Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-von-weltraumlokomotiven-und-affenkoenigen-1902-139408.html    Veröffentlicht: 18.02.2019 10:07    Kurz-URL: https://glm.io/139408

Indiegames-Rundschau

Von Weltraumlokomotiven und Affenkönigen

Sunless Skies und Battlefleet Gothic Armada 2 zeigen bizarre Science-Fiction, Spinnortality verknüpft Cyberpunk und Wirtschaftssimulation: Golem.de stellt spannende neue Indiegames vor.

Wer Early Access aus Prinzip ablehnt, hat manchmal Mühe, gute aktuelle Indiegames zu finden. Oft sorgen besondere Lieblinge bereits lange vor dem Release für Begeisterung und Rauschen im Blätterwald, um dann einen fast unbemerkten finalen Release zu absolvieren. So geschehen bei Slay the Spire (Windows-PC, MacOS und Linux; rund 21 Euro): Die clevere und motivierende Mischung aus Kartenspiel und Rogue-like begeistert schon seit fast einem Jahr als erstaunlich solide Early-Access-Perle das Publikum. Vor kurzem ist das Programm - fast ohne Fanfaren - final erschienen. Spätestens jetzt wäre es Zeit, zuzugreifen.

Auch das großartige Subnautica war einst Early-Access-Liebling. Mit Subnautica: Below Zero (Windows-PC, MacOS; rund 17 Euro im Early Access) ist nun ein Quasi-Nachfolger ebenfalls schon anspielbar. Die atmosphärische Unterwasser-Survival-Sandbox ist diesmal in polaren Gewässern zu Hause und wartet mit unverändert tollem Gameplay und vielen frischen Biomen, Tieren und Herausforderungen auf. Wer Subnautica und seine Early-Access-Historie kennt, weiß, dass auch das noch unfertige Spiel fast endlos Freude bereitet.

Aber auch die folgenden Indie-Spiele sorgen für - höchst unterschiedliche - Unterhaltung. Viel Spaß beim Spielen!

Battlefleet Gothic Armada 2: Admiral in Warhammer 40K

Der britische Brettspielspezialist Games Workshop hat bereits 2017 an der Londoner Börse die Milliarden-Pfund-Marke geknackt. Umso erfreulicher ist es, dass er die Digitalisierung seiner umfangreichen Lizenzen in die Hände einer Vielzahl unabhängiger Spieleentwickler gelegt hat, die seit Jahren die Welt von Warhammer & Co. auch auf Computer und Konsolen bringen. Der jüngste Beitrag stammt von Tindalos Interactive, es geht um Battlefleet Gothic Armada 2, in dem das populäre Brettspiel um Raumflottenkämpfe im Universum von Warhammer 40K zum komplexen und optisch gelungenen Echtzeit-Strategiespiel wird.

Die riesigen Kampfschiffe der düsteren WH40K-Welt sind buchstäbliche Weltraumkathedralen. Die grafisch und atmosphärisch beeindruckenden Schlachten in drei riesigen Kampagnen mit zwölf Fraktionen spielen sich ebenso wie die Multiplayerpartien entsprechend wuchtig. Dass es keine eigenen Gestaltungsmöglichkeiten für die Flotte gibt, stößt den ans liebevolle Dekorieren eigener Miniaturen gewohnten Hardcorefans saurer auf als anderen Spielern - die ärgern sich dafür vielleicht über den Zufallsfaktor beim Aufmarsch der eigenen Armada. Trotzdem: Bombastischere und WH40K-treuere Weltraumschlachten gab es zuvor nirgends.

Erhältlich für Windows-PC; rund 40 Euro.

Spinnortality und Sunless Skies

Spinnortality: die Cyberpunk-Management-Simulation

Cyberpunk-Ästhetik hat in den vergangenen Jahren eine Renaissance erlebt. Spinnortality nimmt sein Setting - nämlich zynische Near-Future-Science-Fiction von Autoren wie William Gibson, Bruce Sterling oder Neal Stephenson - aber ernster als die meisten anderen Spiele. Als Leiter einer globalen Corporation sitzt man hier an den Schalthebeln der kapitalistischen Supermacht, die nicht nur Nationen und Märkte geschickt manipuliert, sondern durch Erforschung und Markteinführung zunehmend radikaler werdender Technologien die Gesellschaft weltweit verändert und zugunsten der eigenen Konzernchefs umgestaltet.

Formal eine nüchterne, rundenbasierte und beeindruckend komplexe Wirtschaftssimulation, ist Spinnortality zugleich ein Labor angsteinflößender Cyberpunk-Ideen. Wie greifen die Zahnräder eines global beeinflussbaren Kapitalismus ineinander, wenn disruptive Technologien wie Genmanipulation, Überwachung und total vernetzte Medien gnadenlos kommerziell verwertet werden? Was trocken klingt, ist nach kurzer Einarbeitung ein moralisch wunderbar ambivalentes Experiment in Sachen Dystopie-Simulation. Weniger zynische Zeitgenossen können sich übrigens auch an der Schaffung einer utopisch harmonischen Zukunft versuchen.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS und Linux; rund 10 Euro.

Sunless Skies: Staunen mit der Weltraumlokomotive

Wer den Indiegames-Klassiker und Vorgänger Sunless Sea gespielt hat, weiß, was ihn in Sunless Skies erwartet: eine vor Fantasie nur so sprühende originelle Steampunk-Welt, forderndes Erforschungs- und Adventure-Gameplay sowie dichte Atmosphäre dank stimmungsvoller Grafik und herausragenden Sounddesigns. Als Kapitän einer Weltraumlokomotive schippert man ein bisschen wie im Klassiker Pirates in einem bizarren Weltraum herum, der Jules Verne zum Staunen gebracht hätte.

Es gibt gewaltige kosmische Uhrwerke, außerirdische Pilzkolonien und die unnachahmliche Vision eines universalen viktorianisch-britischen Empires, das man aus dem Browserspiel Fallen London, aber auch aus Sunless Sea schon kennt. Dass das Erfolgsrezept des eindrucksvollen Vorgängers nur in Details abgeändert wird, stört bei einem derart fantastischen neuen Setting nur wenig - Sunless Skies ist trotzdem eines der originellsten Adventure-Rollenspiele aller Zeiten. Aber Vorsicht: Nur Spieler mit guten Englischkenntnissen und Lust am Lesen der außerordentlich dichten Texte sollten in dieses seltsame Universum aufbrechen.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS und Linux; rund 23 Euro.

Unruly Heroes, Pikuniku, Project Winter und Odd Realm

Unruly Heroes: Koop-Spaß im Fantasy-China

Wenn sich Industrieveteranen, die an Klassikern wie der Rayman-Serie gearbeitet haben, an einen neuen Action-Plattformer setzen, darf man Qualität erwarten. Und eben die sieht man Unruly Heroes von der ersten Sekunde an. Das grafisch umwerfend schöne Action-Adventure präsentiert seine Mythenwelt als knallbunte, von chinesischer Kunst inspirierte Zeichentrickschönheit mit einer Riesenportion Abwechslung und Humor.

Vier seltsame Weggefährten - ein Affenkönig, ein Mönch, ein blauer Riese und ein kämpfendes Schwein - machen sich auf die in der chinesischen Literatur berühmte "Reise in den Westen". Dank unterschiedlicher Spezialfähigkeiten sind sie auf Kooperation angewiesen, entweder vonseiten menschlicher Mitspieler im Koop-Modus oder aber durch nahtlosen Wechsel zwischen den Helden im Solomodus. Neben Sprung- und Kampfpassagen sorgen Rätsel sowie beeindruckende Bosskämpfe dafür, dass keine Langeweile aufkommt. Unruly Heroes ist ein fast perfekter Action-Plattformer mit beeindruckender Produktionsqualität.

Erhältlich für Xbox One, Nintendo Switch und Windows-PC; rund 20 Euro.

Und sonst?

Im großartig absurden Pikuniku (Windows-PC, MacOS, Linux, Nintendo Switch; rund 11 Euro) ist man mit Dauergrinsen beschäftigt. Als undefinierbares rotes Etwas mit langen Beinen stolpert man hier durch eine ebenso bizarre wie charmante Welt, die voller schräger Gags und seltsamer Minispiele ist. Ein wunderbares Adventure, beileibe nicht nur für kleine Spieler.

In Project Winter (Windows-PC; rund 17 Euro im Early Access) geht es trotz niedlicher Grafik ganz ernsthaft ans Eingemachte: In dem 8-Spieler-Multiplayertitel muss man kooperieren, um zu überleben und der Eishölle zu entfliehen. Dumm nur, dass unerkannte Verräter in den eigenen Reihen andere Pläne verfolgen. Die originelle Mischung aus Koop-Survival-Sandbox und Undercover-Sabotage ist noch im Early Access, im Idealfall macht man sich mit Freunden auf in dieses witzige soziale Experiment, das von Gesellschaftsspielen wie "Werwolf" inspiriert ist.

Zu guter Letzt ein Geheimtipp für Spezialisten: Odd Realm (Windows-PC, MacOS, Linux; rund 8 Euro im Early Access) ist nichts weniger als ein ambitionierter Epigone des wohl berühmtesten unzugänglichen Spiels der Welt. Wer sich wegen legendär schlichter Grafik und GUI aus der Hölle nie an das großartige Dwarf Fortress gewagt hat, sollte einen Blick auf dieses Koloniemanagementspiel werfen.  (rs)


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