Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/oldtimer-umruesten-happy-end-mit-elektromotor-1902-139080.html    Veröffentlicht: 18.02.2019 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/139080

Oldtimer umrüsten

Happy End mit Elektromotor

Verbotszonen könnten die freie Fahrt von Oldtimern einschränken. Aber auch Umweltschutzgründe und Exzentrik führen dazu, dass immer mehr Sammler ihre liebsten Fahrzeuge umrüsten.

Es ist wie der Schluss im Märchen: Der Prinz und seine Prinzessin fahren nach der Hochzeit mit einer Kutsche in den Sonnenuntergang und leben für immer glücklich zusammen. Ende.

In diesem Fall ist die Kutsche ein elektrisch angetriebener Jaguar E-Type. Der offene Zweisitzer wird seit 1961 gebaut und gilt als Mutter aller Sportwagen. Als Jaguar im Herbst 2017 die elektrische Version bei seinem Tech-Fest in London zeigte, war die Fachwelt angetan. Doch erst als Prinz Harry seine frisch angetraute Meghan Markle im Mai 2018 von Schloss Windsor Castle in einem umgebauten hellbau-metallic E-Type chauffierte, kannte die Begeisterung für das Auto keine Grenzen.

Der britische Autohersteller Jaguar Land Rover bietet den elektrischen E-Type Zero nun zum Kauf an. Der Antriebsstrang samt Lithium-Ionen-Akku ist in etwa so groß wie der sechs-Zylinder-Reihenmotor und wird an den identischen Stellen mit dem Chassis verbunden. Der Vorteil: Wer mit dem Elektromotor nicht warm wird, kann den Umbau wieder rückgängig machen. Dabei beschleunigt der Wagen mit 5,5 Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer sogar eine Sekunde schneller als das Original. Aber auch bei der Umrüstung anderer Jaguar-Kostbarkeiten auf Elektroantrieb ist der Hersteller mit einer eigenen Abteilung behilflich.

Neben Jaguars Classic Works hat auch Aston Martin das Potenzial erkannt. Zunächst rüsteten die Briten einen offenen DB6 MkII Volante aus dem Jahr 1970 um. Beim Umbau kamen Bauteile aus dem Rapid E-Programm, dem neuen elektrischen Sportwagen, zum Einsatz. Auch Aston Martin macht Sammlern den Schritt schmackhafter, indem der Umbau nicht endgültig sein muss. Kassetten-EV Powertrain nennt Aston Martin sein System. Wer mit der Umrüstung nicht glücklich wird, kann den Verbrenner wieder einbauen lassen. Ab diesem Jahr bietet die Abteilung Aston Martin Works die Dienstleistung für Sammler an. Jeder Oldtimer der Marke, die vor allem durch Auftritte in James-Bond-Filmen berühmt wurde, kann auf Elektroantrieb umgerüstet werden.


Sportlicher fahren

In Deutschland sind rund 345.000 Oldtimer angemeldet, also Fahrzeuge, die älter als 30 Jahre sind. Etliche Sammler mag der Gedanke an eine Umrüstung und der Verlust der Benzinfahne schütteln. Doch vieles spricht dafür: Elektroautos sind von Fahrverboten zur Abgasreduktion ausgenommen. Einige treibt der Umweltschutzgedanke, sie möchten abgasfrei und mit Ökostrom fahren. Andere lieben zwar das Fahrgefühl, schätzen aber nicht den Aufwand der regelmäßigen Motorpflege und die damit verbunden ölverschmierten Finger. Sportlicher ist ein Elektromotor allemal. Die Beschleunigungswerte schlagen jeden Verbrenner. Offene Oldtimer mit Elektroantrieb bieten ein neues Naturerlebnis: Man kann das Zwitschern der Vögel in den Bäumen hören.

Ecap rüstet um

"Manche wollen einen Exoten einfach noch exotischer machen", beschreibt Leonie Behrens die Motivation einiger Kunden. Sie ist Geschäftsführerin von Ecap Mobility mit Sitz in Winsen an der Luhe. Das norddeutsche Unternehmen hat sich auf Umrüstungen spezialisiert.

Während sich die eingangs erwähnten britischen Oldtimer im sechsstelligen Euro-Bereich bewegen, beginnen die Umrüstungen bei Ecap bei rund 25.000 Euro. "Das ist ein Preis, der viele Interessenten bereits überrascht", sagt Behrens. Doch jedes Projekt ist mit individueller Hand- und Schweißarbeit verbunden. Zudem bezieht Ecap Elektromotoren und Akkus je nach Anforderung von sämtlichen weltweit verfügbaren Zulieferern. Im Extremfall steigen die Experten sogar in eine Softwareanpassung beim Batteriemanagement ein.

Die Liste der Umrüstungen ist lang: Da ist ein VW Käfer dabei, ein Trabi, ein T2 VW-Pritschenwagen, ein Mercedes-Benz Leichenwagen sowie ein Amphibienfahrzeug aus den 1970er Jahren, das auch mit E-Motor ins Wasser darf. Ein Umbau dauert etwa zwei Monate. Geladen werden die Autos mit Wechselstrom. Aus Kostengründen hat sich noch niemand für einen Schnellladeanschluss im Oldtimer entschieden.

Ecap geht im Fahrzeuginneren behutsam vor. "Wir würden da niemals große Touchscreens einbauen. Wir belassen es bei den kleinen Rundanzeigen, die dann Batterietemperatur und Reichweite anzeigen", sagt Behrens. Wer mag, kann sich eine SIM-Karte einbauen lassen, die alle Lade- und Verbrauchswerte an eine Smartphone-App weiterleitet.

Es fing mit einem DeLorean an

Die vier Hebebühnen in der Werkstatt sind alle belegt. Die Kfz-Mechatroniker, Elektriker und Schlosser haben gut zu tun. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Ecap-Geländes steht das Home of Classics. Es ist eine Garage für Sammlerfahrzeuge. Deren Eigentümer, Dirk Lehmann, rüstete vor einigen Jahren in Eigenregie einen amerikanischen DeLorean, bekannt aus den Filmen "Zurück in die Zukunft", auf Elektroantrieb um. Das bescherte ihm so viele Nachfragen, dass er 2015 gemeinsam mit anderen Ecap Mobility gründete.

Das Unternehmen betreibt heute noch zwei Standorte in Bayern. Neuerdings kommen immer mehr Anfragen aus dem gewerblichen Bereich. Unternehmen lassen ihre Bau- und Nutzfahrzeuge umrüsten.

Umrüst-Kits aus dem Internet

Im Internet findet man Anleitungen und auch Selbstbausätze für eine Umrüstung. Doch sollte man Fachwissen mitbringen, schließlich arbeitet man mit einem Hochvolt-System mit Spannungen jenseits der 400 Volt. Außerdem müssen die Autos nach dem Umbau zur Abnahme beim TÜV. Der achtet auf die elektromagnetische Verträglichkeit, die Fahrsicherheit und das Gewicht.

Viele Bastler vertun sich beim Gewicht von E-Motor und Akku. Das ursprüngliche Gesamtgewicht darf nach Umrüstung und inklusive der Mitfahrer nicht überschritten werden. Etliche Bastler übertreiben es auch beim Motor. Der soll deutlich mehr Leistung als der Vorgänger liefern. Doch am Ende machen Statik und Bremsen der Oldtimer nicht mit.

Darum haben sich die österreichischen Kreisel-Brüder für ein jüngeres und vor allem robusteres Auto entschieden. Die Hersteller von Akkus für Elektroautos rüsteten einen Mercedes G 350 d um. Der schafft mit einem 80-kWh-Akku nun 300 Kilometer. Doch den Kreisels ging es in erster Linie um einen PR-Coup: Der Fahrer des umgerüsteten Geländewagens ist ihr Landsmann Arnold Schwarzenegger. Aber vielleicht braucht es genau diese prominenten Vorbilder für den Umstieg.

Für etliche der Young- und Oldtimer dürfte die Umrüstung einem Jungbrunnen gleichkommen. Sie sind nun alltagstauglich. Keine Motorpflege, kein Ölwechsel, kein Warmlaufen. Einfach nur ein leises Surren.  (dku)


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