Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ccc-und-die-afd-wie-politisch-darf-ein-hackertreffen-sein-1812-138441.html    Veröffentlicht: 30.12.2018 17:11    Kurz-URL: https://glm.io/138441

CCC und die AfD

Wie politisch darf ein Hackertreffen sein?

Droht eine Republicanisierung des Chaos Communication Congress? Der CCC nutzte das Tagungsmotto "Refreshing Memories", um auf dem 35C3 über den Umgang mit rechten Parteien und die Bedeutung der Hackerethik zu erinnern.

Schon am Eingang zum 35. Chaos Communication Congress (35C3) war deutlich zu sehen, dass auf dem Leipziger Messegelände Vertreter von rechten Positionen nicht gerne gesehen waren. Eine überdimensionale Fahne der Antifaschistischen Aktion empfing die Besucher des diesjährigen Hackertreffens. Dennoch gab es auf dem 35C3 plötzlich eine Debatte "über die vielen Feminismus-Inhalte und die Anti-AfD-Positionen", wie es Fefe in einem Blogbeitrag formulierte. Ist der Kongress inzwischen zu politisch und nicht mehr nerdig genug?

Fefe störte sich ebenfalls daran, dass sehr viele Vorträge von Mitarbeitern des Blogs Netzpolitik.org auf dem diesjährigen Programm standen. Dabei stelle sich die Frage, "wieso die das nicht auf der Republica machen, sondern beim CCC" und ob dadurch andere Projekte weniger beachtet würden. Droht daher aus dem Hackerkongress ein Bloggertreffen zu werden, eine Art Republica im Winter?

Viele Themen für Einsteiger

In der Tat fiel auf, dass auf dem 35C3 etliche Vorträge im Programm waren, die sich explizit an Einsteiger richteten. "Datenschutz für Neulandbürger", "How does the Internet work" oder "Die EU und ihre Institutionen" klingen nicht unbedingt nach typischen Hackerthemen. Doch der Chaos Computer Club (CCC) sieht darin kein Indiz, dass sich der Kongress von früheren Schwerpunkten entfernt. "Wir dürfen als Hacker-Community nicht vergessen, Leute da abzuholen, wo sie sich befinden", sagte CCC-Sprecher Nexus im Gespräch mit Golem.de.

Es stehe dem Verein nicht zu, zu sagen: "Wir sind die technischen Profis in jedem Bereich und wir machen jetzt die hochkomplexen Vorträge zu verschiedenen Themen." Es gebe auch Leute, die in ein bestimmtes Thema reinschnuppern und über neue Bereiche etwas lernen wollten. Passend zum Tagungsmotto "Refreshing Memories" bot CCC-Sprecher Frank Rieger daher eine Einführung in die Hackerethik an.

Unvereinbarkeit mit rechtsextremen Positionen

Für Nexus liegt das Interesse an Einsteigerthemen auch in dem ständigen Anstieg der Teilnehmerzahlen begründet. Seit 2013, dem Jahr der Snowden-Enthüllungen, nahm die Zahl von 9.000 auf mehr als 16.000 in diesem Jahr zu. Ein Anstieg um gut 80 Prozent in fünf Jahren. Darunter waren auch in diesem Jahr wieder viele Erstbesucher. So gingen bei der Auftaktveranstaltung am Donnerstag im größten Saal fast alle Hände in die Höhe, als die Moderatoren wissen wollten, wer zum ersten Mal am Kongress teilnehme. Das sei wichtig für den CCC, sagt Nexus: "Wir brauchen Impulse von außen, um nicht stecken zu bleiben."



Verwundert hat ihn allerdings die Debatte, dass der CCC plötzlich "zu links" sein soll. "Der Club ist im Zusammenhang mit der Kommune 1 gegründet worden, das haben wir auch nie verschwiegen", sagte Nexus und fügte hinzu: "Wir haben eine Vorstellung, wie diese Welt funktionieren muss, die einen ganz stark politisch orientierten Hintergrund hat und die mit einem rechten Weltbild absolut nicht vereinbar ist." Er verweist auf eine im Jahr 2005 beschlossene Unvereinbarkeitserklärung, in der es unter anderem heißt: "Der CCC erklärt das Vertreten von Rassismus und von der Verharmlosung der historischen und aktuellen faschistischen Gewalt für unvereinbar mit einer Mitgliedschaft. Dazu gehören insbesondere die Mitgliedschaft in oder Unterstützung einer rechtsextremen oder rechtsradikalen Organisation."

Vortrag über Netzpolitik der AfD

Entzündet hatte sich die Debatte unter anderem an dem Vortrag der früheren Piratenpolitikerin Miriam Seyffarth mit dem Titel "Mind the Trap: Die Netzpolitik der AfD im Bundestag" (Video). Nun ist ein solches Thema ungefähr so ergiebig wie ein Vortrag über die Heringsfischerei in Oberbayern. Spätestens der Rücktritt ihres netzpolitischen Sprechers Uwe Kamann im Dezember 2018 hat deutlich gemacht, dass dieses Thema für die Fraktion praktisch keine Rolle spielt. Sämtliche netzpolitischen Anfragen von Golem.de an die AfD blieben bislang unbeantwortet.

Dass Seyffarth ihre Erkenntnisse vor allem dadurch gewinnen konnte, weil sie für die Grünen-Abgeordnete Tabea Rößner arbeitet, dürfte AfD-Anhängern ebenfalls nicht gefallen haben. Fefe empfahl sogar, dass der CCC "mehr auf seine Neutralität Wert legen sollte und Leuten nicht vorschreiben sollte, wen sie wählen sollen".

Politik und Technik eng verwoben

Da die AfD erst 2013 gegründet wurde, kann sie anders als die FPÖ, die Republikaner oder die NPD nicht in der Unvereinbarkeitserklärung des CCC genannt werden. Allerdings sei die Liste "als offene Liste zu verstehen", sagt Nexus und ergänzt: "Alle Organisationen und Gruppierungen, die sich gegen eine offene, freiheitliche Weltordnung richten, die die Gleichheit von Menschen auf Basis von Herkunft in Frage stellen und ein menschenfeindliches Weltbild vermitteln, gehören grundsätzlich in diese offene Liste".



Die Kritik an der zunehmenden Politisierung weist der CCC ebenfalls zurück. Das sei schon alleine deshalb schwer zu bewerten, weil technische und politische Themen oft eng miteinander verwoben seien. "Extrem viele Themen, die erstmal technisch klingen, haben einen politischen Hintergrund", sagt Nexus. Das gelte beispielsweise für die Biometrie-Hacks von Starbug, die auch vor dem unkritischen Einsatz solcher Techniken warnen sollten. Auf dem diesjährigen Kongress hat Starbug gezeigt, wie sich mit Toner und Bienenwachs Venenerkennungssysteme überwinden lassen.

Spektakuläre Hacks Mangelware

Weitere spektakuläre Hacks waren allerdings Mangelware - was an sich eine begrüßenswerte Entwicklung ist. Auch das könnte ein Grund für das Ausweichen auf mehr politische Themen sein. Für Nexus spielt dabei ebenfalls eine Rolle, dass beispielsweise die Debatte über US-Präsident Donald Trump die Schlagzeilen dominiert haben.

Wie es im kommenden Jahr mit dem Kongress weitergeht, steht bislang noch nicht fest. Laut Nexus soll er nicht verkleinert werden. Das bedeutet, dass neben Leipzig nur wenige Messegelände überhaupt in Frage kommen. Was die Themen angeht, steht leider zu befürchten, dass Trump auch im kommenden Jahr die politischen Debatten dominieren wird. Je nach Ausgang der Wahlen 2019, vor allem der Europawahlen, könnten politische Themen auf dem 36C3 vielleicht noch wichtiger werden.  (fg)


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