Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-ueberflieger-mit-tiefe-und-abenteuer-im-low-poly-land-1812-138263.html    Veröffentlicht: 17.12.2018 09:24    Kurz-URL: https://glm.io/138263

Indiegames-Rundschau

Überflieger mit Tiefe und Abenteuer im Low-Poly-Land

Below und Ashen locken mit toller Atmosphäre, Insurgency Sandstorm sorgt für Multiplayer-Spannung und Gris betört mit besonderer Schönheit: Kurz vor Jahresende 2018 sind mehrere wunderbare Indiegames fertig geworden!

Da geht noch was: Wer dachte, dass im letzten Monat des Jahres 2018 alle Feuerwerke bereits abgebrannt wären, hat die Rechnung ohne die Entwickler von Indiegames gemacht. Mit der Strategie- Rollenspielmischung Mutant Year Zero (Test auf Golem.de), Hades sowie den seit Jahren heiß erwarteten Titeln Ashen und Below wurden ziemlich überraschend noch wahre Perlen veröffentlicht.

Aber auch sonst ist die Auswahl vor dem Jahreswechsel erstaunlich hochkarätig und abwechslungsreich ausgefallen - wer abseits fast aller Konventionen unterwegs sein möchte, dem empfehlen wir etwa das ebenso interaktive wie gelungene Kunstwerk Gris. Wer sich hingegen für militärische Action mit hohem Simulationsanteil interessiert, sollte einen Blick auf Insurgency Sandstorm werfen. In jedem Fall wünschen wir allen Lesern möglichst viel Spaß mit den Indiegames des Monats Dezember 2018!

Below

Endlose fünf lange Jahre musste die Welt auf den Release des wohl stylischsten Rogue-likes aller bisherigen Zeiten warten. Jetzt ist das "prozedural generierte Terrarium voller Leben, Geheimnisse und Tod" des kanadischen Entwicklerstudios Capybara doch noch erschienen. Ein namenloser Fantasyabenteurer erforscht eine riesige Unterwelt voller Schätze, Monster und Geheimnisse. Below ist zuallererst eine Augenweide: Die minimalistische, aber dennoch liebevoll detaillierte Unterwelt ist atmosphärischer, als es ihre Kleinheit vermuten ließe. Streiten kann man sich hingegen über das Tempo, das hier nicht vorgelegt wird: Schon die fünf Minuten lange wortlose Eingangssequenz belegt, dass Geduld gefragt sein wird.

An Below scheiden sich garantiert die Geister: Für die einen ist es eine fast meditative, beinahe archaisch pure Spielerfahrung mit toller Atmosphäre. Sie erinnert dank Permadeath und Zufallsgenerierung an den Zauber klassischer Games und weckt Entdeckergeist. Für die anderen, etwas weniger Geduldigen, ist es ein zu langsames, vielleicht sogar langweiliges Spiel mit Wiederholungen, das von seiner Grafik und dem unbestritten tollen Soundtrack nicht gerettet wird. Schade für die Ungeduldigen - denn mit der nötigen Ausdauer bietet Below eine der fesselndsten Spielerfahrungen des Jahres und einen ganz eigenen Zauber. Nicht für jeden, zugegeben. Aber wer den Zugang findet, erlebt hier ein wahres Abenteuer.

Erhältlich für Windows-PC und Xbox One; rund 20 Euro.

Ashen: Dark Souls in Low Poly

Jahrelang in Entwicklung und jetzt parallel zur Eröffnung des Epic Games Store plötzlich da: Das Action-Rollenspiel Ashen macht im betörend atmosphärischen Low-Poly-Look eine ausnehmend gute Figur. Spielerisch macht das Game keinen Hehl aus seiner primären Inspiration, und doch ist es mehr als ein hübscher Epigone von Dark Souls & Co. Wohl stammen die meisten zentralen Elemente - etwa der methodisch-taktische Kampf und das Speichersystem - vom großen Vorbild. Doch nicht nur durch seine einzigartige Ästhetik behauptet Ashen seine Eigenständigkeit.

Die größten Unterschiede betreffen den im Spielverlauf kontinuierlich erfolgenden Ausbau der eigenen Siedlung, die sich mit nützlichen NPCs bevölkert, sowie ein originelles Koop-System, in dem sich menschliche Mitspieler fast unbemerkt in Gestalt dieser Nichtspielercharaktere unserem Abenteurer anschließen. Dank der absichtlich fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten erinnert das ein wenig an Journey und macht Ashen nebenbei ein wenig einfacher als das notorisch unbarmherzige Dark Souls. Ashen ist schon deshalb ein perfekter Einstieg in die wachsende Nische dieser Art von Rollenspiel.

Erhältlich für Windows-PC und Xbox One; rund 40 Euro.

Hades und Insurgency Sandstorm

Hades: Endloser Kampf in der Unterwelt

Auch Supergiant Games hat sich zum Start des Epic Games Store als Überraschungsgast eingestellt und bietet mit der Early-Access-Version seines Action-Rogue-likes Hades einen Titel, der zwar wie auf Hochglanz poliert aussieht - aber dennoch nicht ganz fertig ist. Als Sohn des griechischen Totengottes Hades kämpft man sich actionreich durch eine prozedural generierte Unterwelt, tötet unzählige mythische Monster, sammelt Erfahrungspunkte und Waffen-Unlocks und feilt am jedes Mal ein wenig anders ausfallenden perfekten Build, um die Odyssee möglichst lange zu überstehen.

Mit seinen früheren Spielen Bastion, Transistor und Pyre hat Supergiant Games die Messlatte in Bezug auf außergewöhnliche Produktionsqualität hoch gelegt. Auch Hades weiß in Sachen Präsentation zu überzeugen: Die stimmige Cartoongrafik ist detail- und abwechslungsreich, der Sound und vor allem die Sprachvertonung sind wie immer bei diesem Studio makellos. Auch das Setting und die für Atmosphäre sorgenden Nebencharaktere geben dem rasanten Titel eine Extraportion Charakter. Dank Rogue-like-Struktur ist für fast endlose Wiederspielbarkeit gesorgt.

Erhältlich für Windows-PC; rund 20 Euro.

Insurgency Sandstorm: Taktischer Geheimtipp

Battlefield, Call of Duty, Pubg, Fortnite, Counter-Stike und Overwatch: An Multiplayer-Shootern herrscht kein Mangel. Trotzdem konnte sich das aus einer Source-Mod entstandene und 2014 veröffentlichte Insurgency Modern Infantry Combat eine kleine, aber begeisterte Community erkämpfen, die den Realismus des taktischen Military-Shooters der Konkurrenz vorzieht. Mit Insurgency Sandstorm zeigt eine runderneuerte Neuauflage des teambasierten Multiplayerspiels, dass es auch ohne Battle-Royale-Modus und ähnlichen modernen Schnickschnack geht.

Freunde des Vorgängers finden sich sofort zurecht und freuen sich über die verbesserte Grafik, die zwar nicht an Blockbuster wie Battlefield heranreicht, aber die nahöstlichen urbanen Schauplätze ebenso hübsch wie grimmig auf die Bildschirme bringt. Der Hauptreiz von Insurgency liegt aber nach wie vor in seinem taktischen Gameplay, das Teamwork unverzichtbar und die verschiedenen Multiplayermodi ebenso spannend wie herausfordernd macht.

Die elektrisierende Atmosphäre wird vom außergewöhnlich gelungenem Sounddesign perfekt unterstützt. Sandstorm ist eine tolle Alternative für alle, die Lust auf kompromisslose Multiplayergefechte mit realistischem Gunplay und taktischem Anspruch haben.

Erhältlich für Windows-PC; rund 30 Euro. Playstation 4 und Xbox One in Vorbereitung.

Gris, The Blackout Club, Battle Princess Madelyn und Battle Brothers

Gris: Surreales Kunstwerk

Manche Games möchte man am liebsten großformatig an die Wand hängen, so schön sind sie. Im Falle von Gris entginge einem dann allerdings so einiges: Das spielerisch minimalistische, spektakulär schöne Spiel begeistert nämlich nicht nur mit außergewöhnlicher Grafik, deren Stil an Art Déco, Pop-Art und Comic-Künstler wie Jean "Moebius" Giraud erinnert; es unterlegt seine traumhaft-surreale Handlung auch mit einem Soundtrack, der perfekt mit dem Spiel harmoniert. Gris ist eher ein künstlerisches Erlebnis denn klassisches Spiel - Journey lässt grüßen.

Die ohne Worte und eigentlich nur in Symbolen erzählte Handlung mag weniger tiefsinnig und originell sein, als es sich seine katalonischen Schöpfer eingestehen wollen. Doch als interaktiver Spaziergang durch eine Fantasiewelt, die immer wieder durch großen Abwechslungsreichtum begeistert, ist Gris ein Spiel, das manchmal hauchdicht am Kitsch entlangschrammt. Es enthält nur wenige, spielerisch kaum fordernde Gameplay-Elemente. Ein etwa fünf Stunden langes, interaktives Kunstwerk.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS, Linux und Nintendo Switch; rund 17 Euro.

Und sonst?

Originelle Multiplayer-Ideen sind rar, The Blackout Club (Windows-PC; rund 17 Euro) hat gleich mehrere davon: Als Gruppe von vier Teenagern ist man in diesem First-Person-Abenteuer, das an Teenie-Mystery und Stranger Things erinnert, nachts in einer Kleinstadt unter unheilvollen Schlafwandlern und Verschwörern mit verschiedenen Koop-Aufgaben beschäftigt.

Verfolgt wird man dabei von einem Monster, das man nur mit geschlossenen Augen sieht. Die originelle Mischung wird von früheren Bioshock- und Dishonored-Machern im Early Access entwickelt. Bereits jetzt ist das Horror-Koop-Abenteuer eine außergewöhnliche Erfahrung.

Das hübsche Retro-Abenteuer Battle Princess Madelyn (Windows-PC, Playstation 4, Xbox One und Nintendo Switch; ab 17 Euro) wandert hingegen auf vertrauten Pfaden: Als Liebesbrief an den großen Klassiker Ghosts 'n' Goblins sowie klassische Metroidvanias erfreut es alte und junge Plattformfans.

Weil der Entwickler seiner Tochter Madelyn eine Freude machen wollte, verwirklichte er ihr den Traum, im eigenen Spiel als Battle Princess auf Monsterjagd zu gehen. Auch der verstorbene Familienhund bekommt seinen Auftritt sowie von der Fünfjährigen höchstpersönlich inspirierte Bossgegner. Schön, dass das Spiel ebenso herzerwärmend geraten ist wie seine Entstehungsgeschichte.

Eine nennenswerte Erweiterung zum Schluss: Die wunderbare Fantasy-Söldner-Sandbox Battle Brothers des Hamburger Studios Overhype bekommt mit Beasts & Explorations (Windows-PC; rund 10 Euro) hochqualitativen Nachschub. Wer die teuflisch süchtig machende Mischung aus Mount & Blade, Xcom und Heroes of Might & Magic bislang verpasst hat: Die finstersten Nächte des Jahres werden dadurch gefährlich kurz.  (rs)


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