Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/anga-kabelnetzbetreiber-wollen-routerfreiheit-in-eu-verhindern-1901-138994.html    Veröffentlicht: 28.01.2019 08:00    Kurz-URL: https://glm.io/138994

Anga

Kabelnetzbetreiber wollen Routerfreiheit in EU verhindern

Die deutschen Kabelnetzbetreiber wollen nicht, dass die Router-Freiheit auf die Europäische Union ausgedehnt wird. Dazu werden fragwürdige Definitionen zum Netzabschlusspunkt aus der Vergangenheit wieder hervorgeholt.

Der Kabelnetzbetreiberverband Anga wendet sich in einer Stellungnahme an die europäische Regulierungsbehörde Berec dagegen, dass die Routerfreiheit auf die EU ausgedehnt wird. Darin ist als "strategische Priorität 1" die Erstellung von Leitlinien zur Identifikation des Netzabschlusspunktes in verschiedenen Netztopologien vorgesehen. Der Netzabschlusspunkt ist laut Anga die "Ausgangsschnittstelle des Kabelmodems".

Das Gremium Europäischer Regulierungsstellen für elektronische Kommunikation (Berec) erstellt gegenwärtig neue, europäische Leitlinien zur Bestimmung des Netzabschlusspunktes (NAP). Der Netzabschlusspunkt ist der Anschlusspunkt für Telekommunikationsendgeräte. In Deutschland, Italien, Zypern, Lettland und geplant auch in den Niederlanden wird der Netzabschlusspunkt als "Dose an der Wand" definiert, womit eine freie Wahl der Endgeräte gewährleistet ist. Noch vor der öffentlichen Konsultation wendet der Anga ein, dass der Netzabschlusspunkt "insbesondere für Internetzugangs- und Telefoniedienste eine Netzadresse haben muss, über welche der Teilnehmer individuell adressierbar und identifizierbar ist". Der Netzabschlusspunkt könne überall dort liegen, "wo das Netz noch durch den Netzbetreiber kontrollierbar ist."

Die Argumentation der Anga ist aus der Diskussion zur Routerfreiheit in den Jahren 2013 bis 2016 in Deutschland bekannt. Der Anga wirft der Berec zudem "gewichtige Ungenauigkeiten" vor.

Sicherheitslücke durch Routerfreiheit?

Laut Anga gelang es Nutzern, "die zur Adressierung von Netzabschlussgeräten (Kabelmodems) verwendete MAC-Adresse zu replizieren und damit neben dem Erschleichen von Leistungen auch beliebigen fremden Verkehr im gleichen Anschlussbereich mitzulesen. Durch die Entfernung der betreffenden Geräte aus der Hoheit des Netzbetreibers infolge der spezifischen deutschen Gesetzgebung wurde diese Sicherheitslücke zwar nicht unmittelbar ermöglicht - Ursache war eine Schwäche in der Firmware -, jedoch wurde ihre Beherrschbarkeit nachhaltig erschwert, da die auf die Schwächen eines geteilten Netzwerks abgestimmten Sicherheitsmechanismen nur mit behördlicher Genehmigung einzusetzen sind." Bei Missbrauch kann der Provider jedoch jederzeit sperren. MAC-Cloning gab es schon länger in Kabelnetzen. Dies wird durch den Provider in der Regel dadurch verhindert, dass auf doppelte MACs von Netzseite gescannt wird. Golem.de ist aus dem Jahr 2014 dazu ein Fall aus Zeiten des Routerzwangs bekannt. Ein Kunde hatte bei einem Providergerät MACs und Zertifikate geklont.

Routerfreiheit war hart umkämpft

Bundestag und Bundesrat hatten im Herbst 2015 in Deutschland die Abschaffung des Routerzwangs beschlossen. Dieser war durch die Geheimhaltung der detaillierten Zugangsdaten erreicht worden. Die Kabelnetzbetreiber hatten im Juni 2016 zuletzt versucht zu belegen, dass die Routerfreiheit zu Störungen im Shared Medium HFC-Netz (Hybrid Fiber Coax) führen würde.

Nach Italien und auch in Zypern wurde die Routerfreiheit eingeführt, in den Niederlanden ist dies geplant. Dort musste der Netzbetreiber Vodafone Ziggo sein Netz öffnen, was unabhängig von der Routerfreiheit passierte. Damit können seit Oktober 2018 auch andere Unternehmen in dem HFC-Netz Internet, TV und Telefonie anbieten. Ein Modell, das die Kabelnetzbetreiber in Deutschland bisher ablehnen.

Im Jahr 2016 sagte Wolf Osthaus, Senior Vice President für Regulierung bei Unitymedia, wird "nicht jede Kabelbox aus den Niederlanden oder aus den USA im Netz von Unitymedia funktionieren." Der Docsis-Standard definiere ein Shared Medium, bei dem mehrere Endgeräte auf Ressourcen zugreifen. "Wenn da ein Störer aktiv ist, dann wird er andere Geräte stören und negativ beeinflussen. Wenn es zu Beeinträchtigungen kommt, werden wir die Geräte nicht provisionieren", kündigte Osthaus damals an. Wenn die Geräte den Spezifikationen entsprächen, werde das jedoch nicht passieren, fügte er hinzu.

Dagegen wurde von Experten eingewendet, dass auch das Mobilfunknetz ein Shared Medium ist, in dem sich ständig etwa Passagiere aus Flugzeugen mit ihren verschiedensten Endgeräten einbuchen, ohne dass die Mobilfunkzellen in dem jeweiligen Land zusammenbrechen.

Zudem hat die Praxis gezeigt, dass die Kabelnetzbetreiber bei Supportanfragen einfach mit den Routerherstellern zusammenarbeiten.

Heute argumentiert Osthaus offener: "Wir haben für Unitymedia 2016 die 'Routerfreiheit' entsprechend der gesetzlichen Anforderungen umgesetzt. Die Gesetzeslage ist dabei ja so, dass eigene Endgeräte die jeweiligen vom Netzbetreiber zu definierenden Spezifikationen erfüllen müssen. Entsprechende Geräte sind ja auch im Markt erhältlich. Zudem ist wichtig, dass die Kunden mit eigenen Routern die regelmäßig notwendigen Sicherheitsupdates der Firmware vornehmen. Geräte ohne aktuelle Updates stellen in der Tat ein relevantes Sicherheitsrisiko dar und können deshalb dann gegebenenfalls auch nicht mehr in unserem Netz eingesetzt werden."

Man informiere die Kunden detailliert zu den Voraussetzungen für die Nutzung von eigenen Geräten und wie sie dabei Sicherheitsrisiken oder Leistungseinbußen verhindern können. In der Regel seien es technisch versierte Kunden, die eigene Endgeräte einsetzen wollten und regelmäßig die notwendigen Firmware-Updates der Endgeräte durchführen könnten.

Routerfreiheit, aber erst hinter dem Kabelmodem

Anga-Sprecher Sebastian Artymiak sagte Golem.de auf Anfrage. "Die Anga spricht sich nicht gegen Routerfreiheit aus. Im Gegenteil: Jeder Kunde kann in Kabelnetzen einen Router seiner Wahl verwenden. Damit Netzbetreiber Sicherheit und Qualitätsmanagement in ihren Netzen gewährleisten können, ist in Kabelnetzen ein Modem - nicht Router - integraler Bestandteil des Netzes. Am Kabelmodem kann der Kunde einen Router seiner Wahl betreiben. In ihrer Stellungnahme arbeitet die Anga daher heraus, wie die Festlegung des Netzabschlusspunkts anhand der EU-rechtlichen Vorgaben unterschiedlichen Netztopologien Rechnung tragen sollte."

Doch die Aussage "wir sind für Routerfreiheit, aber erst hinter dem Kabelmodem" verwendet die Argumente aus dem Jahr 2015 aus Deutschland. Elementare Bestandteile der Routerfreiheit sind der passive Netzabschlusspunkt der Dose an der Wand sowie die Schnittstellenbeschreibungen. Ein Netzabschlussgerät wie ein Modem ist laut Experten weder technisch noch juristisch zu begründen.  (asa)


Verwandte Artikel:
Fritzbox 6820 LTE als v2: Einsteiger-Fritzbox bekommt das LTE-Modul der 6890 v2   
(22.01.2019, https://glm.io/138887 )
Funklöcher: Vodafone will LTE-Netz doppelt so schnell ausbauen   
(26.01.2019, https://glm.io/138991 )
HFC: Neue Kabelnetzkunden nutzen zu 23 Prozent die Routerfreiheit   
(17.01.2019, https://glm.io/138795 )
TP-Link: Router für das Kabelnetz bleibt in Vorbereitung   
(02.09.2018, https://glm.io/136341 )
Unitymedia: Telefonieausfall bei Kunden, die Routerfreiheit nutzen   
(03.01.2019, https://glm.io/138474 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/