Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/slack-vom-gescheiterten-mmo-zum-7-1-milliarden-dollar-unternehmen-1901-138803.html    Veröffentlicht: 21.01.2019 08:57    Kurz-URL: https://glm.io/138803

Slack

Vom gescheiterten MMO zum 7,1-Milliarden-Dollar-Unternehmen

Slack wird so hoch bewertet, dass selbst der Mitgründer des Unternehmens staunt. Für das kommende Jahr hat das aus einem Flop entstandene Unternehmen noch mehr vor - trotz der starken Konkurrenz.

"Searchable Log of All Conversation and Knowledge" - das Akronym von Slack beschreibt die Funktion des Programms recht gut. Gegründet im Jahr 2013, ermöglicht es Unternehmen, intern zu kommunizieren und dabei unter anderem in Teams zu arbeiten. Teams ist auch der Name des größten Konkurrenten: Ende 2016 startete Microsoft seine eigene Unternehmens-Chat-Software, nachdem Bill Gates selbst die Übernahme von Slack Anfang 2016 verhindert haben soll. Bisher entwickelt sich Slack enorm gut. Auf seinem dreijährigen Vorsprung vor dem viel größeren Konkurrenten kann sich das Unternehmen aber nicht ausruhen.

Im Gespräch mit Golem.de erklärt Cal Henderson, Mitbegründer und CTO von Slack, wie man erst scheitern und dann extrem erfolgreich werden kann, warum starke Konkurrenz sogar gut ist, was sein Dienst bieten muss - und warum Trägheit die größte Hürde ist. Die ungemütliche winterliche Kälte in Helsinki scheint ihn nicht zu stören - er erscheint in kurzärmligem Hemd und kurzer Hose.

Das MMO wollten zu wenige spielen

Slacks Position auf dem Markt ist derzeit komfortabel. Der Dienst hat seit seiner Erstveröffentlichung im Jahr 2013 stetig an Nutzern gewonnen. "Unsere letzten Statistiken zeigen, dass wir 8 Millionen Nutzer haben, 3 Millionen davon mit einem Bezahlkonto", erklärt Henderson. Und das Unternehmen wird hoch bewertet: "7,1 Milliarden Dollar, eine wahnwitzige Zahl", sagt Henderson halb nachdenklich, halb erstaunt. Erwartet hatte das wohl zu Beginn niemand, als Slack aus einem gescheiterten anderen Projekt entstand.

"Wir haben vier Jahre lang versucht, ein Spiel herauszubringen, aber es hat nicht geklappt", erzählt Henderson mit einem leichten Grinsen. "Wir haben ein webbasiertes MMO programmiert, das schwer zu beschreiben ist. Das war wohl einer der Gründe, weshalb es nicht erfolgreich war ...". Es handelte sich um ein nicht gewalttätiges, nicht kompetitives Exploration-Social-World-Building-Game ohne Kämpfe. "Nach vier Jahren hatten wir Hunderte begeisterte Spieler, hätten aber weitaus mehr gebraucht, um erfolgreich zu sein", sagt Henderson. Das Gute am gescheiterten Projekt: Die Entwickler verwendeten verschiedene Tools, um miteinander zu kommunizieren - aus diesen wurde Slack.

Freemium-Modell hilft bei der Verbreitung von Slack

Einer der Faktoren für dessen Erfolg ist laut Henderson der Umstand, dass Slack auch kostenlos verwendet werden kann. "Historisch gesehen gab es das kaum im Bereich der Business-Software. Es war immer so, dass man ein Programm geschrieben und dieses für die Nutzung an ein Unternehmen verkauft hat", sagt Henderson. Das Freemium-Modell von Slack hingegen setzt nicht zwingend darauf, dass die Unternehmen es letztlich auch kaufen. "Wenn jemand unser Programm praktisch findet und es genügend nutzt, dann kauft er es vielleicht. Oder er erzählt anderen Leuten davon, größeren Unternehmen, die dann vielleicht einen Bezahl-Account kaufen." Mundpropaganda ist für Slack also immer noch auch ein wichtiger Punkt.

"Es ist wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu finden, an dem Geld von den Nutzern verlangt wird. Ich glaube, wir haben das ganz gut gemacht", sagt Henderson. Der relativ hohe Anteil von zahlenden Nutzern gemessen an der Zahl von Gesamtnutzern scheint ihm bei dieser Ansicht recht zu geben.

Nicht nur Microsoft ist ein Konkurrent

Doch die Konkurrenz ist stark. "Microsoft ist ein gigantisches Unternehmen mit viel Erfahrung. Sie sind der Konkurrent, den wir im Blick haben. Meistens haben neue Nutzer von Slack aber bisher noch keine Messaging-Software in ihrem Unternehmen eingesetzt", erklärt Henderson. Das Problem ist also nicht, künftige Nutzer von einer anderen Software wegzubekommen, sondern den inneren Schweinehund zu bekämpfen. "Unser größter Konkurrent ist die Trägheit bei der Nutzung traditioneller Kommunikationsmöglichkeiten in Unternehmen, meistens eine Mischung aus E-Mails, Whatsapp und SMS und Skype und Google Chat - alles fragmentierte Lösungen", sagt Henderson. "Die größte Hürde, die wir in einem solchen Fall nehmen müssen, ist es, die Nutzer zu überzeugen, dass Slack der bessere Weg der Kommunikation ist."

Es geht also nicht darum, Nutzer von einer Software wie Teams abzuwerben, sondern sie vom Sinn einer Gesamtlösung wie Slack zu überzeugen. "Google hat über zwei Jahre untersucht, was Arbeitsteams effektiv macht, und dazu eine Studie veröffentlicht. Der einzige konsistente Faktor war, wie gut das Team miteinander kommuniziert", sagt Henderson. "In jedem Unternehmen gibt es ein riesiges ungenutztes Potenzial, die Mitarbeiter besser zusammenarbeiten zu lassen."

Microsofts Markteinstieg bestätigt Notwendigkeit von Kommunikationssoftware

Henderson sieht den Markteintritt von Microsoft mit Teams sogar positiv. "Wenn Microsoft ein ähnliches Produkt wie Slack anbietet, ist das eine gute Marktbestätigung, die den Kunden zeigt: Das ist eine Produktkategorie, die in der Zukunft gebraucht wird." Eine Komplettlösung, wie sie Microsoft mit Teams als Teil seiner Office-Suite anbietet, soll Slack aber nicht sein.

"Eines der Dinge, die wir realisiert haben, ist: Wir werden nie das beste Tracking-Tool, das beste Schreibprogramm oder das beste Marketing-Tool anbieten können. Es gibt Unternehmen, die sich exakt auf diese Anwendungen konzentrieren und dabei das bestmögliche Resultat erzielen", erklärt Henderson. "Wir konzentrieren uns darauf, der beste Knotenpunkt für Kommunikation und Kollaboration zu sein und sicherzustellen, dass wir mit vielen anderen Diensten kompatibel sind." Dazu zählen sowohl Onedrive, Dropbox und Box als auch Google Drive.

Verglichen mit Microsoft sieht Henderson sein Unternehmen auch in einem anderen Punkt im Vorteil: "Wir stellen ein einziges Produkt her, und unsere Arbeit und unser Geld gehen komplett in die Entwicklung dieses einen Produktes. Microsoft hat Dutzende Produkte in Office 365, auf die die Arbeit aufgeteilt werden muss." Außerdem sieht Henderson einen Trend dahingehend, dass Unternehmen nicht mehr zwingenderweise Software von nur einem Hersteller kaufen. Stattdessen werden Einzellösungen herausgesucht und diese im Unternehmen kombiniert - ein Vorteil für Slack, das nur Kommunikation und Kollaboration im Betrieb ermöglichen will.

Slack will die Suche weiter verbessern

Fehlerfrei ist Slack aber natürlich nicht; besonders die Suche nach älteren Nachrichten ist einer der Punkte, die Nutzer an der Software kritisieren. "Die Suche ist definitiv einer der Punkte, an deren Verbesserung wir arbeiten", erklärt Henderson. "Viele Arbeitnehmer geben einen großen Teil ihrer Arbeitszeit dafür aus, Informationen zu finden, die bereits innerhalb der Organisation vorhanden ist. Wir wollen versuchen, derartige Informationen leichter mit der Suchfunktion finden zu können."

Dabei soll es auch möglich sein, nicht nur direkt bestimmte Informationen zu finden, sondern auch die Menschen mit den entsprechenden Kenntnissen - oder Orte, an denen nach Infos gefragt werden kann. "Die Aufgabe ist: Wie können wir derartige Informationen durch die Suche wertvoller machen? Das hängt auch damit zusammen, wie lange Nutzer Slack verwenden und welche Konversationen sie in Slack führen."

In der nächsten Zeit will Slack den Unternehmensfokus auf Wachstum setzen - sowohl bei der Marktdurchsetzung als auch beim Unternehmen selbst. Die Hoffnung liegt darin, auch in stärker regulierte Industrien einsteigen zu können. "Ich denke, es gibt immer Raum für Verbesserung, besonders im Bereich Nutzerfreundlichkeit. Auch bezüglich eher langweiligerer Themen wie Performance und Zuverlässigkeit, der Ladezeit und der Nutzung der Computerressourcen."

Shared Channels sollen bessere Vernetzung mit anderen Unternehmen bringen

"Eine andere Funktion, die wir in der Betaversion bereits eingeführt haben, sind die Shared Channels", erklärt Henderson. Mit den Shared Channels können Diskussionskanäle zwischen dem eigenen Unternehmen und einem außenstehenden aufgebaut werden. Damit könnten beispielsweise Firmen einen direkteren Kontakt zu ihrem PR-Unternehmen unterhalten.

Das Jahr 2019 wird zeigen, ob Slack seine starke Marktbewertung aufrechterhalten kann. Microsoft mit Teams als Teil des Office-Paketes hat natürlich eine starke Marktposition, die sich schlicht aus der jahrzehntelangen Erfahrung und der Größe des Unternehmens ergibt. Mit dem Versuch, sein Programm als Insellösung weiter zu spezialisieren und zu optimieren, könnte Slack allerdings am Ende weiter Marktanteile gewinnen.  (tk)


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