Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/rohstoffe-woher-kommt-das-kobalt-fuer-die-e-auto-akkus-1901-138809.html    Veröffentlicht: 18.01.2019 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/138809

Rohstoffe

Woher kommt das Kobalt für die E-Auto-Akkus?

Für den Bau von Elektroautos werden Rohstoffe benötigt, die aus Ländern kommen, in denen oft menschenunwürdige Arbeitsbedingungen herrschen. Einige Hersteller bemühen sich zwar, fair abgebaute Rohstoffe zu verwenden. Einfach ist das aber nicht, wie das Beispiel von Kobalt zeigt.

Nur noch fair abgebautes Kobalt für Elektroautos aus München: BMW hat im Dezember angekündigt, in Zukunft nur noch Kobalt zu verwenden, das unter professionellen Bedingungen gewonnen worden sei. Das meiste Kobalt kommt aus der Demokratischen Republik Kongo, wo der Rohstoff zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut wird. Dennoch sei es möglich, nur fair abgebautes Kobalt zu verwenden, sagt der Diplom-Geologe Uwe Näher im Gespräch mit Golem.de.

Näher arbeitet bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und ist dort Leiter des Projekts "Unterstützung der Einführung und Umsetzung eines Zertifizierungssystems für mineralische Rohstoffe in der DR Kongo". Seit 2009 kümmert sich die BGR darum, den Abbau von Konfliktmineralien zu zertifizieren. "Wir machen Mineninspektionen und Audits und versuchen durch diese Audits in Kombination mit Schulungen zu erreichen, dass die Minen Mindeststandards bei der Produktion einhalten. Wenn das geschieht und Verbesserungen nachweisbar sind, werden diese von uns zertifiziert."

Bei den Konfliktmineralien gelinge das inzwischen recht gut: 80 Prozent stammten aus zertifizierten Minen. Zu den Konfliktmineralien zählen Gold und die drei Ts: Zinn, Wolfram und Coltan (Englisch: Tin, Tungsten und Tantal). Kobalt hingegen gehört nicht dazu, weshalb es kein System zur Zertifizierung gebe.

Kobalt ist ein Übergangsmetall, das wie Tantal für die Herstellung elektronischer Geräte benötigt wird. Es ist zum Beispiel ein wichtiger Bestandteil von Akkus. Im Kongo gibt es mit Abstand die größten Vorkommen von Kobalt, das Land ist der größte Produzent: Von dort kommen gut 64 Prozent des Rohstoffs. Derzeit werden laut United States Geological Survey rund 110.000 Tonnen Kobalt im Jahr gefördert.

Der überwiegende Anteil stammt aus industriellen Minen. "Rund 80 Prozent des Kobalts im Kongo werden industriell abgebaut, also wie in jeder industriellen Mine weltweit. Da werden Sicherheitsstandards eingehalten", sagt Näher. "Die Besitzer dieser Minen sind auch zum großen Teil an den Börsen gelistet. Die Aktionäre sind schon darauf bedacht, dass da nach industriellen Standards abgebaut wird."

Das Problem ist der Rest: 15 bis 20 Prozent kommen aus dem artisanalen oder Kleinbergbau. Kleine Kooperativen betrieben diese Minen und bauten das Kobalt unter schwierigen Bedingungen meist per Hand ab. "Das Hauptproblem sind unsichere Arbeitsbedingungen", sagt Näher: Die Arbeiter seien gar nicht oder nur schlecht ausgebildet, es fehle an Ausrüstung, die Stollen seien nicht sicher, so dass es öfter zu Unfällen komme. Medizinische Versorgung gebe es dann kaum für die Verunglückten. Offizielle Statistiken, etwa über die Unfälle, gibt es nicht. "Wir versuchen seit Jahren, an Zahlen heranzukommen", sagt Näher.

Auch für die Umwelt ist der artisanale Bergbau nicht gut: Die Minen entstehen dort, wo das Erz gefunden wird. Was im Weg ist, wird oft abgeholzt und anschließend nicht wieder aufgeforstet. So werden Ackerflächen, aber auch Wald und Savanne zerstört.

In einigen dieser Minen werden sogar Kinder zur Arbeit herangezogen. Unternehmen seien gut beraten, von Kobalt aus dem artisanalen Sektor vorerst die Finger zu lassen und nur industrielles Kobalt zu verarbeiten, sagt Näher. Bei Kobaltbezug aus dem artisanalen und Kleinbergbau sei zu prüfen, ob die OECD-Sorgfaltspflichten eingehalten worden seien.

Das Problem: Das ist nicht so einfach.

Wo bleibt das Kobalt?

Im Kongo wird zwar weltweit das meiste Kobalt abgebaut. Aber nur knapp über ein Prozent des raffinierten Kobalts stammt auch von dort. Die Verarbeitung und damit auch die Wertschöpfung findet anderswo statt: Rund 95 Prozent der kongolesischen Produktion - industrieller wie artisanaler - gehen nach China, wo es zu Herstellung von Akkus und elektronischen Geräten verwendet wird. Ein Teil geht zum gleichen Zweck nach Südkorea und Japan.

Das Problem sei die komplexe Handelskette, über die das artisanale Kobalt auf den Markt komme, sagt Näher: Die Kooperativen verkauften es an einen Zwischenhändler, die es dann oft an den nächsten weiterverkauften. "Dann wird es undurchsichtig", sagt Näher. "Es gibt verschiedene Handelsketten und sehr viele Akteure. Wir wissen nur ungefähr, wie die Ströme sind, und was wohin geht."

Ein Teil des Kobalts geht an kleinere industrielle Minen, die es ihrer eigenen Produktion beimischen. Ein Teil des Kobalts aus dem Kleinbergbau wird illegal aus dem Land geschafft, zum Teil über das Nachbarland Sambia. Der Rest wird legal exportiert und kommt bei der Verarbeitung zur industriellen Produktion. "Es gibt eine Kontamination von Kobalt aus artisanalen Minen in den industriellen Bergbau", sagt Näher. "Um sicherzugehen, dass da keine Kontamination stattfindet, müsste man vor Ort, wo Kupfer und Kobalt verhüttet werden, Leute haben, die genau überwachen, was in die Schmelze reinkommt und woher das stammt."

Die Politik im Kongo hat ein gewisses Interesse, dass sich das ändert - der artisanale Bergbau trägt nicht dazu bei, dass sich das Image des Landes in der Welt bessert. Allerdings will sie dafür kein Geld ausgeben. Genau das wäre aber notwendig. Zudem ist die Politik selbst die Ursache, dass es den Kleinbergbau im Kongo überhaupt gibt.

Der Kongo ist seit den 1960er-Jahren Marktführer beim Kobalt. Bis in die 1990er wurde der Rohstoff in industriellen Minen abgebaut. Doch als die damalige Regierung die Löhne nicht mehr bezahlen konnte, erlaubte sie Bergleuten und kleinen Kooperativen, auf eigene Faust Kobalt abzubauen und zu verkaufen. "Damit wurde der artisanale Sektor erst geschaffen, praktisch vom Staat, und er ist nie wieder verschwunden", sagt Näher.

Er wird eher größer, und das wird sich so schnell nicht ändern.

Der Bedarf an Kobalt steigt

Kobalt ist ein wichtiger Bestandteil eines bestimmten Typs der Lithium-Ionen-Akkus, der in vielen Elektroautos eingesetzt wird, darunter auch im BMW i3, im BMW i8 oder in Teslas Model S. Die Lithium-Nickel-Mangan-Kobalt-Oxide (NMC) dienen als Speichermaterial für Lithiumionen.

Verbreitet ist der Typus, in dem Nickel, Mangan und Kobalt zu gleichen Teilen enthalten sind. In den Entwicklungsabteilungen der Auto- und Akkuhersteller wird zwar an neuen Typen geforscht, die weniger Kobalt enthalten - etwa zwei Teile Kobalt auf fünf Teile Nickel und drei Teile Mangan oder je ein Teil Kobalt und Mangan auf acht Teile Nickel.

Da aber immer mehr Elektroautos gebaut werden, steigt die Nachfrage nach dem Rohstoff weiter an. "Es gibt da verschiedene Projektionen. Eine davon geht von einem Anteil von 12 Prozent Elektroautos im Jahr 2026 aus. Unter dieser Annahme steigt die Kobaltnachfrage auf 50.000 Tonnen im Jahr zusätzlich", rechnet Näher vor. Bei einem Anteil von 18 Prozent wären es 85.000 Tonnen mehr. "Bleiben Substitutionserfolge hin zu nickelreichen Kathoden aus, könnte der Bedarf an Kobalt für Batterien noch größer werden."

Entsprechend begehrt ist das Kobalt und deshalb auch teuer. Und solange Nachfrage und Preis hoch sind, wird auch Kobalt in artisanalen Minen im Kongo gewonnen. Die 15 bis 20 Prozent aus diesem Sektor sind immer noch mehr als das, was in den nächstgrößeren Förderländern China und Kanada produziert wird. Dass sich die Situation in absehbarer Zeit ändere, hält der BGR-Mitarbeiter deshalb für unwahrscheinlich.

Eine Möglichkeit, die Situation für die Bergleute zu verbessern, wäre, die Kooperativen zu professionalisieren: Standards für den Arbeitsschutz einzuführen etwa, oder Maschinen einzusetzen, statt mit der Hand zu arbeiten.

"Wir können in die Minen gehen, wir können versuchen, dort Standards einzuführen. Das artisanale Kobalt ist aber nur marktfähig, wenn es billig von artisanalen Bergleuten gefördert wird. Sobald irgendwelche Maßnahmen ergriffen werden - Zertifizierungen, Mineninspektionen, Arbeitsschutz, Arbeitskleidung -, dann wird das artisanale Kobalt so teuer, dass es mit dem industriellen nicht mithalten kann und dann seine Marktrelevanz verlieren wird", resümiert Näher. Aber wer bezahle das? Die Frage müsse man sich stellen: "Soll das Geld von Geberländern dafür verwendet werden, dass die Bedingungen in den Kobaltminen verbessert werden? Soll die Industrie dafür zahlen oder die Endverbraucher?"  (wp)


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