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Azio Retro Classic im Test

Außergewöhnlicher Tastatur-Koloss aus Kupfer und Leder

Wer jemals auf einer alten Schreibmaschine getippt hat, weiß wohl, wie anstrengend das ist. Glücklicherweise hat Azio seiner Retro-Classic-Tastatur zwar ein Design mit Metall und Leder verpasst, bei den Switches aber auf moderne Technik gesetzt - weshalb das Keyboard toll für Vieltipper ist.

Der Zubehörhersteller Azio hat mit der Retro Classic eine Tastatur im Portfolio, die auf den ersten Blick aus einer anderen Zeit zu stammen scheint: Die Tastaturkappen sind rund und haben wie bei einer alten Schreibmaschine metallisch wirkende Rahmen, die allerdings aus Kunststoff sind. Das Tastaturgehäuse selbst ist wahlweise aus Holz oder mit Leder überzogen, um den Rand verläuft ein breiter Metallrahmen.

Insgesamt erinnert die Azio Retro Classic an eine alte Schreibmaschine - und das soll sie auch. Azio will mit dem Gerät das Gefühl erwecken, auf einer klassischen Maschine zu tippen. Dafür hat der Hersteller zusammen mit dem chinesischen Switch-Produzenten Kaihua einen Schalter entwickelt, der einen merklichen taktilen Klick hat. Wirkliches Schreibmaschinen-Feeling kommt dadurch zwar nicht auf, aber das ist auch ganz gut so: Ansonsten wäre die Tastatur sicherlich nicht so gut für Vieltipper geeignet.

Beim Auspacken merken wir schnell: Die Azio Retro Classic ist ein Blickfang. Unser Testmodell ist mit schwarzem Leder bezogen, der Rahmen ist aus echtem Kupfer. Diese Mischung aus rot glänzendem Metall und schwarzer Lederoberfläche sieht sehr edel aus und fühlt sich gut an. Der Lederüberzug befindet sich ausschließlich auf der Oberseite. Die Retro Classic ist auch mit Holzoberseite und komplett in Schwarz oder Weiß mit Kupfer erhältlich.

Dank des Metallrahmens, der komplett um den Rand des Gehäuses verläuft, ist die Retro Classic sehr stabil: Wir schaffen es beim besten Willen und auch mit großem Kraftaufwand nicht, das Kunststoffgehäuse der Tastatur zu biegen. Die Konstruktion hat allerdings auch ein ordentliches Gewicht: Samt Kabel wiegt die Tastatur über 1.600 Gramm.

Die Tasten sind allesamt rund, leicht konkav und mit einem Kunststoffrand in Kupfer-Optik versehen. Damit erinnern die Tasten tatsächlich an eine alte Schreibmaschine. Die Retro Classic ruht auf vier großen Standfüßen, die oberen beiden lassen sich mit einem Drehmechanismus ausfahren. Dadurch kann der Aufstellwinkel der Tastatur vergrößert werden. Die Verarbeitung der Retro Classic ist sehr hochwertig: Bei unserem Testmodell klappert nichts, die Tastatur ist sehr stabil.

Beim ersten Ausprobieren merken wir gleich, dass wir uns an die runden Tasten gewöhnen müssen. Das hat ausschließlich mit deren Form zu tun und nicht mit den Switches, zu denen wir später noch kommen. Die Ränder der runden Tasten stehen etwas näher zueinander als es bei herkömmlichen Tastaturen der Fall ist. Dadurch passierte es uns besonders zu Beginn häufiger, dass wir aus Versehen eine benachbarte Taste mit ausgelöst haben. Nach einiger Zeit wurden die Fehler aber weniger. Wer generell sauber tippt, wird weniger Probleme mit der Tastatur haben.

Auch die größeren Tasten wie die Leertaste, Shift oder Enter sind rund und gut stabilisiert. Etwas ungewöhnlich finden wir, dass Azio sich zwar für ein deutsches QWERTZ-Layout entschieden hat, aber die in den USA und Großbritannien übliche ANSI-Tastenanordnung verwendet. Bei dieser gibt es eine einzeilige Enter-Taste, direkt darüber befindet sich die Raute-Taste. Wer wie der Autor dieses Textes häufig auf US-Tastaturen mit deutscher Spracheinstellung blind tippt, findet das unproblematisch - eine Reihe von Kollegen haben aber häufig anstelle von Enter die Raute-Taste gedrückt.

Glücklicherweise kein Tippgefühl wie bei einer Schreibmaschine

Azio zufolge will der Hersteller nicht nur das Aussehen einer klassischen Tastatur imitieren, sondern auch das Tippgefühl. Dafür wurde zusammen mit dem chinesischen Unternehmen Kaihua (Kailh) ein Switch entwickelt, der sowohl taktil ist als auch klickt und eine zentrierte Beleuchtung bietet. Das ist angesichts der runden Schalter wichtig: Wären die weißen LED-Lämpchen wie bei den meisten anderen Switches im oberen oder unteren Bereich des Schalters eingebaut, wäre die Beleuchtung nicht mehr gleichmäßig, da die Beschriftung der Tasten zentriert ist. Die Beleuchtung reicht konstruktionsbedingt nicht bis an den Rand der Tasten, was bei Tastaturkappen mit umfangreicherer Beleuchtung sichtbar ist.

Die Switches unterscheiden sich im direkten Vergleich merklich von Cherry-MX-Blue-Schaltern, die einen lauteren Klick, einen stärkeren taktilen Widerstand besonders beim Rücklauf und einen etwas längeren Gesamtlaufweg haben. Das Klicken empfinden wir bei der Retro Classic als angenehmer, der etwas kürzere Laufweg ist gewöhnungsbedürftig. Der Auslöseweg liegt laut Azio bei 1,6 mm, das Auslösegewicht bei 50 bis 60 Gramm. Die MX Blues haben mit 55 Gramm ein ähnliches Auslösegewicht, das Auslöseweg ist mit 2 mm aber etwas länger.

Im Alltag empfinden wir die Schalter der Azio Retro Classic als angenehm, vom etwas kurzen Hubweg abgesehen. Dieser zwingt uns dazu, weniger Kraft beim Tippen aufzuwenden, was eigentlich eine gute Sache ist - allerdings auch etwas Gewöhnung erfordert. Längere Texte tippen sich auf der Tastatur sehr entspannt, sobald man sich an die runden Tasten gewöhnt hat. Die weiße Tastaturbeleuchtung im Inneren der Switches scheint nicht unter den Tastaturkappen durch, was wir gut finden - das ist aber Geschmackssache.

Der Klick der Kailh-Schalter ist verglichen mit Cherry MX Blues zwar leiser, das führt aber nicht zwingenderweise dazu, dass die Tastatur beim Tippen insgesamt leise ist. Sie macht zum einen klickende Tippgeräusche, zum anderen gibt es ein hörbares metallisches "Ping". Dieses tritt bei vielen mechanischen Tastaturen auf, die über Switches mit eingebauten Metallfedern verfügen. Wer die Azio Retro Classic in einem Büro verwenden möchte, sollte geduldige und lärmresistente Kollegen haben. Bei vorsichtigem Anschlag ist die Tastatur aber immer noch leiser als viele andere Keyboards mit klickenden Schaltern.

Ein wirkliches Schreibmaschinen-Feeling erzeugen die Azio-Switches nicht. Wer einmal auf einer mechanischen Schreibmaschine getippt hat, wird dieses aber möglicherweise nicht vermissen: Die Kraft, die dort aufgewendet werden muss, ist ungleich höher als jene, die für eine moderne Tastatur notwendig ist. Tatsächlich dürfte das Schreiben auf einer nicht elektrischen Schreibmaschine für die meisten ungeübten Nutzer sehr anstrengend sein.

Verbindung per fest montiertem USB-Kabel

Die Retro Classic wird mit einem USB-Kabel verbunden. Vor kurzem hat Azio mit dem Retro Compact Keyboard (RCK) auch eine Bluetooth-Tastatur vorgestellt, die allerdings etwas kleiner als die Retro Classic ist.

Verfügbarkeit und Fazit

Die Azio Retro Classic ist unter anderem bei Conrad erhältlich. Sie kostet in allen Farbvarianten 230 Euro.

Fazit

Die Retro Classic von Azio ist ein echter Hingucker. Die runden Tasten, das Kupfer, das schwarze Leder - die Tastatur sieht einfach sehr edel aus. Mit dem Aussehen geht auch eine sehr gute Verarbeitungsqualität einher: Selten haben wir eine moderne Tastatur gesehen, die dermaßen solide und hochwertig verarbeitet ist.

Die runden Tasten sind jedoch anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Da sie recht nahe beieinanderstehen, kommt es zumindest bei uns erst einmal zu manchen Fehleingaben. Nach ein, zwei Tagen jedoch haben sich unsere Finger an die Abstände gewöhnt. Für manchen Kollegen ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist die kleine Enter-Taste.

Die zusammen mit Kaihua entwickelten Kailh-Switches haben einen angenehmen Klick und ein gutes taktiles Feedback. Der Gesamthubweg könnte für unseren Geschmack etwas länger sein, das ist aber Ansichtssache.

Die LEDs für die Beleuchtung sind zentral in den Switches verbaut - dadurch ist die Ausleuchtung gleichmäßig. Die Retro Classic ist insgesamt betrachtet eine sehr gute Tastatur für Vieltipper.

Die Verarbeitungsqualität und die Materialien haben allerdings ihren Preis: 230 Euro ist auch für eine mechanische Tastatur recht viel. Wer allerdings bereit ist, diesen Preis zu zahlen, erhält eine außergewöhnliche Tastatur, auf der man zudem noch gut tippen kann.  (tk)


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