

Bei einem genaueren Blick ist der kleine Rechner zudem ein anschauliches Beispiel, dass Intels 10-nm-Fertigung bisher ein Reinfall ist: Der Cannon-Lake-Prozessor taktet langsamer als seine 14-nm-Pendants und die theoretisch vorhandene Grafikeinheit (iGPU) wurde notgedrungen abgeschaltet, weshalb Intel eine zusätzliche Radeon RX 540 von AMD verlöten musste. Die reicht für wenig fordernde Spiele in 1080p-Auflösung mit mittleren bis hohen Details - das würde die Intel-iGPU sowieso nicht schaffen.

Neben der Festplatte statt einer SSD empfinden wir auch die Lüfterlautstärke im Leerlauf als zu hoch, das lässt sich aber mit dem Silent- statt dem Balanced-Profil ohne nennenswerte Leistungseinbußen korrigieren. Mit ein bisschen zusätzlichem Budget und ein paar Optimierungen ist der NUC8 somit ein technisch spannender Mini-PC mit relativ viel Performance für seine Größe. Drastisch schnellere Modelle wie der Hades Canyon sind zwar nicht deutlich größer, kosten aber fast das Doppelte.  (ms)


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