Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/struktrurwandel-it-soll-jetzt-die-kohle-nach-cottbus-bringen-1902-139104.html    Veröffentlicht: 11.02.2019 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/139104

Struktrurwandel

IT soll jetzt die Kohle nach Cottbus bringen

In Cottbus wird bald der letzte große Braunkohle-Tagebau zum Badesee. Die ansässige Wirtschaft sucht nach neuen Geldquellen und will die Stadt zu einem wichtigen IT-Standort machen. Richten könnten das die Informatiker der Technischen Uni - die werden aber direkt nach ihrem Abschluss abgeworben.

Es ist Fashion-Week in Berlin. Frauen in neonfarbenen Kunstpelzen hasten telefonierend über den Bahnhof. Gleis 1 wirkt dagegen bodenständig: Informatik-Studenten warten auf die Regionalbahn, die sie von Montag bis Freitag nach Cottbus befördert. Sie zuckeln eineinhalb Stunden durch die verschneiten Brandenburger Landschaften, vorbei an Wäldern, Bauernhäusern und Funklöchern bis kurz vor die polnische Grenze. Weil die Fahrt kaum länger dauert als von Marzahn nach Spandau sprechen sie von Cottbus als Berliner Speckgürtel.

Studentin Hannah aus Irland, graue Stricksocken und roter Pilzkopf, nutzt die Stunde im Zug für ihr Referat, tippt auf dem Laptop und hebt ab und zu den Kopf, um aus dem Fenster zu schauen. Cottbus mag sie mittlerweile lieber, als sie zu Anfang dachte. "Ich kannte die Stadt nur aus der Zeitung, hatte ein schlechtes Bild und dachte sofort an Platte und Rechte", sagt sie. "Aber die Uni ist sehr gut, ich liebe die Seen und die große alternative Szene, die es dort auch gibt."

Die Gründe, die für die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) sprechen, sind für viele Studenten ähnlich: die Nähe zu Berlin, eine Bude für 200 Euro oder ein kostenfreies Ticket zum Pendeln, Studiengänge, in denen Dozenten einen mit Namen kennen und ein hervorragender Ruf, besonders für Informatiker. Internationale Konzerne konkurrieren mit ortsansässigen IT-Betrieben um die abgezählten Absolventen. Dabei steht für die Cottbuser viel auf dem Spiel. Sie brauchen Nachwuchs, um den Strukturwandel zu überstehen.

Cottbus goes internet

Bald wird der letzte große Braunkohle-Tagebau zum Ostsee geflutet, dem größten künstlichen See Deutschlands mit eigenem Hafen und Pensionen für Touristen. Es droht ein Bevölkerungsschwund wie nach der Wende, als 25.000 Menschen fortzogen. Gelingt es aber Digitale Stadt Cottbus zu werden, so ist man sich einig, kehrt sich diese Negativtendenz ins Positive um.

Dank historischer Beziehungen in Richtung Estland, Polen und Tschechien könnte man zu einem geografisch günstigen IT-Standort im Osten Deutschlands heranwachsen. Gustav Lebhart, IT-Leiter der Stadt Cottbus, prophezeit in seiner Entwicklungsprognose sogar einen Bevölkerungszuwachs von 100.000 auf 114.000 Einwohner, wenn die Vision Digitale Stadt erfolgreich umgesetzt wird. Oberbürgermeister Holger Kelch sagte in seiner Neujahrsansprache 2019 eindringlich, dass man Cottbus für junge Menschen und Firmen anziehend machen müsse.

Im Leitbild 2032 heißt es dazu: "Unsere weltoffene Einstellung in einer internationalen Stadt schafft ein günstiges kulturelles und mentales Umfeld für Gründer, Zuzügler, künftige Fachkräfte und Studierende." Und weiter: "Die Bürger werden bei der Digitalisierung, beim Ausbau und Förderung der Elektromobilität sowie zukunftsfähiger Energien (...)  eingebunden." In einem Smart-City-Entwurf werden konkrete Pläne umrissen: Der Verkehr bekommt eine gebündelte App für Busse, Bahnen, Parkplätze und Leihfahrzeuge. Auch die Stadtverwaltung wird nach Tallinner Vorbild digital, indem Online-Bürgerkonten Ämtergänge überflüssig machen. Und das schnelle Internet soll natürlich auch nach Südbrandenburg kommen. Bis Sommer 2019 will die Telekom in Cottbus ihren VDSL-Ausbau abgeschlossen haben.



''Erst mal keine üble Idee!''



"Endlich!", ruft ein ortsansässiger Taxifahrer, den wir nach den Plänen fragen, bevor er in schallendes Gelächter ausbricht. "Für die große Digitalisierung ist das erst mal keine üble Idee!" Den Cottbuser Bürgern, die Taxi fahren oder im Büro arbeiten, kommt die Vision Digitale Stadt Cottbus noch sehr weit weg vor.

Und mit der Realisierung wird es schwieriger als gedacht: Eine erhoffte Millionenhilfe vom Digitalverband Bitkom fällt weg, weil die Bewerbung als digitale Modellstadt nicht erfolgreich war. Nun will es Cottbus ohne das Wettbewerbsgeld schaffen; die Pläne stehen ja schon und Bitkom hilft immerhin mit Expertise. Auch Siemens packt mit Arbeitsgruppen zu Automatisierung und Digitalisierung an.

Und die Informatiker und Ingenieure, die an der Uni Cottbus ausgebildet werden, sollen nicht nur an erneuerbaren Energien arbeiten, die im Sinn der Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung der Bundesregierung die Braunkohle ablösen. Sie sollen sich auch in IT-Betrieben und Startups ansiedeln, um die Wirtschaft anzukurbeln. "Die Universität will natürlich auch Absolventen für die Gegend hier generieren", sagt Katrin Salchert. Sie vermittelt als Vizepräsidentin für Technologietransfer zwischen Forschung und Wirtschaft. "Die Lausitz muss sich neu definieren, damit es noch mehr interessante Arbeitsplätze gibt, die Absolventen halten können. Dafür brauchen wir eine klare Ausrichtung wie künstliche Intelligenz und Automatisierung." Dazu nimmt Katrin Salchert den Dialog mit der Region auf. Ihr Projekt Innovation Hub 13 setzt Transfer-Scouts ein, die den Unternehmen erklären, was die Wissenschaftler leisten könnten, und fragen, was sie benötigen.

Die Universität soll die Lausitz retten

Zumindest am Campus ist die Vision von der fortschrittlichen, internationalen Stadt, die der Bürgermeister im Leitbild 2032 ausgemalt hat, schon Realität: Die Ausbuchtungen der futuristischen Bibliothek von Herzog & de Meuron glänzen in der Wintersonne, vor dem neu errichteten Informatik-Trakt mit gläsernen Computer-Laboren debattieren Studenten über ihre Projekte. Ein Bus spuckt eine neue Traube Pendler aus, die vom Bahnhof aus Berlin angereist sind. Grüppchen von Asiaten mit Mappen unter den Armen, Frauen mit Kopftüchern und schwarzumrandeten Augen und Szene-Typen mit Piercings verteilen sich auf die umliegenden Universitätsgebäude.

26 Prozent der Studierenden stammen aus dem Ausland, das ist der dreifache Anteil der Stadt Cottbus. Die meisten davon pendeln jeden Tag und wohnen nicht in Brandenburg. Um mehr Studenten - am liebsten dauerhaft - in die Lausitz zu holen, wurde 2017 der englischsprachige Masterstudiengang Cyber Security gegründet. Für Studenten aus Großbritannien und den USA, wo ähnliche Studiengänge deutlich teurer sind, ist das ein Anreiz. Es gibt deutlich mehr Bewerber, als Plätze (30) zur Verfügung stehen. 

Schon 1991 wurde die Hochschule als einzige technische Lehranstalt in Brandenburg gegründet, um junge Menschen in der Region zu halten, 2013 rundum erneuert und mit der Hochschule Lausitz zusammengeschlossen. Heute studieren an der Brandenburgischen Technischen Universität 7.600 Menschen, davon nur 300 in den begehrten IT-Fächern Informatik, Cyber Security, Medizininformatik, Informations- und Medientechnik - zu wenige, wie der Leiter des Lehrstuhls Praktische Informatik, Claus Lewerentz, findet.

Wer das harte Studium besteht, gehört nach seinen Angaben zu den begehrtesten Informatikern des Landes. Einige seiner Absolventen sind in den USA bei Google, andere bei Intel oder bei SAP in Berlin angestellt. Es hat sich herumgesprochen, dass sie gute Informatiker sind. Das liege daran, dass die Studiengänge klein sind und viel für die einzelnen Studierenden getan werde. Sie arbeiten interdisziplinär mit Wirtschaftswissenschaften und Ingenieuren zusammen, bekommen im Master so gut wie immer eine Stelle als Hilfskraft und ihre Schwerpunkte sind interessant.

Forschungsteams arbeiten etwa an der Sozialkompetenz kognitiver Systeme und beschäftigen sich mit der Frage, wie man ungeschriebene, zwischenmenschliche Gesetze in der alltäglichen Anwendung von künstlicher Intelligenz, etwa im Straßenverkehr, berücksichtigt. Datensicherheit für KI-Systeme und Dependable Cyperphysical Systems zählen ebenfalls zu den zentralen Feldern der BTU. "Besonders in der Industrie und in Kraftwerken sind unsere Absolventen daher extrem gefragt", sagt Matthias Wolff, Sprecher des Forschungsclusters Kognitive Systeme.



Neues Gründungszentrum soll Startups zum Bleiben bewegen



Einige BTU-Absolventen, wie Nora Baum, sind dem Wunsch der Stadtoberhäupter bereits nachgekommen und haben Firmen gegründet. Sie sitzt mit ihren Mitarbeitern im Büro auf dem Campus, kann wie eine ganze Reihe anderer Gründer auf das Know-how ihrer ehemaligen Dozenten zurückgreifen, wird gecoacht und hat Zugang zu Anwälten, Steuerberatern und dem großen Netzwerk. Professor Claus Lewerentz hat sein Büro um die Ecke und schaut ab und zu vorbei, um zu sehen, wie es läuft.

Kurze Wege zu den Entscheidern

Für Katrin Baumert vom Gründungsservice der Universität ist das ein großer Vorteil für Jungunternehmer: "Es gibt kurze Wege zu den Menschen, die Entscheidungen treffen. Man kennt sich, geht zusammen mittagessen und setzt Ideen zügig in die Tat um. Darum entsteht gerade an allen Ecken etwas Neues." Mit Hilfe des Gründungsservices hat ihr Schützling Nora Baum ein Patent auf die Idee ihres Startups Pattarina angemeldet: Schneider können mit Augmented-Reality-Techniken Schnittmuster per App als Schablone generieren und müssen sie nur noch auf dem Stoff nachzeichnen. Das vereinfacht ihre Arbeit enorm. "Wir sind stolz, wenn die App bald gelauncht wird", sagt die Erfinderin.

Früher lebte die ganze Lausitz vom Tuchhandwerk. "Mehr Unternehmen, die sich auf diese Narration konzentrieren, würden der Digitalisierung der Stadt Cottbus guttun", sagt Marcel Linge vom Gründungszentrum Zukunft Lausitz. Er findet es wichtig, dass Cottbus sich auf seine Kernkompetenz verlässt. Bis jetzt wirken die vielen unterschiedlichen Ansätze von Bus-Apps bis Parksystemen willkürlich. "Hier und da wird digitalisiert", sagt er. "'Digitale Stadt' klingt da doch noch etwas hochtrabend, denn das bedeutet für mich nicht einen Scanner bei Eintrittskarten."

Im neuen Gründungszentrum auf dem Uni-Campus könnten die ganzen Ideen zusammengebracht werden, damit das Großprojekt IT-Standort Cottbus einen roten Faden bekommt. Es vereint bald Zukunft Lausitz mit dem Gründungsservice der Universität und soll deutlich mehr Erfolgsgeschichten wie Pattarina hervorbringen.

Vom Look des neuen Standortes hat Marcel Linge schon konkrete Vorstellungen: Modern und offen muss es sein. Sein Projekt Zukunft Lausitz, das er 2006 eröffnet hat, soll die Gründer schon mal heiß darauf machen. "Damit das neue Zentrum dann nicht leer ist", wie er sagt.

Zukunft Lausitz sieht aus, wie dem Traum eines Berliner Startups entsprungen: Die ehemalige Disco mit den holzverkleideten Wänden und Vintage-Möbeln liegt mitten in der Cottbuser Innenstadt zwischen historischen Wohnhäusern. Auf der ehemaligen Tanzfläche arbeiten junge Gründer über ihre Laptops gebeugt im zugehörigen Coworking-Space. Ein Wirtschaftsdozent, der einen Vortrag über Kundensegmente gehalten hat, holt sich an der Bar ein Getränk.

Weder Verpflegung, noch Vorträge oder Schreibtische mit Internetzugang kosten etwas. Bezahlt wird Zukunft Lausitz vom Land Brandenburg. Trotzdem gab es noch keine IT-Gründung bei ihm. "Die Fachleute wären da", sagt Linge. "Unsere technische Universität bildet sehr gute Programmierer aus. Trotzdem hatten wir erst eine App-Gründung und die ist gescheitert." Damit sich das ändert, hat das Land Brandenburg fast elf Millionen Euro Zuschüsse in die Hand genommen. Bis Ende 2020 soll das neue Gründungszentrum stehen; ein ehemaliges Schwimmbad auf dem Universitätsgelände wird zum Startup-Hub mit Fab-Lab, 3D-Druckern, Coworking-Space und Gründungsberatung. Der Bau ist für Cottbus der heilige Gral, von dem seine Zukunft mit abhängt.



Erste IT-Unternehmen starten in Cottbus



Doch es gibt bei all den Bemühungen auch gute Gründe, die gegen den Standort Lausitz sprechen. Der Leiter des Lehrstuhls Praktische Informatik an der BTU, Claus Lewerentz, erklärt: "Die großen Player der IT-Branche konkurrieren mit den wenigen Software‐Firmen der Region um unsere Absolventen und bieten deutlich attraktivere Gehälter und gute Arbeitsbedingungen in den angesagten Metropolen." Während man in München laut gehaltsvergleich.de mit 50.000 bis 100.000 Euro im Jahr rechnen kann, verdienen Informatiker in Brandenburg nur zwischen 30.000 und 60.000 Euro.

Weil das Geld knapp ist, fehlt es eben auch an Investoren für Startups. Außerdem gibt es nach Aussagen von Studentin Hannah, die täglich nach Cottbus pendelt, durchaus Kommilitonen, die Angst vor Rechtsradikalen haben. Und auch die Angst, dass mit einer Technik-Szene die Mieten steigen wie in Berlin, sei berechtigt. Sie findet: Die Stadt muss es schaffen, den Beteiligten ihre Ängste zu nehmen, damit es mit dem Zusammenleben und dem gewünschten internationalen IT-Standort klappt. Dazu müssten auch die Cottbuser Bürger, die nichts mit Technik zu tun haben, erfahren, was sie eigentlich von dem Ganzen am Ende haben. Und das ist ja nicht gerade wenig.

Nach und nach kommen dennoch ein paar IT-Unternehmen: Siemens, Kontech Engineering, Arvato Bertelsmann IT-Systeme, GISA oder die Münchner Flugzeug-Softwarefirma Philotech suchen mit ihren Cottbuser Standorten die Nähe zur Technischen Universität. Außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer-Institute siedeln sich ebenfalls zunehmend um den Campus an; mittlerweile gibt es vier Standorte.

"Auch wir finden gute Voraussetzungen für unser Geschäft, sowohl in der Infrastruktur als auch bei der Suche nach Beschäftigten für unsere Branche", sagt Geschäftsführer Sebastian Vogel des IT-Systemhauses Bechtle, das seit 15 Jahren in Cottbus sitzt. "Die zur Region loyalen Menschen haben dazu beigetragen, dass hier eine lebendige Unternehmenslandschaft entstanden ist. Eine Region kann aber nur erfolgreich bestehen, wenn sie sich den IT-Themen selbst stellt. Daher halten wir es für sehr wichtig, das notwendige Know-how aufzubauen und zu halten."

Darum bildet Bechtle Fachinformatiker aus. Für Sebastian Vogel müsste diese Tendenz stärker gefördert werden: "Ich würde mir ein dynamischeres Wachstum im Bereich kleinerer und mittlerer Unternehmen wünschen, um die Region wirtschaftlich noch breiter aufzustellen", sagt er. 

Eine Maßnahme, findet Gründerberater Marcel Linge, wäre die richtige Werbung. Die günstigen Mieten und die ländliche Gegend sind für Großstädter ein echtes Plus. In anderen Regionen gibt es bereits Co-Living-Spaces, in denen man ein paar Tage in Metropolen lebt und arbeitet, den Rest der Zeit in der nahen Provinz. Berlin und sein "Speckgürtel" Cottbus bieten sich dafür an. So kämen vielleicht bald diejenigen, die eine Gründung in der Lausitz spannend finden, aber sich weder auf einen permanenten Wohnsitz dort einlassen, noch täglich mit dem Regionalexpress durch Südbrandenburg zuckeln wollen.  (maj)


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