Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/it-jobs-ein-jahr-als-freelancer-1901-138315.html    Veröffentlicht: 08.01.2019 09:08    Kurz-URL: https://glm.io/138315

IT-Jobs

Ein Jahr als Freelancer

Sicher träumen nicht wenige festangestellte Entwickler, Programmierer und andere ITler davon, sich selbstständig zu machen. Unser Autor hat vor einem Jahr den Schritt ins Vollzeit-Freelancertum gewagt und bilanziert: Vieles an der Selbstständigkeit ist gut, aber nicht alles. Und: Die Freiheit des Freelancers ist relativ.

Ich habe den Ratgebern für eine eigene berufliche Identität nie geglaubt: "Finden Sie das, was Ihnen Spaß macht!" Toller Ratschlag. Für mich war Arbeit immer Arbeit und keine spaßige Berufung, deswegen heißt es ja auch Arbeit. Zeit gegen Geld, die Rechnung ist für mich einfach. Seit einem Jahr bin ich nun Vollzeit-Freiberufler und unter anderem in der IT-Branche als Projektmanager unterwegs. Und neben der nicht wegzuzaubernden Arbeit macht das tatsächlich meistens Spaß. In diesem Artikel berichte ich über die Anfänge, die Stolpersteine und habe für alle angehenden und zukünftigen IT-Freelancer ein paar Ratschläge, die mir geholfen haben, eine selbstbestimmte berufliche Existenz aufzubauen.

Die IT-Branche leidet seit Jahren an einem Fachkräftemangel. Das bedeutet, dass man sich etwa als fähiger Entwickler die Jobs fast aussuchen kann. Denn alle Unternehmen, von den Automobilherstellern bis zu den immer zahlreicher werdenden Startups, suchen fähige IT-Spezialisten für den digitalen Wandel. Vielleicht war die Zeit niemals besser, den Schritt in die Freiberuflichkeit zu wagen.

Aller Anfang ist leichter, als man denkt!

Mit dem Slogan "Es beginnt mit dir" wirbt derzeit Jogi Löw auf allen Kanälen für Pflegeprodukte. Diese Erkenntnis trifft tatsächlich nicht nur auf die morgendliche Waschroutine zu, sondern auch auf das Dasein als Freiberufler. Denn am Anfang steht die persönliche Entscheidung. Und damit auch der Wille, dem Ziel der Selbstständigkeit nachzujagen. Jagen ist in diesem Zusammenhang ein guter Begriff, denn auch ein Löwe läuft nicht nur unermüdlich der Beute nach, er lauert auf der Jagd, verhält sich manchmal ruhig und ist doch außergewöhnlich fokussiert.

Ich bin, ehrlich gesagt, nicht erst seit einem Jahr selbstständig, sondern habe mich schon vor Jahren dazu entschlossen und gezielt nach Nebenjobs gesucht, die man zusätzlich zur regulären Arbeit, also vor 9 Uhr und nach 18 Uhr, angenehm erledigen kann. Dabei war ich nicht auf eine bestimmte Branche fokussiert, sondern habe mich ausschließlich an meinen persönlichen Interessen orientiert.

Ich habe im Sportverein eine Trainerstelle angenommen, mich bei verschiedenen Unternehmen als freier Texter zur Mitarbeit beworben und ein paar eigene Projekte umgesetzt, die ich mir schon länger vorgenommen hatte. Zum Beispiel wollte ich das Erstellen von Webseiten mit Wordpress lernen und ein grundsätzliches Verständnis für Aktien und die Börse entwickeln. Mit diesem Wissen habe ich dann Webseiten gegen Lohn erstellt oder mir meinen eigenen Sparplan gebaut. Dieser Anfang war relativ leicht, denn neben dem grundsätzlichen Willen, Angefangenes auch zu Ende zu bringen, war die Sicherheit des Angestelltenverhältnisses immer noch da. Und was ich zusätzlich getan habe, hat mir die meiste Zeit Spaß gemacht. War es zäh, habe ich mir zumindest sagen können: "Du machst das hier freiwillig, du könntest jederzeit aufhören."

Warum ist dieser Spaß so wichtig?

Spaß ist oftmals die Quelle von Motivation. Jeder kennt das Gefühl, wenn man zwei Stunden länger bei der Arbeit bleibt, um eine Aufgabe zu erledigen, die man nicht machen möchte, schon gar nicht von Herzen. Die Zeit zieht sich unendlich und doch will man die Aufgabe erledigen, sie könnte ja der Karriere dienlich sein. Wenn man sich aber abends auf Youtube Videotutorials zum Erstellen cooler Webseiten mit Wordpress anschaut und das Gefühl hat, nützliches Wissen aufzusaugen, vergehen zwei Stunden wie im Flug.

Mit meinen ersten, kleineren Nebenjobs konnte ich bereits Erfahrungen mit einem eigenen Gewerbeschein sammeln. Zusätzlich haben mir Freiberufler aus dem Bekanntenkreis dazu geraten, portioniert zu denken, also mit kleineren Arbeiten anzufangen. Wenn man sich neben der regulären Arbeit gleich zu viel zumutet, fühlt man sich schnell überfordert und findet den Gedanken der Freiberuflichkeit überfordernd und angsteinflößend.

Mit den eigenen Erfahrungen und diesen hilfreichen Hinweisen war ich bereit, den Einstieg in die vollständige Selbstständigkeit zu gehen. Ich würde tatsächlich jedem empfehlen, mit überschaubaren zusätzlichen Arbeiten anzufangen und zu schauen, ob das erforderliche Maß an Selbstorganisation vorhanden ist. Diese Variante ist risikoärmer, als alles auf eine Karte zu setzen, zu kündigen und gleich komplett selbstständig loszulaufen. (Achtung: Bei manchen nebenberuflichen Tätigkeiten muss der Arbeitgeber zustimmen).

Schritt zwei und die ersten Hürden

Über eine Personalvermittlung habe ich mich für mein erstes Projekt als freier IT-Projektmanager beworben und war erfolgreich. Der Schritt, den festen Job zu kündigen, fiel dadurch leichter. Die ersten Einkünfte waren gesichert. Es folgte meine erste größere Hürde: die Bürokratie. Mir war nicht klar gewesen, was in meinem Angestelltenverhältnis eigentlich alles für mich geregelt worden war.

Beispielsweise die Beiträge zur Krankenkasse. Die werden einem als Angestellter ja direkt vom Lohn abgezogen, man kann die gesetzliche Krankenkasse meist frei wählen, und wenn man zum Arzt geht, zeigt man nur die Karte vor. Dagegen sind die vielen Tarife für Freiberufler zunächst verwirrend und die Beiträge nicht zu unterschätzen - dieses Geld muss erst mal verdient werden. Es warten Vorauszahlungen oder sogar Nachzahlungen, es gibt neben der privaten Versicherung auch die freiwillig-gesetzliche Versicherung, es gibt Tarife mit und ohne Krankengeld, und bestimmte Sonderleistungen beim Arzt muss man zusätzlich bezahlen.

Kurz habe ich es da mit der Angst zu tun bekommen, denn man möchte ja gesundheitlich abgesichert sein. Andererseits gibt es auch positive Gründe, sich der Bürokratie zu widmen. Denn Banken wie die KfW fördern zum Beispiel Gründer und Selbstständige mit Zuschüssen und günstigen Krediten. Dafür muss man keinen Investoren-Pitch wie bei der "Höhle der Löwen" hinlegen, ein ausführlicher Nachweis über die Selbstständigkeit oder das eigene Business reicht.

Wenn man keinen Kredit möchte, sollte man auf jeden Fall für die erste Zeit oder eine schlechtere Phase gespart haben. Als ich anfangs neben der regulären Arbeit ein bisschen Einkommen hatte, dachte ich, dass ich meine Einkünfte brutto wie netto betrachten könnte. Als Kleinunternehmer muss man dank §19 UstG nämlich keine Umsatzsteuer ausweisen. Die Überraschung kam dann jedoch bei der Steuererklärung im Folgejahr. Da habe ich den Unterschied zwischen Umsatzsteuer und Einkommensteuer gelernt. Ein harter Lernprozess, denn ich musste einen schmerzhaften Anteil von meinem Konto für die Steuernachzahlung abgeben. Geld, das ich eigentlich schon für andere, schönere Sachen verplant hatte.

Später hat mich meine Steuerberaterin gefragt, wie man das denn nicht wissen könne. Tja, ich habe diese Informationen in meinem Angestelltenverhältnis einfach nie gebraucht. Unglaublich für jemanden, der diese Wörter täglich mehrfach nutzt. Hat man sich aber erst einmal durch diese neuen Aufgaben gekämpft, recherchiert, Entscheidungen getroffen und sich getraut, seine Finanzen selbst zu organisieren, ist die Selbstständigkeit nicht mehr so angsteinflößend.

Kunden gewinnen, Kunden behalten, Kunden verlieren

Ich habe mir von Anfang nichts vorgemacht und gewusst, dass man auch als Freelancer nie wirklich frei ist. Es sei denn, man gewinnt vorher oder nebenbei auch noch im Lotto (obwohl selbst das ja umstritten ist). Man braucht also Unternehmen, Menschen, die bereit sind, für die angebotene Arbeitsleistung Geld zu bezahlen. Was im Betrieb so selbstverständlich wirkt, ist als IT-Freelancer eine völlig neue Erfahrung. Das Geld kommt nicht mehr regelmäßig am Ende des Monats, jeder Auftrag muss (hart) verhandelt werden.

Als IT-Projektmanager habe ich in meinem ersten Jahr einige Kunden überzeugen können und auch einige verloren. Das gehört bei jedem Unternehmen dazu und ist ein normaler Vorgang, auch für einen Selbstständigen. Wie habe ich überzeugen können? Ich konnte Kunden zum Beispiel dadurch gewinnen, dass ich meine bisherigen Projekte kurz und prägnant vorstellte, auch inhaltlich und nicht nur mit dem Firmennamen. Dabei hob ich auch immer meine im Projekt eingesetzten Charaktermerkmale hervor. Die mir zurückgemeldete Fähigkeit, empathisch zu sein und sich in sein Gegenüber hineinversetzen zu können, ist meiner Meinung nach eine besondere Fähigkeit in der heutigen schnelllebigen Zeit. In einem Umfeld, in dem niemand mehr für den anderen Zeit hat, ist es eine besondere Eigenschaft, sich trotz Stress und Termindruck diese Zeit nehmen zu können. Zudem hat mich aktives Zuhören auch inhaltlich in vielen Projekten weitergebracht.

Als IT-Projektmanager habe ich mit vielen verschiedenen Personen im Unternehmen zu tun: mit Entwicklern, Geschäftsführern und Personalern. Dazu mit anderen Dienstleistern, Netzwerkpartnern und Zulieferern. Die charakterliche Komponente ist im Umgang mit den verschiedenen Gruppen ein entscheidendes Kriterium für viele Unternehmen, die nach IT-Projektmanagern suchen. Gerade wenn man als Ein-Mann-Unternehmen im Technologiesektor unterwegs ist, zählt nicht nur, wie gut man eine Programmiersprache, ein Tool oder eine Software beherrscht, sondern es zählen vor allem die Social Skills.

Bei früheren Bewerbungsgesprächen habe ich mir immer überlegt: Wie könnte ich mich anziehen und verhalten, wie könnte ich reden, so dass ich gut zum Unternehmen passe? Heute erzähle ich, wie ich bin, und wenn das mit der Unternehmenskultur zusammenpasst, weiß ich, dass die Zusammenarbeit gut sein wird. Mir ist es beispielsweise sehr wichtig zu wissen, wie Entwickler arbeiten, auch wenn ich selbst keine Programmiersprache beherrsche. Dadurch, dass man versteht, wie kompliziert (oder einfach) manche Probleme in der Softwareentwicklung umgesetzt werden können, kann man als Projektmanager auch besser Budgets planen und Timings besprechen. Ich weiß, was ich von Entwicklern erwarten kann, und versuche auch klarzustellen, was sie von einem IT-Projektmanager erwarten können. Zum Beispiel eine strukturierte Vorgehensweise und eine gute Vorbereitung.

Meine Erkenntnisse aus einem Jahr als Vollzeit-IT-Freelancer

Die Zahl der Freiberufler steigt weiter an. Vor allem in technischen Berufen und in der Softwareentwicklung werden immer mehr freie Mitarbeiter gesucht und vor allem dringend benötigt. Es ist meiner Meinung nach eine gute Zeit, um die Selbstständigkeit zu wählen.

Aus meiner Sicht sollte dieser Schritt jedoch keinesfalls allein aufgrund von Unzufriedenheit im festen Beruf oder vorschnell getan werden. Es ist wichtig, genau zu überlegen und behutsam voranzugehen. Mit einem Einstieg über leicht zu erledigende Nebenjobs kann man sich eine kleine eigene Existenz aufbauen, die man später leichter in einen Vollzeitjob überführen kann. Die Gesetze, Steuern, Abgaben und der bürokratische Aufwand sollten nicht unterschätzt werden, sind aber mit ein bisschen Überwindung einfach zu verstehen. Wenn die ersten Aufträge gut laufen, würde ich ohnehin jedem IT-Freiberufler zu einem Steuerberater raten.

In meiner Zeit vor meiner Selbstständigkeit habe ich, wie anfangs beschrieben, viele Ratgeber gelesen und mir immer wieder die "Zehn besten" oder die "Zwanzig schlauesten" Tipps durchgelesen. Zwar sind die wichtigsten Dinge letztlich immer sehr individuell, trotzdem möchte auch ich gerne meine entscheidenden Erkenntnisse weitergeben.

Offen über Geld sprechen.
Arbeit muss bezahlt werden und soll sich möglichst für alle Parteien lohnen. Das ist okay, niemand nimmt eine solche Sichtweise übel. Nur für das gute Gefühl sollte man also nicht arbeiten, sondern seinen Wert und Preis kennen und offen kommunizieren. Weniger zu verdienen und dafür frei zu sein, ist ein guter Deal. Schlecht zu verdienen und dafür frei zu sein, ist ein schlechter Deal. Als ich bei einem Nebenjob als freier Mitarbeiter festgestellt habe, dass mein Stundenlohn aufgrund der Arbeit unter 10 Euro liegt, habe ich mich dazu entschieden, diese Tätigkeit aufzugeben. Ich habe mir eine monetäre Grenze gesetzt und diese auch eingehalten, auch auf die Gefahr hin, dass das arrogant wirkt.

Immer daran denken, was einem wirklich gefällt.
Es gab auch Aufträge, die ich abgelehnt habe, weil ich das Gefühl hatte, dass ich diese Arbeit nicht mit voller Überzeugung hätte durchführen können. Das klingt nach Luxus, ist aber für einen Freiberufler von entscheidender Bedeutung. Ich habe beispielsweise einen Job bei einem Versicherungsunternehmen nicht angenommen, weil dort meiner Meinung nach kein IT-Projektmanager, sondern ein günstigerer Content-Spezialist gesucht wurde. Ich hätte Datenbanken befüllen sollen, was mir in der Beschreibung der Tätigkeit überhaupt nicht zusagte. Es war nicht so, dass ich diese Aufgabe nicht gekonnt hätte. Aber mache ich etwas gerne, wirkt es für den Auftraggeber gleich angenehmer, mit mir zu arbeiten. Ein schlechtes Gefühl kann dazu führen, den Kunden zu verlieren, obwohl man die Arbeit sogar pflichtbewusst durchgeführt hat.

Unternehmerisch denken.
Mir hat es geholfen, eine eigene Schnellformel anzulegen, mit der ich meine Einnahmen direkt gegen meine Ausgaben gegenrechnen kann und dadurch sehe, was netto übrig bleibt. Dazu habe ich mir ein eigenes Excel-Dokument angelegt, in welchem ich meine Einnahmen und Ausgaben aufführe und sogar schon erfasse, welche Ausgaben ich später steuerlich geltend machen kann. Zum Beispiel wollte mir ein Auftraggeber zwar viel bezahlen, mich aber immer vor Ort haben. Durch Pendeln, Hotels, Benzin und Zugfahrten hätte sich dieser Auftrag nicht gelohnt - auch wenn er zunächst lukrativ klang. Es hilft also, wenn man den Verbrauch seines Autos, die Benzin- und Bahnpreise kennt und auch ungefähr weiß, was ein Hotel in der Stadt kostet.

Unabhängig bleiben.
Ich mache meinen Auftraggebern stets deutlich, dass ich ein freier Angestellter bin. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht mit dem Unternehmen identifizieren will, sondern dass ich immer mein eigener Chef bin. Mir persönlich ist das zwar noch nicht passiert, aber ich weiß, dass manche Unternehmen Sorge davor haben, mit IT-Freelancern zusammenzuarbeiten, da sie rechtliche Konsequenzen fürchten. Ich wurde auch schon gefragt, ob ich bei dem Unternehmen, für das ich tätig war, nicht als festangestellter Mitarbeiter arbeiten wolle - sozusagen mit einem Zeitvertrag. Das Angebot sagte mir aber nicht zu. Es war schwierig, dem Kunden eine Absage zu erteilen. Dabei ging es mir nicht um gut oder schlecht, sondern um frei und fest. Es wird Situationen geben, in denen man betonen muss, dass man unabhängig arbeitet und das auch gerne weiterhin so machen möchte.

Mit der Grundeinstellung, dass es immer noch mehr zu lernen gibt, und mit dem Mut, auch unbequeme Wege zu gehen, kann man als Freiberufler durchaus Erfolg haben. Aber auch das Gegenteil ist eine Entscheidung und daher gut und wünschenswert. Ich würde die Freiberuflichkeit nicht als das Heilmittel aller Probleme bezeichnen. Wenn man gerne als Festangestellter arbeitet und seinen Beruf gut und erfüllend findet, sollte man das nicht aufgrund von Trends oder Zwang ändern.  (mae)


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