Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/radeon-vii-im-test-die-grafikkarte-fuer-videospeicher-liebhaber-1902-138906.html    Veröffentlicht: 07.02.2019 15:00    Kurz-URL: https://glm.io/138906

Radeon VII im Test

Die Grafikkarte für Videospeicher-Liebhaber

Höherer Preis, ähnliche Performance und doppelt so viel Videospeicher wie die Geforce RTX 2080: AMDs Radeon VII ist eine primär technisch spannende Grafikkarte. Bei Energie-Effizienz und Lautheit bleibt sie chancenlos, die 16 GByte Videospeicher sind eher ein Nischen-Bonus.

Eines müssen wir AMD lassen: Die Radeon VII ist eine Grafikkarte mit cleverem Namen. Die römische Sieben ist eine Anspielung auf den in 7 nm gefertigten Chip und lässt sich zugleich als Vega 2 lesen, also die zweite Generation dieser Architektur, und überdies das heutige Datum. Der Pixelbeschleuniger, der sich an Inhalte-Ersteller und Spieler richtet, hat aber mit 16 GByte wortwörtlich mehr drauf als nur eine schnieke Bezeichnung. Die Radeon VII liefert eine anständige Leistung für ihren Preis - schade nur, dass 300 Watt eben 300 Watt sind.

Aber der Reihe nach: Im Sommer 2018 präsentierte AMD-Chefin Lisa Su den Vega 20 genannten Chip, die erste in einem 7-nm-Verfahren gefertigte GPU. Schon vor einem halben Jahr versprach Su, dass neben Modellen für Server auch solche für Spieler erscheinen sollen - legte sich aber nicht auf Vega oder Navi, die nächste Generation, fest. Im November veröffentlichte AMD die Radeon Instinct MI60 und die Radeon Instinct MI50 für Server; zu diesem Zeitpunkt hatte Nvidia bereits die Geforce RTX 2080 (Ti) vorgestellt. Im Januar 2019 folgte dann die Ankündigung der Radeon VII samt der Aussage, dass die Grafikkarte schon Anfang Februar erhältlich sein soll.

Die Radeon VII ist keine komplett neue Entwicklung, denn sie ähnelt grob der Platine der Radeon Instinct MI50, kommt jedoch mit anderem Kühler und vor allem mit Display-Ausgängen. Intern bei AMD gab es eine längere Diskussion auf verschiedenen Ebenen, ob eine Radeon VII für Endkunden gebaut werden soll - schlussendlich hat eine Gruppe oder Führungsperson sich durchgesetzt. Auch wenn die Karte ursprünglich nicht geplant gewesen sein mag, ist sie eine willkommene Gelegenheit für AMD, zumindest die Geforce RTX 2080 anzugreifen. Denn der nächste schnelle Grafikchip mit stark überarbeiteter Navi-Architektur wird vermutlich vor 2020 nicht erscheinen.

Ähnlich wie bei Nvidias viel teurerer Titan RTX haben Partner derzeit keine Möglichkeit eigene Designs der Radeon VII zu entwickeln. AMD aber sagte auf Nachfrage, dass die AIBs zumindest mittelfristig Versionen mit anderer Kühlung, aber gleicher Platine anbieten können. Vorerst bleibt es daher beim Referenz-Design, das gegebenenfalls ein kleines bisschen übertaktet und mit Hersteller-Aufkleber auf den Lüfternaben verkauft wird. Unser Muster kam hingegen direkt von AMD selbst.

Die Radeon VII im Detail

Wie Nvidia hat sich auch AMD bei der Radeon VII im Referenz-Design von einer DHE-Kühlung (Direct Heat Exhaust) samt einem radialen Lüfter verabschiedet und sich für gleich drei axiale Propeller entschieden. Die Grafikkarte misst 280 mm und ist mit knapp 1,3 kg ziemlich schwer - zudem nimmt sie zwei Slots ein. Die Kühlerabdeckung besteht tatsächlich aus Aluminium-Guss, die drei 75-mm-Lüfter darunter sind flache Modelle.

Unter den Rotoren befindet sich eine sehr große Verdampfungskammer (Vapor Chamber), die auf der Vega-20-GPU aufsitzt. Von der Kammer aus ziehen sich fünf flache 10-mm-Heatpipes unter dem Block aus Aluminium-Lamellen entlang, welcher durch eine Metallplatte bei der Kühlung der Spannungswandler hilft. AMD hat überraschend keine Silikon-Wärmeleitpaste verwendet, sondern nutzt eine Phasenwechsel-Graphit-Paste von Hitachi (HM03), welche einen viel besseren Übergang aufweist und erhitzt wie ein Wärmeleitpad aussieht.

Auf der Rückseite der Radeon VII befindet sich eine Backplate, die jedoch nur der Optik dient und keinen (kühlenden) Kontakt zur Platine hat. Anders als die Radeon Vega 64 hat die Radeon VII keinen Dip-Schalter, um zwischen den BIOS-Versionen umzuschalten, da nur eine Firmware vorhanden ist. Strom erhält die Grafikkarte durch zwei 8-polige Anschlüsse, was theoretisch für 375 Watt genügt - praktisch geht je nach Netzteil sehr viel mehr.

Einen USB-C-Port alias Virtual Link wie die Geforce RTX hat die Radeon VII nicht. Allerdings verbaut AMD genauso wie Nvidia drei Displayports 1.4 und einen HDMI 2.0b, wenngleich ebenfalls noch keinen HDMI-2.1-Ausgang. Im Test waren drei 4K-Monitore und ein 4K-Fernseher parallel mit je 60 Hz einsetzbar. Im Betrieb leuchten der Radeon-Schriftzug und der R-Würfel rot, die drei Lüfter schalten sich im Leerlauf nicht ab. Zur Lautheit und zur Leistungsaufnahme äußern wir uns später, vorerst geht es um die GPU.

Vega 20 ist für HPC gedacht

Die Radeon VII basiert auf dem Vega 20 genannten Grafikchip, welcher auf den Vega 10 der Radeon RX Vega 64/56 folgt. Die GPU wurde ursprünglich für die Radeon Instinct MI60/MI50 entwickelt, also die beiden AMD-Beschleunigerkarten für High Performance Computing (HPC) wie Klimaforschung und für maschinelles Lernen. Der Name der Karte rührt von ihrer Geschwindigkeit bei reduzierter Ganzzahl-Genauigkeit (INT8) her, die um ein Vierfaches höher liegt als bei gewöhnlichen FP32-Berechnungen. Mit FP16-Gleitkomma schaffen Vega 10/20 immer noch die doppelte Leistung der einfachen Genauigkeit.

Im vierten Quartal 2018 konnte AMD einen Rekordumsatz im Bereich der Server-GPUs erzielen, sprich - die beiden Radeon Instinct scheinen sich oft zu verkaufen und offenbar sind sie auch in ausreichender Stückzahl verfügbar. Das spricht dafür, dass TSMCs N7-Fertigungsverfahren eine gute Ausbeute aufweist, denn alle Vega 20 werden in diesem 7-nm-DUV-Node hergestellt. Die Tatsache, dass AMD noch Chips für einige Radeon VII abzweigen kann, statt alle für die viel Margen-trächtigeren Radeon Instinct zu verwenden, untermauert diese Annahme. Ein bisschen Verschnitt gibt es aber immer, weshalb die Radeon VII nur 60 Compute Units aufweist, der Vollausbau mit 64 CUs ist der Radeon Instinct MI60 vorbehalten.

Ausgehend von Vega 10 steigt die Transistor-Anzahl bei Vega 20 kaum: Statt 12,5 Milliarden sind es 13,2 Milliarden und die Chipgröße verringert sich von 495 mm² auf 331 mm². Das N7-Verfahren nutzte AMD primär um ein vorhandenes Design für den HPC-Markt anzupassen: Vega 20 verdoppelt das Interface auf 4.096 Bit und bindet vier HBM2-Speicherstapel mit je 4 GByte für insgesamt 16 GByte an - bei Vega 10 sind es 2.048 Bit für zwei Stacks und 8 GByte; die Bandbreite verdoppelt sich also. Denkbar wären für eine Radeon Instinct MI60 auch gleich 32 GByte wie bei Nvidias Tesla V100, die hat aber auch mehr Rechenleistung. Ein eigenes Package spendiert AMD der Radeon VII vermutlich deshalb nicht, weil vier Stacks mit je zwei GByte eine eigene und somit teure Fertigung erfordern würde. Detail am Rande: Weil anders als bei Nvidia die ROPS vom Interface entkoppelt sind, hat Vega 20 wie Vega 10 auch 64 Raster-Endstufen statt gleich 128, welche in den meisten Anwendungen aber ohnehin nicht limitieren.

Um die Radeon Instinct MI50 preislich von der Radeon VII abzugrenzen, hat AMD die Consumer-Karte um ein paar Funktionen beschnitten: Auch wenn der Vega 20 prinzipiell ein 1:2-Verhältnis von FP64-zu-FP32-Leistung aufweist, schaltet der Hersteller eine 1:4-Ratio frei. Das ist das Vierfache einer Radeon RX Vega 64 mit Vega 10 und das Achtfache (!) dessen, was Nvidia bei seinen Geforce-RTX-Modellen bereitstellt. Auch unterstützt Vega 20 anders als Vega 10 schnelle INT8-Berechnungen für Inferencing, was bei der Radeon VII offenbar aktiviert ist. Eine weitere Änderung ist die Anbindung an die CPU, hier unterstützt die Radeon VII aber nur PCIe Gen3 statt PCIe Gen4, was wir angesichts der Ryzen 3000 (Matisse) mit PCIe Gen4 schade finden.

Ob und welche Änderungen abseits der FP64-Leistung und der verdoppelten Datentransfer-Rate durch vier Stacks am Vega 20 vorgenommen wurden, darüber schweigt AMD. Auf Nachfrage nannte der Hersteller verbesserte Akkumulatoren, womit üblicherweise die Register der Shader-Einheiten gemeint sind. Denkbar ist, dass AMD diese vergrößert hat, um die Datenlokalität zu erhöhen. Generelle Optimierungen betreffen Anpassungen für einen leicht gestiegenen Chiptakt und geringere Latenzen, wobei hier unklar ist, welche genau. Laut Hersteller soll die Radeon VII unter Last grob 200 MHz schneller rechnen als eine luftgekühlte Radeon RX Vega 64 im Referenz-Design. Custom-Designs laufen leicht flotter, mehr als fünf Prozent sind aber selten.

Mit 64 statt 32 Sensoren misst Vega 20 laut AMD die anliegende Temperatur der einzelnen GPU-Bestandteile genauer als Vega 10. Die so ermittelte Junction Temperature ist an sich nicht neu, wurde aber bisher nur als Schwellenwert zur Notabschaltung herangezogen. Bei der Radeon VII verwendet AMD die Informationen, um die Leistung ein kleines bisschen zu steigern, weil kritische Funktionsblöcke näher an ihrem Limit betrieben werden können. In der Praxis limitiert allerdings zumeist das Power-Target des Grafikchips oder aber die Radeon Software im CPU-Limit in niedrigen Auflösungen wie 1080p.

Der Decode/Encode-Teil des Vega 20 ist weiterhin der bekannte UVD respektive VCE und nicht der neuere VCN (Video Core Next). Damit geht einher, dass die Radeon VII kein VP9 in Hardware per fest verdrahteten Einheiten decodiert/encodiert, sondern die Shader bemühen muss. Das klappt zwar auch in 4K60 flüssig, aber eben auf Kosten der Leistungsaufnahme. Zur Erinnerung: Google nutzt VP9 für Youtube. Laut Linux-Patches enthält die Vega 20 zwei Decode-Blöcke, was sinnvoll für Fotos und Videos ist, in denen Gesichter oder Objekte identifiziert sowie klassifiziert werden sollen.

Es reicht für Nvidias RTX

Als Testsystem verwenden wir einen Core i9-9900K mit 16 GByte DDR4-Arbeitsspeicher auf einem Maximus X Hero, einem Z370-Board von Asus; und das Prime Titanium mit 1.000 Watt von Seasonic hat für eine Radeon VII oder Vega 64 genügend Reserven. Das Windows 10 v1809 ist wie die Anwendungen und Spiele auf einer PM981 (NVMe-SSD mit PCIe Gen3 x4) von Samsung installiert.

Um die Leistungsunterschiede zwischen der Radeon VII und der Radeon Vega 64 besser zu verstehen, ist es wichtig, die Neuerungen noch einmal kurz zu nennen: Die 7-nm-Karte hat nur etwas mehr Rechenleistung sowie kleinere Optimierungen, aber dafür gleich die doppelte Datentransfer-Rate und mit 16 GByte doppelt so viel Videospeicher. Rein von der Vega-Architektur her gibt es keine uns bekannten und nennenswerten Änderungen zwischen Radeon VII und Radeon Vega 64, welche für Spieler zumindest in den kommenden Monaten relevant wären.

In Games kann sich die Radeon VII teils überraschend weit von der Vega 64 absetzen, zumindest in hohen Auflösungen wie 4K. Hier beträgt der Vorsprung im Mittel rund ein Drittel, wenngleich ein einziger Ausreißer den Schnitt trübt: Kingdom Come Deliverance ist selbst mit dem Core i9-9900K noch CPU-limitiert, was die Radeon VII ergo ausbremst. Schalten wir von ultrahohen auf sehr hohe Details herunter, sehen wir auch in Warhorse' Rollenspiel einen Vorsprung von etwa 30 Prozent. In niedrigeren Auflösungen, sprich 1440p und 1080p, schrumpft der Abstand sukzessive - wir hätten aber zugegeben erwartet, dass die Radeon VII hier öfter liegt.

Spannender ist für Käufer freilich das Duell gegen die Geforce RTX 2080, die ähnlich viel kostet: Rein rechnerisch sehen unsere Messwerte die Nvidia-Grafikkarte minimal vor der Radeon VII, der schnöde Durchschnitt sagt aber wenig aus. Die Geforce RTX 2080 hat auf dem Papier grob drei Viertel der Rechengeschwindigkeit und nur gut die Hälfte der Bandbreite, aber es gelingt Nvidia, diese Rohleistung dank der eigenen Treiber und eventuell der enge(re)n Zusammenarbeit mit Entwicklerstudios besser umzusetzen. Je nach Titel hat daher mal die eine und mal die andere Grafikkarte den längeren Balken.

Zusammengefasst laufen Call of Duty WW2, Grand Theft Auto 5, Kingdom Come Deliverance und auch Wolfenstein 2 mit Vulkan-API auf der Geforce RTX 2080 besser. Dafür erreicht die Radeon VII in Battlefield 5 und in Jurassic World Evolution die höheren Bildraten, und im Remake von Resident Evil 2 gibt es ein Patt. Natürlich hätten wir noch mehr als sieben Spiele testen können, wenn mehr Zeit gewesen wäre, aber die grundlegende Aussage dürfte gleich bleiben: Die Radeon VII ist praktisch so schnell wie die Geforce RTX 2080, es kommt schlicht auf den Titel an, der gerendert wird.

Noch krasser trifft dies auf Anwendungen zu, denn die Radeon VII eignet sich für (semi)professionelle Software wie die Adobe-Suite, für Blackmagics Davinci Resolve oder Blender. Unsere beiden Video-Projekte für Adobe Premiere, der Golem-Wochenrückblick 10/2018 und der Test der Radeon RX 590, beschleunigt die Radeon VII ein bisschen mehr als die Vega 64 oder die Geforce RTX 2080 - der Unterschied ist aber trotz Gauss Blur marginal; das gilt auch für Davinci Resolve. In Blender hingegen setzt sich die Radeon VII durchgehend leicht bis spürbar an die Spitze, und im Luxmark, einem Pathtracer, schlägt die AMD-Karte die Nvidia-Konkurrenz mit drastischem Vorsprung. Den V-Ray-Benchmark hingegen verliert sie deutlich, die Geforce RTX 2080 ist in zwei Dritteln der Zeit fertig.

Obwohl wir in Adobe Premiere und in Davinci Resolve mit 4K-Material arbeiten, die 16 GByte Videospeicher der Radeon VII füllen die Projekte trotz mehr als 50 GByte an Rohdaten nicht. Einige sehr wenige Spiele hingegen profitieren davon, zumindest wenn in 5K gezockt wird - und ja, das klappt flüssig.

Viel Speicher, viel Energie

Die Radeon VII ist die erste für Endkunden gedachte Grafikkarte mit 16 GByte, die deutlich weniger als 1.000 Euro kostet. Nvidias RTX Titan ist zwar mit 24 GByte ausgestattet, aber mit 2.700 Euro preislich eine völlig andere Liga. Die Geforce RTX 2080 hingegen, der Gegenspieler der Radeon VII, hat 8 GByte langsamer angebundenen Videospeicher und damit nur halb so viel wie das AMD-Modell.

Viele heutige Spiele haben eine interne Anzeige, wie viel Videospeicher bestimmte Auflösungen und Einstellungen diese angeblich belegen. Mit der Praxis hat dies oft kaum etwas zu tun, zumal Karten mit mehr Speicher in der Regel mehr Daten laden, auch wenn das gar nicht nötig wäre. Belegt ein Titel mehr als vorhanden, reduzieren die meisten Engines die Texturqualität, indem niedriger auflösende Pixeltapeten geladen werden. Mikroruckeln oder echtes Stottern tritt seltener auf, ist aber per Frametime-Analyse leichter aufzeigbar.

Call of Duty WW2 belegt, unabhängig von der gebotenen Qualität der Texturen, in 4K und in 5K mehr als 8 GByte Videospeicher. Auf einer Radeon VII läuft der Shooter absolut rund, auf einer Geforce RTX 2080 hingegen zucken die Frametimes in 4K bereits und in 5K stottert die Darstellung massiv. In Wolfenstein 2 beklagt sich das Spiel in 5K über mangelnden Videospeicher und friert nach dem Laden des Spielstandes auf der Geforce RTX 2080 ein, in 4K hingegen gibt es keine Probleme. Auch in Battlefield 5, egal ob mit oder ohne eingeschalteter Speicherlimitierung, konnten wir wie in anderen Spielen in 4K kein Mikroruckeln belegen. Somit halten wir die 16 GByte der Radeon VII für einen Bonus, aber kein Muss.

AMDs Triple-Lüfter-Kühlung ist im Leerlauf sehr leise, sie muss auch nur 12 Watt abführen. Die von der PCGH gemessenen 0,1 Sone sind nahezu unhörbar - eine Geforce RTX 2080 in der Founder's Edition säuselt merklich mehr. Unter Last hingegen brüllt die Radeon VII förmlich und ist locker doppelt so laut wie die Nvidia-Konkurrenz. Bei rund 300 Watt realer Leistungsaufnahme verwundert das nicht, denn AMD muss den Chip sehr hoch takten, um konkurrenzfähig zu sein.

Den mittleren Boost gibt der Hersteller mit 1.750 MHz an, was über alle Auflösungen und Spiele hinweg auch knapp hinkommt. Die GPU erreicht dabei 75 Grad Celsius, die Junction Temperature hingegen liegt bei über 100 Grad - laut AMD hat das alles seine Richtigkeit. Wer ein bisschen mehr Takt wünscht, sollte die Radeon VII mit weniger Spannung versorgen: Per Undervolting um 150 mV reduziert sich die Leistungsaufnahme um 50 Watt und wir sehen meist um die 1.800 MHz anliegen. Overclocking der GPU war uns aufgrund eines Bugs nicht möglich, AMD ist informiert und arbeitet an einer Lösung.

Treiber-Wirrwarr unter Linux

Wer die Radeon VII unter Linux verwenden möchte, kann im Prinzip direkt loslegen. Das ist in erster Linie den Arbeiten an dem immer noch vergleichsweise neuen Treiberkonzept auf Basis des Linux-Moduls AMDGPU zu verdanken. Damit der Einsatz aber tatsächlich reibungslos funktioniert, müssen einige Voraussetzungen beachtet werden.

Die für die meisten Nutzer einfachste und auch empfehlenswerte Variante ist der Radeon Software Treiber in der aktuellen Version 18.50, den wir auf Ubuntu 18.04 mit Langzeitsupport einsetzen. Das Treiberpaket vereint freie wie auch proprietäre Bestandteile im Userspace und liefert dem Linux-Kernel eventuell noch fehlende Funktionen über DKMS hinzu. In unserem Fall läuft der freie Treiber nach der Installation und einem Neustart direkt mit der Radeon VII.

Wir entscheiden uns aber für den proprietären Treiber AMDGPU-Pro, was vor allem praktische Gründe hat, denn wir wollen neben der Grafikleistung auch die OpenCL-Leistung testen. Dafür nutzten wir den neuen PAL-Treiber. Zwar gibt es mit ROCm einen freien OpenCL-Treiber von AMD, der ist aber vor allem für die Radeon Pro gedacht. Dieser verändert ebenfalls per DKMS das Kernel-Modul AMDGPU, was einen Konflikt zum Einsatz des einheitlichen Radeon-Treibers verursacht und so eine Installation nicht erlaubt.



Dieser doch recht unübersichtliche Aufbau der Treiber von AMD mit verfügbaren Paketen, die in Konflikt zueinander stehen, ist - vorsichtig ausgedrückt - unglücklich. Besser wäre es wohl, wenn AMD den ROCm-Treiber direkt in den einheitlichen Treiber integriert oder sich an der Initiative beteiligt, eine einheitliche CUDA-Alternative schaffen, die die Upstream-Entwickler der Linux-Grafiktreiber vorgeschlagen haben.

Ehrlicherweise hat AMD in der Vergangenheit aber auch darauf hingewiesen, dass der ROCm-Treiber hauptsächlich für die Radeon-Pro-Karten gedacht ist. Dieser basiert außerdem auf der HSA-Treiber-Architektur und greift im Zweifel auf Hardware-Funktionen zu, die in kleineren Grafikkarten eventuell nicht vorhanden sind. Für die Vega 64 wie für die Radeon VII trifft dies jedoch nicht zu, so dass ROCm hier eigentlich laufen sollte. Wie erwähnt nutzen wir der Einfachheit halber aber den PAL-Treiber.

Im Vergleich zum unmittelbaren Vorgänger, der Vega 64, schneidet die Radeon VII wie erwartet gut ab. In den meisten von uns getesteten Fällen liefert die neue Radeon VII rund 30 Prozent mehr Grafikleistung und je nach Anwendungsfall bis zu 60 Prozent mehr Compute-Leistung. Vor allem in dem Luxball-HDR-Benchmark kann AMD hier die ganze verfügbare Speicherbandbreite ausnutzen. Im Vergleich zur Geforce RTX 2080 kann die Radeon VII beim Rendern per OpenCL immerhin fast mit der CUDA-Leistung von Nvidia mithalten. Hier fällt allerdings auch die klar schlechtere OpenGL-Geschwindigkeit auf. Das könnte aber auch an den von uns ausgewählten Benchmarks und fehlenden Optimierungen seitens AMD liegen.

Upstream-Treiber brauchen noch Arbeit

Zusätzlich zu diesen genannten Treibern, die sich außerhalb der offiziellen Entwicklungszweige der Linux-Grafiktreiber befinden, arbeitet AMD auch an Treibern, die in eben diese Hauptzweige eingepflegt werden. Letztere werden typischerweise direkt mit den Linux-Distributionen ausgeliefert und die Grafikkarten sollten dann ohne Zutun der Nutzer direkt funktionieren.

Noch haben wir es in unserem kurzen Test aber nicht geschafft, die Radeon VII problemlos mit diesen Upstream-Treibern zu verwenden. Da der komplett freie Teil des vereinheitlichten Treibers aber läuft, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis noch fehlende Patches und Bug-Fixes eingepflegt werden.

Ausprobiert haben wir die Upstream-Treiber auf Ubuntu 18.10 mit eigens installierten Updates auf Mesa 18.3 und den Linux-Kernel 4.20. Hier fehlt außerdem noch die Firmware für die Vega20-Chips, die der AMD-Linux-Entwickler Alex Deucher bereitstellt. Damit lädt immerhin der Kernel-Treiber problemlos, vor allem die OpenGL-Bestandteile im Userspace verweigern hier dennoch ihren Dienst. Unter Opensuse Tumbleweed zeigt sich uns ein ähnliches Bild.

Verfügbarkeit und Fazit

AMD nennt für die Radeon VII offiziell einen Preis von 700 US-Dollar, hierzulande verkaufen Online-Händler die Grafikkarte für 730 Euro. Damit kostet sie etwas mehr als eine günstige Geforce RTX 2080, wohingegen Nvidia die eigene Founder's Edition für 850 Euro anbietet. Die Partner-Modelle der Radeon VII nutzen alle die gleiche Platine und die gleiche Kühlung und auch das Spiele-Bundle ist identisch: Die Karte wird mit Download-Codes für Devil May Cry 5, The Division 2 und Resident Evil 2 (Remake) verkauft.

Fazit

Die Radeon VII ist klar AMDs schnellste Grafikkarte und rund ein Viertel bis ein Drittel flotter als die bisherige Radeon Vega 64. Im Kontext bedeutet dies aber, dass die Radeon VII nur in etwa das Niveau erreicht, das Nvidias Geforce GTX 1080 Ti schon vor zwei Jahren für damals 100 Euro mehr ablieferte. Die neue Geforce RTX 2080 rechnet sogar noch ein bisschen flotter und wird derzeit von mehreren Händlern selbst als leicht übertaktete Version für weniger als 700 Euro angeboten - das ist natürlich kein Zufall, sondern so gewollt.

Um die gebotene Geschwindigkeit zu erreichen, muss AMD den 7-nm-Chip hoch takten, was mit einer Leistungsaufnahme von rund 300 Watt unter Last einhergeht. Die Radeon VII ist daher sehr laut, was gerade im Vergleich zu Nvidias angenehm ruhiger Founder's Edition der Geforce RTX 2080 ziemlich nervt. Die 16 GByte statt 8 GByte Videospeicher sind in Spielen selbst in 5K-Auflösung nur selten wirklich hilfreich und beim Rendering oder Video-Export in den meisten Fällen schlicht egal. Vorteile hat die Radeon VII bei einigen wenigen OpenCL-Anwendungen, oft gibt es aber einen CUDA-Pfad exklusiv für Geforce-Modelle, der dank Optimierung seitens Nvidia ähnlich schnell ist.

Angesichts des höheren Preises, der leicht niedrigeren Performance, der hohen Leistungsaufnahme sowie der lauten Kühlung und auch wegen der fehlenden Raytracing-Hardware ist die Radeon VII keine echte Alternative zur Geforce RTX 2080. Ohnehin erscheint uns die Grafikkarte mehr als technisch spannender 7-nm-Test, welche in ihrer Nische exzellent abschneiden kann, aber als Gesamtpaket aufgrund der Konkurrenz nicht empfehlenswert ist.  (ms)


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