Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/royole-flexpai-im-hands-on-display-top-software-flop-1901-138601.html    Veröffentlicht: 09.01.2019 10:40    Kurz-URL: https://glm.io/138601

Royole Flexpai im Hands on

Display top, Software flop

Das Flexpai ist weltweit das erste Smartphone mit faltbarem Display auf dem Markt. Uns gefällt das Gerät von Royole im Hands on eigentlich gut, ganz fertig ist es aber noch nicht.

Nicht Samsung hat Ende 2018 das erste kommerziell erhältliche Smartphone mit faltbarem Display auf den Markt gebracht, sondern das chinesische Unternehmen Royole: Der Spezialist für gebogene OLED-Bildschirme überraschte mit dem Flexpai. Bisher ist das Gerät erst in China erhältlich, bald soll aber auch ein Start in den USA und in Europa erfolgen.

Auf der Elektronikmesse CES 2019 zeigt der Hersteller sein Smartphone. Wir haben uns das biegbare Gerät in einem ersten Test genauer angeschaut. Besonders interessiert hat uns dabei, wie Royole die empfindliche Stelle umgesetzt hat, an der das Display gebogen wird. Die Umsetzung des Faltmechanismus hat uns insgesamt gut gefallen - die Software hingegen ist noch stark verbesserungswürdig.

Dem Flexpai sieht man unmittelbar an, dass es kein herkömmliches Smartphone ist. Im zusammengeklappten Zustand ist das Gerät ziemlich dick und keilförmig: Die Stelle, an der das Display gebogen wird, ist dabei dicker als das andere Ende. Ausgeklappt ist das Gerät 7,6 mm dick - zusammengefaltet also an der dünnsten Stelle mindestens 15,2 mm, an der Faltstelle ungefähr noch einmal doppelt so dick. Entsprechend ist es ein ziemlicher Klotz in der Hosentasche. Bei einer herkömmlichen Herrenjeans ist es problemlos möglich, das Smartphone in eine der Vordertaschen zu stecken, bequem ist das aber nicht.

Beim ersten Auseinanderfalten fällt uns sofort auf, wie stark die Magneten sind, die die beiden Smartphone-Hälften im eingeklappten Zustand zusammenhalten. Das ist vorteilhaft, um ein versehentliches Auseinanderklappen der Hälften zu vermeiden. Sind die Hälften erst einmal getrennt, lässt sich das Flexpai leicht auseinanderklappen. Das Gelenk ist aber fest genug, um das Smartphone beispielsweise im Zeltmodus auf eine Oberfläche zu stellen.

Auseinandergeklappt hat das Gerät eine Displaydiagonale von 7,8 Zoll, es lässt sich also gut als handliches Tablet verwenden. Auf dem ausgeklappten Display können wir keine Faltspuren wie Beulen oder Verzerrungen erkennen, der Bildschirm ist glatt. Dafür sorgt das mehrteilige Gelenk, das mit einer Art Gummiüberzug am Rand des Smartphones und auf der Rückseite geschützt ist. Das sieht nicht unbedingt schick aus, erfüllt aber seinen Zweck.

Allerdings schafft es Royole nicht, das aufgeklappte Flexpai wirklich plan zu bekommen. Wir können das Gelenk zwar so weit beugen, dass das ausgeklappte Smartphone gerade ist; lassen wir dann aber los, um es zu nutzen, sorgt die Eigenspannung dafür, dass sich die beiden Hälften wieder ein wenig zurückbewegen. In der kurzen Nutzungszeit hat uns das interessanterweise nicht gestört, da die leichte Beugung nicht zu Verzerrungen auf dem Bildschirm geführt hat.

Verschiedene Bildschirmmodi mit Verzögerungen

Im zusammengeklappten Zustand verfügt das Flexpai über drei Bildschirmteile: einen jeweils vorne und hinten sowie einen dritten, 390 x 1.440 Zoll großen im Bereich des Gelenks. Hier sollen später einmal Benachrichtigungen angezeigt werden - aktuell ist das noch nicht möglich.

Haben wir das Flexpai eingeklappt, bleiben in der Standardeinstellung der vordere und der rückseitige Bildschirmbereich aktiv. Auf der Vorderseite wird uns der Startbildschirm angezeigt, auf der Rückseite ein Bereich mit einem Google Now ähnlichen Widget. Drücken wir auf eine kleine Schaltfläche am unteren linken Bildrand, können wir den jeweils gegenüberliegenden Bildschirmteil ausschalten. Dadurch soll Energie gespart werden. Drehen wir das Flexpai dann um, wird nur die Seite, auf die wir schauen, aktiviert.

In der Praxis funktioniert das zwar, aber mit einiger Verzögerung. Drehen wir das Smartphone bei vollständig aktiviertem Bildschirm um, dauert es einige Sekunden, bis das Widget geladen wird. Verwenden wir die Kamera-App, können wir wie bei einem normalen Smartphone die Frontkamera aktivieren. Dann sagt uns die Anwendung, dass wir das Flexpai umdrehen sollen.

Auf dem rückseitigen Display soll dann das Sucherbild angezeigt werden, was auch nach mehreren Versuchen nicht geklappt hat. Irgendwann, nachdem wir die Kamera-App schon wieder verlassen haben, zeigt das Smartphone nach dem Umdrehen dann das Vorschaubild.

Auch beim Drehen des Smartphones vergeht für unseren Geschmack zu viel Zeit, die Animation ist zudem ruckelig. Royole muss bei der Software definitiv noch nachbessern, das System läuft besonders bei der Nutzung der verschiedenen Bildschirmoptionen noch viel zu unrund.

Versehentliche App-Starts beim Auf- und Zuklappen

Dazu kommen kleine Probleme, die mit der Konstruktion einhergehen. Das Flexpai hat einen recht schmalen Rahmen um das Display; das führt bei uns dazu, dass wir jedes Mal, wenn wir das Gerät zusammen- oder aufklappen, unabsichtlich Apps ausführen. Selbst, wenn wir besonders vorsichtig dabei sind, können wir eine versehentliche Ausführung von Anwendungen nicht verhindern. Wie Royole dieses Problem angehen wird, ist noch nicht bekannt.

Auch bei App-Starts hat das Flexpai mitunter noch Schwierigkeiten. So ist während unseres Tests immer wieder der Chrome-Browser abgestürzt. Auch beim Entsperren hat das Flexpai mitunter träge reagiert. Royole hat in unseren Augen mögliche Probleme bezüglich des Faltmechanismus zwar verhindern können, bei der Software aber noch arge Schwierigkeiten.

Die Prozessorleistung des Flexpai konnten wir nicht überprüfen. Auch die Qualität der Dualkamera konnten wir nicht testen.

Fazit

Von der Verarbeitung und der Technik des Faltmechanismus her macht das Flexpai von Royole einen guten Eindruck. Der Bildschirm zeigt keine Abnutzungserscheinungen am Gelenk, obwohl das uns gezeigte Gerät sicherlich schon den ein oder anderen Faltvorgang hinter sich hat.

Die Konstruktion zeigt aber auch einige konstruktionsbedingte Nachteile. So ist es nicht möglich, das Flexpai im ausgeklappten Zustand wirklich plan zu bekommen - die Eigenspannung des Gelenks verhindert das. Uns hat dies während der Nutzung nicht gestört, das kann aber bei manch anderem Nutzer anders sein.

Zudem ist das Flexpai aufgrund des Gelenks im zusammengeklappten Zustand alles andere als dünn. In der Hosentasche nimmt das Gerät eine Menge Raum ein, in Hosen mit kleinen Taschen passt das Smartphone wohl nicht hinein.

Uns stört die aktuelle Qualität der Software allerdings mehr als die Hardwareproblemchen, die wir für das erste Gerät seiner Art für verschmerzbar halten. Bei der Software werden wir das Gefühl nicht los, dass Royole zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schlicht noch nicht mit der Entwicklung fertig war.

Möglicherweise wollte der chinesische Hersteller aus Prestigegründen unbedingt vor Samsung das weltweit erste Smartphone mit faltbarem Display veröffentlichen. Und von der Hardware her ist Royole offenbar auch wirklich so weit, ein marktreifes Gerät auf den Markt zu bringen.

Die Software ist bei einem derartigen Projekt allerdings ebenso wichtig, und bei der hakt es beim Flexpai noch ordentlich. Vor einem möglichen Marktstart in den USA und Europa sollte der Hersteller das langsame und fehlerbehaftete System in den Griff bekommen - im aktuellen Zustand ist der Preis von 1.318 US-Dollar für die 128-GByte-Version und 1.469 US-Dollar für die 256-GByte-Variante unserer Meinung nach nur schwer zu rechtfertigen.  (tk)


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