Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nokia-9-im-hands-on-pureview-ist-nicht-gleich-pureview-1902-139622.html    Veröffentlicht: 25.02.2019 16:00    Kurz-URL: https://glm.io/139622

Nokia 9 im Hands on

Pureview ist nicht gleich Pureview

HMD Global hat mit dem Nokia 9 die Pureview-Reihe neu aufgelegt: Das Smartphone hat insgesamt fünf Kameras, die für bessere Bilder und reichlich auswählbare Schärfeebenen sorgen sollen. Im ersten Kurztest zeigt die Kamera im Vergleich mit der Konkurrenz aber ihre Grenzen.

Mit dem Namen Pureview verbinden Nokia-Kenner Smartphones mit außergewöhnlichen Kameras, beispielsweise das 808 Pureview oder das Lumia 1020. Nachdem HMD Global die Marke Nokia übernommen hat, gibt es nun zum ersten Mal wieder ein Pureview-Smartphone mit Nokia-Schriftzug: Das Nokia 9 hat gleich fünf Hauptkameras, die für verbesserte Fotos sorgen sollen.

Golem.de hat sich das Nokia 9 Pureview in einem ersten Kurztest angeschaut und dabei den Fokus auf die Kamera gelegt. Dabei zeigen sich die Vorteile des Systems besonders bei der nachträglichen Verschiebung des Fokuspunktes - bei der Verarbeitung der Schnappschüsse brauchen Nutzer aber Geduld.

Die fünf Kameras des Nokia 9 sind ringförmig auf der Rückseite des gut verarbeiteten Gehäuses eingebaut, wobei sich eine Kamera in der Mitte befindet. Links ist ein LED-Blitz eingebaut, rechts eine ToF-Kamera, die genaue Tiefeninformationen besorgen soll. Das ist wichtig, da das Smartphone wesentlich mehr Tiefenebenen erfassen kann als herkömmliche Geräte - ein Vertreter von Zeiss, mit dem HMD Global das Kamerasystem entwickelt hat, spricht von 1.200 Ebenen anstelle von üblichen zehn.

Zwei der Kameras verwenden einen Farbsensor, die restlichen drei Monochromsensoren. Alle Chips haben 12 Megapixel, HMD Global verwendet auch gleiche Brennweiten: Die Kamera des Nokia 9 nimmt Bilder in einem leichten Weitwinkel auf. Der Fokus von HMD Global liegt nicht darin, dem Nutzer ein möglichst breites Spektrum an Brennweiten zur Verfügung zu stellen, sondern die Bildqualität zu optimieren: Die Schwarz-Weiß-Sensoren können aufgrund der fehlenden Farbfilter mehr Licht erfassen, was bei einer Kombination mit den Farbaufnahmen zu insgesamt besser belichteten Bildern mit verbessertem Kontrast und Bilddynamik führen soll.

Ausgiebig in unterschiedlichen Bildsituationen testen konnten wir die Kamera des Nokia 9 in der Messehalle noch nicht, einen ersten Eindruck haben wir aber erlangen können. Die Bildqualität sieht auf den ersten Blick sehr gut aus, auch dunkle Bereiche werden gut belichtet. Auffallend ist, dass das Nokia 9 ziemlich lange braucht, um das soeben geschossene Bild zu verarbeiten. Schauen wir uns das Foto direkt nach der Aufnahme an, bekommen wir für über zehn Sekunden nur ein Vorschaubild angezeigt - eine unscharfe Aufnahme der mittleren Kamera. Erst dann ist das endgültige Bild aus allen fünf Einzelaufnahmen zusammengesetzt. Für Schnappschüsse, die man sich schnell anschauen will, eignet sich das Nokia 9 definitiv nicht.



Zahlreiche Möglichkeiten bei der Schärfesetzung

Auf unserem Testgerät werden die Bilder doppelt abgespeichert: eine Version im RAW-Format und eine JPEG-Version, bei der wir aber noch die Tiefenschärfe manipulieren können. Je nach gewähltem Motiv sind hier starke Veränderungen im Bildeindruck möglich. Haben wir ein Foto mit guter Tiefenstaffelung aufgenommen, können wir den Fokuspunkt und die Unschärfe sehr genau platzieren. Die Bearbeitung erfolgt direkt in Google Fotos, das neben Helligkeit, Farbe und Pop noch den vierten Bearbeitungspunkt Unschärfe aufweist. Hier können wir den Grad der Unschärfe sowie die Intensität der Vordergrundunschärfe regulieren. Das funktioniert - wie seit jeher Unschärfe in der Fotografie - am besten mit Motiven, die über einen klar sichtbaren Vordergrund, Mittelbereich und Hintergrund verfügen.

Videos kann das Nokia 9 in 4K mit maximal 30 fps aufnehmen. Beim Umschalten zwischen den Kameramodi auf unserem Testgerät ist die Kamera-App immer wieder abgestürzt - ganz fertig scheint die Software noch nicht zu sein.

Im direkten Vergleich mit dem Galaxy S10+ kann die Qualität der von uns mit dem Nokia 9 gemachten Fotos nicht mithalten. Die Belichtung ist beim Samsung-Smartphone besser, ebenso die Detailschärfe unter stärkerer Vergrößerung. Das Nokia 9 weist zudem mehr Artefakte auf als das Galaxy S10+. Der Digitalzoom des Nokia 9 wirkt auf uns nicht sonderlich optimiert. Unser Test ist wie gesagt noch nicht endgültig, da wir das neue Nokia-Smartphone nur in der Messehalle ausprobieren konnten. Wie sich das Smartphone verglichen mit anderen aktuellen Topgeräten schlägt, wird ein ausführlicher Test zeigen - unserem ersten Eindruck zufolge können wir bei der Bildqualität aber keinen Vorteil des Fünffachsystems gegenüber Samsungs Dreifachkamera mit verschiedenen Brennweiten erkennen.

Das Nokia 9 hat insgesamt eine hochwertige Ausstattung. Das POLED-Display ist 6 Zoll groß und hat eine hohe Auflösung. Im Inneren arbeitet Qualcomms Snapdragon-845-Prozessor, der zusammen mit 6 GByte Arbeitsspeicher für ein flott arbeitendes System sorgt. Der eingebaute Flash-Speicher ist 128 GByte groß, ein Steckplatz für Micro-SD-Karten ist nicht vorhanden. Wer viele RAW-Bilder mit dem Nokia 9 schießen will, könnte früher oder später Platzprobleme bekommen.

Das Design des Nokia 9 passt in die Formsprache, die HMD Global auch bei den letzten Nokia-Smartphones verfolgt hat. Das Smartphone ist schlicht und liegt gut in der Hand. Die Kameras sind alle im Gehäuse untergebracht und ragen nicht heraus, was wir gut finden. Das Nokia wird entweder per USB-C-Kabel oder drahtlos über ein Qi-Ladepad aufgeladen. Der Akku hat eine Nennladung von 3.320 mAh und unterstützt Schnellladen. Das Nokia 9 unterstützt Cat16-LTE und WLAN nach 802.11ac, Bluetooth läuft in der Version 5.0. Die Frontkamera hat 20 Megapixel.

Ausgeliefert wird das Nokia 9 mit Android 9, das als Android-One-Version installiert ist. Nutzer bekommen Updates und Upgrades also direkt von Google und müssen nicht auf Herstelleranpassungen warten.

Fazit

Beim Nokia 9 verfolgt HMD Global mit der Pureview-Kamera ein interessantes Konzept, das im Kern allerdings auch nicht neu ist. Huawei hatte bei seinen frühen Multikamerasystemen auch Farb- und Monochromsensoren verbaut, um die Bildqualität zu verbessern - allerdings nie insgesamt fünf.

Grundsätzlich ist die Idee hinter einem derartigen System gut: Durch die Kombination der Bilddaten lassen sich die Bilddynamik, der Kontrast und die Schärfe verbessern. Allerdings wirkt das Konzept auf uns angesichts der Konkurrenz etwas ausgedient: Zahlreiche andere Hersteller kombinieren ebenfalls mehrere Kameras, setzen dabei aber auf praktische Erweiterungen.

Dazu zählen Objektive mit unterschiedlichen Brennweiten, die den kreativen Spielraum erweitern. Das machen unter anderem Huawei, Samsung und LG. Huawei setzt zusätzlich auf mindestens einen Sensor, der eine weitaus höhere Auflösung als die restlichen Sensoren hat - beim P20 Pro und Mate 20 Pro hat dieser 40 Megapixel, bei Honors Magic 2 kommt sogar ein 48-Megapixel-Sensor zum Einsatz. Der Vorteil eines solchen Chips: Der Digitalzoom ist qualitativ wesentlich besser, da mehr Pixel zur Verfügung stehen.

Das ist für Nokia-Geräte eigentlich ein alter Hut, wiesen doch bereits das Pureview 808 und das Lumia 1020 Kameras mit 41 Megapixeln auf - und entsprechend gutem Digitalzoom. Uns ist es etwas unerklärlich, warum HMD Global beim Nokia 9 komplett auf dieses in der Vergangenheit erfolgreiche Rezept verzichtet. Dafür können wir den Fokus sehr genau setzen - ob das in der Praxis aber eine solch häufig genutzte Funktion ist, sei dahingestellt.

Ein schlechtes Smartphone ist das Nokia 9 allerdings nicht. Die Hardware ist im Oberklassebereich angesiedelt, zudem bietet das Smartphone mit schnellem LTE und drahtlosem Laden das, was mittlerweile von einem Oberklasse-Smartphone erwartet wird. Dafür finden wir den Preis von 650 Euro durchaus attraktiv. Genauer lässt sich der Preis aber beurteilen, wenn wir das Smartphone mit weiteren aktuellen Topgeräten verglichen haben.  (tk)


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