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Far Cry New Dawn im Test

Die Apokalypse ist chaotisch, spaßig und hat Pay to Win

Grizzly frisst Bandit, Buggy rammt Grizzly: Far Cry New Dawn zeigt eine wunderbar chaotische Postapokalypse, die gerade bei der Geschichte und dem Schwierigkeitsgrad viel besser macht als der Vorgänger. Schade, dass die bunte Welt von Mikrotransaktionen getrübt wird.

Atombomben fallen auf das idyllische Montana, die Welt liegt in Trümmern. Das Ende von Ubisofts Ego-Shooter Far Cry 5 ist der Anfang des neuen Ablegers Far Cry New Dawn. Jahre nach der nuklearen Apokalypse öffnen sich die Bunker und Menschen wandeln erneut über das nun frisch erblühte und farbenfrohe Hope County, nebst weiß leuchtenden Elchen und grün glänzenden Bären. Die Welt wirkt durch die grelle Farbpalette surreal und stimmig.

Wir sind als der männliche oder weibliche Protagonist, der einfach nur Captain genannt wird, auf einer Mission, Waffen und Vorräte an die Bewohner des abgeschotteten Tals zu liefern. Allerdings kommt in bekannter Far-Cry-Tradition nichts so, wie es sollte. Unser Zug entgleist und wir werden verfolgt von den Highwaymen, einer skrupellosen Räuberbande, deren Anführerinnen die so verrückten wie charismatischen, bösen Zwillingsschwestern Mickey und Lou sind. Schon in den ersten Spielminuten machen wir Bekanntschaft mit den zwei Damen und ihren Handlangern in schwerer Rüstung.

Wahnsinnige Antagonisten in einer offenen Spielwelt sind natürlich für ein Far-Cry-Spiel nicht sonderlich originell. Ubisoft schafft es aber, nicht so übertriebene Gegenspielerinnen zu schaffen, die untereinander zudem teils verschiedene Ansichten vertreten. Die Hauptgeschichte zu verfolgen, wird daher nicht so schnell langweilig, wie es noch beim Vorgänger der Fall war. Der hatte uns in die immer wieder gleiche Gefangenensituation und zum Anhören inhaltsloser Monologe der generischen Gegenspieler gezwungen. Ebenfalls gut: In New Dawn können wir uns immer entscheiden, ob wir die Hauptstory verfolgen oder erst einmal die Welt erkunden - es gibt keine ohne unsere Zustimmung startenden Missionen.

Denn obwohl das Spielareal nur eine postapokalyptische Version von Hope County ist - sogar die Levelgrenzen sind ähnlich - sieht die Welt sehr facettenreich und vielfältig aus. Überall gibt es etwas zu entdecken. Wir können etwa wieder auf die Schatzsuchen gehen, die sich als unterhaltsame Minirätsel präsentieren. Auf dem Streifzug durch die Wildnis treffen wir auch wieder auf jede Menge Zufallsereignisse. Neu sind Plünderer, die wir besiegen und anschließend für viele Ressourcen selbst ausplündern können, und Versorgungspakete, die aus der Luft abgeworfen werden und die wertvolles Ethanol für den Ausbau unserer Basis enthalten.

Idylle und Chaos dicht beisammen

Es macht Spaß, durch karge Wälder zu stapfen und über knallbunte Wiesen zu streifen. Grafisch ist New Dawn noch einmal ein bisschen hübscher, da es mit seinen bunten Farben sehr stilisiert wirkt. Die Idylle wird dabei in fast schon komischer Weise von vielen zufälligen Ereignissen unterbrochen. Wenn eine Bande Räuber von einem verstrahlten Grizzlybären angefallen wird und von der Seite plötzlich ein Lastwagen mit noch mehr Schergen zu Hilfe eilt, entlockt uns das allein wegen der Absurdität der Situation ein Lächeln.

Dass die computergesteuerten Gegner dabei genauso strohdumm agieren wie im Vorgänger, ist noch einmal unfreiwillig komischer. Der Schwierigkeitsgrad von New Dawn ist auf eine andere erfreuliche Weise wesentlich höher angesetzt. Wir haben den Titel auf dem zum Start höchsten Schwierigkeitsgrad gespielt. Selbst Shooter-Veteranen finden hier eine Herausforderung. Das liegt am neuen Stufensystem, das New Dawn einführt. Ähnlich wie bei Loot-Shootern wie The Division teilen sich Gegner in normale, starke, Elite und Champions ein.

Die Stärke von Gegnern erkennen wir an der jeweilige Farbe des Lebensbalkens, die in New Dawn über den Gegnern schweben. Teilweise werden Feinde so zu echt zähen Kugelfängern. Nachdem der Grizzlybär sich fünf oder sechs Schurken schmecken hat lassen, sollten wir der Nachtisch werden. Erst nach mehreren Schrotladungen geht das verseuchte Vieh zu Boden - Glück gehabt. Dabei erkennen wir einen weiteren Unterschied zum Vorgänger: Treffer zeigt uns das Spiel mit Schadenszahlen an. Das ist praktisch, wenn wir wissen wollen, wie weit unsere Schrotflinte überhaupt effektiv ist und wie viele unserer Schüsse daneben gehen.

Alternativ lassen sich diese GUI-Elemente aber auch abschalten, sodass New Dawn wieder näher an den fünften Serienteil heranrückt. Generell ist die Menüführung samt Karte, Charakteranpassung, Inventar und Läden nahezu identisch. Das gilt auch für den Fähigkeitenbaum, in den wir unsere hart verdienten Vorteilspunkte hineinstecken können. Wir schalten Mechaniken wie den Enterhaken, Schlösser knacken, Angeln und andere Dinge frei, fragen uns dabei aber wie im Vorgänger: Warum versteckt Ubisoft wichtige Spielelemente hinter Fähigkeiten? Die müssen wir sowieso freischalten, um an Teile der Spielwelt zu gelangen oder mehr wertvolle Ressourcen zu finden. Wir finden, dass die Entwickler beim Skillsystem viel Potenzial und Kreativität verschenken.

Eine größere Auswahl an den gleichen Waffen

Neben der Schrotflinte können wir uns mit einer ziemlich großen Auswahl an Knarren ausrüsten. Allerdings handelt es sich dabei um Neuauflagen der Kanonen, die wir schon aus dem Vorgänger kennen, etwa das M4-Sturmgewehr, den 1911-Colt oder den RPG7-Werfer. Ubisoft hat lediglich die Optik ein wenig angepasst. An unserem AK-47-Sturmgewehr ist etwa ein Schraubenzieher mit Klebeband angebaut oder eine Spraydose dient als Schalldämpfer.

Viele unserer Schießeisen gibt es in ähnlicher Form mit verschiedenen Aufsätzen. Die Lever-Action-Repetierflinte ist jetzt etwa lautlos und hat immer eine Zieloptik montiert. Die Komponenten können wir nicht anpassen. Dafür gibt es wesentlich mehr Auswahl, die wie die Gegner in vier Stufen eingeteilt ist, und die wir im Nachhinein mit gesammeltem Schrott freischalten.

Ein Dorf aus Alkohol und Panzerband

Solche Handwerksmaterialien sind ein zentraler Punkt von Far Cry New Dawn. Überall in der Welt liegen Zahnräder, Klebeband und Autoschrott herum. Eine sehr wichtige Ressource ist Ethanol, das wir für das Aufrüsten unserer Basis benötigen. Den Alkohol finden wir, indem wir Außenposten befreien, Versorgungspakete plündern oder Tanklaster von den Highwaymen klauen. Es gibt also immer etwas zu tun.

Vom Dorf Prosperity aus starten wir unsere Abenteuer, bauen uns neue Knarren, verbessern unsere Charakterwerte oder lassen uns von den Einwohnern Hinweise zu versteckten Gebieten geben. Neu sind die Expeditionen, die uns in kleine Areale außerhalb der eigentlichen Welt führen. Dort müssen wir beispielsweise eine Kiste aus einem von Feinden besetzten Flugzeugträger stehlen. Die Missionen sind besonders anspruchsvoll, da wir es direkt mit scheinbar unendlich vielen Schurken zu tun haben, wenn wir entdeckt werden. Die Expeditionen sind eine spaßige Neuerung in New Dawn und gleichzeitig eine aus finanzieller Sicht gute Strategie von Ubisoft. Solche kleinen Einsätze lassen sich recht einfach produzieren und in die Welt einbauen - perfekt für kostenpflichtige DLCs.

Pay to Win ist Way to Lose

Generell bittet Ubisoft die Spieler gerne zur Kasse, wenn diese nicht die Geduld aufbringen wollen, sich Inhalte selbst zu erspielen. Der Ingame-Shop ist gegenüber dem Vorgänger noch prominenter aufgestellt. Dort können wir Far-Cry-Credits kaufen, die echtes Geld von fünf bis 50 Euro kosten. Diese Währung tauschen wir wiederum gegen viele Dinge ein. Dabei bleibt es nicht bei den vielen verschiedenen, teils skurilen Kostümen für unseren Charakter.

Wir können auch sehr starke Waffen, Handwerksmaterialien, Fahrzeuge und sogar Fähigkeitenpunkte für Echtgeld kaufen. Damit hebeln wir Kernmechaniken des Spiels aus, nämlich das Sammeln von Materialien, das Herstellen von Waffen und das Leveln unseres Charakters. Wir bezahlen, um einen Vorteil zu haben. Zumindest wissen wir, was wir kaufen: Auf ein Lootbox-System verzichtet Ubisoft glücklicherweise.

Gerade im Koop-Mehrspielermodus gibt es mit Sicherheit eine Kundschaft für bessere Knarren gegen echtes Geld. Wie der Vorgänger lässt sich auch in New Dawn das postapokalyptische Hope County mit Freunden erkunden. Das macht wesentlich mehr Spaß. Allerdings ist das Spiel nicht für viele Spieler ausbalanciert, sodass Kämpfe wesentlich leichter werden. Laune macht die Teamballerei aber auf jeden Fall.

Auch Ubisoft ist wohl bewusst, dass Far Cry New Dawn durch seine relative Ähnlichkeit zu Far Cry 5 nicht als Vollpreistitel verkauft werden kann. Das wäre angesichts der Konkurrenz aus dem eigenen Hause - dem bald erscheinenden Division 2 - auch nicht sinnvoll. Der Titel soll laut Hersteller daher etwa 40 Euro kosten. Er wird auf den Plattformen Playstation 4, Xbox One und PC vertrieben. Der Erscheinungstermin ist der 15. Februar 2019, die USK hat eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

In vielen Dingen ist Far Cry New Dawn seinem Vorgänger ziemlich ähnlich: Ubisoft recycelt die Spielwelt, Untermenüs und sogar die vielen Waffen von Far Cry 5, weiß das Ganze aber in ein insgesamt interessanteres Paket zu verpacken.

Das postapokalyptische Hope County überrascht durch seine gemischte Szenerie aus kargen Wäldern, Ruinen und farbenfrohen Wiesen. Ubisoft interpretiert die Postapokalypse bewusst als übertrieben übersättigte Welt, in der Pflanzen und Tiere durch die atomare Strahlung sichtbar entfremdet und mutiert wirken.

Auch die sehr guten deutschen Synchronsprecher und die zwei Bösewichte sind ein Plus von New Dawn. Die Hauptgeschichte wird uns nicht mehr unpassend aufgezwungen. Wir können alternativ auch die offene Welt erkunden oder auf eine der neuen Expeditionen gehen, die uns an andere Orte schicken und die erfreulich fordernd sind.

Generell ist New Dawn durch sein Stufensystem der Gegner und Waffen schwerer zu meistern als der recht einfache Vorgänger. Wenn uns ein Elite-Bär anfällt, sollten wir besser viele Schrotpatronen im Gepäck haben oder die Beine in die Hand nehmen.

Der neue Titel bietet mehr verschiedene Versionen der gleichen Waffen an. Jede füllt eine bestimmte Nische, lässt sich aber nicht mehr mit Aufsätzen anpassen. Das wuchtige Waffenhandling, gutes Trefferfeedback und das exzellente Sounddesign bereiten - wie schon im Vorgänger - viel Freude.

Das können wir vom Ingame-Shop nicht behaupten: Für echtes Geld können wir neben neuen Outfits für unsere Spielfigur auch neue Schießeisen, Fahrzeuge und sogar Fähigkeitenpunkte kaufen. Das ist fieses Pay to Win, das Ubisoft den Spielern prominent anbietet.

Schade eigentlich, denn New Dawn ist in vielen Belangen zwar ein ähnliches, durch das interessante Setting, die konsistentere Story und den höheren Schwierigkeitsgrad aber wesentlich spaßigeres Far-Cry-Spiel. Eine Empfehlung für Fans und Neueinsteiger, solange wir den Ingame-Shop ignorieren.  (on)


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