Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/vivy-co-gesundheitsapps-kranken-an-der-sicherheit-1901-138622.html    Veröffentlicht: 11.01.2019 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/138622

Vivy & Co.

Gesundheitsapps kranken an der Sicherheit

Mit Sicherheitsversprechen geizen die Hersteller von Gesundheitsapps wahrlich nicht. Sie halten sie jedoch oft nicht.

Der Zugriff auf Patientendaten soll einfacher werden, aber so sicher wie Online-Banking mit PIN und TAN sein. So stellt sich der Gesundheitsminister Jens Spahn die Zukunft vor. Der Sicherheitsforscher Martin Tschirsich hat mehrere Gesundheitsapps untersucht und fand Sicherheitslücken, wo er auch hinschaute.

Begonnen hatte Tschirsich seine Untersuchung mit der im September 2018 veröffentlichten Gesundheitsapp Vivy. Die App wurde von mehreren Sicherheitsfirmen geprüft, mit TÜV-Siegel versehen und mit der Aussage "Sicherheit auf höchstem Niveau" vermarktet. Dennoch fand Tschirsich gravierende Sicherheitslücken in der App, die der Mitarbeiter von der Sicherheitsfirma Modzero im Oktober veröffentlichte. Diese seien innerhalb von 24 Stunden behoben worden, betont Vivy.

Wieder Lücken in Vivy

Ist Vivy nun sicher? Tschirsich hat sich die App für den 35. Chaos Communication Congress (35C3) in Leipzig nochmals angeschaut und kommt zu dem Schluss: nein, ist sie nicht. Ein Angriff nutzt die Funktion von Vivy, Dateien mit dem Arzt auszutauschen. Wird dem Arzt eine Datei gesendet, die Javascript-Code enthält, wird dieser im Browser des Arztes ausgeführt. Tschirsich konnte auf diese Art die Dokumente der anderen Versicherten, auf die der Arzt Zugriff hat, auslesen und an sich senden lassen. Es lassen sich also auch zwei Monate, nachdem Vivy nachgebessert hat, die von den Patienten an den Arzt übermittelten Dateien kopieren.

Auch die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von Vivy konnte Tschirsich erneut angreifen. Vivy hat hier nachgebessert: Der Schlüssel des Arztes ließ sich nicht mehr einfach auslesen, aber er ließ sich überschreiben. Ein Angreifer kann also einfach seinen Schlüssel bei dem Arzt hinterlegen und abgefangene Nachrichten mit diesem entschlüsseln. Da Vivy keinerlei Authentifizierung der Schlüssel bietet, müssen Nutzer dem Schlüssel vertrauen, den er vom Arzt bekommt. Ob dieser gefälscht wurde, können sie nicht überprüfen.

Vivy wird von 16 gesetzlichen und drei privaten Krankenkassen unterstützt und ist eine Art Testballon für den Zugriff auf Patientendaten via Smartphone und Tablet, wie es sich Gesundheitsminister Spahn wünscht. Doch es gibt auch andere Anbieter für die Verwaltung von Gesundheitsdaten auf dem Markt. Tschirsich wollte wissen, wer es besser macht und hat sich deren Dienste angeschaut. Machen es Neulinge, der Marktführer mit langjähriger Erfahrung oder ein von Ärzten selbst entwickeltes System besser?

Ein Gesundheitskonto voller Lücken

Seit 2011 gibt es Vitabook. Das Unternehmen treibt die Analogie zum Online-Banking auf seiner Webseite auf die Spitze: Die Gesundheitskarte würde zur Kontokarte, die Versicherungsnummer zur Bankleitzahl und die Versichertennummer zur Kontonummer. Im Gesundheitskonto von Vitabook können Nutzer Dateien hochladen und mit dem Arzt teilen, ihren Impfpass und Notfalldaten hinterlegen und etliche weitere sensible Gesundheitsdaten speichern. Diese Daten werden über eine Weboberfläche verwaltet. Eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gibt es nicht, doch "Datensicherheit, Datenschutz und Compliance sind beim Vitabook-Gesundheitskonto auf höchstem Niveau gewährleistet", verspricht das Unternehmen.

Tschirsich konnte mittels SQL-Injektionen auf die unverschlüsselt abgelegten Gesundheitsdaten zugreifen. Die Passwörter werden auf dem Server nicht im Klartext gespeichert, Sicherheit auf höchstem Niveau entsprechen ungesalzene SHA1-Hashes aber auch nicht. Insgesamt gibt es massiven Datenreichtum. "Sicherheitstechnisch eher mau", fasst Tschirsich zusammen.

Unsicher mit dem Arzt chatten

Mit den Diensten von Teleclinic können Patienten ihre Ärzte online im Videochat konsultieren. Sie können ihnen auch Dokumente beispielsweise zu früheren Befunden übermitteln. In Baden-Württemberg firmiert der Dienst unter dem Namen Docdirekt und steht allen gesetzlichen Versicherten kostenfrei zur Verfügung. Auch bei Teleclinic genießt die Sicherheit "zu jedem Zeitpunkt höchste Priorität".

Der Sicherheitsforscher konnte jedoch das Passwort jedes beliebigen Teleclinic-Nutzers ändern. Der HTTP-Request zur Änderung eines Passwortes war bei Teleclinic bis auf die Nutzer-ID immer gleich. Tschirsich konnte die Nutzer-ID einfach ersetzen und das Passwort eines anderen Teleclinic-Nutzers ändern.

Auch Meinarztdirekt.de bietet eine Online-Sprechstunde per Videochat an. Doch auch bei diesem Dienst - von einem Arzt mitentwickelt - lässt der Datenschutz zu wünschen übrig. Rechnungen von anderen Patienten können in der Weboberfläche zwar nicht angesehen, dafür aber ausgedruckt werden.

Die Techniker Krankenkasse setzt auf ihre eigene App: TK-Safe, die über eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung verfügt. Damit auch nach dem Verlust des Gerätes noch auf die Daten zugegriffen werden kann, ermöglicht die App den Export des Schlüssels. So weit, so üblich. Allerdings wird der Schlüssel als Bild in die Galerie des Smartphones exportiert - ein Ort, an dem ein Schlüssel ganz sicher nicht aufbewahrt werden sollte. Etliche Apps haben Zugriff auf die Bildergalerie. Teilweise werden die Bilder automatisch mit Online-Diensten wie der Cloud von Google oder Apple synchronisiert. Allerdings befindet sich TK-Safe noch in der Betaphase, ist also noch unfertig.

Schon seit vielen Jahren und in 55 Ländern gibt es die Secure Medical Cloud von CGM Life. Trotz der langjährigen Erfahrung finden sich auch hier Sicherheitslücken, mit denen man ganze Accounts übernehmen kann.

Viele Fehler und ein düsterer Ausblick

CGM Life bietet in seiner Cloud verschiedene Dienste, die miteinander interagieren und auf Daten in der Cloud zugreifen können. So kann beispielsweise eine Krankenkasse ein eigenes Weblogin für ihre Kunden bereitstellen. Einige dieser Anwendungen unterstützen die Zwei-Faktor-Authentifizierung, manche setzen dies sogar zwingend voraus. Durch die verschiedenen Loginmöglichkeiten der Gesundheitsplattform kann ein Angreifer die Zwei-Faktor-Authentifikation umgehen, indem er sich auf der Webseite von CGM Life mit dem Passwort und ohne zweiten Faktor einloggt, statt sich bei der Krankenkasse einzuloggen, die einen zweiten Faktor verlangt.

Wie bei Vivy konnten auch Patienten über CGM Life Dateien mit Ärzten austauschen. Die Akten sind mit einer sechsstelligen PIN geschützt - diese kann mit einem Brute-Force-Angriff, also mit dem Durchprobieren der Zahlenfolgen, geknackt werden.

CGM Life nutzt eine Login-Technik, die es ermöglicht, die Passwörter komplett auf dem eigenen Rechner durchzuprobieren, was einen Brute-Force-Angriff mit hoher Geschwindigkeit ermöglicht. Ein Nutzer, der sich auf der CGM-Plattform anmelden will, erhält beim Login ein zu seiner E-Mail-Adresse passendes "Secret". Dieses und das Passwort ergeben zusammen den Private-Key des Nutzers. Tschirsich konnte das zu einer E-Mail-Adresse eines Nutzers passende Secret abgreifen, den öffentlichen Schlüssel herunterladen und anschließend offline die Passwörter eines Wörterbuches ausprobieren. Das hat er auch getan: Er hat deutsche E-Mail-Adressen von Dropbox heruntergeladen, von denen drei Prozent bei CGM Life angemeldet waren. Von diesen konnte er das zur E-Mail-Adresse passende Secret herunterladen und alle Passwörter beziehungsweise Wörter eines Wörterbuches durchprobieren. So konnte er drei Prozent der Passwörter auf seinem vier Jahre alten Laptop errechnen.

Nicht einmal so sicher wie Online-Banking

Zusammengefasst sei die Sicherheit der Gesundheitsapps und -dienste nicht einmal auf dem Niveau von Online-Banking - und unsere Gesundheitsdaten sollten eigentlich besser geschützt werden als unsere Finanzdaten. "Wenn ich jetzt anfange, Bankdaten zu sammeln, dann interessieren die in 20 Jahren niemanden mehr. Gesundheitsdaten schon", sagt Tschirsich. Johannes Buchmann, Professor für Kryptographie an der TU-Darmstadt, geht davon aus, dass es keinen Datenspeicher gibt, der Daten 20 Jahre sicher aufbewahren kann. Wie sollen wir dann unsere Gesundheitsdaten sicher lagern? Dennoch werden die elektronische Gesundheitsakte und die elektronische Patientenakte kommen. Zeit, sich jetzt für eine gute und sichere Umsetzung einzusetzen, fordert Tschirsich.  (mtr)


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