Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/wow-classic-world-of-warcraft-und-die-macht-der-nostalgie-1902-138988.html    Veröffentlicht: 13.02.2019 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/138988

WoW Classic

World of Warcraft und die Macht der Nostalgie

Blizzard will ab Sommer 2019 Classic-Server mit World of Warcraft anbieten. Warum ziehen Spieler 15 Jahre alte Inhalte neuen vor? Golem.de hat mit Spielern und mit Entwicklern gesprochen.

Leichter, schneller, massenmarkttauglicher: Das Spielgefühl von WoW hat sich nach zahlreichen Änderungen und Vereinfachungen im Spielsystem innerhalb der vergangenen 15 Jahre dramatisch verändert - und das spiegelt sich auch direkt in der Community wider. Wo in dem Online-Rollenspiel der Spielfortschritt früher ohne organisierte Gruppen nahezu unmöglich war, ist es heute dank Komfortfunktionen wie Dungeon- und Schlachtzugsbrowser auch für Einzelgänger gut spielbar. Doch das gefällt nicht allen Spielern.

Blizzard hat reagiert und schon auf der Hausmesse Blizzcon 2017 angekündigt, in Zukunft eigene Classic-Server anzubieten. Auf der 2018er-Ausgabe der Messe haben die Kalifornier ihre Pläne zu WoW Classic konkretisiert: Das Spiel soll allen Abonnenten ab Sommer 2019 als eigene Serveroption zur Verfügung stehen. Doch warum wollen so viele Spieler das klassische WoW zurückhaben? Golem.de hat sich mit Vanilla-Fans, einem Psychologen, Branchenkennern und den WoW-Entwicklern unterhalten, um diesen Fragen nachzugehen.

Ein Vergleich von zwei Szenen aus dem bisher erfolgreichsten Online-Rollenspiel mit Abomodell zeigt, wie groß die Veränderungen sind. Erstere stammt aus der Urversion, von den Fans einfach "Vanilla" genannt, die mit dem US-Launch am 23. November 2004 an den Start ging und im Januar 2007 von der ersten Erweiterung The Burning Crusade abgelöst wurde. Die zweite Szene beschreibt den aktuellen Zustand von WoW im mittlerweile siebten Addon Battle for Azeroth.

Das Brachland im Jahr 2005. Ein junger Jäger kann es kaum erwarten, mit seinem tierischen Begleiter die unendlichen Grassteppen im Zentrum Kalimdors zu erkunden. Bevor es losgeht, muss er sich jedoch mit Vorräten eindecken: Munition für den Bogen. Fleisch, um das Tier bei Laune zu halten. Bandagen und Nahrung, um während und nach den Kämpfen Lebenspunkte zu regenerieren. Dann noch ein paar Quests angenommen - los geht's! Doch wohin?

Weil ein Blick auf die Karte keinen Hinweis gibt, durchstöbert der Waidmann die Aufgabenbeschreibung. Ah, Zhevras, auf deren Hufe er es abgesehen hat, treiben sich im Norden herum. Und tatsächlich: Nach einem langen Marsch - die erste Reitfertigkeit darf er erst mit Charakterstufe 40 erlernen - findet er die an Zebras erinnernden Tiere endlich. Vorsichtig schießt er ein Ziel an. Bloß nicht die Aufmerksamkeit von mehreren Feinden gleichzeitig auf sich ziehen, das endet oft tödlich!

Auch auf das Level der Widersacher achtet der wackere Jäger: Hat das Tier drei oder mehr Stufen als er selbst auf dem Buckel, gehen die meisten Angriffe seines Bogens genauso ins Leere wie die Tatzen des Begleiters. Etwa zehn Zhevras muss der Held umhauen, bis er endlich die vier Hufe beisammenhat. Jetzt zurück zum Questgeber. Der Einsatz des Ruhesteins will dabei gut überlegt sein: Eine Stunde dauert es, bis die Schnellreisemöglichkeit abklingt und sie erneut zur Verfügung steht.

Im Dorf angekommen, belohnt die Aufgabe mit genug Erfahrungspunkten für einen Stufenaufstieg. In einem von drei Talentbäumen darf der Spieler einen Talentpunkt verteilen. Außerdem kann er beim Klassenlehrer für einen kleinen Obolus neue Fähigkeiten erlernen. Hoffentlich reicht das Silber. Auf in die Orc-Hauptstadt Orgrimmar!

Das Brachland im Jahr 2019. Ein junger Jäger kann es kaum erwarten, mit seinem tierischen Begleiter die seit dem Kataklysmus zweigeteilte Zone im Zentrum Kalimdors zu erkunden. Vorbereiten muss er sich auf sein Abenteuer nicht: Seinem Bogen gehen die Pfeile nie aus, für das Verarzten des Tieres gibt es eine Extrafähigkeit, und überhaupt stellen die Gegner der Zone keine große Herausforderung dar.

Also schnell ein paar Quests angenommen - los geht's! Wohin? Das verrät ein Blick auf die Karte. Nach einem kurzen Ritt - möglich ab Level 20 - erreicht er die Zhevras, auf deren Hufe er es abgesehen hat. Jedes Tier in Bogenreichweite bekommt einen Pfeil in die Rippen. Viele Tiere sterben noch, bevor sie den Jäger erreichen. Die anderen fängt sein Gefährte ab. Dank Schnellplündern reicht ein Klick, und die vier Hufe landen in der Tasche. Mit dem Ruhestein geht es im Anschluss zurück zum Auftraggeber. Warum auch nicht? Die Schnellreisemöglichkeit steht nach 15 Minuten erneut zur Verfügung.

Im Dorf angekommen, belohnt die fertige Aufgabe mit genug Erfahrungspunkten für einen Stufenaufstieg. Sehr gut, eine neue Fähigkeit ist freigeschaltet! Ganz automatisch und ohne irgendwelche Kosten. Dafür muss sich der Abenteurer bis zur nächsten Talentfreischaltung noch etwas gedulden. Alle 15 Levelaufstiege darf er eine von drei neuen Verbesserungen aktivieren. Na dann, auf zur nächsten Quest!

So mancher Fan sehnt sich nach der Vanilla-Zeit zurück, als WoW noch anspruchsvoller und mehr auf Gruppenspiel und Interaktion ausgerichtet war.

Lange hatte sich Blizzard gegen eigene, offizielle Classic-Server ausgesprochen. Erfolgreiche Privatserver-Projekte wie Nostalrius wurden gar mit Klageandrohung zur Schließung gezwungen. Doch dann änderte das Unternehmen seine Meinung.

In WoW Classic ist der Weg das Ziel

Die Macher haben anlässlich der Blizzcon 2018 für Besitzer eines virtuellen Tickets eine Demoversion von WoW Classic veröffentlicht sowie einen Zeitplan für die Veröffentlichung des Classic-Contents genannt.

Demnach sollen die zahlreichen Inhalte der Urversion wie damals sukzessive freigeschaltet werden - inklusive des berühmt-berüchtigten Ingame-Events rund um die Öffnung der Tore der Schlachtzugs-Instanz Ahn'Qiraj, das im Original im Januar 2006 stattfand.

In Classic ist der Weg das Ziel

Auch wenn das klassische WoW nun offiziell in den Startlöchern steht: Illegale, meist kostenlose Classic-Privatserver sind nach wie vor sehr beliebt. So auch der Nostalrius-Nachfolger Elysium. Golem.de hat dort einen Charakter erstellt, um mit Spielern zu chatten und sie zu befragen, weshalb sie ein fast 15 Jahre altes WoW der aktuellen Version vorziehen. Der Tenor bei den meisten Elysium-Nutzern: Das aktuelle WoW ist viel zu sehr auf das Endgame nach Erreichen der Höchststufe, das schnellstmögliche Absolvieren von Dungeons und Raid-Instanzen sowie das schnelle Abstauben epischer Ausrüstungsgegenstände ausgerichtet.

"In Vanilla ist der Weg noch das Ziel", sagt der Spieler Ysaten, ein 40-jähriger Kirgise, der in Italien lebt und WoW schon von Anfang an gespielt hat. "Hier macht das Questen einen großen Bestandteil des Spiels aus und das, was du auf dem Weg zu Level 60 (die Höchststufe in Classic, Anm. d. Red.) zusammen mit den anderen Spielern in Azeroth erlebst."

Während ihm die ersten beiden Erweiterungen The Burning Crusade und Wrath of the Lich King trotz erster Vereinfachungen und Gameplay-Modifikationen noch sehr gut gefallen hätten, sei für ihn mit dem dritten Addon Cataclysm Schluss gewesen. "Als Blizzard den Schlachtzugsbrowser eingeführt hat, ging WoW endgültig den Bach runter. Auf einmal bekam man epische Items hinterhergeworfen, der Tonfall in der Community wurde immer rauer und alles musste nur noch schnell-schnell gehen."

Auf Elysium finde Ysaten das ursprüngliche Spielerlebnis und eine treue, meist geduldige Community wieder. "Klar, Classic ist sicherlich kein perfektes Spiel und bei weitem nicht so zugänglich wie das heutige WoW, es hat viele Ecken und Kanten. Aber das Gemeinschaftsgefühl ist einfach wesentlich stärker. Die Spieler auf einem Server kennen und respektieren sich."

Der soziale Faktor ist auch für den Spieler Barithebeck ein Hauptgrund dafür, dass er Vanilla dem modernen WoW vorzieht. "Aufgrund des fehlenden Matchmakings und der Beschränkung auf einen Server ohne realmübergreifende Zonen muss ich mir hier noch gezielt Mitspieler suchen und mich mit ihnen verständigen. Das heutige WoW empfinde ich als anonym und kalt." Zudem sei das Gefühl, sich mit der Investition von Zeit und Können wirklich etwas erspielt zu haben, in Classic wesentlich befriedigender.

"Ein Epic ist hier noch richtig was wert, mein Krieger-Tank trägt es womöglich für viele Monate. In Battle for Azeroth zockst du ein paar Tage und bist komplett lila eingekleidet, das ist ein Witz." Ihm sage der sperrige Ansatz und die Komplexität des klassischen WoW mehr zu: "Das alte Talentsystem, die Resistenzen, die Cooldowns der Buffs, die zahlreichen Charakterattribute wie Verteidigungswert, Trefferwert und Waffenfähigkeit, das Skillen der Berufe, die Munition für Schusswaffen ... Vanilla fordert mich als Spieler einfach viel mehr und belohnt mich für die Zeit, die ich ins Spiel stecke."

Die Lust an der Entschleunigung

Neben Vanilla-Veteranen tummeln sich auf Elysium jedoch auch jüngere Spieler, die WoW erst mit den späteren Erweiterungen kennengelernt haben und aus Neugier auf die klassische Version ausgewichen sind. Wie der 20-jährige Student Balsamic aus Cape Cod im US-Bundesstaat Massachusetts, der mit Begeisterung einen Priester-Heiler spielt. "Mir gefällt Battle for Azeroth nicht, also habe ich mir Classic einfach mal angeschaut, weil ich schon so oft gehört habe, dass es so toll gewesen sein soll."

Und ja, er habe schnell Gefallen an dem entschleunigten Spielgefühl und der deutlich langsameren Levelphase gefunden. Für ihn fühle sich Vanilla viel mehr nach einem echten Rollenspiel an: "Die ganze Welt steckt voller Gefahren und ich muss immer höllisch aufpassen, dass ich nicht zu viele Gegner auf einmal angreife. Hier bin ich Teil eines epischen Abenteuers. Das ist in der Live-Version von WoW überhaupt nicht der Fall."

Echte Abenteuer in Azeroth

Auf die Frage, ob die Elysium-Spieler bereit seien, zu den offiziellen Blizzard-Servern zu wechseln und für WoW Classic zu zahlen, gibt es unterschiedliche Meinungen. "Ja, auf jeden Fall", sagt Ysaten. "Ich habe beim Spielen auf Elysium immer ein schlechtes Gewissen. Und mit dem offiziellen Support von Blizzard können die Betreiber hier eh nicht mithalten. Ich freu mich total auf den Release von WoW Classic."

Anders sieht das der Elysium-Krieger Barithebeck: "Ich habe Blizzard über zehn Jahre jede Menge Geld in den Allerwertesten gesteckt. Doch sie haben WoW immer mehr an den Fans vorbeientwickelt. Von mir gibt es keinen Cent mehr." Balsamic ist sich noch nicht ganz sicher: "Ich komme bald in die heiße Phase meines Studiums. Classic ist unglaublich zeitintensiv - eigentlich sollte ich besser die Finger davon lassen."

Wohlig-warme Erinnerungen ans frühere Azeroth

Ein höherer Anspruch, mehr soziale Interaktion, ein stärkerer Belohnungseffekt, ein entschleunigtes Spielgefühl - die Gründe, warum Spieler World of Warcraft in der Urversion zurückhaben wollen, sind vielfältig. Ein weiterer wichtiger Faktor hat weniger mit der Spielmechanik zu tun: die Nostalgie. Der in München lebende Diplom-Psychologe Alexander von Bethmann-Hollweg, seit über 35 Jahren selbst passionierter Spieler und ehemaliger WoW-Abonnent, sagt: "Nostalgie, die wohlig-warme Kindheitserinnerung an die vermeintlich schönere, gute alte Zeit, ist oft mit einer gewissen Traurigkeit, aber auch mit Gefühlen von Trost und Tiefe verbunden. Sie ist oft mit bestimmten sinnlichen Wahrnehmungen wie Gerüchen oder Musik verbunden."

In Bezug auf WoW Classic glaubt er, dass es viele Spieler reize, mit der Neuauflage die großartige Spielerfahrung von damals erneut durchleben zu können. "Dass Spiele digital vorliegen, ist hier natürlich hilfreich. Oft merkt man dann aber auch, dass sich diese Erfahrung nicht mehr so reproduzieren lässt, etwa weil die Grafik schlecht gealtert ist oder man einfach den Inhalten etwas 'entwachsen' ist. Der eigentliche Sinn besteht vielleicht darin, dass das Spiel letztendlich nur der Auslöser von Nostalgie ist, die sich dann mehr auf die Erinnerung an die schöne und sichere Zeit im eigenen Kinderzimmer oder die gemeinsamen Erlebnisse mit Freunden im Real Life oder im Spiel bezieht."

Heinrich Lenhardt ist einer der dienstältesten deutschen Spielejournalisten und Mitgründer des Gaming-Podcasts Spieleveteranen. Er hält Nostalgie ebenfalls für einen wichtigen Grund für das Classic-Comeback von WoW. "Ohne Nostalgie lässt es sich schwer erklären, denn objektiv betrachtet ist WoW in der Zwischenzeit ja ein erheblich umfangreicheres, in vielerlei Hinsicht besseres Spiel geworden", sagt Lenhardt.

Ein abgeschlossenes Azeroth habe auch seinen Reiz: Spieler müssten sich nicht mehr sorgen, dass ihre High-End-Ausrüstung mit Erscheinen der nächsten Erweiterung entwertet werde. "Immer dieselben Dungeons in der Hoffnung auf rare Spitzenbeute zu besuchen, ist ja auch eine schöne Routine, vor allem, wenn man entspannt mit einer festen Gruppe spielt. Ich denke, viele Leute sehnen sich weniger nach dem alten Spiel als vielmehr nach dem alten Sozialerlebnis im Spiel zurück. Wenn man die alte Gruppe wieder zusammentrommeln kann, ist das vielleicht wie ein Klassentreffen, nur halt mit Schwertern, Feuerbällen und mehr Dots."

Er habe damals selbst mit Begeisterung einen Zwergen-Priester gespielt und eine "lustige transatlantische Stammgruppe" gehabt, erklärt der seit vielen Jahren in Kanada lebende Spielejournalist. "Meine Frau und ich in Vancouver, zusammen mit Ex-Kollegen in München, obendrauf mein Bruder. Der hat sich aufopferungsvoll als 'Auf sie mit Gebrüll'-Tank auf die Monster gestürzt, während ich kaum mit dem Heilen hinterhergekommen bin."

Karsten Scholz, Redakteur bei den Magazinen Buffed und PC Games MMORE, außerdem WoW-Spieler der ersten Stunde, sagt: "Für viele Spieler war WoW das erste Online-Rollenspiel überhaupt, die erste große Liebe quasi, und mit der verbindet man viele besondere Erinnerungen." Scholz kann sich noch lebhaft an Spielerlebnisse in Azeroth erinnern. "Die ersten Siege über Raid-Bosse wie Ragnaros und Nefarian sowie das glückliche Geschrei im Teamspeak. Oder die unglaublich spannenden Schlachtfeld-Partien gegen die Stammgruppen der Allianz. Die stundenlangen Alteractal-Runden. Unsere Gildentreffen in Köln. Ach, es gibt so viele Highlights."

"Eine Community, die olle Kamellen religiös verehrt"

Doch verwässert der nostalgische Blick zurück nicht die Tatsache, dass das klassische WoW auch viele Baustellen und Probleme hatte? Davon ist George Zaal, ehemaliger Redakteur beim TV-Sender Giga und in der WoW-Szene vor allem unter seinem Youtube-Alias Barlow bekannt, überzeugt. "Menschen reden sich gerne ein, dass ‚damals' alles toll war und heute irgendwie alles den Bach runtergeht. Und das trifft sicher nicht nur auf Spieleserien zu", sagt der WoW-Experte Golem.de.

"Wenn etwas 'retro' ist, ist es gut. Ich lese mittlerweile fast täglich Postings, wo Spieler von alten Mechaniken schwärmen, die universell verhasst waren, als sie aktueller Content waren. Heute allerdings sind sie nicht mehr aktuell, folglich retro, folglich großartig."

Und das sagt Blizzard selbst

Zaal ist wenig begeistert von der Aussicht auf WoW Classic, wie er auch in einem humorvollen Blogbeitrag auf Youtube erklärt. "Ich persönlich bin ganz und gar kein Freund davon, alte Games als Remaster oder, wie in diesem Fall, einfach nur Re-Release eines Uraltspiels aufgetischt zu bekommen. Ich bin ein großer Freund von Innovation. Doch leider sehe ich zunehmend eine Community, die Neuerungen bashed und eine toxische Shit-Show veranstaltet, während sie olle Kamellen religiös verehrt. Und das nicht nur bei WoW."

Er hege selbst viele gute Erinnerungen an die Vanilla-Zeit und habe durch das Spiel einige Menschen persönlich kennengelernt, mit denen er auch heute noch Kontakt hat und spielt. "Classic war für seine Zeit bahnbrechend und besser als jedes andere MMO dieser Zeit. Es war aber auch ein Game von Entwicklern, die kaum Erfahrungen im MMO-Markt hatten - und das hat man gemerkt. Viele gute Ideen, aber auch viele unausgereifte, unfertige oder schlichtweg nicht funktionierende Konzepte." Das Spiel sei insgesamt schlechter gewesen als heute.

Zaal befürchtet, dass die nostalgische Verklärung vieler Spieler und ein möglicher Erfolg von WoW Classic zu immer mehr Retroprojekten führen könnten und "die Bereitschaft von Gamedesignern, Risiken mit innovativen neuen Games einzugehen, noch weiter sinkt als ohnehin schon".

MMORPG-Fachmann Karsten Scholz glaubt indes nicht an einen durchschlagenden Erfolg von WoW Classic. "Dass die Classic-Server Teil des normalen WoW-Abos sein werden, ist von Blizzard auf jeden Fall ein kluger Schachzug. Es gibt sicherlich Spieler der aktuellen Version, die in eher ruhigen Phasen, statt das Abo zu pausieren, ihren Classic-Charakter spielen werden. Genauso wird das Classic-Angebot einige ehemalige Spieler zur Abo-Reaktivierung treiben, die dem Spiel in den vergangenen Jahren den Rücken zugekehrt haben." Dass sich dadurch am Ende der offenbar große Aufwand für Blizzard amortisieren wird und sie nennenswert Geld mit WoW Classic verdienen, bezweifle er. "Dafür ist Vanilla aus heutiger Sicht zu sperrig, zu unkomfortabel und potenziell zu frustrierend."

Blizzard - WoW Classic als "Tor zur Vergangenheit"

Und was sagt Blizzard zu dem Einfluss, den Nostalgie auf das Projekt WoW Classic hat? Darüber hat Golem.de mit Lead Software Engineer Brian Birmingham und Senior Software Engineer Omar Gonzalez gesprochen. Die Entwickler sind der Ansicht, dass Nostalgie und schöne Erinnerungen an die Vanilla-Zeit in WoW sicherlich eine wichtige Rolle spielen, dass viele Spieler Interesse an Classic zeigen. "Fast jeder, der damals WoW gespielt hat, hat tolle Erinnerungen an diese Zeit. Wir denken selbst gerne an Vanilla zurück", sagt Omar Gonzalez.

Er habe sich damals mit Gildenkollegen, die in der gleichen Gegend lebten, nach Raidabenden in einem lokalen 24-Stunden-Diner getroffen. "Daraus wurde ein derart regelmäßiges Ritual, dass das Personal schließlich nicht nur unseren üblichen Tisch für uns bereithielt, sondern auch die Getränke bereits serviert hatte. Dort schwelgten wir dann über neue erreichte Meilensteine wie einen bestimmten Boss-Firstkill oder analysierten Abende, an denen wir an einem Gegner endlos gewiped sind. Wir haben den Kampf direkt auf dem Tisch nachgestellt: Die Ketchupflasche war der Boss, an der Ahornsirup-Flasche sollten sich die Heiler und Fernkämpfer sammeln, und die Nahkämpfer waren die Zuckerpäckchen - weil sie wegwerfbar und leicht austauschbar waren", erzählt der Entwickler lachend.

Nostalgie sei den Blizzard-Mitarbeitern zufolge aber nur ein Faktor für die Beliebtheit von Vanilla-WoW. Der mangelnde Feinschliff und fehlende Komfortfunktonen wie die Gruppensuche für Instanzen und Schlachtzüge würden eine besondere Spielergruppe ansprechen, die sehr viel Wert auf den sozialen Aspekt in einem Online-Rollenspiel legt. "Im aktuellen WoW können sich die Spieler in ihrer Mittagspause in der Gruppensuche anmelden und sich dann ganz darauf konzentrieren, was in der Instanz passiert", erklärt Brian Birmingham.

"In Classic war das, was passiert, bevor du überhaupt den Dungeon betrittst, schon ein Teil der Herausforderung: Man musste per Chat eine Gruppe finden, sich verständigen und als Team zum Eingang der Instanz gelangen. Und wenn du diesen Prozess mit deinen Mitspielern durchgemacht und dich dann erfolgreich durch einen weitläufigen Dungeon gekämpft hattest, erzeugte das eine andere Art von verbindender sozialer Dynamik. Beim nächsten Mal, wenn du in eine Instanz gehen wolltest, hast du höchstwahrscheinlich nach denselben Spielern gesucht. All das war Teil dessen, was das ursprüngliche WoW-Erlebnis unverwechselbar machte. Und das wollen wir in WoW Classic bewahren."

Den Entwickler ist es ein großes Anliegen, mit Classic ein Stück Spielehistorie zu erhalten. "So toll das ursprüngliche Word of Warcraft auch war, was es wirklich besonders machte, waren die Spieler", sagt Omar Gonzalez. "Dieses Projekt ist in vielerlei Hinsicht eine Hommage daran, wo für viele Spieler alles begann. WoW hat damals ein neues Kapitel in der Spielkultur aufgeschlagen, und wir wollen es nicht nur als getreue Nachbildung für diejenigen erschaffen, die es damals gespielt haben, sondern auch als Tor zur Vergangenheit, das einer ganz neuen Generation zur Verfügung steht."

Ob das funktionieren und die Neuauflage des klassischen WoW auch heute noch Kenner wie Neulinge in ihren Bann ziehen kann? Das wird sich zeigen, wenn WoW Classic im Sommer 2019 an den Start geht. Gut denkbar ist, dass viele Spieler einen kurzen Nostalgieabstecher in WoW Classic unternehmen werden und sich dann wieder aktuellen Titeln zuwenden. So wie Classic-Liebhaber Heinrich Lenhardt: "Ich schaue sicher mal aus Neugier rein, glaube aber kaum, dass ich länger verweilen werde. Das ist ein echtes Zeitproblem, weshalb ich auch bei den letzten WoW-Erweiterungen abstinent geblieben bin. Es gibt heutzutage sehr viele, gute, umfangreiche Spiele, aber die Zeit dafür ist eher knapper geworden."  (bpfl)


Verwandte Artikel:
Blizzard: World of Warcraft Classic und getäuschte Erinnerungen   
(17.01.2019, https://glm.io/138812 )
World of Warcraft: D3D12-Multithreading erhöht Bildrate   
(11.02.2019, https://glm.io/139315 )
World of Warcraft: Fast reibungsloser Start von Battle for Azeroth   
(14.08.2018, https://glm.io/136000 )
NES Classic Mini im Vergleichstest: Technischer K.o.-Sieg für die Original-Hardware   
(18.11.2016, https://glm.io/124550 )
Spielebranche: Mike Morhaime verlässt Blizzard endgültig   
(11.01.2019, https://glm.io/138680 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/