Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/eeg-windkraft-in-gefahr-1903-139741.html    Veröffentlicht: 20.03.2019 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/139741

EEG

Windkraft in Gefahr

Besitzer älterer Windenergieanlagen könnten bald ein Problem bekommen: Sie erhalten keine Förderung mehr. Das könnte sogar die Energiewende ins Wanken bringen.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, ist ein international beachtetes Erfolgsmodell. Es garantiert die Abnahme und die Vergütung von Ökostrom. Das Gesetz hat maßgeblich zum Erfolg der Windkraft beigetragen.

Angelegt war die EEG-Förderung auf eine Laufzeit von 20 Jahren. Und die sind für die ersten Windräder bald vorbei. Mit dem 1. Januar 2021 fallen erstmals Anlagen aus der Förderung heraus. Das betrifft laut dem Beratungsunternehmen Deutsche Windguard 6.000 Anlagen mit zusammen rund vier Gigawatt Nennleistung - allein im ersten Jahr. Bis 2026 könnten dann jährlich weitere 14.000 Turbinen mit insgesamt 17.000 Megawatt hinzukommen. Es geht also um große Teile des deutschen Windkraftwerkparks, der derzeit aus fast 30.000 Anlagen mit insgesamt rund 50.000 Megawatt Nennleistung besteht.

Das Problem: Die Besitzer der alten Anlagen müssen ihren Strom ab 2021 zu marktüblichen Preisen verkaufen. Das bedeutet, dass sie statt der bislang üblichen sechs bis neun Cent je Kilowattstunde (kWh) voraussichtlich nur noch zwei bis vier Cent bekommen, je nachdem, wie teuer die Kilowattstunde an der Strombörse in Leipzig gerade gehandelt wird. Laut Dieter Fries, Vorsitzender im Betreiberbeirat des Bundesverbandes Windenergie (BWE) und selbst Besitzer von vier älteren Windrädern, kann das ganz schön eng werden: "Oftmals sind die Betriebskosten höher. Ein großer Teil der Anlagen wird daher nicht überleben."

Kraftwerke sollen wirtschaftlich sein

Ganz falsch findet Fries es aber nicht, dass die Förderung ausläuft: "Das war ja ein Forschungsprogramm. Unwirtschaftliche Kraftwerke haben dann eben keine Chance mehr." Für ihn ist das Ende der Förderung daher eher ein Stolperstein für die Energiewende, aber nicht ihr Ende.

Volker Quaschning, Fachmann für regenerative Energien an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, sieht das schon etwas kritischer: "Für eine erfolgreiche Energiewende und das Erreichen der Klimaschutzziele bräuchten wir in Deutschland Windkraftkapazitäten an Land von rund 200 Gigawatt. Dazu müsste die derzeit installierte Leistung mehr als verdreifacht werden. Wenn Windkraftanlagen rückgebaut werden, die aus der Förderung fallen, ist das dem Erreichen der Klimaschutzziele sicher nicht zuträglich."

Das Kuriose: Technisch ist der Weiterbetrieb der alten Anlagen meist kein Problem.

Windräder erneuern

In der Regel wurden in den Jahren vor 2000 sogenannte Sub-Megawatt-Windkraftwerke mit Leistungen von 200 Kilowatt bis rund 1 Megawatt aufgebaut. "Fünf bis zehn Jahre sind in der Regel kein Problem. Das waren noch sehr konservativ ausgelegte Anlagen, die meist viel länger betrieben werden können als die damals angepeilten 20 Jahre", sagt Fries.

Doch einfach weiterlaufen lassen ist nicht drin. Wer seine Oldie-Anlage länger betreiben will, muss ein Gutachten vorlegen. "Windkraftanlagen sind unheimlich vielen Lastwechseln ausgesetzt, viel mehr als etwa Flugzeuge oder Brücken", sagt Claas Hülsen, Windenergieexperte bei der Prüf-, Beratungs- und Klassifikationsgesellschaft DNV GL. Hier geht es insbesondere um das Thema Standsicherheit. Die Überprüfung dauert je Anlage ein bis zwei Tage und kostet einige Tausend Euro. "Die Windmüller erzielen in Zukunft nur noch rund die Hälfte der Einnahmen, die sie bislang hatten. Da stellt sich schon die Frage: Ist das noch wirtschaftlich?", sagt Hülsen.

Verglichen mit der heutigen Anlagengeneration sind die alten Maschinen Zwerge. Die Rotordurchmesser von damals betragen 20 bis 30 Meter, die Türme sind 60 Meter hoch. Dennoch: Es sind Anlagen, die funktionieren, energetisch amortisiert sind und einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Wieso sollte man diese Anlagen abreißen und verschrotten? Quaschning ist daher für eine weiterlaufende Förderung: "Es wäre sinnvoll, eine abgesenkte Vergütung zu zahlen, mit der die Betriebskosten gedeckt werden. Das würde den Weiterbetrieb ermöglichen."

Neue Teile für alte Türme

Klar ist: Moderne Anlagen mit hohen Türmen und großen Rotoren produzieren den Strom viel günstiger. Also ist es sinnvoll, Alt gegen Neu zu tauschen. Theoretisch. Denn das sogenannte Repowering ist inzwischen immer seltener möglich. Zum einen wurde im Jahr 2014 der sogenannte Repowering-Bonus abgeschafft. Zum anderen machen es Auflagen immer schwieriger, neue Anlagen an alten Plätzen zu errichten. Anwohner, Umweltschützer, Luftaufsicht - alle wollen mitreden.

Das wichtigste Hindernis ist die Größe der Maschinen und die zugehörigen Abstandsregelungen. Hier geht es um Lärm- und Umweltschutz. Ebenso geht es darum, dass manche Standorte, die vor 20 Jahren als geeignet angesehen wurden, diese Beurteilung heute nicht mehr erhalten.

Dabei gibt es spezielle Anlagen. So hat der niederländische Hersteller EWT für den deutschen Repowering-Markt eine 750-Kilowatt-Anlage mit einer Nabenhöhe von 69 Metern entwickelt. Windturbinen dieser Leistungsklasse sind vom Ausschreibungssystem ausgenommen, sie erhalten eine feste Einspeisungsvergütung in Höhe von 4,63 Cent/kWh. Doch auch solche Anlagen rechnen sich nur an besonders windigen Standorten.

Eine elegante Option für alte Windräder ist die Direktvermarktung.

Was tun mit alten Windrädern?

Bei Direktvermarktung geht der Strom virtuell an einen bestimmten Abnehmer. Bundesweit bieten rund 40 Unternehmen diesen Service an. Für den Anlagenbesitzer hat das den Vorteil, dass er sich selbst nicht um Wetterprognosen und die Steuerung seiner Anlage kümmern muss. "Der Windstrom wird dabei an der Strombörse gehandelt. Hier verliert dieser seinen 'grünen Wert'", sagt Judith Tranninger von Statkraft, Deutschlands größtem Windkraft-Direktvermarkter. Der Ökostrom wird gleichberechtigt neben konventionell erzeugtem gehandelt und zum gleichen Marktpreis verkauft - also unter seinem Wert, wie viele monieren.

Mit dem 1. Januar 2021 kommt eine dritte Option hinzu. Der Strom der Oldies kann dann an der Börse vorbei gehandelt werden. In Fachkreisen heißen diese langfristigen Stromabnahmeverträge PPA - Power Purchase Agreements. "Wir suchen einen Abnehmer, der bereit ist, für den grünen Strom mehr zu bezahlen", sagt Tranninger. Einen Großkunden konnte Statkraft gerade gewinnen: Mercedes Benz Cars kauft den Strom von 31 Windrädern, um damit seine Werke bis 2022 CO2-neutral zu versorgen.

Enormen Einfluss auf die Preisentwicklung des Ökostroms hat zudem der CO2-Preis. Und der ist in jüngster Zeit kräftig gestiegen. Lag er im Jahr 2013 noch bei 2,46 Euro je Tonne, so sind es aktuell rund 23 Euro. Ob der Aufwärtstrend anhält, ist fraglich. Klar ist: Je teurer Strom aus fossilen Energieträgern ist, desto wettbewerbsfähiger wird Ökostrom. Vielen reicht das jedoch nicht. "Um das für einen erfolgreichen Klimaschutz nötige Energiewendetempo zu erreichen, müssten die Preise deutlich oberhalb von 50 Euro je Tonne liegen", sagt Quaschning.

Oldie-Windräder liefern Strom für Elektrolyse

Für die gefährdeten Oldie-Windräder könnten aber auch noch ganz andere Modelle interessant werden. Die Eigenversorgung etwa. Tausende Bauernhöfe in Dänemark zeigen, dass es geht. Eine weitere Option ist die Kombination von Windrad und Speichersystem. Das Duo könnte gut bezahlte Regelenergie bereitstellen. Genauso könnten alte Windturbinen Elektrolyseprozesse speisen und so Gas erzeugen, das dann in Verbrennungsmotoren genutzt werden könnte. Die Oldies könnten aber auch dezentrale Rechenzentren versorgen. An dieser Lösung arbeitet das Green-Tech-Unternehmen Windcloud. Im Norden der Republik entstehen derzeit solche Anlagen.

Vielleicht liegt die Zukunft alter Windräder aber auch im Schürfen der Kryptowährung Bitcoin und in der Aufrechterhaltung der Blockchain. Auch hierfür sind gigantische Energiemengen nötig. Alternative Arbeitsfelder scheint es für in die Jahre gekommene Windräder jedenfalls noch reichlich zu geben.  (dha)


Verwandte Artikel:
Windenergie: Mister Windkraft will die Welt vor dem Klimakollaps retten   
(12.03.2019, https://glm.io/139780 )
Offshore-Windparks: Neue Windräder sollen mehr Strom liefern   
(26.02.2019, https://glm.io/138929 )
Offshore-Strategie: Wikileaks-Server aufs offene Meer   
(01.02.2012, https://glm.io/89474 )
Mensch-Maschine-Interaktion: Roboter reagiert auf Signale aus dem Gehirn und dem Arm   
(21.06.2018, https://glm.io/135076 )
Ventomobil: Mit dem Windrad auf Rekordjagd   
(28.02.2019, https://glm.io/139086 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/