Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/tesla-kleiner-gewinn-ungewisse-zukunft-1901-139077.html    Veröffentlicht: 31.01.2019 08:55    Kurz-URL: https://glm.io/139077

Tesla

Kleiner Gewinn, ungewisse Zukunft

Tesla erzielt im vierten Quartal 2018 einen kleinen Gewinn. Doch mit Entlassungen, Schuldenberg, Preisanhebungen beim Laden, Wegfall des Empfehlungsprogramms und zunehmendem Wettbewerb durch andere Hersteller sieht die Zukunft des Elektroauto-Herstellers durchwachsen aus.

Teslas Mitarbeiter haben im vierten Quartal 2018 noch ein beeindruckendes Ergebnis erreicht: Mit 63.359 Model 3 wurden 13 Prozent mehr Fahrzeuge ausgeliefert als im Vorquartal. Zum zweiten Mal in Folge schreibt der US-Autohersteller einen Gewinn. Doch fiel der mit 139 Millionen Dollar deutlich geringer aus (312 Millionen Dollar). "Ich glaube weiter an unser exponentielles Wachstum. Selbst wenn die Wirtschaft in eine globale Rezession rutschen sollte, sind 50 Prozent Wachstum bei uns drin", gibt sich Elon Musk in einer telefonischen Analystenrunde nach Bekanntgabe der Quartalszahlen gewohnt optimistisch.

Im vergangenen Jahr hat Tesla rund 245.500 Elektroautos ausgeliefert. Das teilt sich auf in 99.500 Model S und X sowie 146.000 Model 3. In den USA entwickelte sich das Model 3 zum meistverkauften Auto im Premium-Segment. Tesla betont, dass es Jahrzehnte her ist, dass diese Position von einem US-Hersteller eingenommen wurde. Den Stolz kann man aus dem Quartalsbericht herauslesen. Doch erst einige Seiten weiter hinten im Zahlenteil wird deutlich: Tesla hat das Jahr 2018 mit einem Verlust von 976 Millionen US-Dollar abgeschlossen.

Die benötigten Arbeitsstunden für ein Model 3 seien im Vergleich zum dritten Quartal um 20 Prozent gesunken. Doch seinen Gewinn erwirtschaftet Tesla nur teilweise in der Autoproduktion. Im dritten Quartal stammten 189,5 Millionen Dollar aus Umweltkrediten. Das entspricht 61 Prozent am Gewinn in Höhe von 312 Millionen Dollar. Die US-Bundesstaaten schreiben jedem Autohersteller eine Mindestquote an emissionslosen Autos vor (ZEV - Zero-Emission Vehicles). Da Tesla diese Vorschriften als reiner Elektroautohersteller übererfüllt, kann das Unternehmen sogenannte ZEV- und Non-ZEV-Kredite an andere Hersteller vergeben. Im vierten Quartal lagen die ZEV-Kredite nur noch bei 768.000 Dollar. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Erst wenn demnächst der 10-K-Bericht bei der Börsenaufsicht SEC eingereicht wird, sieht man das volle Ausmaß der Einnahmen durch Umweltkredite im vierten Quartal.

Höhere Erträge erzielen

Zuerst wurden die teureren Model 3 mit Langstreckenbatterie und die Performance-Variante ausgeliefert (in Deutschland ab 55.400 Euro). Doch die Masse ruft nach der günstigeren Einsteigerversion. Hier ist die Gewinnmarge natürlich geringer. Mit dem Erfolg des Model 3 leidet der Absatz der teureren Model S und X. Tesla hat hier die Arbeitsstunden in der Fabrik bereits reduziert.

Um den Gewinn hoch und die Komplexität niedrig zu halten, bietet Tesla seine Limousine und den SUV nur noch mit der großen 100 kWh-Batterie an. Beide Fahrzeuge starten jenseits der 100.000 Euro-Marke. Um preisbewusste Kunden nicht zu verprellen, hat Tesla - zunächst nur auf der US-Webseite - den Einstiegspreis für ein Model S auf 75.750 US-Dollar gesenkt und im Gegenzug die Batteriekapazität um acht Prozent gekappt. Die volle Kapazität kann man für 8.000 US-Dollar freischalten.

Bei der teureren Performance-Variante wurde der Ludicrous-Mode als Option für 20.000 US-Dollar ausgegliedert. Wie beim Model 3 benennt Tesla seine Autos nicht mehr nach der Batteriekapazität. Model S und X erhalten nur noch den Zusatz Performance.

Gleichzeitig sitzt Tesla auf enormen Schulden von grob 11 Milliarden US-Dollar. Anfang März wird die Rückzahlung einer Anleihe mit einem Volumen von 920 Millionen US-Dollar fällig. Das Bargeld dafür sei vorhanden, schreibt Tesla in seinem Quartalsbericht. Einer der größten Investoren scheint den Glauben an Teslas Wachstumschancen allerdings verloren zu haben. Der saudi-arabische Staatsfonds (PIF) hat seinen 4,9-prozentigen Anteil mit teuren Finanzinstrumenten "hedgen" lassen. Sinkt Teslas-Aktienkurs, sind die Verluste für den Staatsfonds begrenzt. Das gilt aber auch für einen Kursanstieg.

PIF ist genau der Fonds, den Elon Musk im August 2018 im Kopf hatte, als er bei Twitter einen Rückzug von der Börse ankündigte und behauptete, die Finanzierung sei gesichert. Den unüberlegten Tweet musste Musk mit einer Strafzahlung in Höhe von 20 Millionen US-Dollar an die SEC und einem dreijährigen Verzicht auf den Verwaltungsratsposten (Chairman) bezahlen.

Musk will Kosten reduzieren

Als Unternehmen kann man entweder den Umsatz steigern oder die Kosten senken, um erfolgreich zu sein. Musk versucht energisch letzteres. Als Tesla-Mitarbeiter am Morgen des 18. Januar ihre Rechner hochfahren, sehen sie als erstes eine E-Mail vom Chef. Musk beginnt den um 1.20 Uhr nachts verschickten Text hoffnungsvoll: "Wir haben im letzten Quartal fast so viele Autos ausgeliefert wie im gesamten Jahr 2017. Und 2018 haben wir fast so viele Autos verkauft, wie in allen davor liegenden Jahren zusammengenommen."

Doch der Ton bleibt nicht so optimistisch. Im sechsten Absatz lässt er die Bombe platzen: Sieben Prozent aller Mitarbeiter müssen gehen. Wie viele das genau sind, schreibt er nicht. Doch twitterte er einige Monate zuvor von weltweit 45.000 Angestellten. Das wären dann 3.150 Entlassungen.

Kostenloses Laden an den Superchargern ist für viele Tesla-Fahrer bereits Vergangenheit. Nun will Tesla die Minutenpreise um 35 Prozent anheben. Nach umfangreichen Protesten zieht Tesla bereits wenige Tage nach der Ankündigung die Preiserhöhung teilweise zurück. Mit 0,40 Euro pro Minute bei über 60 kW-Ladeleistung und 0,20 Euro darunter, liegt die Erhöhung jetzt bei 18 Prozent.

Was das an zusätzlichem Umsatz bringt, kann man grob überschlagen: Von den 540.000 Teslas auf den Straßen dürften rund 340.000 fürs Laden zur Kasse gebeten werden. Bei 15.000 km Jahreslaufleistung, einem Verbrauch von 20 kWh pro 100 km und einem gewerblichen Strompreis von 0,17 Euro pro kWh macht das 510 Euro pro Jahr und Fahrzeug. Bei 340.000 Autos ist das ein Umsatz von 173,4 Millionen Euro im ersten Jahr. Diese Werte sind allerdings reine Spekulation.

70 Tesla Roadster verschenken

Anfang Februar endet auch das Kunden-Empfehlungsprogramm. Hier scheint sich Tesla verkalkuliert zu haben, denn anders ist der plötzliche Stopp des erfolgreichen Programms nicht zu erklären. Tesla schaltet keine Werbung. Kunden werben neue Kunden. Dafür hat jeder Besitzer einen sogenannten Referal-Code. Wird der bei einer Bestellung angegeben, erhält der Werbende Vorteile. Für fünf Neukunden gibt es zwei Prozent Preisnachlass beim neuen Roadster, der 2020 kommen soll. Nun waren einige Tesla-Kunden so erfolgreich, dass sie den Sportwagen kostenlos bekommen müssten.

Auf der weltweiten Rangliste steht der deutsche Video-Blogger Horst Lüning (Unterblog) auf Platz 2 mit aktuell 286 Verkaufsempfehlungen. Rein rechnerisch müsste der Whisky-Händler aus Süddeutschland mehr als einen Roadster erhalten. Ben Sullins vom Blog Teslanomics schreibt, dass er mit 55 Empfehlungen einen Sportwagen verdient hat. Geht man davon aus, dass es pro Werber tatsächlich nur ein Fahrzeug gibt, muss Tesla laut der Rangliste über 70 Stück kostenlos abgeben. Die ersten 1.000 Exemplare des Roadsters, die Founder Edition, will der Hersteller eigentlich für 250.000 US-Dollar beziehungsweise 215.000 Euro verkaufen - rechnerisch ein Umsatzverlust von 18,25 Millionen US-Dollar.

Die Auswahl an reinen Elektroautos wird 2019 endlich größer. Auch bei teuren Sportwagen werden die Chancen neu verteilt. Porsche startet in diesem Jahr mit der Taycan-Produktion. Er dürfte also vor dem Roadster auf den Markt kommen. Preise kommuniziert Porsche noch nicht. Er soll zwischen Cayenne und Panamera liegen, also zwischen 75.000 und 90.000 Euro. Selbst wenn er die 100.000-Euro-Marke schrammt, ist der Sportwagen aus Zuffenhausen preislich und technisch im Vorteil. Seine 800-Volt-Technik soll dafür sorgen, dass der Fahrer mehrere Sprints aus dem Stand absolvieren kann, ohne dass die Motorleistung zur Batterieschonung reduziert wird. Der Taycan lädt mit bis zu 350 kW, in vier Minuten sind 100 km Reichweite nachgeladen.

Aber den größten Vorteil Teslas, die Supercharger, kompensiert Porsche ebenfalls.

Ungewisse politische Situation

Die Fahrer dürfen drei Jahre lang das Ladenetz von Electrify America nutzen. Das Unternehmen will bis zum Sommer 484 Schnelllader an den Highways und 184 Ladestationen in amerikanischen Ballungsräumen installieren. Hier profitiert Porsche vom VW-Dieselskandal. Der Aufbau der Ladeinfrastruktur durch Electrify America ist Teil der gerichtlichen Auflagen, die der VW-Konzern nach seinem Betrug mit Dieselabgasen in den USA akzeptieren musste.

In Deutschland können sich ab Februar die ersten Model-3-Besteller über eine Auslieferung freuen. Knapp drei Jahre nach der Präsentation des bezahlbaren Mittelklasse-Autos mit Elektroantrieb liefert Tesla. Dabei haben sie einen geschickten Schachzug gemacht. Die Autos werden per CCS-Stecker geladen. Damit können die Besitzer an praktisch jedem öffentlichen Schnelllader in Deutschland Energie tanken. Wie viele Supercharger bereits einen CCS-Stecker haben, verrät Tesla nicht. Die Nutzer in Europa helfen sich gegenseitig mit einer öffentlichen Tabelle, in die sie Umrüstungen eintragen.

Umweltbonus für das Model 3

Nach dem Hin und Her beim Umweltbonus für das Model S ist nun klar, das Model 3 ist laut BAFA förderfähig. Der Umweltbonus teilt sich auf in 2.000 Euro Preisnachlass durch den Hersteller und 2.000 Euro vom Staat. Doch Käufer sollten mit ihrer Entscheidung nicht zu lange warten, die Förderung läuft Ende Juni 2019 aus.

Auch in den USA wird der Absatz von Elektroautos nicht einfacher, da die staatliche Förderung in diesem Jahr ausläuft. Sobald ein Hersteller 200.000 E-Autos verkauft hat, halbiert sich der Tax Credit in Höhe von 7.500 US-Dollar. Das ist zu Jahresbeginn passiert. Käufer eines Teslas können nur noch 3.750 US-Dollar bei ihrer Steuerschuld gegenrechnen. Anfang Juli 2019 halbiert sich die Förderung auf 1.875 Euro und läuft danach ganz aus.

Gleichzeitig erschwert der Handelskrieg von US-Präsident Donald Trump den Absatz in China, dem Markt mit den höchsten Zuwächsen bei Elektroautos. Immerhin wurde der Zuschlag bei Autoimporten im Dezember 2018 von 40 auf 15 Prozent reduziert. Aber der Handelskrieg trifft Tesla noch an anderer Stelle. Das Gehirn des Model 3, der Bordcomputer, stammt aus China und kann bei gleicher Leistung und Preis nicht anderweitig bezogen werden. Für dieses Bauteil zahlt Tesla 25 Prozent Aufschlag bei der Einfuhr in die USA. Es ist ungewiss, wie lange Trump den Handelskrieg aufrechterhält. Doch das harte Vorgehen gegen Netzwerkausrüster Huawei spricht nicht für eine schnelle Normalisierung der Handelsbeziehungen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften.

Darum will Tesla seine Gigafactory in Schanghai bereits Ende des Jahres in Betrieb nehmen. Damit wären die Autos keine Importe mehr.

Die Stückkosten pro Fahrzeug sollen hier nur halb so hoch ausfallen wie in Kalifornien. Anfänglich produziert Tesla die günstigere Einstiegsversion des Models 3 in China. Doch zunächst verschlingt das Investment in Schanghai rund zwei Milliarden Dollar. Über kurz oder lang wird eine weitere Gigafactory mit Batterie- und Autoproduktion in Europa gebaut. Außerdem muss Musk sich um den Sattelschlepper Tesla Semi, den kompakte Crossover-SUV Model Y sowie einen Pickup-Truck kümmern. Der Kapitalbedarf von Tesla ist weiterhin hoch.

Eine Zukunft ohne Panasonic?

Im Gegensatz zu deutschen Autoherstellern wird Tesla oft für seine Zellproduktion gelobt. Gemeinsam mit Panasonic hat Tesla ein eigenes Zellformat entwickelt und große Fortschritte bei Kühlung, Energiedichte und Akku-Management erzielt. In China sprach Tesla für seine Gigafactory mit Akku-Hersteller Tianjin Lishen. Doch es kam zu keinem Deal. Auf die Analystenfrage, woher die Zellen kommen, antwortete Musk ausweichend und ohne Namen zu nennen: "Einige kommen aus der Gigafactory in Nevada, einige aus Japan, und den Rest kaufen wir in China."

Panasonic gründet mit Toyota in Japan ein Joint-Venture zur Forschung, Entwicklung und Produktion prismatischer Lithium-Ionen-Akkus. Das Unternehmen soll 3.500 Mitarbeiter haben und seine Produkte auch an andere Autohersteller verkaufen. Sieht ganz so aus, als ob sich die Partner der Zweckehe auch mal mit anderen treffen wollen.  (dku)


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