Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/hector-9000-nachgebaut-der-automatische-cocktail-mixer-aus-dem-3d-drucker-1901-138927.html    Veröffentlicht: 24.01.2019 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/138927

Hector 9000 nachgebaut

Der automatische Cocktail-Mixer aus dem 3D-Drucker

Er war der heimliche Star des Chaos Communication Congress in Leipzig. Der selbstgebaute Cocktail-Mixer Hector 9000 serviert Mixgetränke auf Tastendruck. Doch der Nachbau mit dem 3D-Drucker hat seine Tücken.

Wer auf dem jüngsten Chaos Communication Congress zum Vortrag in den Saal Borg wollte, kam an einer bunt leuchtenden, ziemlich spacig aussehenden Maschine kaum vorbei. "Hector 9000" war stilecht im Lazenby-Computer-Font auf dem Alublech zu lesen. "Open Source Hardware" stand über einer sehr altmodisch aussehenden Klingel. Das machte viele Besucher des Hackertreffens neugierig. Was kann diese schicke Kiste mit den vielen Schläuchen und Flaschen wohl? Und warum heißt sie eigentlich Hector?

Die Kombination von Minicomputern wie dem Raspberry Pi und erschwinglichen 3D-Druckern eröffnet Bastlern ganz neue Möglichkeiten. Zudem lassen sich viele elektronische Bauteile, Motoren und Sensoren günstig im Internet bestellen. "Was könnte man damit eigentlich bauen?", fragte sich der Produktingenieur Stefan alias Cadmium, als er bei Amazon auf eine billige Wägezelle für ein Arduino-Board stieß. Aus der Idee, damit Füllstände von Flüssigkeiten zu messen, entwickelte er zusammen mit dem Chaostreff Recklinghausen (C3RE) am Ende den vollautomatischen Cocktail-Mixer. Doch lässt sich dieser coole Party-Spaß tatsächlich so leicht nachbauen, wenn die Bauteile Open Source sind?

Günstiger als Peristaltikpumpen

Für das heimische Bastelprojekt spricht zunächst der niedrige Preis. Denn das Konzept ist recht simpel und kommt ohne teure Geräte wie Peristaltikpumpen aus. Solche Schlauchpumpen, wie sie beispielsweise in der Medizin verwendet werden, sind recht teuer. Da pro Flüssigkeit mindestens eine Pumpe benötigt wird, summieren sich die Ausgaben schnell auf mehrere Hundert Euro.

Ein solcher Cocktail- oder Barbot mixte auf dem 35C3 in Halle 2 ebenfalls Getränke. Allerdings lassen sich damit keine kohlendioxid-haltigen Getränke wie Tonic Water oder Mineralwasser befördern. Das alles soll mit Hector 9000 problemlos möglich sein.

Ein Plastikfinger für die Glocke

Dazu verwendet der Mixer lediglich eine Membranpumpe aus der Aquaristik. Damit wird über Siliconschläuche Luft in die Flaschen mit den Cocktail-Zutaten gepumpt. Der leichte Überdruck fördert die Flüssigkeit über einen weiteren Schlauch zum Dosierkopf. Dann misst die Wägezelle, ob die erforderliche Dosierung erreicht wurde. Für das Ende des Mixvorgangs haben sich die Entwickler ein besonders Gimmick ausgedacht. Ein schwarzer Finger kommt aus der Rückwand gefahren und betätigt zwei Mal die Glocke.



Herzstück des Hector 9000 sind jedoch die Ventile. Diese öffnen und schließen die Schläuche von und zu den Flaschen. Dabei quetscht ein Nocken, der auf einem Servomotor sitzt, die Schläuche fest zusammen. Mit diesem Konzept kommen die Getränke nicht mit beweglichen Teilen wie Pumpen oder Durchflussmessern in Kontakt. Zudem kommen die einzelnen Zutaten nicht miteinander in Kontakt, was bei einem anderen Selbstbau-Barbot der Fall ist. Allerdings stellt die Herstellung der Ventile wohl die größte Herausforderung beim Nachbau des Hector 9000 dar.

200 Stunden am CAD-Programm konstruiert

Auf einer eigenen Website haben die Entwickler Cadmium, Kater und Marv die Bauanleitung für den Drucker und die erforderlichen Dateien bereitgestellt. Die Python-Scripte für die Steuerung des Barbots liegen auf Github. Alleine 27 Druckvorlagen im Stl-Format hat Cadmium für den Hector erstellt. Ungefähr 200 Stunden habe er dafür mit seinem CAD-Programm gebraucht, sagte er Golem.de. Wer kein Profi im Umgang mit solchen Programmen ist, dürfte deutlich mehr Zeit für die Konstruktion der Bauteile benötigen.

Umso praktischer, dass man nun die Dateien nur noch in sein eigenes 3D-Programm laden und den Drucker starten muss. Doch dieselbe digitale Vorlage bedeutet bei 3D-Druckern noch lange nicht, dass am Ende dieselbe Hardware herauskommt. Gerade bei Bauteilen, die für wenig Toleranz konstruiert sind, kann es zu Problemen kommen. Beim Hector 9000 ist uns das vor allem bei den Ventilen aufgefallen.

Einfache Drucker bereiten Probleme

Der von uns genutzte XYZPrinting Junior 2.0 Mix zum Neupreis von rund 400 bis 500 Euro druckte die Einzelteile leider nicht so genau, dass sie ohne Nachfeilen zusammengesetzt werden konnten. Auch passte der Servoantrieb nicht ohne Nachbearbeitung in die vorgesehene Aussparung. Beim Nachbearbeiten und Einpassen der Teile können schmale Stege schnell abbrechen. Ebenfalls aufwendig ist die Anpassung des Servoarms.

"Unsere Servoarme wurden auf einer CNC-Fräse mit einem sehr scharfen Holzfräser bearbeitet", heißt es in der Anleitung (PDF). Mit Puksäge und Feile ist das deutlich schwieriger. Zumal "besondere Sorgfalt" für die Anpassung erforderlich sein soll, da sonst die Ventile nicht richtig schließen. Cadmium will daher noch einen Nocken konstruieren, der direkt auf das Servohorn aufgepresst wird.

Eine weitere Einschränkung: Die Entwickler empfehlen den Druck der beweglichen Ventilzungen mit dem Filament Iglidur I150, das laut Hersteller über "sehr gute tribologische Eigenschaften" verfügt. Doch ein Drucker von XYZPrinting akzeptiert ohne einen Hack des RFID-Chips nur die Herstellerprodukte.

Da der Junior 2.0 Mix außerdem kein beheiztes Druckbett besitzt, kommt es beim Druck des Ventilkörpers je nach Einstellung zu mehr oder weniger starken Verformungen durch den sogenannten Warp-Effekt. Ärgerlich war zudem, dass das Tough-Filament jeden Morgen neu eingefädelt werden musste, weil es über Nacht vor dem Einzug gebrochen war.

Aufwand lässt sich etwas reduzieren

Für solche Projekte sind daher etwas teurere 3D-Drucker kaum verzichtbar. Entwickler Cadmium machte nach eigenen Angaben gute Erfahrungen mit dem Prusa i3 Mk 2.5, dessen Nachfolgermodell 3.0 im Bausatz für 769 Euro erhältlich ist. Brauchbare Ergebnisse für den Hector 9000 dürften auch Kunstharzdrucker liefern, wie der von Golem.de getestete Nobel 1.0A von XYZprinting.

Doch selbst mit einem guten 3D-Drucker steckt hinter dem Aufbau eines solchen Mixers viel Arbeit. Es müssen alleine mehr als 80 Einzelteile ausgedruckt werden. Um den Aufwand etwas zu reduzieren, könnte beispielsweise auf Gimmicks wie den ausfahrbaren Dosierkopf mit LED-Blinklicht verzichtet werden. Verzichtbar ist zudem die teuerste Einzelkomponente des Hector 9000: das farbige Touchdisplay zur Auswahl der Cocktails. Hier würde auch eine einfache App reichen, wie wir sie beispielsweise für die Steuerung einer Bewässerungsanlage programmiert haben. Erforderlich sind lediglich einige Buttons auf der Startseite der App, die dann per SSH die erforderlichen Python-Scripte auf dem Raspberry Pi starten.

Die Glocke ist unverzichtbar

Unverzichtbar für den Hector ist allerdings die Glocke. Schließlich kann der frühere Drogenboss Hector Salamanca aus der US-Fernsehserie Breaking Bad, nach dem der Cocktail-Mixer benannt ist, nach einem Schlaganfall nur noch mit Hilfe einer solchen Klingel kommunizieren. Mit der Maschine könnte er sich sogar automatisch Cocktails mixen lassen, obwohl er in einem Rollstuhl sitzt.

Die reinen Komponenten wie Pumpen und Elektronik kosten laut Cadmium zwischen 200 und 250 Euro. "Bei dem Gehäuse kann man sich dann beliebig austoben", sagt der Entwickler. Seinen Angaben zufolge war der Alurahmen samt Transportbox noch einmal so teuer wie der gesamte Rest des Mixers. Allerdings sieht man beispielsweise den transparenten Ventilabdeckungen an, dass sie mit einer CNC-Maschine ausgeschnitten wurden.

Doch mit den bisherigen Komponenten ist der Hector 9000 längst noch nicht fertig. Es gibt Überlegungen für einen Eiswürfelbereiter, Limettenschneider oder einen Cocktailschirm-Spender. Die Bedienoberfläche soll von Kivy auf Qt umgestellt werden. Beim nächsten Chaos Communication Congress könnte die Schlange vor dem Hector 9000 daher noch ein bisschen länger werden.  (fg)


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