Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/honor-view-20-im-test-schluss-mit-der-wiederverwertung-1902-139403.html    Veröffentlicht: 18.02.2019 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/139403

Honor View 20 im Test

Schluss mit der Wiederverwertung

Mit dem View 20 weicht Huawei mit seiner Tochterfirma Honor vom bisherigen Konzept ab, altgediente Komponenten einfach neu zu verpacken: Das Smartphone hat nicht nur erstmals eine Frontkamera im Display, sondern auch eine hervorragende neue Hauptkamera, wie unser Test zeigt.

Smartphones von Honor zeichnen sich meistens durch ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis aus. Das Tochterunternehmen von Huawei ermöglicht das bisher dadurch, dass Komponenten aus Huawei-Smartphones verwendet werden und zudem an der ein oder anderen Stelle gespart wird - etwa bei der Netzwerkausstattung. Das hat bisher zu einer Reihe attraktiver Smartphones geführt, denen aber meistens ein hervorstechendes Merkmal gefehlt hat.

Das vor kurzem vorgestellte Magic 2 ist ein Beispiel dafür, dass Honor es auch anders kann - allerdings kein zwingenderweise gutes, da die Hardware an einigen Stellen doch der Konkurrenz hinterherhinkt. Mit dem neuen View 20 hat Honor nun aber ein Smartphone im Portfolio, das sich zum einen durch bisher nicht gesehene Hardware von der Konkurrenz abhebt und zum anderen ein Gerät ohne große Schwächen ist, wie unser Test zeigt. Dazu kommt ein Preis, der den der meisten Konkurrenten weit unterbietet.

Eine der interessantesten Neuerungen des View 20 ist bei ausgeschaltetem Display gar nicht auszumachen: die Frontkamera. Sie ist direkt in das Display-Panel eingebaut - und nicht oberhalb dessen, wie bei den meisten Konkurrenten. Der 6,4 Zoll große LC-Bildschirm hat eine kreisrunde Aussparung in der linken oberen Ecke, hinter der sich die 25-Megapixel-Kamera verbirgt. Ein Loch im Glas ist nicht vorhanden, das Deckglas dient vielmehr als Abdeckung für die Kamera.

Ist der Bildschirm nicht aktiv, ist nicht sichtbar, dass die Frontkamera vom Display-Panel umgeben ist. Schalten wie ihn jedoch an, erkennen wir, dass die Bildschirminhalte um die Kameraöffnung herum verlaufen. Wir hatten uns im Vorfeld gefragt, ob uns ein derartiger "Fleck" im Display nicht stören würde - im Alltag tut er es nicht. Trotz eines schwarzen, schmalen Rahmens um die Kameraöffnung liegt diese so weit in der linken oberen Ecke, dass wir sie nicht als störend wahrnehmen.

Wir finden die Frontkamera auf jeden Fall weniger invasiv als eine breite Notch in der oberen Mitte des Displays. Einen Unterschied zu einer Kamera in einer sehr schmalen, nur dafür ausgelegten Notch können wir hingegen nicht feststellen. Irgendwo muss die Frontkamera schließlich verbaut werden.

Dass sie uns nicht stört, liegt auch daran, dass der Bildschirmbereich, der um die Kameraöffnung des View 20 verläuft, ein toter Bereich ist. Er ist viel zu klein, um noch nennenswerte Informationen anzeigen zu können - von der Nützlichkeit her hätte Honor auch die komplette linke obere Ecke des Displays ausschneiden und dann die Kamera einbauen können. Das hätte aber natürlich nicht so gut ausgesehen. Wen der schwarze Fleck im Display nervt, der kann ihn auch etwas verstecken: In den Einstellungen lässt sich die komplette Statuszeile schwarz färben, was die Kameraöffnung quasi ausblendet. Gleiche Einstellungsmöglichkeiten bieten auch viele Hersteller, die Smartphones mit Notches anbieten.

Bei den mit der Frontkamera gemachten Bildern bemerken wir keinen Qualitätsverlust, der von der neuen Einbautechnik herrührt. Die Fotos sind von hoher Qualität, die Porträtaufnahmen weisen ähnliche Mankos auf wie die bei Frontkameras anderer Smartphones. Schwierige Details wie Ränder von Brillen führen auch beim View 20 zu kleinen Bildfehlern, insgesamt ist die Qualität der Porträts aber gut - auch ohne zweites Objektiv auf der Vorderseite.

48-Megapixel-Kamera überzeugt

Auch die Hauptkamera des View 20 hat kein zweites Objektiv im eigentlichen Sinne: Zusätzlich zur 48-Megapixel-Kamera kommt eine ToF-Kamera (Time of Flight) zum Einsatz, die ausschließlich für die Messung der Entfernung zuständig ist. Dies erfolgt, anders als bei herkömmlichen Multikamerasystemen, mit Hilfe von Infrarotstrahlen, weshalb die Methode genauer sein soll. Interessant ist der 48-Megapixel-Sensor der Hauptkamera: Es handelt sich um Sonys neuen IMX-586-Sensor, der vier Pixel zu einem zusammenfassen kann.

Durch dieses Pixel-Binning gibt das View 20 standardmäßig Fotos mit 12 Megapixeln aus, die eine bessere Lichtempfindlichkeit haben als Aufnahmen bei vollen 48 Megapixeln. Gleichzeitig erlaubt die hohe maximale Auflösung, einen qualitativ hochwertigen Digitalzoom einzusetzen. Für Huawei ist dieses Pixel-Binning-Konzept nicht neu, der Hersteller verwendet es unter anderem beim P20 Pro und dem Mate 20 Pro.

Im direkten Vergleich ähneln sich die 12-Megapixel-Aufnahmen des View 20 mit den 10-Megapixel-Aufnahmen des Mate 20 Pro. Die Schärfe ist nahezu identisch, das View 20 verwendet aber häufig einen etwas kühleren Weißabgleich. Zudem neigt es bei Tageslichtaufnahmen dazu, an bestimmten Kanten bereits leichte Artefakte zu zeigen - das ist allerdings nur bei sehr starker Vergrößerung sichtbar. Der digitale Zweifach-Zoom ist qualitativ ordentlich, kann aber natürlich nicht mit dem optischen Dreifach-Zoom des Mate 20 Pro mithalten. Für eine rein digitale Vergrößerung ist die Schärfe aber gut.

Schalten wir das View 20 auf volle 48 Megapixel um, müssen wir das Gleiche beachten wie beim Mate 20 Pro im 40-Megapixel-Modus: Je mehr Licht wir zur Verfügung haben, desto besser. Bei voller Auflösung verwenden beide Smartphones kein Pixel-Binning mehr, es findet also keine Optimierung hinsichtlich der Lichtausbeute statt. Das führt auch beim View 20 dazu, dass besonders Aufnahmen in schummrigem Licht in den dunklen Bereichen unterbelichtet sind.

Bei strahlender Sonne hingegen sehen auch die 48-Megapixel-Bilder gut aus und weisen eine wesentlich bessere Schärfe auf als die 12-Megapixel-Aufnahmen. Auf den ersten Blick können wir kaum Unterschiede zu den 40-Megapixel-Aufnahmen des Mate 20 Pro ausmachen, unter starker Vergrößerung erkennen wir aber, dass das aktuelle Spitzenmodell von Huawei noch eine etwas bessere Detailschärfe besitzt. Dafür gibt es ein paar mehr Artefakte.

Ultra-Clarity-Modus holt noch mehr Details heraus

Das View 20 hat allerdings nicht nur einen 48-Megapixel-Modus: Zusätzlich zum normalen gibt es noch den Ultra-Clarity-Modus, der wie die anderen Auflösungen in den Einstellungen der Kamera-App eingestellt werden kann. Ist er aktiviert, macht das View 20 mehrere Aufnahmen bei voller Auflösung und kombiniert diese zu einem Bild. Dies soll zu einer besseren Detailschärfe und wenigen Artefakten führen.

Nach unseren Tests können wir das bestätigen: Die Ultra-Clarity-Aufnahme hat leicht bessere Details als ihr Pendant, das wir im normalen 48-Megapixel-Modus aufgenommen haben. Auffallend ist zudem, dass es merklich weniger Artefakte gibt. Den Schärfevergleich mit einer 40-Megapixel-Aufnahme des Mate 20 Pro gewinnt Huaweis aktuelles Top-Smartphone aber immer noch - das View 20 macht aber in unseren Tests im Ultra-Clarity-Modus etwas ausgewogenere Aufnahmen als das Mate, was die Belichtung betrifft.

Das View 20 verfügt über einen Nachtaufnahmemodus, bei dem das Bild wie beim P20 Pro und beim Mate 20 Pro mittels künstlicher Intelligenz stabilisiert wird. Nutzer benötigen also kein Stativ mehr, um das Smartphone während der einige Sekunden andauernden Aufnahmesequenz ruhig zu halten - allzu stark wackeln sollte man aber dennoch nicht. Im direkten Vergleich mit dem Mate 20 Pro bietet der Nachtaufnahmemodus des View 20 ein etwas weniger scharfes Bild, was am generell weniger scharfzeichnenden Sensor liegen dürfte. Das Ergebnis kann sich aber dennoch sehen lassen.

Nachtaufnahmen profitieren von eigenem Modus

Bei Nachtaufnahmen macht der Ultra-Clarity-Modus zwar besser Aufnahmen als der herkömmliche 48-Megapixel-Modus, einen großen Unterschied zu den Nachtaufnahmemodus-Aufnahmen können wir aber nicht erkennen. Beide Modi arbeiten nach dem gleichen Prinzip, bei dem mehrere Aufnahmen übereinandergelegt werden. Den Vorteil der höheren Auflösung kann die Ultra-Clarity-Einstellung aber nicht ausspielen.

Der Porträtmodus der Hauptkamera basiert auf den Tiefeninformationen der ToF-Kamera. In unseren Tests konnten wir zugegebenermaßen keinen nennenswerten Qualitätsunterschied mit den Porträtfotos des Mate 20 Pro machen, das auf durch herkömmliche Kameras gewonnene Informationen zurückgreift. Die mit dem View 20 gemachten Porträts haben eine gute Trennung zwischen Vorder- und Hintergrund.

Insgesamt gefällt uns die Kamera des View 20 gut - vor allem auf vor dem Hintergrund der Preisklasse des Smartphones. Die Bildqualität kommt nahe an die des Mate 20 Pro heran und übertrifft manch teureren Konkurrenten. Wir finden es gut, dass Honor beim View 20 zudem endlich auf eine eigene Kameralösung setzt, und nicht wie bisher lediglich ein abgespecktes Kamerasystem vom Mutterkonzern Huawei übernimmt.

Schnelles SoC aus dem Mate 20 Pro

Im Inneren des View 20 arbeitet Huaweis 7-nm-SoC Kirin 980, das auch im Mate 20 Pro steckt. Entsprechend sind die Benchmark-Werte auf einem vergleichbaren Niveau: Im Geräte-Benchmark Geekbench kommt das Smartphone auf einen Single-Wert von 3.291 Punkten, was zwischen den Ergebnissen des Galaxy S9 und verschiedenen Smartphones mit Qualcomms Snapdragon 845 liegt. Im Icestorm-Unlimited-Test des 3DMark kommt das View 20 auf 35.450 Zähler, was unterhalb der Konkurrenz liegt.

Im Alltag läuft das Smartphone flüssig in der Bedienung, auch anspruchsvollere Apps stellen das View 20 vor nicht allzu große Probleme. Unser Testgerät hat 256 GByte Flash-Speicher und 8 GByte Arbeitsspeicher, die beim Multitasking von Vorteil sind. Einen Steckplatz für Speicherkarten hat das Smartphone nicht. Das View 20 unterstützt LTE auf allen in Deutschland wichtigen Frequenzen, Nutzer können zwei SIM-Karten parallel verwenden.

Auf der Rückseite ist ein Fingerabdrucksensor eingebaut, der in unseren Tests ohne Probleme funktioniert. Auf einen im Display verbauten Sensor hat Huawei beim Honor View 20 verzichtet, was wir angesichts der Zuverlässigkeit derartiger Systeme aktuell noch für verschmerzbar halten.

Ausgeliefert wird das View 20 mit Android 9 und der Benutzeroberfläche Magic UI 2. Diese entspricht weitestgehend Huaweis EMUI 9. Ein Unterschied, der uns auffällt, betrifft den Wechsel zwischen den zuletzt verwendeten beiden Apps: Die Animation erscheint uns flüssiger als beim Mate 20 Pro, auf dem EMUI 9 läuft. Ansonsten bietet Magic UI 2 ebenfalls zahlreiche App-Managementeinstellungen, die mitunter dazu führen können, dass Anwendungen restriktiv im Hintergrund geschlossen werden. Das können wir wie bei EMUI 9 verhindern, indem wir Anwendungen auf eine Ausnahmeliste setzen.

Der Akku des View 20 hat eine Nennladung von 4.000 mAh und lässt sich mit dem mitgelieferten Netzteil schnellladen. Den neuen, noch schnelleren 40W-Standard des Mate 20 Pro unterstützt das Smartphone allerdings nicht. Einen Full-HD-Film können wir bei maximaler Helligkeit gut zehn Stunden lang anschauen - das ist ein guter Wert.

Verfügbarkeit und Fazit

Das View 20 ist mit 6 GByte Arbeitsspeicher und 128 Flash-Speicher für 570 Euro erhältlich. Mit 8 GByte RAM und 256 GByte Flash-Speicher kostet das Smartphone 650 Euro.

Fazit

Das View 20 von Honor hat in unserem Test überzeugt. Mit seinem guten Display, der sauberen Verarbeitung, dem schnellen Prozessor und vor allem der guten Kamera ist das Smartphone eine ernstzunehmende Alternative zu teureren Top-Geräten. Huawei schafft es mit dem Gerät, ein Honor-Spitzenmodell erstmals auch über eine besondere Funktion zu definieren, und nicht nur über den Preis.

Das Besondere ist die 48-Megapixel-Kamera. Sie bietet mit ihrem Pixel-Binning nicht nur gut belichtete 12-Megapixel-Aufnahmen: Der Ultra-Clarity-Modus mit 48 Megapixeln bringt zusätzliche Details. Wir kennen nur wenige Smartphones, die derart scharfe und gut gezeichnete Fotos machen. Lediglich das Mate 20 Pro und das P20 Pro machen für unseren Geschmack noch etwas schärfere Aufnahmen, der Unterschied ist aber nur bei starker Vergrößerung zu erkennen.

Die ins Display eingebaute Frontkamera ist ein Hingucker und führt zu einem Bildschirm mit sehr schmalem Rahmen - und ohne Notch. Wir finden die Kameraöffnung weniger störend als eine breite Notch und können uns mit dem Konzept durchaus anfreunden. Qualitative Nachteile konnten wir im Test nicht ausmachen.

Neben der Hardware finden wir auch die Optik des View 20 spannend. Das Muster der Glasrückseite, das aus einer Vielzahl von Sparren besteht, scheint sich unter wechselndem Lichteinfall regelrecht zu bewegen. Uns gefällt dieses changierende Muster sehr gut.

Für den verlangten Preis bietet das View 20 eine Menge. In dieser Preislage liegt beispielsweise das Oneplus 6T, alle anderen Top-Smartphone mit vergleichbarer Ausstattung sind teurer. Wir halten die 48-Megapixel-Kamera gegenüber der des 6T für flexibler. Wer aktuell auf der Suche nach einem Smartphone der Oberklasse ist, sollte sich das Honor View 20 definitiv anschauen.  (tk)


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